DIGITALES MAGAZIN
002 | September 2021
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MIT »RESOUND HIGH POWER» ZU 15 MILLIONEN KLICKS

Von: Martin Schaarschmidt (ReSound)

Mirko Dölle ist hochgradig schwerhörig, Musik könnte er ohne seine ReSound High-Power-Hörgeräte so gut wie gar nicht hören. Doch seiner Leidenschaft für Musik tut das keinen Abbruch. Er ist Fan des norwegischen DJs Alan Walker. Und neben seiner Arbeit als Technik-Journalist in einer bekannten Computer-Zeitschrift produziert er eigene Alan-Walker-Remixes und veröffentlicht diese auf YouTube als Musik-Videos. Mit beachtlichem Erfolg: Sein Kanal hat 125.000 Abonnenten aus aller Welt und der erfolgreichste Clip wurde über 12,5 Millionen Mal abgespielt. Wir trafen Mirko Dölle zum Interview.

Herr Dölle, wie gut können Sie eigentlich Musik hören?

Ich bin eigentlich ein CI-Kandidat; viel ist bei mir nicht mehr rauszuholen, schon gar nicht im Mittel- und Hochtonbereich. Ohne Hörgeräte klingt Musik für mich ungefähr so, als würde man bei einem Hifi-System mit Subwoofer alle anderen Lautsprecher abklemmen und nur noch den Subwoofer hören. Normalerweise kommt der etwa bis 500 Hertz. Ohne Hörgerät komme ich nicht viel höher. Mit meinen Ultra-Power Hörgeräten hingegen können die Mitten bis zu drei Kilohertz angehoben werden, so dass ich sie hören kann. Bis vier Kilohertz ist es noch so eine unspezifische Wahrnehmung. Um mal ein Beispiel zu nennen: Bei «Joyride» von Roxette wird ganz zum Schluss gepfiffen. Dass da ein Pfeifen ist, weiß ich erst, seit ich die ReSound ENZOs habe. Vorher habe ich mich nur gewundert, warum die Leute mitgepfiffen haben, wenn das Lied im Radio lief. Allerdings höre ich auch jetzt nur die unteren Töne vom Pfeifen. Auch viele andere Geräusche gibt es für mich nicht. Das Klingeln meines Schlüsselbunds zum Beispiel. Auch Vögel sind für mich stille Zeitgenossen; abgesehen von Krähen. Und dieses Geräusch, wenn ein Fingernagel über eine Schultafel kratzt, habe ich auch noch nie gehört.

Trotzdem sind Sie vor gut zwei Jahren auf die Idee gekommen, eigene Musik-Videos zu gestalten und auf YouTube hochzuladen?

Das ist sicherlich nichts, was man von jemandem mit meinem Hörverlust erwarten würde … Ich bin Hardcore-Fan von Alan Walker. Mitte 2018 habe ich ihn bei einer kleinen Feier im YouTube Space Berlin getroffen, und ich hab mir etwas von ihm gewünscht: Es ging um einen seiner Titel, «The Spectre». Das war einer der wenigen Titel von ihm, die ich überhaupt nicht mochte. Mich störte immer, dass das Lied gleich Knall und Fall einstieg. Mir gefiel die Version des Titels, die er damals als Erkennungsmelodie auf seinen Konzerten benutzte, viel besser: Bei der gab es ein Intro; der Titel baute sich langsam auf, bis es zum ersten Drop, also zum ersten Höhepunkt kommt. Ich hab Alan Walker gebeten, diese Version auf YouTube zu veröffentlichen. Doch das lehnte er entschieden ab. Also musste ich mir selbst helfen: Ich nahm die von Alan Walker veröffentlichten Stems und bastelte mit einem freien Audio-Editor einen Remix, der seiner Konzertversion ähnelte, aber ungefähr eine Minute länger war als das Original. Dann suchte ich mir noch Bildmaterial, baute mir ein Musik-Video und lud es bei YouTube hoch. So fing es an. Inzwischen habe ich eine ganze Reihe solcher Videos veröffentlicht.

Ich muss gestehen, dass ich mir noch nicht so ganz vorstellen kann, wie Ihre Produktionen entstehen. Wie ist das zum Beispiel mit diesen Stems?

Mit meinem Hörverlust könnte ich keine komplett eigenen Songs machen; das wäre dann wahrscheinlich ziemlich dumpfe Grufti-Musik. Also besorge ich mir die Audiospuren. Jeder Gesang und jedes Instrument wird ja im Studio separat aufgenommen und dann zusammengebaut. Diese einzelnen Spuren nennt man Stems. In der EDM-Szene (also der Szene für Electronic Dance Music – Anm. der Redaktion) ist es durchaus üblich, dass Musiker die verschiedenen Tonspuren einzeln exportieren und für Remixe zum Download anbieten. Wenn man die in der richtigen Reihenfolge miteinander synchronisiert, bekommt man sozusagen den kompletten Roh-Song. Und man kann den Song so verändern, wie man es gerne hätte. Dafür kann man etwa auch Samplesammlungen mit Melodien oder Zusammenstellungen dazukaufen. Genau das mache ich. Ich baue den Song mit einem Audio-Editor neu auf, schneide zum Beispiel ein Intro davor, entferne einen Gesang, der mir nicht so gefällt, füge Echo oder Kompression hinzu, ergänze Clips aus anderer Quelle, ersetze ein Instrument oder ein Effektgerät durch ein anderes, ändere die Tonhöhe einer Melodie … Dann wird alles neu abgemischt, wobei nahezu jeder Clip und jede Spur einzeln auf ein Mischpult gelegt werden, um die Pegel einzeln anpassen zu können.

Das heißt, sie nehmen sich die Bausteine von einem Song und bauen daraus einen anderen. Und das darf man einfach?

Es geht um Songs, die einem irgendwie gefallen, aber eben nicht so richtig, und bei denen man sich sagt, dies oder jenes hätte ich da gerne noch. Die Bausteine werden, wie gesagt, extra zur Verfügung gestellt. Indirekt hat Alan Walker mich sozusagen aufgefordert, diesen Remix selbst zu machen: «Wenn du unbedingt willst, hier sind die Stems …» Wobei die Musik-Produktion ungefähr ein Drittel der Zeit für ein neues Video in Anspruch nimmt.

Und die anderen zwei Drittel?

Die brauche ich für die Bilder. Die Quellen, die ich dafür nutze, sind ganz verschieden. Manchmal schneide ich das Original-Video neu. Oder ich benutze Clips aus einem anderen Musikvideo des gleichen Musikers oder nehme Videomaterial von Konzertauftritten und schneide das passend zusammen. Pro Video sind das immer über 100 Schnitte.

Das heißt, Sie nehmen einfach irgendwelche YouTube-Filme, verwerten die als Material und laden das anschließend hoch? Was ist mit Urheberrecht?

Dass das rechtlich möglich ist, verdanke ich mehr oder weniger der EU und der «Lex YouTube» alias «Artikel 13», der Plattformen Upload-Filter zur Vermeidung von Urheberrechtsverletzungen vorschreibt. YouTube und andere Betreiber sollten so nicht länger durch Urheberrechtsverletzungen Geld verdienen können, sondern Lizenzen für die Nutzung erwerben oder Inhalte sperren müssen. Tatsächlich hat sich YouTube schon im Vorfeld des Gesetzes mit allen großen Labels zusammengesetzt und Verträge ausgehandelt. Alan Walker zum Beispiel wird von Sony Music Entertainment (SME) vertreten. Sony hat mit YouTube verschiedene Vereinbarungen getroffen: Manches Material darf gar nicht weiterverwendet werden; dann wird das Video sofort geblockt, wenn man es hochlädt. Bei «The Spectre» etwa ist das Video regelrecht toxisch; meine erste Version des Videos, wo ich große Teile des Originalvideos geklaut hatte, wurde sofort gesperrt. Es gibt aber auch Inhalte von großen Labels, bei denen der Rechteinhaber lediglich die Monetarisierung beansprucht, die Nutzung auf YouTube ansonsten aber erlaubt. Dann ist das Video für jedermann sichtbar, wird aber von YouTube demonetarisiert.

Was bedeutet das nun wieder?

Man darf einen Film aus fremdem Material veröffentlichen, bekommt aber kein Geld. Die Einnahmen für die Werbung, die um den Film herum abgespielt wird, gehen an den Rechteinhaber. So ist es auch bei den meisten meiner Videos. Der Content-ID-Filter von YouTube erkennt, welche Teile meines Videos geklaut sind und reicht die Werbeeinnahmen an die Labels weiter. Das heißt, wenn ich fremdes Material nutze, ist das einerseits komplett Diebstahl, andererseits legal. Ich selbst verdiene mit meinem YouTube-Kanal kaum etwas, aber allein Alan Walker hat mit meinen Musikvideos schon eine fünfstellige Summe verdient.

Ihr Kanal hat eine beachtliche Reichweite. Wie hat sich das entwickelt?

Diesen ersten Film hatte ich eigentlich nur für mich gemacht. Ich dachte, lade es mal bei YouTube hoch, vielleicht gibt’s ja noch jemanden, der es mag. Im Januar 2020 habe ich dann die Monetarisierungsschwelle mit 1.000 Abonnenten geknackt. Inzwischen habe ich auf dem Kanal ein gutes Dutzend Musikvideos veröffentlicht, überwiegend Remixe von Alan Walker. Mein erstes Video wurde inzwischen fast 13 Millionen Mal angesehen und 125.000 Zuschauer haben sogar ein Abo dagelassen. Und der Erfolg hält an, es kommen jeden Monat über 5.000 neue Abonnenten hinzu. Mein neuestes Video, ein Remix von Alan Walkers größtem Hit «Faded», hat mir in den ersten sechs Wochen über 150.000 Abrufe beschert und ist auf bestem Wege, mein nächstes Millionen-Video zu werden.

Glückwunsch! Sind das vor allem deutsche Abonnenten?

Nein, die kommen von überall. Am bekanntesten ist Alan Walker eigentlich in China. Dort könnte er das ganze Jahr auf Tour gehen, die Konzerte wären immer ausverkauft. Meine Abonnenten kommen hingegen vor allem aus Indien, Indonesien, Brasilien und Mexiko. Warum das so ist, kann ich nicht sagen. Aber vor allem in Asien und im Pazifikraum scheint seine Musik noch mehr zu gefallen als im Rest der Welt.

Zum Equipment für Ihre Produktionen zählt neben einer Reihe anderer Technik auch der ReSound Audio Beamer. Wie nutzen Sie den?

Normalerweise sind die ReSound ENZO wie ein Bluetooth-Headset mit dem Rechner oder dem Smartphone verbunden. Darüber kann man dann auch Musik hören oder in Teams videofonieren. Beim Remixen stört aber die Bluetooth-Latenz von einigen hundert Millisekunden, deshalb benutze ich den schnelleren Audio Beamer an der Kopfhörerbuchse des Rechners. Für die Musikproduktion musste ich die Einstellung allerdings etwas anpassen lassen. Ich habe nämlich eher zufällig bemerkt, dass mir im Streaming-Modus sehr viel Bass fehlte. Das hätte fast dazu geführt, dass ich gleich meinen ersten Remix verbockt hätte. 

Wieso denn das?

Bei der Anpassung für die Medienwiedergabe und den Audio-Beamer hatte mein Akustiker, Herr Hoppe aus Langenhagen, alles so eingestellt, dass es für das Sprachverstehen etwa bei Videokonferenzen optimal ist. Weil ich die Bässe auch ohne Hörgeräte noch relativ gut höre, hatte er die Bassverstärker runtergeregelt und andererseits die Mitten betont. Das ist durchaus sinnvoll, denn so bekomme ich auch von Filmen viel mehr mit. Doch dass die Bässe so stark zurückgenommen sind, war mir anfangs nicht klar. Meinen ersten Remix – also «The Spectre» – habe ich mit dem Audio-Beamer erstellt, das Intro gestaltet und den Titel neu abgemischt. Mit dem Ergebnis war ich zufrieden und ich hab das Video bei YouTube hochgeladen. Ein paar Monate später habe ich den Remix für einen Soundcheck auf einer kleinen Bühne benutzt und war völlig überrascht, weil es da plötzlich sehr viel mehr Bässe gab. Ich dachte: Die hast du doch gar nicht da reingemixt … Doch, hatte ich. Nur gehört hatte ich sie nicht. Es war ein glücklicher Zufall, dass die nicht völlig übertrieben waren. 

Wie haben Sie das Problem gelöst?

Ich habe Herrn Hoppe kontaktiert. Über die ReSound Assist Funktion hab ich ihm das Problem in der App beschrieben und ihn gebeten, die Anpassung so zu ändern, dass die Bässe im Multimedia-Modus nicht mehr komplett herausgefiltert werden. Das hat er aus der Ferne gleich gut nachjustiert. Zudem brachte die Einstellung im Multimedia-Betrieb generell zu wenig Verstärkung. Anders als bei anderen Modi – etwa für den Restaurant-Betrieb – lässt sich die Verstärkung bei Multimedia aber nicht direkt einstellen. Das heißt, er musste erst die Verstärkung für das gesamte Gerät hochsetzen und sie dann für die anderen Programme wieder dämpfen. Auch das hat er aus der Ferne gemacht. Diese Fernanpassung ist wirklich okay. Er hat mir zwei Tage später ein neues Profil geschickt, das ich über die App hochgeladen habe. Nun bekomme ich bei der Multimedia-Anbindung mehr Dampf. Zum Abmischen und um die Videos synchron zur Musik zu schneiden benutze ich inzwischen zwei Studio-Lautsprecher – die haben einen natürlicheren Klang und es gibt keine Latenzen mehr.

Wie geht es weiter mit Ihrem Kanal? Haben Sie Pläne?

So lange die Leute meine Videos mögen und ich Material für meine Remixe bekomme, werde ich weitermachen. Damit es gut läuft, ist es wichtig, den Geschmack der Abonnenten zu treffen – sonst kündigen sie ihr Abo. YouTube mag es nicht, wenn Content schlecht performed, Videos, die schlecht ankommen, zerstören schnell die Reputation des Kanals. Dann wird man nicht mehr von YouTube empfohlen, dadurch gibt es noch weniger Aufrufe usw. Das ist dann so ein Teufelskreis.

Thematisieren Sie auf dem Kanal eigentlich auch, dass Sie hörgeschädigt sind?

Nein, das weiß eigentlich niemand. Meine Abonnenten wissen ja nicht mal, wer ich bin. Mein Name steht nirgendwo. Und wenn man mich dort sieht, dann nur maskiert. Damit fahre ich auch ganz gut. In einem Medium wie dieser Zeitschrift hier ist es natürlich was anderes. Da ist es die Chance, Leuten zu zeigen, dass die Welt nicht untergeht, wenn man Hörgeräte braucht. Man kann trotz Hörverlust so ziemlich alles machen, was man will. Man muss auf nichts verzichten und kann tun, was man vorher gemacht hat – vielleicht sogar noch ein bisschen mehr. Vor allem jungen Leuten möchte ich das zeigen. Wobei die Jüngeren ja gar nicht das Problem sind. Es sind eher Ältere, die oft nur daran denken, was sie an einem Hörgerät stört. Dabei bringt das Gerät selbst gar keinen Nachteil. Den Nachteil hat man ja nur, wenn man kein Hörgerät nutzt. Und die Technik ist heute eine echte Hilfe; gerade die Möglichkeiten des Streamings sind extrem wichtig.

Mirko Dölles YouTube-Kanal mit dem Alan-Walker-Remix «The Spectre» finden Sie hier: