Von: Martin Schaarschmidt
Betriebe: Ostdeutsche Wurzeln?
Identität ist ein großer und vielbemühter Begriff: Jedes Unternehmen braucht sie, diese besondere, unverwechselbare Identität. Zumindest sagen das die Marken-Strategen. Doch was heißt das eigentlich? Inwieweit ist ein Hörakustik-Unternehmen von dem geprägt, woher es kam, wer es aufgebaut und wie es sich entwickelt hat? Fragen, denen Martin Schaarschmidt bei einem Besuch der HörPartner GmbH nachging, die ihren Ursprung vor genau 30 Jahren in der Zeit nach dem Mauerfall hat – mitten im Osten Berlins, der ehemaligen Hauptstadt der DDR. Hier Teil 1 unserer 2-teiligen Reportage.
Anders als andere wollten sie schon immer sein: groß, und größer werden, dabei jedoch die Leidenschaft für gutes Hören nicht verlieren. Für dieses Ziel setzen die HörPartner seit jeher auf Qualifikation, auf eine sehr soziale Unternehmenskultur und auf flache Hierarchien, in denen sich jeder einbringen soll. »Hörpartner muss gut für die Kunden sein, gut für die Mitarbeiter und gut für die Gesellschafter«, so Percy Schöneck (1971–2018), langjähriger Geschäftsführer des Unternehmens. Seinem Credo blieben die HörPartner treu, auch nach Schönecks überraschendem Tod im Sommer 2018.
Das »Ursprungsunternehmen« der HörPartner, das Fachgeschäft von Michel & Partner, eröffnete 1992 in Berlin-Köpenick. Ein Geschäft von vielen, die in den Nachwendejahren überall in den neuen Bundesländern entstanden. Auch die heutigen Gesellschafter der HörPartner hatten alle ihre eigenen Geschäfte. Nur dass sie sich irgendwann sagten: Es wäre doch schlauer, wenn wir die Sache gemeinsam angehen. So entstand 2006 aus sieben Fachgeschäften die HörPartner GmbH.
»Als ich zwei Jahre später hier im Unternehmen anfing, waren es schon 16 Geschäfte; heute sind es mehr als 50«, erzählt mir Lars Stage, Geschäftsführer der HörPartner, bei meinem Besuch in der Firmenzentrale in Berlin-Karlshorst. Die Gegend hier kenne ich gut aus früheren Zeiten. Vor der Wende war sie sehr durch die allgegenwärtige Präsenz der Sowjetarmee geprägt – Kasernen und eher trostlose Straßenzüge, in denen die Offiziere mit ihren Familien wohnten, und hinter dem S-Bahnhof das Sperrgebiet, in das niemand durfte, und in dem sich eine Zentrale des KGB befand – die zweitgrößte nach der in Moskau …

Gibt es das: ein Unternehmen mit ostdeutscher Identität?
Auch die Villa in der Treskowallee – heutiger Firmensitz der HörPartner – gehörte damals »den Russen«. Doch die DDR ist längst vorbei und hat mit dem Hörakustik-Unternehmen nichts mehr zu tun. Oder vielleicht doch? Gibt es so etwas: ein Unternehmen mit ostdeutscher Identität? Sind die HörPartner ein ostdeutsches Unternehmen?
»Irgendwie schon, auch wenn so was schnell missverstanden wird«, entgegnet mir Lars Stage nach längerem Überlegen. »Da geht es um Dinge, die sich einem nicht so schnell erschließen, wenn man dieses Land, das es hier mal gab, nie erlebt hat. Wir sind sozial, direkt, offen, immer auf Augenhöhe. Wir duzen uns alle, haben flache Hierarchien. In unserem Team gibt es auch so ein paar schräge Charaktere, die in andere Unternehmen eher nicht passen würden, bei uns aber sehr gut reinpassen. Manchmal ist es anstrengend. Aber wir halten zusammen, und jedem von uns soll es gut gehen. Damit das so bleibt, muss man natürlich wirtschaftlich sein. Wir tun viel für die Mitarbeiter, aber wir müssen es uns auch leisten können.«
Ist das nun ostdeutsche Identität? »Ich denke, dass das kein Leitbegriff für ein heutiges Unternehmen sein kann«, so mein Gesprächspartner. »Zwar stammen viele unserer Kunden aus der DDR, und zu deren Identität gehört das natürlich. Aber für viele Mitarbeiter ist DDR nur noch Geschichtsunterricht. Und ob der Tempelhofer oder der Spandauer Kunde besonders gern zum Hörakustiker mit ostdeutschen Wurzeln geht, wage ich zu bezweifeln. Für die wäre sowas eher Ossi-Gehabe. Die ostdeutschen Wurzeln herauszustellen, kann stark polarisieren. Und schließlich sind wir in ganz Berlin vertreten und haben nicht nur in Brandenburg, Sachsen-Anhalt und Mecklenburg Geschäfte, sondern auch in Hessen und NRW. Daher können wir das für unsere Marke kaum nutzen.«

»Aber wir können doch nicht der Ostalgie verfallen!«
Doch die HörPartner wären nicht die HörPartner, wenn sie für so entscheidende Punkte wie die eigene Identität nicht nach gemeinsamen Antworten suchen würden – etwa in einer internen Diskussionsrunde zum Thema »Sehen wir uns als ostdeutsches Unternehmen?«. Hier nur ein Auszug:
»Das wir ostdeutsch sind, würde ich nicht sagen; aber wir sind trotz unserer Größe ein ortsverbundener Handwerksbetrieb.« – »Eher sind wir schon ein Berliner Unternehmen. Und wir sind locker, bodenständig, familiär.« – »Aber wir sind auch das größte ostdeutsche Unternehmen der Branche, oder? Das ist doch ein Alleinstellungsmerkmal.« – »Aber wir können doch nicht der Ostalgie verfallen! Ex-DDR-Produkte wie Rotkäppchen Sekt oder Thüringer Bratwurst gibt es bei uns schließlich auch nicht.« – »Man darf nicht unterschätzen, dass es vielen Menschen im Osten nach der Wende nicht so gut ging, und dass man stolz sein kann auf ein Unternehmen in dieser Größe. Das kann man auch zeigen!!!« – »In Berlin spielt der Ost-Hintergrund doch kaum noch eine Rolle, das war früher mal anders.« – »Aber in Brandenburg kann man damit immer noch punkten.« – »Wie oft ich mir von Kunden aus östlichen Regionen schon anhören musste, wie die Wessis sind! Als ich früher in Hannover gearbeitet habe, war das nie Thema.« – »Einen früherer Kollegen, einen ehemaligen NVA-Offizier, hatten wir mal einen Tag zur Vertretung in der Filiale am Kudamm eingesetzt. War eine ganz schlechte Idee. Der war ein richtiger Ossi.« – »Weshalb? Was hat ihn dazu gemacht? War er unfreundlich? Hat er nur die billigsten Geräte verkauft, um dem Kapitalismus eins auszuwischen?«
Der Chat-Verlauf im Intranet des Unternehmens ist sehr, sehr lang. Offensichtlich ist es manchmal gar nicht leicht, die Identität eines Unternehmens auf den Punkt zu bringen. Die Meinungen dazu, ob man sich als ostdeutsches Unternehmen darstellen sollte oder nicht, sind geteilt. »Interessant finde ich jedoch, dass auch die Jüngeren im Kern das gleiche nennen, wenn sie unsere Identität beschreiben«, so Lars Stage. »Eine familiär anmutende Atmosphäre trotz unserer Größe, die soziale Ausrichtung, dass sich jeder einbringen kann … Nur mit ›ostdeutsch‹ können das die Jüngeren nicht mehr verbinden; mit diesem Begriff können sie überhaupt wenig anfangen.«

Bester Hörservice dank Qualität statt Dienst nach Vorschrift
In den Medien und in Studien wird den Ostdeutschen immer wieder eine eigene Identität bescheinigt. Die sei nicht nur durch die Verhältnisse vor dem Mauerfall, sondern auch durch die Veränderungen nach 1990 geprägt. In einer Studie von 2016 gaben 63 Prozent der Ostdeutschen an, sie fühlten sich stark bzw. ziemlich stark mit der DDR verbunden. 1991 hatten das nur 43 Prozent gesagt (1). Rumgejammer und Ostalgie? Das ist als Erklärung zu simpel. Studien zeigen nämlich auch, dass die Verbundenheit mit dem verschwundenen Land sowohl die Freude einschließt, die DDR überwunden zu haben, als auch den Wunsch, eine spezifische Alltagskultur zu bewahren. Identität ist eben nicht frei von Widersprüchen. Etwa zwei Drittel der Ostdeutschen lehnen das politische System der DDR als »Unrechtsstaat« ab, doch etwa genauso viele sagen, sie hätten den »gesellschaftlichen Zusammenhalt« positiv erlebt (2).
Vielleicht ist es ja eher das Gefühl vom Zusammenhalt, das die HörPartner unterscheidet? »Es gibt viele Punkte, in denen wir uns von anderen abheben wollen«, erklärt mir Lars Stage. »Es geht um Kundennähe, Pragmatismus und Schnelligkeit, um Anpassungsfähigkeit, Bodenständigkeit. Und unser Team ist der Star. Formal sind wir eine Kette. Wir wollen jedoch eine Art Hybrid sein. Wir bieten Kunden und Mitarbeitern die Vorteile einer Kette – mehr Sicherheit, attraktive Preise. Aber wir wollen nicht aufhören, mit Herz Akustiker zu sein. Also nah am Kunden, persönlich, mit Qualität statt Dienst nach Vorschrift. Letzteres schadet nur unserem Handwerk. Wir setzen bewusst nicht auf aggressiven Preiskampf. Wir wollen der große Fachanbieter sein, zu dem man gerne geht.«
Dass das nicht nur ein Lippenbekenntnis ist, wird ebenfalls durch Studien belegt. Das Deutsche Institut für Service-Qualität (DISQ) veröffentlichte Anfang September gemeinsam mit dem Nachrichtensender n-tv die Studie »Hörakustiker 2021«, bei der die Service-Qualität großer deutscher Hörakustik-Anbieter evaluiert wurde (3). Auf Platz 1: die HörPartner GmbH. Auch TestBILD, Deutschlands »härtestes Verbrauchermagazin«, sowie das führende Statistik-Portal Statista kürten die HörPartner gerade wieder zum Service-Sieger in der Hörakustik (4). Auch hier wurden die größten Anbieter der Branche kritisch unter die Lupe genommen; diesen ersten Platz hatten die HörPartner auch schon im letzten Jahr gewonnen.
Teil 2 der Reportage über die HörPartner folgt in unserer Dezember-Ausgabe.

(1) Susanne Rippl, Nelly Buntfuß, Nicole Malke, Natalie Rödel, unter Mitarbeit von Luisa Schubert, Ostdeutsche Identität, Zwischen medialen Narrativen und eigenem Erleben, in: Deutschland Archiv, 16.5.2018, Link: www.bpb.de/269349, letzter Zugriff am 14.4.2020.
(2) Heinrich Best u.a., Politische Kultur im Freistaat Thüringen. Thüringen im 25. Jahr der deutschen Einheit – Ergebnisse des Thüringen-Monitors 2015, www.landesregierung-thueringen.de/fileadmin/user_upload/Landesregierung/Landesregierung/Thueringenmonitor/thuringen-monitor_2015.pdf, letzter Zugriff am 14.4.2020. (Anm.9), S. 38-48.
(3) Weitere Informationen zur Studie »Hörakustiker 2021« finden Sie in folgendem Beitrag von n-tv https://www.n-tv.de/ratgeber/Wie-gut-sind-Hoerakustiker-article22787577.html.
(4) Weitere Informationen zur Studie »Service-Sieger 2021/22« finden Sie unter https://www.testbild.de/test/tests-zu-shopping/service-sieger-202122-lebensmittel-und-gesundheit-1109767.html
