Herr Leitl, Herr Gast, Sie betreiben an inzwischen drei Standorten Einrichtungen, an denen Sie unter anderem Vorbereitungen für die Meisterprüfung in der Hörakustik und der Augenoptik anbieten. Inwiefern treibt Sie das Thema berufliche Fortbildung an?
Die Idee kam, als wir uns parallel entschlossen hatten, aus der Konzernwelt und den damit verbundenen vielen Reisen herauszugehen. Wir suchten nach einem Feld, das unsere Kompetenzen abruft, damit wir all das, was wir über die Jahre erworben haben, sinnvoll und nutzenstiftend einbringen können. Und was uns in all den Jahren in unseren beruflichen Stationen immer begleitet hat, war die nicht ausreichende Verfügbarkeit von entsprechend qualifizierten Mitarbeiter:innen. Diesen Zustand wollen wir verbessern. Zudem fragten wir uns, welche Hürden es heute gibt, die junge Menschen daran hindern, eine berufliche Fortbildung anzugehen. Uns liegen aber auch die Kolleg:innen, die langjährig mit viel Passion ihrer täglichen Arbeit im Fachgeschäft nachgehen am Herzen. Hier möchten wir Angebote einer Fortbildung schaffen, die Ermüdungserscheinungen vorbeugt.
Was bedeutet das konkret?
Wichtig ist die verbesserte Vereinbarkeit von beruflicher Fortbildung mit den Anforderungen der Betriebe und den privaten Anforderungen der Kursteilnehmer:innen. Ein wichtiger Faktor ist die Nähe zu den Wohnorten und Arbeitsstätten. Zudem legen wir in allen Meisterkursen und Seminaren großen Wert auf direkten Praxisbezug – aus der Praxis für die Praxis. Für die erfahrenen Branchen-Kolleg:innen schaffen wir Fortbildungsangebote, um noch einmal anders und ganzheitlicher mit Kund:innen arbeiten zu können. Gut für die persönliche Fortbildung, aber auch für die Differenzierung zum Wettbewerb. Für die Gruppe der Branchen-Neulinge bieten wir praxisnahe Einstiegs- und Aufbaukurse, damit sie in den Fachgeschäften der Hörakustik und Augenoptik nachhaltig und wertschöpfend unterstützen können.
Inwiefern war es dabei für Sie wichtig, mit der BAK und dem ifb in bereits bestehende Strukturen zu investieren, anstatt etwas vollkommen Neues aufzubauen?
In der BAK und der ifb ist die Expertise von über 5.000 Meistertiteln kombiniert. Es ging uns darum, auf jeweils bewährten Strukturen aufzubauen und gemeinsam mit dem Team das Angebot qualifiziert zu erweitern, regional und im Leistungsportfolio. Für die bisherigen Gesellschafterinnen war es wichtig, dass die Bildungseinrichtungen, die sie über Jahrzehnte aufgebaut haben, nicht nur bestehen bleiben, sondern sich weiterentwickeln.
Die Stärke liegt im Zusammenbringen von Erfahrungen und Fachwissen. Wir beide ergänzen uns untereinander optimal sowie mit den Kolleginnen Annette Krohmer und Tanja Krauß von der BAK und mit Alexa Kaltenborn vom ifb. Sie haben langjährige Expertise in der fachlichen und unternehmerischen Schulleitung sowie in der Praxis. Sie wollten alle drei ihre unternehmerischen und pädagogischen Stärken einbringen und somit die Zukunft der Bildungsstätten innerhalb der Meisterwerk Gesundheit vorantreiben.
Wie schätzen Sie das Potenzial bzw. die Situation der beruflichen Fort- und Weiterbildung denn generell ein? An Angeboten scheint es doch nicht zu mangeln, oder?
Eines vorab: unser Fokus liegt nicht auf der Berufsausbildung. Uns geht es um die berufliche Fortbildung sowie die persönliche und fachliche Weiterentwicklung. Aber schon um sich im eigenen Fachgebiet up-to-date zu halten, steigt der Fortbildungs-Bedarf, da das Berufsumfeld komplexer wird. Zudem ergeben sich neue Schulungsbereiche, die das bisherige Berufsbild ergänzen. Diese sind auch sehr gut geeignet, um Mitarbeiter:innen im Beruf und im Unternehmen zu halten.
Neben dieser Grundidee, mit dem Angebot näher an den Arbeitsstätten und Wohnorten zu sein: Was macht Ihr Angebot außerdem attraktiv?
Wir bieten verschiedene Teilzeitmodelle für die berufsbegleitende Meisterausbildung. Zudem verzichten wir weitestgehend auf den Sonntag als Schulungstag, so dass es einen Tag für Familie und Freizeit gibt. Dazu kommt ein gesunder Mix aus Präsenz-, Hybrid- und Online-Veranstaltungen. Unser Hybrid-Konzept ermöglicht höchste Flexibilität. Die Teilnehmer können entscheiden, ob sie in Präsenz oder Online teilnehmen. Durch einen zweiten Dozenten stellen wir bei den Hybrid-Veranstaltungen sicher, dass auch die Online-Teilnehmer optimal mit eingebunden sind und ein Live-Gefühl bekommen. Die elementaren Dinge aus der Praxis wiederum, die anders nicht vermittelbar wären, bieten wir als Präsenzveranstaltungen an.
Aber auch bei bestimmten Theorie-Inhalten setzen wir auf Präsenzveranstaltungen, um optimale Wissensvermittlung sicherzustellen. Was uns außerdem auszeichnet ist unsere unternehmerische Unabhängigkeit. Wir sind die einzigen beiden Gesellschafter und somit im besten Sinne inhabergeführt, genauso wie die meisten unserer Kund:innen. Wir haben uns an den Schulen strikter Neutralität verschrieben, beispielsweise ist ein fest gesetzter Eckpfeiler, dass wir uns in keinster Weise in der Personalvermittlung betätigen.
Gehen Sie mit den Kursangeboten auch auf den Stand der Teilnehmenden ein? Oder versammeln Sie alle in einem Kurs?
Das machen wir ganz bewusst separat, um die unterschiedlichen Startpunkte zu berücksichtigen. Der weiterhin häufigste Weg ist die Meistervorbereitung in dem Gewerk, in dem man die Ausbildung absolviert hat. Für diese Zielgruppe bieten wir seit 1987 die Meistervorbereitung in der Augenoptik und seit 2002 für die Hörakustik. Aber wir bieten seit vielen Jahren auch die Zusatz-Meisterqualifikation an, dies in speziellen Kursen. Bei uns können sich Hörakustik-Meister:innen auf den Meistertitel Augenoptik vorbereiten oder Augenoptik-Meister:innen auf den Meistertitel Hörakustik. Durch die Trennung von klassischer Meisterausbildung und Kursen für die Zusatz-Meistertitel können wir beide Gruppen optimal auf die wichtige und verantwortliche Rolle als Meister:in vorbereiten.
Bewegen sich Ihre Angebote preislich in den bekannten Rahmen oder liegen Sie hier über dem Durchschnitt?
Bei den Kursgebühren liegen wir klar im vergleichbaren Bereich. Dadurch, dass wir, wie gesagt, für viele „nah dran“ sind, reduzieren sich aber die immer wichtigeren „geldwerten“ Faktoren wie Anreisezeit und Abwesenheiten. Gerade in Duisburg sind etwa 80 Prozent der Teilnehmenden Tagespendler, für die dann auch keine Hotelkosten anfallen. Also tagsüber Meisterfortbildung und abends im eigenen Bett. Die meisten Teilnehmer:innen kommen übrigens durch Weiterempfehlung zu uns. Zunehmend viele Teilnehmer:innen kommen nun schon in zweiter Generation, da haben deren Eltern bereits entweder die BAK oder das ifb besucht. Das sehen wir als großen Vertrauensbeweis.

Aus der Perspektive der Hörakustiker:innen: Welche Vorteile ergeben sich daraus, dass Sie auch Fortbildungsangebote für die Augenoptik anbieten sowie Angebote in weiteren Disziplinen bereithalten?
Wir bieten für Kunden einen starken und gut abgestimmten Service aus einer Hand. Es gibt die starke Tendenz hin zu Mischbetrieben aus Augenoptik und Hörakustik, und zwar in beide Richtungen. Über die Zusatz-Meisterkurse hatte Robert Leitl ja schon gesprochen. Aufgrund unserer Expertise bieten wir nun auch die Vorbereitung auf den Doppelmeister an, also ein spezielles Programm für Gesell:innen, sich mit uns auf beide Meistertitel vorzubereiten. Ein sportliches Programm, aber natürlich besonders attraktiv für die Teilnehmer:innen sowie die Arbeitgeber:innen, die Synergien der beiden Fachbereiche für die Fachgeschäftsarbeit zu nutzen.
Das Thema Zusatzmeister wird von einigen durchaus kritisch gesehen. Wie wollen Sie sicherstellen, dass zum Beispiel ein Augenoptikmeister, der sich bei Ihnen auf die Meisterprüfung in der Hörakustik vorbereitet, am Ende auch ein guter Hörakustikmeister wird?
Die Zusatzmeister:innen müssen die Meisterprüfung, deren Inhalt durch die Meisterprüfungsverordnung vorgegeben ist, genauso bestehen wie alle anderen auch. Interessanterweise sehen wir bei denen, die aus der Augenoptik kommen, oftmals ein sehr hohes Engagement und sehr starken Fokus. Diese Anwärter:innen wollen das unbedingt und arbeiten sich in diesen zweiten Beruf hinein, immer mit dem Anspruch, Kunden zufriedenzustellen. Häufig sind dies selbst die Inhaber:innen von Optikbetrieben, die die Kundenzufriedenheit gefährden würden, wenn sie ihre Kund:innen nicht optimal betreuen könnten. Wir haben als Team ein ganz klares Bekenntnis zum Handwerk, zur Meisterpflicht und auch zur Meisterausbildung.
Des Weiteren bieten Sie Fortbildungen zum Hörtherapeuten sowie zum Digital Hearing Specialist an. Was hat es damit auf sich?
Für die Hörtherapie haben wir eine fachlich sehr fundierte Kollegin an Bord: Sandra Kappner. Sie ist bereits seit vielen Jahren für die BAK aktiv und dazu Mitarbeiterin im Hörtherapie-Zentrum von Annette Krohmer, wo sie als Hörtherapeutin tätig ist. Sie hat von Grund auf ein Therapiekonzept erarbeitet: Clever Fox. Dieses schulen wir nun in sechs Modulen, das später auch über eine App in seinem Betrieb genutzt werden kann. Durch die sechs Module werden die Teilnehmer:innen befähigt und motiviert, die Themen Hörentwöhnung und Hörgewöhnung aus therapeutischer Sicht zu begleiten und so weitere Erfolge im Fachgeschäft zu erzielen. Das Angebot setzt allerdings fundierte Arbeit im Fachgeschäft voraus.
Und was macht ein Digital Hearing Specialist?
Da sind wir noch im Aufbau. Aber grundsätzlich geht es hier darum, Unternehmer:innen mit diesem Angebot eine Möglichkeit zu geben, aus dem Trend zur Digitalisierung eine vernünftige Wertschöpfung im Fachgeschäft zu generieren. Allerdings braucht es dafür jemanden, der sich darum kümmert – und den wollen wir fortbilden, um die Kombination aus stationärem Fachhandel und digitalen Angeboten im Sinne des Endkunden gestalten zu können.
Nun wird es aber nicht allein dabei bleiben. Sie haben auch die Gründung des netzWERK Gesundheitsberufe bekanntgegeben. Was kommt da auf die Branche zu?
Eine einmalige Netzwerk-Kombination aus Einkauf, Fortbildung und Marketing. Für dieses Thema arbeiten wir beide gemeinsam im Team mit Alexander Koose und Annette Krohmer. Wir bringen ein Netzwerk von Kolleg:innen zusammen, die berufliche Weiterentwicklung und Netzwerken aktiv leben und das Bedürfnis haben, sich darüber auszutauschen. Mit dem Einkaufsvolumen sammeln die Mitgliederbetriebe Bonuspunkte, die sie für Meisterkurse und Fachseminare für ihre Mitarbeiter:innen einsetzen können sowie für individuelles Marketing- und Zusatzleistungen.
Um hier ergänzend noch einmal das Therapie-Thema aufzugreifen: über unser netzWERK Gesundheitsberufe stellen wir auch das Therapie-Thema interdisziplinär auf. Die Mitglieder bekommen Zugang zu einer inhaltlichen Erweiterung ihres Berufs, worin wir eine wichtige Komponente sehen, um Kunden optimal versorgen zu können. Hier werden wir in Kürze weitere Details kommunizieren können. Gleichzeitig ist dies auch eine Differenzierung gegenüber den reinen Online-Verkaufsmodellen, bei denen der lokale Akustiker schnell außen vor sein kann. Um sich dafür sauber aufstellen zu können, braucht es allerdings eine aktive und innovative Weiterentwicklung. Dafür sind wir der richtige Partner.
Da Sie von einem Netzwerk sprechen: eine klassische Einkaufsgemeinschaft ist das netzWERK Gesundheitsberufe demnach nicht?
Attraktive Einkaufsbedingungen sind sehr wichtig. Wir möchten uns aber deutlich abheben. Wir bringen eine breite Schulungskompetenz und Branchen-Expertise in Hörakustik und Augenoptik in das netzWERK ein und möchten gemeinschaftlich mit den Mitglieder-Teams Fähigkeiten und Expertise weiterentwickeln, ganz im Sinne einer Schwarmintelligenz und von „Gemeinsam besser“. Das bringen wir mit dem netzWERK Gesundheitsberufe in eine strukturierte, professionelle Form.
Meine Herren, wir danken Ihnen für das Gespräch.


