Herr Goren, Herr Bennedik, auf der Industrieausstellung zum 65. Internationalen Hörakustiker-Kongress wird Nuance Hearing sich erstmals dem deutschen Markt vorstellen. Zur Einordnung: Was war die Initialzündung zur Gründung des Unternehmens?
Gegründet wurde Nuance Hearing 2015 mit dem Ziel, das Problem des Cocktail-Party-Effekts zu lösen. Das ist unsere Mission. Angetrieben wurde das Bestreben durch Enttäuschungen, die einer der beiden Gründer mit verschiedenen Hörlösungen, die er ausprobiert hatte, erlebte. Also gründete Zohar Zisapel zusammen mit seinem Bruder Yehuda Nuance Hearing. Die beiden sind in Israel übrigens durchaus legendär.
Inwiefern?
Israel ist ja auch als Start-up-Nation bekannt, und die Brüder Zisapel gelten hier als Paten der Start-up-Szene. Beide sind seit den 1970-Jahren Unternehmer und verfügen über einen ausgeprägten Tech-Hintergrund. Und als Zohar Zisapel diese Enttäuschungen mit den Hörlösungen erlebte, die er ausprobiert hatte, wollte er das Thema selbst angehen.
Was schwebte ihm vor?
Seine Idee ist, einen Beamformer mit mehreren Mikrofonen etwas anders zu nutzen, als es bisher gemacht wurde, vor allem mit Blick auf die Algorithmen, die dahinter arbeiten. Also begann er, zusammen mit unserem CTO Yoni Hertzberg und seinem Team, die Entwicklung voranzutreiben. Und so haben wir nun das unserer Ansicht nach klassenbeste Tischmikrofon, wenn es um die Anordnung und Nutzung der darin verbauten Mikrofone geht. Diese etwa handflächengroße Tischmikrofon-Plattform ist die Basis für unsere Produkte. Unser erstes Produkt ist eine Kooperation mit Starkey für deren Konferenzmikrofon TableMic. Es streamt das Signal direkt auf die aktuellen Hörsysteme von Starkey und kam sehr gut am Markt an. Hintergrund der Kooperation ist hier, dass das Forschungszentrum, das Starkey in Israel betreibt, auf uns zukam und sich für unsere Arbeit interessierte.
Gab es bei Nuance Hearing auch mal die Idee, dem Cocktail-Party-Effekt mit klassischen Hörsystemen zu Leibe zu rücken? Oder war schnell klar, dass Sie das nur über Produkte wie die, die Sie nun anbieten, lösen können?
Um zu einem derart starken Beamformer zu kommen, müssen einige Voraussetzungen erfüllt werden. Dazu zählt einerseits der Algorithmus, wo wir, wie gesagt, den unserer Meinung nach klassenbesten haben. Andererseits ist aber auch die Anzahl an Mikrofonen sowie der Platz zwischen den einzelnen Mikrofonen sehr wichtig. Auf unserer Plattform sind an der Außenseite acht Mikrofone verbaut, so etwas wäre in einem Hörgerät nicht möglich gewesen.
Nuance Hearing selbst hat aktuell zwei Produkte im Angebot. Womit überzeugen der Voice Selector Converse und der Voice Selector Study?
Wie haben uns natürlich diverse Produkte am Markt angeschaut und verglichen und sind zu dem Schluss gekommen, dass kein anderer Anbieter ein Angebot hat, das ähnlich stark ist und das Problem des Cocktail-Party-Effekts so löst. Auf dem Direktionalitätsindex erzielen wir 15 dB, was nach unserer Auffassung einen wirklichen Durchbruch darstellt. Das Ergebnis ist eine unglaubliche Verbesserung des Sprachverstehens in Lärm. Hier erreichen wir einen Benefit von 10 dB, was wirklich unglaublich ist.
Wen haben Sie als Kunden im Auge für Ihre Produkte?
Wir sehen hier zwei Zielgruppen. Entwickelt haben wir unsere Produkte für Nutzer:innen mit leichtem bis mittlerem Hörverlust, Menschen, die, aus welchem Grund auch immer, noch nicht bereit für Hörsysteme sind, oder die mit ihren bisherigen Lösungen nicht zufrieden waren, aber Schwierigkeiten beim Sprachverstehen in lärmiger Umgebung haben. Zumal ja auch Hörsysteme in lauter Umgebung an ihre Grenzen kommen können. Hier haben wir nun eine Lösung, die eben noch kein Hörgerät ist. Dazu kommt das Thema Fernsehen. Der Voice Selector Converse kommt mit einem Halsband für die drahtlosen Kopfhörer, und man kann selbst die Richtung auswählen, in die man zuhören möchte. Alternativ kann das aber auch die Automatik übernehmen. Der Voice Selector Study basiert auf der gleichen Plattform und ist für den Schulbereich ausgelegt. Denn der sehr gute SNR, den wir hier erreichen, kann auch für Schüler:innen zum Beispiel mit einem Aufmerksamkeitsdefizit oder anderen auditiven Wahrnehmungsstörungen sehr von Nutzen sein. Sogar bei Autismus kann der Voice Selector Study helfen.
Den Voice Selector Converse sehen wir als ein neues Einstiegsprodukt, das Hör-akustiker:innen anbieten können, wenn sich jemand noch nicht für Hörgeräte entscheiden mag. Dadurch, dass man ihn auch als Ansteckmikrofon verwenden kann, lässt er sich zum Beispiel auch beim Autofahren nutzen, um die Person neben einem besser verstehen zu können. Und auch im Arbeitsalltag lässt sich der Voice Selector Converse einsetzen. Er ist wie ein Zubehör-Produkt einzuordnen, daher sehen wir uns auch nicht im Wettbewerb mit den Hörsysteme-Herstellern. Ein weiterer wichtiger Punkt ist, dass unsere Produkte preislich sehr attraktiv sind.
Das Halsband für die drahtlosen Kopfhörer beim Voice Selector Study erwähnten Sie bereits, was gehört noch zum Lieferumfang?
Das Produkt selbst besteht in erster Linie aus dem Tischmikrofon und dem Halsband mit den Kopfhörern. Dazu kommen außerdem Ear-Tipps in verschiedenen Größen, ein Ladekabel, ein Kabel zum Verbinden mit dem Fernseher sowie ein Halsband und ein Magnet, um das Mikrofon um den Hals bzw. am Körper tragen zu können. Den Voice Selector Converse kann man, wie gesagt, außerdem als Ansteckmikrofon nutzen. Dank des integrierten Gyroskop-Sensors kann das Gerät immer das nach oben gerichtete Mikrofon aktivieren und die Sprache der Sprecher:in an die Kopfhörer übertragen. Auch als TV Streamer lässt sich der Voice Selector Converse nutzen, das entsprechende Kabel liefern wir ebenfalls mit. Wir haben hier also ein Multi-Purpose-Gerät für drei Anwendungsfelder. Der Voice Selector Study arbeitet wiederum nicht wireless.
Warum das?
(lacht) Nach unseren Erfahrungen sind Lehrer gerne mal misstrauisch. Die wollen sich sicher sein, dass ihre Schüler:innen ihnen zuhören und nicht Musik oder irgendjemandem anderen. Zudem haben wir bei einem vorliegenden Aufmerksamkeitsdefizit noch das Thema, dass diese Kinder schnell mal etwas vergessen oder verlieren. Und wir möchten nicht, dass sie ihre teuren wireless Kopfhörer verlieren. Daher ist das Set-up hier etwas einfacher gehalten, kostet dann aber auch entsprechend weniger.
Sind sowohl der Voice Selector Study als auch der Voice Selector Converse wiederaufladbar?
Ja, die Study-Variante hat eine Laufzeit von bis zu 14 Stunden am Stück. Nach unseren bisherigen Erfahrungen nutzen Kinder den etwa drei Stunden täglich, so dass das Gerät ein bis zwei Mal die Woche aufgeladen werden muss. Was ich zum Voice Selector Converse noch hinzufügen möchte ist, dass man den auch über eine App steuern kann. Außerdem kann man damit einen simplen Hörtest in sieben Frequenzen machen. Das Ergebnis wird dann über ein Standardprotokoll von dem Gerät adaptiert.
Sind der Voice Selctor Converse und der Voice Selector Study in anderen Ländern bereits erhältlich? Wie sind Sie im Vertrieb aufgestellt?
Das TableMic von Starkey ist weltweit erhältlich und sehr erfolgreich. Den Voice Selector Converse launchen wir im Rahmen der Industrieausstellung in Hannover. Der Voice Selector Study wiederum ist in Israel sowie in Großbritannien bereits erhältlich. Hier in Israel haben wir dazu auch schon eine klinische Studie durchführen lassen, die belegt, dass die Nutzung des Voice Selector Study das Konzentrationsvermögen steigert. Was wir aber zu dieser Studie hinzufügen müssen ist, dass die Situation in den Schulen in Israel wegen der Pandemie natürlich stark eingeschränkt war. Derzeit wird diskutiert, ob die Schulen zum 1. September oder erst zum 1. Oktober wieder in den Normalbetrieb gehen. Darum haben wir entschieden, den Voice Selector Study zu relaunchen.
Die Ergebnisse der Studie zeigen wir gerne an unserem Stand in Hannover. Die Ergebnisse sind sehr vielversprechend. Gerade beim Thema ADS haben wir hier ein wirklich gut funktionierendes Produkt zu einem sehr interessanten Preis.
Herr Bennedik, welche Ziele verfolgt Nuance Hearing am deutschen Markt?
Wir denken, dass die Hörakustik-Fachbetriebe die richtige Adresse für unsere Produkte sind. Hier können sich Interessierte am besten informieren und beraten lassen, schließlich ist auch hier eine gewisse Beratung nötig. Daher haben wir uns auch dazu entschlossen, mit einem eigenen Stand auf der Industrieausstellung präsent zu sein, denn wir möchten den Hörakustiker:innen ein Produkt vorstellen, das sie wiederum ihren Kund:innen anbieten können. Zumal sie darüber mit ihren Kund:innen von morgen schon in Kontakt kommen können. Und die Kund:innen sind so gleich bei den richtigen Ansprechpartner:innen für weitere Hörlösungen.
Mit welchen Erwartungen fahren Sie außerdem nach Hannover?
Wir möchten alle einladen, unser Produkt bei uns am Stand auszuprobieren und sich eine eigene Meinung zu bilden. Wir freuen uns darauf, dem Markt ein neues, innovatives Produkt vorstellen zu können und hoffen, dass wir diesen Funken auf unsere potenziellen Kunden übertragen können. Was ich außerdem schon sagen kann ist, dass es nicht bei diesen Produkten bleiben wird. Wir stehen da erst am Anfang, der Zug kommt erst ins Rollen. Und abgesehen davon freue ich mich natürlich darauf, all jene wiederzutreffen, die ich aus meinen vorherigen Tätigkeiten in Deutschland kenne.
Darüber hinaus erhoffen wir uns natürlich, auch bei internationalen Messebesuchern bekannt zu werden und Vertriebspartner zu finden. Schließlich ist die Industrieausstellung auch ein Anlaufpunkt für das internationale Publikum.
Herr Goren, Herr Bennedik, wir danken Ihnen für das Gespräch.



