Von: Jan-Fabio La Malfa
Die Schweizer Firma Naturoscience vertreibt/produziert das Nahrungsergänzungmittel Audi’Caps und wirbt mit dem Versprechen, dass sich Haarzellen im Innenohr innerhalb von 30 Tagen wiederherstellen und regenerieren können. Das sei wissenschaftlich und klinisch erwiesen. Wie weit darf Werbung für Nahrungsergänzungsmittel gehen?
Eigentlich, will man meinen, ist zu Nahrungsergänzungsmitteln alles gesagt und geschrieben worden. Meist sind sie nicht nur völlig überflüssig, sie sind aufgrund ihrer Dosierung in vielen Fällen auf Dauer auch gesundheitsschädigend. Ob sie nun mit Vitaminen, Betacarotin, Zink oder Magnesium vollgepumpt und/oder mit exotisch anmutenden Pflanzen wie Ginko oder Goji kombiniert werden, spielt dabei keine Rolle. Verbraucherzentralen warnen nicht umsonst seit Jahren vor den vielfältigen Angeboten in Form von Dragees, Kapseln, Tabletten, Pülverchen oder Drinks.
Dennoch gibt es Umfragen*, wonach nahezu jeder zweite Deutsche Nahrungsergänzungsmittel für gesundheitsförderlich hält. Und nicht nur das. Obwohl eine Zulassung wie bei Arzneimitteln nicht vorgesehen ist, glaubt auch nahezu jeder Zweite, dass Nahrungsergänzungsmittel staatlich auf Wirksamkeit und Sicherheit geprüft werden. Woran liegt das?
Die Antwort liegt auf der Hand: An einem exzessiven und aggressiven Dauermarketing auf allen Kanälen. Ob im Internet, auf Social Media Kanälen, in Zeitschriften, im Funk oder Fernsehen – die Anbieter von Nahrungsergänzungsmitteln lassen keine Möglichkeit aus, um ihre Produkte als unverzichtbar anzupreisen. Ein Blick in den Spam-Ordner genügt. Man nimmt die angebotenen Pillen, um einen sportlichen Erfolg zu erzielen. Sie sind aber auch gut, um abzunehmen oder Potenzstörungen zu regulieren. Und wenn all das nicht hilft, wird auch mal die Angst der Kunden vor Vitamin- und Mineralstoffmangel, Krankheiten oder Dysfunktionen geschürt. Nichts gegen ein legitimes Marketing. Aber wie dreist und unverschämt mit Werbeversprechen teils umgegangen wird, konnten wir vor wenigen Wochen erst wieder beobachten, als uns ein aufmerksamer und verärgerter Inhaber kontaktierte.

»Das ist eine riesige Schweinerei. Jeden Tag erkläre ich den Leuten, weshalb es wichtig ist, Hörsysteme regelmäßig zu tragen, und die dürfen so etwas einfach ungestraft behaupten? Wofür setze ich mich jeden Tag hin?«, schimpft der Akustiker unentwegt in den Hörer. Anlass seines Ärgers: Audi’Caps, ein Nahrungsergänzungsmittel, das bei Hörproblemen helfen soll und gerade die Runde in Baden-Württembergs Briefkästen macht. Doch auch wenn der Verdruss des Akustikers nachvollziehbar ist, einen Beitrag darüber konnten wir uns dazu da noch nicht vorstellen. Dennoch bitten wir, uns die Werbebroschüre zuzusenden.
Als sie uns erreicht, verstehen wir die Aufregung des Akustikers noch besser. Denn das, was aus dem Kuvert herauslugt, ist eine 32seitige Werbebroschüre, die von der ersten bis zur letzten Zeile zielgerichtet mit Halbwahrheiten und Desinformationen über das Hören arbeitet, ohne dabei nur einen Beleg anzuführen oder eine Person korrekt oder verständlich zu zitieren. Hauptaussage: Audi’Caps sei die erste Behandlung, die das Hörvermögen wiederherstellen könne. Hörgeräte seien künftig nicht mehr notwendig, da ein Forscherteam des Massachusetts Institute of Technology (MIT) eine »Kombinationstheraphie zur Regeneration der Haarzellen im Innenohr entwickelt« habe.
Neben dem Cover wird auf Seite 14 auch auf eine Pressesprecherin des MIT verwiesen, Ann Trafton. Aus welchem Grund auch immer das e von Anne in der Broschüre fehlt, Trafton arbeitet wirklich im News Office des MIT. Doch »eine Behandlungsmethode, die Hörprobleme für immer verändert« hat es in der Form am MIT natürlich nie gegeben. Trafton bestätigte auf Anfrage lediglich eine Pressemitteilung zu einer Studie von Jeffrey Karp, Robert Langer und Xiaolei Lin aus dem Jahr 2017, in der man herausgefunden habe, dass die Verwendung gewisser Moleküle helfe, Stützzellen in der Cochlea zu aktivieren, so dass sie proliferativ werden und Haarzellen erzeugen. Dies sei aber eine Studie, ein Medikament oder eine Therapie gebe es noch nicht.
Dennoch wird auf den nächsten Seiten der Anschein erweckt, dass man durch Einnahme der Audi’Caps-Pillen auf »natürlichen Weg 15 bis 20 Dezibel zurückgewinnen« und somit eine altersbedingte Veränderung des Hörvermögens aufhalten könne. »Audi’Caps ist die Lösung, um in jedem Alter etwas für sein Hörvermögen zu tun«. Schließlich sei Audi’Caps »die einzige natürliche Behandlung, die Ihr Hörsystem von innen heraus regeneriert!«.
Im Stile einer Informations- und Aufklärungsbroschüre werden in der Folge auf den Seiten 16 und 17 die Ursachen für Hörverlust und die Funktionen der Haarzellen im Innenohr erklärt. Sie sind insofern interessant, da sich hier das ominöse Rätsel um die MIT Forscher lüftet und deutlich wird, dass in der Broschüre mittels copy und paste Zitate aus der Pressemitteilung von Anne Trafton eingefügt wurden. Denn hier wird Robert Langer, Professor am David H. Koch Institute for Integrative Cancer Research, in nahezu gleicher Weise zitiert – nur in einem völlig anderen Zusammenhang und mit einem nicht getätigten Halbsatz aufgepeppt. (»Hörverlust ist ein echtes Altersproblem, für das es praktisch immer noch keine Lösung gibt. Dieser Ansatz ist völlig neu.« vergleiche mit https://news.mit.edu/2017/drug-treatment-combat-hearing-loss-0221).
Doch neben einer sehr merkwürdigen und streitbaren Art, mit Pressemitteilungen umzugehen, fällt bei der Audi’Caps-Broschüre noch etwas auf: sie diskreditiert Hörsysteme. Dabei werden nicht nur alte Vorurteile wieder hervorgeholt und Aussagen in einen falschen Kontext gesetzt, es werden auch schlicht und ergreifend Falschbehauptungen aufgestellt, wie zum Beispiel:
- »86% der Hörgeräteträger gewöhnen sich nicht daran und geben im ersten Jahr auf« (S.13)
- »Für Hörgeräte gilt, dass sie nach wie vor teuer und unzuverlässig sind« (S.10)
- »In Deutschland gibt es wesentlich mehr Menschen, die an Schwerhörigkeit leiden, als Menschen, die auch tatsächlich ein Hörgerät tragen … Denn dieses kleine Gerät kann sich nicht jeder leisten« (S.13)
- »Viele Schwerhörige geben auf, weil die Eingewöhnungsphase zu lange dauert und weil das Gerät keinerlei Verständnisverbesserung bringt« (S.13)
- »Teuer und manchmal nicht sinnvoll« (S.9)
- »Mobiltelefone, Basisstationen, GPS … niemand entkommt der Strahlung durch moderne Technologie. Das ist absolut schädlich für unser Gehör, das auf diese Strahlung empfindlich reagiert. Ein weiterer Faktor, der zu Schwerhörigkeit führt« (S.5)
Ebenso wird in der Broschüre von operativen Eingriffen abgeraten (»Chirurgische Eingriffe sind teuer, gefährlich und nicht immer effektiv«, S. 11). Zudem wird so getan, als habe man bei der Behandlung von Hörverlusten bis jetzt lediglich die Wahl zwischen ausschließlich ungeeigneten Alternativen wie Hörgerät, chirurgischem Eingriff, Medikamenten und Alternativmedizin (»Akupunktur, Hypnose, Sophrologie … Die Alternativmedizin wird manchmal als letzte Chance gesehen«, S.11). Interessant ist dabei, dass an dieser Stelle auch ein angeblicher HNO-Arzt namens Dr. Michael Neumann Aussagen tätigt, die allen Lösungsansätzen zur Behandlung von Hörproblem eine Absage erteilen und natürlich Audi’Caps als einzige Lösung anpreist. Letzteres geschieht insbesondere auf Seite 28, in der das Versprechen abgegeben wird, das defekte oder gealterte Hörvermögen innerhalb von 30 Tagen zu reparieren und zu regenerieren. Denn: »Mit Audi’Caps schützen Sie sich vor allen vor altersbedingten Hörproblemen, die zu fortschreitendem Hörverlust bis hin zu völliger Taubheit führen können … Audi’Caps ist die Lösung, die mit Hörgeräten, Injektionen, Operationen usw. Schluss macht«, so Dr. Neumann, dessen persönliches Versprechen 36€ pro Packung kostet. Wie naiv muss man sein, um zu glauben, dass die Lösung aller Hörprobleme in einer Pille liege, die sich aus Ginko biloba, Tryptophan, Eschscholtzia, Marines Magnesium und Zink zusammensetzt? Ein Nachweis für die klinischen Tests, die nach eigenen Angaben erfolgt sein sollen, wird jedenfalls nicht geliefert.

Natürlich haben wir geschaut, ob es einen HNO-Arzt mit diesem Namen gibt. Zwar wurde das Bild ausgetauscht, doch wir wurden fündig. Der einzige HNO-Arzt in Deutschland mit dem Namen Michael Neumann führt eine Praxis in Wangen im Allgäu. Als wir ihn kontaktieren, zeigt er sich überrascht. Er habe die Werbung zwar peripher wahrgenommen, da ihn drei, vier Patienten auf die Pillen angesprochen hätten. Allerdings kenne er weder die Werbung, noch habe er Audi’Caps jemals in den Händen gehalten. »Wir haben das zwar registriert, aber damals nicht richtig wahrgenommen. Da mein Name häufig vorkommt und ich keine Werbung für solche Unternehmen mache, wäre ich nicht auf den Gedanken gekommen, da einen Bezug herzustellen. Mir war ja nicht bewusst, dass ich der einzige HNOler mit dem Namen bin«, so Neumann. Er halte Nahrungsergänzungsmittel, die auf diese Art und Weise für sich werben, nicht nur für fragwürdig, es trage schon fast kriminelle Züge mit sich, sollte all das sich bewahrheiten. Dass durch die Einnahme eines Nahrungsergänzungsmittel Haarzellen im Innenohr regenerieren und nachwachsen könnten, schließt er jedenfalls aus.
Damit Verbraucher nicht vollends im Marketingregen an nicht belegten Gesundheitsversprechen untergehen, erließ die EU bereits 2006 die sogenannte Health-Claims-Verordnung (HCVO). So müssen gesundheitsbezogene Aussagen zu einem Produkt allgemeinhin einem vor der EU zugelassenen Wortlaut entsprechen. Demnach dürfte eine Aussage, wie etwa »Vitamin C trägt zur normalen Funktion des Immunsystems bei« getätigt werden. Mehr aber auch nicht. Das gilt für Nahrungsmittel, und hierzu gehören auch die Nahrungsergänzungsmittel.
Anbieter sind zudem verpflichtet, stets die Substanz zu nennen, auf die sich das Versprechen bezieht. Das geschieht bei Audi‘Caps zwar, im Gegenzug können Hersteller aber die Zulassung von gesundheits- und nähwertbezogenen Aussagen für bestimmte Substanzen in ihren Produkten beantragen. Doch trotz der Tatsache, dass die Europäische Behörde für Lebensmittelsicherheit prüft, ob ausreichend Belege für die versprochenen Wirkungen vorliegen, was nützt das, wenn zahlreiche Aussagen noch nicht bewertet sind? Denn das gilt für fast alle pflanzlichen Stoffe wie Ging oder die Maca-Wurzel. Hat der Hersteller vor dem 19. 01. 2008 bei der EU einen Antrag auf Zulassung einer Aussage gestellt, kann er sein Produkt mit dem entsprechenden Stoff bis zur abschließenden Prüfung weiterhin mit der Aussage bewerben. Und das kann dauern. Lediglich 250 Aussagen, überwiegend Werbung für Vitamine und Mineralstoffe, nahmen bis 2016 die Hürde und wurden von der EU zugelassen. Die schleppende Umsetzung führt jedoch dazu, dass Produkte wie Audi’Caps überhaupt ein Gesundheitsversprechen abgeben können. Würden gesundheits- und nähwertbezogene Aussagen für bestimmte Substanzen in ihren Produkten schneller geprüft und katalogisiert werden, wäre eine deutlich klarere Abgrenzung zwischen den Nahrungsergänzungsmitteln gegeben, die dies- und jenseits der gesetzlichen Bestimmungen agieren.
Es besteht kein Zweifel, dass eine solche Praktik wie hier abgemahnt gehört. Dennoch besteht darin wahrscheinlich genau das Problem. Es wird diejenigen, die Audi’Caps produzieren und vertreiben, wohl nicht interessieren. Denn wer eine kriminelle Absicht verfolgt, der wird meist nicht aufzuhalten sein. Mit der Firma Naturoscience wird zwar ersichtlich, wer Audi’Caps vertreibt, und es existiert, wie es scheint, auch eine Bestelladresse im nordrhein-westfälischen Wittlich. Allerdings hat Naturoscience ihren Firmensitz in der Schweiz bei einem anderen Unternehmen, der Jouvencia AG in Chavannes-de-Bogis. Für die Werbebroschüre im Sinne des Datenschutzrechtes selbst zeichnet wiederum die Gemin Direct marketing solutions GmbH in Idstein verantwortlich. Es könnte also schwierig werden, die Verantwortlichen hierfür heranzuziehen. Die Schweiz gehört nicht zur EU.
biha wie auch die Verbraucherzentrale Baden-Württemberg sind jedenfalls informiert.