DIGITALES MAGAZIN
002 | September 2021
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Helme schützen wenig vor Hörschäden

Der Bundesrat will Lärm durch Motorradfahrer begrenzen

VERKEHRSLÄRM.  Mit mehreren Sternfahrten haben Ende Juni in ganz Deutschland tausende Motorradfahrer gegen Pläne des Bundesrates demonstriert, die darauf abzielen, den Lärmpegel von Motorrädern auf 80 Dezibel zu beschränken und Kommunen Fahrverbote an Sonn- und Feiertagen zu ermöglichen. Auch Strafen für technische Manipulation, die das Motorrad lauter machen, sind vorgesehen. Um dem Nachdruck zu verleihen, hatten Anwohner in Osnabrück vor der Kreisverwaltung einen Rasenmäher mit 2-Takt-Motor aufgestellt und so lange laufen lassen, bis die genervte Landrätin aus ihrem Büro kam und sich den Bürgern zum Gespräch stellte. Sie forderten Lärmgrenzen und Polizeikontrollen für Motorräder. Etliche Vereine und Bürgerinitiativen gegen den Motorradlärm gibt es in Deutschland bereits, die von den Behörden Maßnahmen nach dem Tiroler Modell fordern, demzufolge Maschinen, die mehr als 95 Dezibel Lärmpegel produzieren, für bestimmte Straßen gesperrt werden. 

Lärmreduzierende Maßnahmen gegen Motorräder sind auch für die Fahrer selbst dringend notwendig, wie die Audiologin Joy Colle vom US National Institute for Occupational Safety and Health erklärte. Schon wer sein Gehör 15 Minuten lang einem Lärmpegel von 100 Dezibel aussetze, habe sein Gehör geschädigt. Das sei bei Motorrädern fast ein normaler Pegel, wie eine Forschergruppe der Universität Florida herausfand. Sie hatte 33 verschiedene Fabrikate und Typen auf ihre maximalen Lärmpegel getestet. Sie lagen alle über 100 Dezibel. Bei einer Geschwindigkeit von 100 Km/h würden die Ohren der Fahrer schon weitaus höher belastet als mit 100 Dezibel, nämlich mit bis zu 116 Dezibel. Bei offenen Helmen sei überdies ein Problem, dass die Windgeräusche noch verstärkend hinzu kämen, betonte Joy Colle. Bei nur 60 Km/h könne die Lärmbelastung für die Ohren der Fahrer 75 bis 90 Dezibel betragen. Sie forderte deshalb den Gebrauch von Gehörschutz. Der Helm alleine Dämpfe Lärm und Windgeräusche nur zwischen 3 bis 6 Dezibel, ein Gehörschutz aber bis zu 35 Dezibel.

Auf den Demonstrationen sahen die Motorradfahrer jedoch nicht die lärmgeplagten Anwohner als Opfer, sondern sich selbst. Sie beklagten einen ungerechten »Generalverdacht«, dem sie ausgesetzt seien. Es gebe auch viele verantwortungsbewusste Motorradfahrer. Wie viele das sind, kann niemand sagen. Die Gesamtheit ist jedenfalls beachtlich und genau gezählt: Vier Millionen Motorräder gibt es in Deutschland, davon allein in Berlin 100.000. (Quellen:  Hear-it v. 15.6.2015, Saarbrücker Zeitung v.26.6.2021, Statista 2020)

Thorsten Heimann