Von: Thorsten Heimann
Die große Aufmerksamkeit, die vor vier Jahren die französische Meta-Studie von Prof. Hélène Amieva von der Universität Bordeaux bekommen hatte, hat dazu geführt, dass eine andere Forschungsarbeit aus den USA von der Fachwelt bisher fast übersehen wurde.
Amievas Erkenntnis, dass gutes Hören dem Entstehen einer Demenz vorbeugen kann, war nicht die einzige gute Nachricht für die Audiologie und Hörakustik. Etwa zur selben Zeit wie Amieva forschte Nina Kraus, Neurologin an der North Western University of Evanston, auf dem Gebiet des Hörens und der Zentralen Verarbeitung von Musik. Dabei hatte sie etwas herausgefunden, das man fast sensationell nennen könnte, nämlich die Möglichkeit, mit Hilfe des EEG in Echtzeit festzustellen, wie und welches Musikstück ein Proband gerade hört, und was man daraus in Bezug auf seine Intelligenz und Lernfähigkeit ableiten kann.
Das Prinzip ist nicht zu verwechseln mit der Shazam-App, die man auf dem iPhone hat um Musiktitel zu erkennen. Shazam kann die Musik, die z.B. in einem Restaurant aus dem Lautsprecher kommt, nur dann identifizieren, wenn die Software zu den Schallschwingungen eine passende Musikdatei finden kann, die Shazam im Speicher hat. Eine Melodie, die man vor sich hin pfeift, und sei sie noch so bekannt, erkennt Shazam nicht, weil es keine identische Tonaufnahme dazu gibt. Kraus hat dagegen eine Versuchsanordnung benutzt, in der ein Elektroenzephalograf die vom Probanden gehörte Musik und die von ihr evozierten Hirnströme aufzeichnet. Wichtig war für Kraus aber nicht, die Musik zu identifizieren, was durchaus möglich ist, sondern Vergleiche mit den Oszillogrammen anderer Probanden zu ermöglichen, die alle dasselbe hören.
«Das Musizieren und Hören von Musik verbessert die Kommunikationsfähigkeit.»
Ihre bahnbrechende Entdeckung war nun, dass sich bei einigen Probanden die Amplituden der Musik klar und deutlich im Oszillogramm abbildeten, bei anderen aber ein «neuronales Rauschen» störte, mit der Folge kleinerer Amplituden. Letzteres korrelierte deutlich mit dem Grad der Bildung und der sozialen Herkunft der Probanden. Sie schlussfolgerte daraus, dass man schon bei Kleinkindern aus der Stärke ihres neuronalen Rauschens Voraussagen über deren zukünftige Lernfähigkeit ableiten könnte. Sie kann nach weiteren Studien jetzt definitiv behaupten, dass Kleinkinder mit einem hohen Level an neuronalem Rauschen in der Schule Lernprobleme haben werden. Es sei schon länger bekannt, dass es einen Zusammenhang von Herkunft und Schulerfolg gebe. Dass man das jetzt auch am EEG von Kleinkindern sehen könne, sei eine neue Erkenntnis der Neurologie. So unglaublich das klingen möge, aber letztlich sei es so, dass man Armut messen könne. Abhilfe sieht sie im Erlernen eines Musikinstrumentes schon in der Schule. Ein Hörscreening nach der Geburt sei schon weit verbreitet, was noch fehle sei ein «Gehirnmusik-Screening» im Vorschulalter. Doch man solle sich dessen bewusst sein, das sich kognitive Fortschritte beim Erlernen eines Musikinstrumentes erst nach etwa zwei Jahren zeigten, das jedoch zuverlässig und mit nachhaltiger Wirkung. Das könne man an dem stark reduzierten neuronalen Rauschen derjenigen Kinder erkennen, die nicht vor Ablauf von zwei Jahren aufgegeben hätten.
Sehr interessant ist auch ihre Beobachtung, dass besonders Orchestermusiker die Filterfunktion ihres auditiven Zentrums im Gehirn trainierten, weil sie darauf angewiesen seien, ihr eigenes Instrument in einem Umfeld von bis zu 120 Orchesterkollegen herausfiltern zu können. Sie seien dadurch in der Lage, sich auf Partys oder in vollen Restaurants weitaus besser auf ihr Gegenüber zu konzentrieren als Nicht-Musiker. Sie erwähnte auch, dass Musik und besonders das aktive Musizieren eine langfristig große biologische Wirkung auf die Entwicklung des Gehirns habe. Es gebe da keine Kapazitätsgrenze, denn im Gegensatz zu den Gelenken, die mit zunehmendem Alter abnutzten, gebe es das beim Gehirn nicht. Im Gegenteil, das Musizieren erhalte das Gehirn jung.
Nina Kraus hat bereits zahlreiche Studien mit Tausenden von Probanden im Alter von 0 bis 90 Jahren durchgeführt und dadurch viele neue Einsichten gewonnen. Die Wichtigste ist: Das Musizieren und Hören von Musik verbessert die Kommunikationsfähigkeit. Sie ist davon überzeugt, dass das Bemühen um ein besseres Hören auch eine sozialpolitische Implikation haben sollte. Das gehe bis zur Bekämpfung der Armut. Für die Musikerziehung müssten in den Schulen weit mehr Unterrichtsstunden und finanzielle Mittel aufgewendet werden als bisher. Sie betonte in diesem Zusammenhang auch den großen Nutzen der Frühforderung hörbehinderter Kinder und das Erfordernis finanzieller Hilfen bei ihrer Versorgung mit Hörhilfen. Wer nicht gut hören könne, dem sei auch der Weg zur Musik versperrt und damit dem Lernen und der gesellschaftliche Teilhabe.
Quelle: Nach einem Vortrag von Nina Kraus auf der Konferenz der Falling Walls Foundation 2015 in Berlin.
