DIGITALES MAGAZIN
003 | Oktober 2021
25/29

HANNA HERMANN – »WIR WAREN DAMALS ALLE PIONIERE«

© Foto: Martin Ebert

Von: Martin Schaarschmidt (Cochlear Deutschland)

Im Gespräch mit Hanna Hermann, die als vierter Mensch in Deutschland ein Cochlear Nucleus System bekam (Teil 1).


1974 war Hanna Hermann 24 Jahre alt. Sie war verheiratet, hatte zwei kleine Töchter, hatte Buchhalterin gelernt. Und bei ihrem Ohrenarzt erfuhr sie, dass sie taub ist. Zehn Jahre lebte Hanna Hermann dann ohne Gehör, bis sie Professor Ernst Lehnhardt und Dr. Rolf-Dieter Battmer 1984 in der Medizinischen Hochschule Hannover (MHH) mit einem Cochlear™ Nucleus® Cochlea-Implantat (CI) versorgten. Hanna Hermann gehörte zu den allerersten Patientinnen und Patienten, die in Deutschland (und damit auch in Europa) dank des CI zurück in die Welt des Hörens fanden. – Beginn einer Interview-Serie, für die sich Autor Martin Schaarschmidt auf die Suche nach den Anfängen der CI-Versorgung in Deutschland macht; hier Teil 1 des Gesprächs.

Frau Hermann, waren Sie eigentlich von klein an schwerhörig?

Ja. Aber als Kind konnte ich noch, wenn auch eingeschränkt, hören. Aufgefallen ist meine Schwerhörigkeit erstmals, als ich fünf war. Wenn ich als kleines Mädchen um eine Hausecke lief und meine Mutter rief nach mir, dann lief ich einfach weiter. Ich hörte sie nicht mehr. Also gingen wir zum Ohrenarzt, der den Hörverlust bestätigte. Vor allem hohe Töne konnte ich nicht hören und S-Laute hörte ich nicht. Das beeinträchtigte meine Aussprache. Ein Hörgerät, wie es sie damals gab, brachte da keinerlei Nutzen. Der Arzt empfahl meiner Mutter, mich auf die Schwerhörigen-Schule zu schicken. Aber das bedeutete, 200 Kilometer von zu Hause entfernt im Internat zu leben. Dazu konnten sich meine Eltern nicht entschließen. Ansonsten war das Thema Schwerhörigkeit in meiner Kindheit kaum von Interesse.

Wie muss man sich das vorstellen?

Ich wuchs auf einem kleinen Dorf auf. Es gab keine Informationen. Die gab es auch sonst nirgendwo. Man konnte sich nur selbst helfen, indem man sich in bestimmten Situationen auf eine bestimmte Art und Weise verhielt. Darum kümmerten sich anfangs noch meine Eltern. Und später, in der Schule, musste ich mich alleine kümmern. Meine Mutter sagte meinen Lehrern zwar, dass ich schwerhörig bin. Aber sie waren dennoch fest davon überzeugt, dass ich genauso gut hören kann wie alle anderen in der Klasse. Ich saß immer in der ersten Reihe neben meiner Freundin. Sie zeigte mir, welche Buchseite wir aufblättern sollen. Und sie ließ mich abschreiben, wenn es sein musste. Vor allem bei den Englisch-Diktaten musste es sein. Hören und Schreiben zugleich war sowieso schon schwierig genug. Aber beim Englisch-Diktat war es hoffnungslos.

Wie ging es nach der Schulzeit weiter?

Ich machte eine Lehre in wirtschafts- und steuerberatenden Berufen. Hier kam ich sogar relativ gut klar. Ich beendete die Lehre, um zu heiraten und bekam erst eine und vier Jahre später die zweite Tochter. Als meine ältere Tochter Anke ein Baby war, habe ich sie nachts noch gehört. Birte, meine zweite Tochter, hörte ich nicht mehr … Dann kam der Sommer 1974. Ich ging zu einem Hörtest, und ich erinnere mich noch gut daran, dass die Audiologin nach dem Test völlig verzweifelt war und sagte: »Wir haben uns doch vorhin noch unterhalten. Und jetzt stelle ich fest, dass sie taub sind.«

Wie haben Sie darauf reagiert?

Zuerst habe ich die verzweifelte Audiologin getröstet. Und dann musste ich das alles für mich selbst begreifen: Ich hätte nie gedacht, dass alles, was ich noch hörte, nur Einbildung war … Offensichtlich hatte ich sehr gute Strategien entwickelt, um ohne Gehör zurechtzukommen. Es war mir nicht einmal selbst aufgefallen, dass ich gar nichts mehr hörte. Was die Ursache meiner Schwerhörigkeit und meiner späteren Ertaubung war, weiß ich bis heute nicht. Mein Ohrenarzt damals war nur ratlos, und mein Hausarzt überwies mich zum Neurologen. Der verschrieb mir Tabletten, damit ich schlafen kann. Sonst fiel ihm auch nichts ein … Mein Leben ging trotzdem weiter.

Wie sah dieses Leben aus?

Es war nicht so, dass eine Welt zusammenbrach. Aber ich lebte unter hörenden Menschen – als einzige Gehörlose. Es war eine Herausforderung. Ich war an sich eine kommunikative und trotz allem sehr aufgeschlossene, optimistische Frau. Und ich lebte mein Leben wie gewohnt weiter. Ich konnte sehr gut von den Lippen absehen und außerdem gut kombinieren. Es war mir immer wichtig, gute Kontakte zu haben und zu pflegen. Mich aufgrund der Taubheit zurückzuziehen, war nie eine Option. Die Phase meiner zehnjährigen Taubheit war für mich trotz allem eine sehr schöne Familienzeit. Wir gingen aus, obwohl das Fröhlichsein für mich oft schwierig war. Dennoch wollte ich ausgehen, denn ich hatte immer Angst, dass das Leben sonst an mir vorbeigeht. So lachte ich eben, wenn die anderen lachten, wusste jedoch im ersten Moment meist nicht, warum. Die Gesichtsmuskeln taten oft weh. Besonders schwierig wurde es immer mit vielen Menschen, bei Feiern, beim Sport …

Man sieht einem Menschen nicht an, dass er schwerhörig ist. Wussten die anderen überhaupt, dass Sie taub sind?

Wie ich hörte und wann ich tatsächlich verstand, das war fast niemandem zu vermitteln. Es fragte auch selten jemand danach. Ich hatte das Gefühl, dass es allein mein Part ist, jede Situation zu meistern. Ich musste auf andere zugehen, musste Gesprächsthemen haben, stark und mutig sein. Wenn ich nicht verstand, konnte ich nachfragen. Aber ich war seit meiner Kindheit auf mich gestellt. Hilf dir selbst, dann hilft dir Gott! Natürlich stieß ich dabei an Grenzen. Es ist sehr anstrengend, jeden Tag so durchs Leben zu gehen. Nur meine Töchter konnte ich ohne jede Schwierigkeit verstehen, denn sie lernten, sehr deutlich zu sprechen. Und als ich meinen Schwerbehindertenausweis bekam – ohne Probleme mit 100 GdB (Grad der Behinderung, Anm. d. Red.) – hatte ich zumindest einmal das Gefühl, dass meine täglichen Schwierigkeiten überhaupt als solche anerkannt wurden. Ich empfand tatsächlich Genugtuung.

Sie haben dann zehn Jahre ohne Gehör gelebt – bis zum Jahr 1984. Wie war das damals?

Die zehn Jahre waren nicht spurlos an mir vorbeigegangen. Mein Selbstbewusstsein und meine Persönlichkeit hatten schon sehr gelitten. Ich begann deshalb, stundenweise wieder als Buchhalterin zu arbeiten. Dann war Sommer. Ich fuhr mit der Familie in den Urlaub und eines Tages stand in der Zeitung ein bemerkenswerter Artikel: »Professor Ernst Lehnhardt operiert an der MHH taube Frau. Die Frau hört mit einem Cochlea-Implantat.« Mir erschien dieser Artikel wie ein Wink des Schicksals. Professor Lehnhardt kannte ich nämlich schon.

Sie waren ihm schon vorher begegnet?

Ja, in der Universitätsklinik Hamburg-Eppendorf, wo er 1966 tätig war; er hatte mein Gehör gründlich untersucht und mir anschließend erklärt, dass er mir nicht helfen kann. Aber jetzt sah es so aus, als könnte er es doch. Also schrieb ich ihm einen Brief und er lud mich zu sich nach Hannover ein. Dort wurde ich drei Tage lang untersucht und dann saßen wir mit Professor Lehnhardt und Dr. Rolf-Dieter Battmer zusammen und es hieß, eine CI-Operation wäre möglich. Ich wunderte mich, warum man mir nicht einfach sagte, dass ich nun operiert werde. Aber Dr. Battmer erklärte mir: »Professor Lehnhardt erwartet, dass Sie die letzte Entscheidung für das CI treffen.« Ich hatte keine Zweifel. Am 27. November 1984 wurde mir links ein CI eingesetzt.

Welche Erinnerungen haben Sie an die Versorgung? Hatten Sie keine Angst?

Vor der OP wurden meine Haare bis zur Kopfmitte abgeschnitten und mein Kopf kahlgeschoren. Das war damals anders als heute, und es war nicht wirklich angenehm. Aber Angst hatte ich nicht. Ich dachte, ich habe nichts zu verlieren! Die Operation dauerte etwa vier Stunden, und die Schmerzen danach waren heftig. Bereits eine Woche nach der OP bekam ich dann meinen Soundprozessor, der von Dr. Battmer programmiert wurde. Er schaltete den Soundprozessor ein und ich konnte nach zehn Jahren zum ersten Mal wieder meine eigene Stimme hören. Auch wenn man weiß, was man sagt, ist es ein Unterschied, es akustisch zu verstehen. Aber meine Stimme nicht zu hören, hieß eben auch, sie nicht kontrollieren zu können. Dass sie plötzlich wieder da war, beeindruckte mich schwer, denn sie war mir sehr fremd geworden. Ihr Klang war inzwischen sehr metallisch. Aber ich zeigte nicht, wie es mir ging. Während der Taubheit hatte ich mir angewöhnt, meine Gefühle nicht zu zeigen – das war auch in diesem Moment noch so.

Was konnten Sie außer Ihrer Stimme noch hören?

Ich erinnere mich, dass ich durch die Halle der Medizinischen Hochschule lief, verfolgt vom Geräusch meiner eigenen Schritte. Danach ging ich in den Garten hinter dem Klinikbau, und ich hörte und hörte. Nur wusste ich erst gar nicht, was ich hörte. Ich schaute mich nach allen Seiten um: Ich war allein, weder ein Auto noch sonst was war zu sehen … Schließlich bemerkte ich die Bäume. Sie bewegten sich. Also musste das, was ich hörte, der Wind sein. Ganz besonders viele Geräusche gab es in der Cafeteria. Dort war der Geräuschpegel kaum auszuhalten. Aber das nahm ich in Kauf. Ebenso wie die OP-Narbe, die im großen Bogen weit über das Ohr hinausführte, und die Beule am Kopf, unter der das Implantat nicht sehr tief lag. Damals hießen diese Beulen irgendwann »Lehnhardt-Beule«.

Vieles, was bei einer CI-Operation seit Jahrzehnten Standard ist, mussten die CI-Pioniere wohl erst noch herausfinden und entwickeln?

Diese Beulen gab es später nicht mehr. Und auch der Sprachprozessor wurde nicht mehr gleich nach der OP ans Ohr gesetzt; sondern es wurde so lange gewartet, bis die OP-Wunde vollständig verheilt war. Ich hingegen musste zwei Monate nach meiner OP noch einmal operiert werden, weil die Wunde nicht heilen wollte. Im Januar nähte Professor Lehnhardt die Wunde dann noch einmal nach. Vorher zog er mir sozusagen das Fell über die Ohren, was danach noch lange in der Mitte des Kopfes zu spüren war. Als diese erneute OP-Wunde verheilt war, durfte ich meinen Soundprozessor inklusive des Kopfbügels mit der Spule wieder tragen. Dr. Battmer passte ihn erneut an, was von uns beiden höchste Konzentration verlangte. Ich war eben eine Versuchspatientin. Ob Arzt, Ingenieur oder Patient - wir waren damals alle Pioniere.

«Ich hätte es nie gedacht, dass alles, was ich noch hörte, nur Einbildung war. Offensichtlich hatte ich sehr gute Strategien entwickelt, um ohne Gehör zurechtzukommen.»

Wie ging es mit Ihrem Gehör weiter?

Das neue Hören wollte gelernt werden. Sprache zu verstehen, war mir anfangs noch nicht möglich. Vieles hatte ich vergessen, und alles klang – selbstverständlich – anders, als ich es in Erinnerung hatte. Die Sprachmelodie zu hören, erleichterte das Absehen enorm. Alles, was ich tat, war mit Geräuschen verbunden, auch das hatte ich total vergessen! Wenn ich beim Metzger einkaufte und dort die Ware in Papier gewickelt bekam, wurde ich fast wahnsinnig wegen des so unangenehmen Geräusches des Papiers! Insgesamt war das Einkaufen jetzt aber um vieles leichter. Ich hörte, ob es im Laden ruhig war oder laut, und passte meine eigene Lautstärke der Situation an.

Ein Hörtraining, wie man es heute kennt, gab es damals noch nicht?

Nein. Ich wusste nur, dass es wichtig ist, den Soundprozessor den ganzen Tag zu tragen, auch wenn es mir hin und wieder zu laut ist. Ich musste den ganzen Tag hören, damit sich das neue Hören entwickeln kann. Dann folgte eine Zeit, in der die Gespräche viel einfacher wurden, weil ich die Sprachmelodie hörte. Darüber hinaus wurde mir sehr bewusst, wie viele Geräusche es gibt. Es kam die Adventszeit und Weihnachten. Ich hörte die Lieder, erkannte sie aber nicht. Vieles blieb anfangs unerträglich laut …

Wie unterschied sich die CI-Technik, mit der Sie damals hörten, von dem, was man heute kennt?

Die Unterschiede sind erheblich. Meinen ersten Soundprozessor musste man am Körper tragen. Er war noch größer als eine Zigarettenschachtel – und deutlich schwerer. Ein langes Kabel verband den Soundprozessor mit der Spule am Kopf. Das Kabel lag über der Kleidung und ich musste aufpassen, dass ich nirgends damit hängenblieb. Die Spule wiederum wurde von einem Kopfbügel gehalten, der mit zwei Streben quer über dem Kopf lag, quasi von einem Ohr zum anderen. Damit die Töne exakt zum Implantat übertragen werden konnten, musste die Spule sehr genau auf dem Implantat liegen. Das Kabel steckte ich nach einiger Zeit immer am Hinterkopf mit einer Haarklammer fest, was auch der Spule Halt gab. Und für den Soundprozessor ließ ich mir eine kleine Tasche mit Tragegurt nähen, sodass ich ihn unter Bluse oder Pullover tragen konnte.

Den Kopfbügel brauchte man, weil Spule und Implantat noch nicht von Magneten übereinander gehalten wurden?

Das war nur in den allerersten Jahren so. In Kooperation mit Cochlear entwickelten Professor Lehnhardt und Dr. Battmer das CI ja kontinuierlich weiter, und davon profitierten auch die erstversorgten CI-Träger wie ich. Im Sommer 1987 setzte mir Professor Lehnhardt in einer kleinen Operation einen Magneten unter die Kopfhaut auf das Implantat. Fortan hielt dieser Magnet die Spule meines Soundprozessors und den Bügel brauchte ich nicht mehr. Das war eine wesentliche Erleichterung und verbesserte auch das Hören. Bis dahin musste der Kopfbügel immer korrekt sitzen, damit der Ton optimal übertragen wurde. Reparaturanfällig blieb diese frühe Technik aber trotzdem. Häufig waren Kabel defekt oder es gab einen Wackelkontakt … Dann musste ich wieder zur MHH nach Hannover – von meinem Wohnort waren das jedes Mal fast 200 Kilometer. Eine Fahrt dauerte etwa zwei Stunden. Aber ich bin immer gerne zur MHH gefahren. Mir wurde immer geholfen, ich bekam die nötige Unterstützung und fühlte mich wohl in der »CI-Familie«. Es entwickelte sich ein guter Kontakt zu Professor Lehnhardt und Dr. Battmer. Später, als ich Redakteurin der Zeitschrift »Schnecke« wurde und mich in der DCIG engagierte, verbanden wir diese Besuche oft mit Gesprächen über aktuelle Themen. Und entscheidend war, dass mir die Technik ermöglichte, was sie ermöglichen sollte – das Hören. Das wurde bei diesen Terminen ebenfalls regelmäßig überprüft.

Mit welchen Ergebnissen?

Beim Messen wurden damals immer das Hören von Vokalen und das Hören von Konsonanten unterschieden. Außerdem wurde getestet, wie gut ich mit und ohne Absehen von den Lippen verstehe. Kurz nach der OP verstand ich ohne Lippenabsehen 40 Prozent der Vokale richtig und gar keine Konsonanten. Mit Lippenabsehen verstand ich 95 Prozent der Vokale und 79 Prozent der Konsonanten. Anderthalb Jahre später waren die Messwerte dann deutlich besser: ohne Lippenabsehen 78 Prozent der Vokale und 71 Prozent der Konsonanten. Und als ich zusätzlich von den Lippen absah, verstand ich bei diesem Test alles.

Teil 2 des Interviews mit Hanna Hermann folgt in der nächsten Ausgabe.