DIGITALES MAGAZIN
002 | September 2021
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Dieter Lenzen, Präsident der Universität Hamburg:

„Wer macht die Arbeit, wenn alle studieren?“

AUSBILDUNG.  Im August verwirrte Dieter Lenzen, Präsident der Universität Hamburg, die Öffentlichkeit mit der Bemerkung »Wer macht die Arbeit, wenn alle studieren?«. Es wollte damit nicht sagen, dass Akademiker nicht  arbeiten, sondern dachte dabei vielmehr an die vielen praxisnahen Berufe, die in Industrie und Handwerk Nachwuchsprobleme hätten, weil ein akademischer Abschluss immer noch höher bewertet wird als einer in den Ausbildungsberufen. Es sei über Jahrzehnte der Eindruck entstanden, dass man unbedingt studieren müsse, um ein gutes Einkommen und berufliche Zufriedenheit erreichen zu können. Das sei grundsätzlich falsch und erwecke bei den Studierenden überzogene Erwartungen, die nach dem Studium oft nicht erfüllt werden könnten. 

Das Ausbildungsförderungsgesetz von 1971, der Öffnungsbeschluss für die Hochschulen von 1977 und der Bologna-Prozess ab 1998 hätten die Zahl der Studierenden in die Höhe getrieben und die akademische Landschaft erheblich verändert. Die Antriebe dazu waren einerseits das Bestreben nach mehr Bildungsgerechtigkeit und andererseits die Sorge der europäischen und deutschen Wirtschaft, im internationalen Innovationswettbewerb zurückzufallen. Im Wintersemester 1953/54 habe es nur 133.000 Studierende gegeben, nach der Bildungsreform von 1983/84 waren es bereits 1,2Millionen und heute   zähle man schon fast 3 Millionen. Mehr als die Hälfte eines Jahrgangs würde heute studieren. Da müsse man sich fragen, ob wir in Zukunft noch genügend nichtakademische Fachkräfte für Industrie und Handwerk bekommen, die wir so dringend benötigen. Lenzen rät allen jungen Menschen: »So lange man sich unsicher ist, welchen Beruf man ergreifen soll, kann ich nur dringend raten, die Zeit nach der Schule für intensive Begegnungen mit der beruflichen Wirklichkeit zu nutzen, bevor man eine falsche Entscheidung trifft.« Die Grenzen zwischen einem Studium an der Universität und einer guten Berufsausbildung seien längst verwischt. Wer vier Jahre Mechatroniker gelernt habe, müsse sich mit den Lehrinhalten von 17 anderen Ausbildungsberufen auseinandersetzen, die es früher nur einzeln oder überhaupt nicht gegeben habe. Ein Mechatroniker befinde sich deshalb intellektuell auf dem gleichen Niveau wie jemand, der einen Masterabschluss an einer Technischen Universität gemacht habe. 

Zur aktuellen Lage der Ausbildung in der Hörakustik wies die Bundesinnung im August darauf hin, dass die Corona-Epidemie 2020 bei den Ausbildungsverträgen gegenüber dem Vorjahr 2019 einen Einbruch von 20% verursacht hatte, der aber im Jahr 2021 mit 573 aktiven Verträgen schon fast wieder aufgeholt werden konnte. Und das Jahr ist noch nicht zu Ende. Stichtag für den Vergleich war jeweils der 12.August. Die Bundesinnung kann auch mit Befriedigung feststellen, dass die Ausbildungssituation im Hörakustik-Handwerk deutlich besser ist als im Gesamthandwerk und in der deutschen Wirtschaft. Die Hörakustiker dürften aber nicht in ihren Bemühungen nachlassen, junge Menschen für einen Ausbildungsplatz in der Hörakustik zu interessieren. 

Beate Rode-Elling