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Von: Dennis Kraus
DIE »BE BRILLIANT«-TOUR 2021 – UNTERFÜTTERUNG DER HIGHLIGHTS
»Der Herbst wird live« – mit diesen Worten hatte man bei Signia die »Be Brilliant«-Tour im Vorfeld angekündigt. Insgesamt 33 Shows in 16 Städten absolvierte das Team des Herstellers, um den Besuchern das aktuelle Augmented-Xperience-Programm samt Tipps und Tricks für Anpassung und Beratung vorzustellen. Der besondere Fokus lag dabei auf den neuen Insio Charge&Go AX IdO-Geräten. Mit einem Gastauftritt von audiosus boten die Erlanger sogar einen Blick über die eigenen Themen hinaus.
In Hamburg und Umgebung ist das Interesse offenbar besonders groß. Davon zeugen vier ausgebuchte Termine an zwei Tagen. Gut, in anderen Zeiten wären diese vier Termine vielleicht zu einem großen oder zwei etwas größeren zusammengelegt worden. Aber so werden die rund 100 Akustikerinnen und Akustiker in der Hansestadt eben mit vier Vorstellungen der »Be Brilliant«-Tour auf den neuesten Stand gebracht.
Zur Einstimmung wird ein kurzer Film gezeigt. »2021 wird ein brillantes Jahr, jedes Quartal ein Highlight, ein Feuerwerk an Neuigkeiten« sieht man Christian Honsig in dem Clip sagen. Schnell wird klar, hier will man vorankommen, Tempo aufnehmen und halten – als säße Walter Röhrl mit am Steuer. An Themen für die Tour mangelte es jedenfalls nicht. Im Gegenteil.
Warum Augmented Xperience?
Nach einer kurzen Begrüßung durch Regionalleiter Markus Isenhardt übernimmt Björn Bretschneider den ersten Teil dieser Roadshow. »Mein Auftrag ist es, Sie zu informieren, was es an Neuheiten gibt«, setzt der audiologische Trainer an. Bedenkt man, was Signia in diesem Jahr bereits gelauncht hat und dass diese Tour die erste Präsenzveranstaltung des Jahres ist, kann man sich vorstellen, wie umfangreich das Programm ist. Zudem soll hier heute jeder nach drei Stunden mit dem Gefühl rausgehen, etwas Neues erfahren zu haben, was er bei nächster Gelegenheit im Betrieb umsetzen möchte. Das ist der Anspruch.
»Welche Gedanken hatte der Entwickler, als er die AX-Plattform entwickelt hat?«, fragt Björn Bretschneider mit Blick auf die neue Technologie. Ein Treiber sei die Idee gewesen, den Kontrast zwischen Sprache und Umgebung weiter zu schärfen. Schließlich reagiere das menschliche Gehirn stark auf Kontrast. Ist etwas kontrastreich, ist es für das Bewusstsein einfacher zugänglich. Man spricht hier auch von Salienz, erklärt Bretschneider. Und mit der einher geht die sogenannte Pertinenz, also die subjektive Relevanz. Über die entscheide das Gehirn oftmals automatisch. Mit Blick auf die Signalverarbeitung seien diese Informationen wichtig, da Menschen akustische Reize auf zwei Arten verarbeiteten. So gebe es einmal die »reizgetriebene Verarbeitung«, etwa, wenn man seinen Namen hört und sofort reagiert. Und es gibt die »zielgetriebene Verarbeitung«, zum Beispiel, wenn man jemandem zuhört. Im Vergleich zur reizgetriebenen sei die zielgetriebene Verarbeitung weniger ein Automatismus. Sie koste Konzentration, Energie, Kraft, weil man für seine Aufmerksamkeit kognitive Energie aufbringen müsse, erst recht bei einer Hörminderung.
Um Nutzerinnen und Nutzer von Hörsystemen zu entlasten, setzte man bekanntlich lange auf Richtcharakteristik. Doch die arbeitet oft zulasten der gesamten akustischen Szenerie. Um diese in bestimmten Situationen nicht weitestgehend auszublenden, führte Signa mit dem Start der Xperience-Plattform die sogenannte Layer-Technologie ein. Die ermöglicht über die Anpassung gewissermaßen ein Mix aus zwei akustischen Ebenen: dem Nutzschall und der Umgebung. Man erhält also Unterstützung durch einen Fokus nach vorn, bekommt aber zusätzlich die komplette Hörumgebung beigemischt. Um den Kontrast zwischen Nutzschall und Umgebung noch stärker hervorzuheben, hat man den Ansatz für die Augmented-Xperience-Technologie noch weiter verfeinert. So werden nun zwei getrennt voneinander arbeitende Signalpfade genutzt. »Der eine ist für die Kontrastanhebung des Sprachsignals, der andere für die brillante Wahrnehmung der Hörumgebung«, erklärt Björn Bretschneider. Bei den Nutzerinnen und Nutzern soll das die kognitiven Ressourcen schonen, und sie können selbst entscheiden, wohin sie ihre Aufmerksamkeit richten möchten.
Um das Eingangssignal entsprechend verarbeiten zu können, arbeiten die AX-Systeme unter anderem mit zwei Verstärkern. Der eine ist mit seinen 48 Kanälen für das zuständig, was von vorne kommt, der andere verarbeitet in 48 Kanälen die Umgebung. Im Ergebnis bekomme man einen größeren Kontrast zwischen Nutz- und Umgebungsschall. Dafür werde Sprache möglichst linear verarbeitet, die Umgebung werde etwas stärker komprimiert. »Damit hat man schon ein gerichtetes Hören, ohne dass überhaupt Richtcharakteristik eingesetzt wird«, sagt Björn Bretschneider.
Besonders gut funktioniere das freilich, wenn Sprache von vorn kommt und Lärm von hinten. Bekommt man es mit Sprache und Störlärm von vorn zu tun, fährt die AX-Technologie die Richtcharakteristik hoch und erzeugt mithilfe der binauralen Direktionalität einen möglichst engen Fokus. Für diese »erweiterte Zone«; wie Bretschneider erklärt, werde Sprache weiter linear übertragen und mit der passenden Zielverstärkung angehoben. Die Größe dieser erweiterten Zone variiert dabei nach der Leistungsklasse des Hörsystems. »Das ist der erste Punkt, den Sie im Anpass-Raum hörbar machen können«, betont Bretschneider. Er rät, zunächst Geräte aus dem 7er-Preissegment zu programmieren und dann den Fokus manuell über die App zu verändern. Die 3er Leistungsklasse arbeitet hier mit einem Fokus von 120° Richtwirkung, die 5er kommt bereits auf 80° und die 7er auf 40°. »Hört der Kunde keinen Unterschied, passen Sie wahrscheinlich zu offen an«, ergänzt Björn Bretschneider.
Um zu erkennen, welches Maß an Unterstützung notwendig ist, führen die Geräte permanent eine SNR-Analyse durch. Den Wirkungsgrad der Unterstützung kann man wiederum in der Anpassung über den DSP-Slider individualisieren.
Ein anderer Aspekt, der mit der AX-Technologie weiter verbessert wurde, ist der Klang. »Wenn Hörgeräte für einen Kunden schlecht klingen, wird er sie nicht tragen«, sagt Björn Bretschneider. So nutzt Signia für die AX-Systeme MEMS-Mikrophone, die eine Eingangsdynamik von bis zu 117 dB ermöglichen. Das sorge für »kristallklaren Sound«. Dazu komme, dass viele Kunden ihre Hörsysteme inzwischen mit Kopfhörern vergleichen. Darum brauche es auch für das Streamen von Musik, Podcasts oder dem TV-Signal bestmöglichen Klang. Die AX-Geräte arbeiten hierfür mit einem eigenen Verstärker, der das Signal »komplett linear« überträgt und eine Regelung des Sounds in zwölf Frequenzbändern zulässt. Für Signale vom Fernseher oder vom Smartphone lassen sich überdies unterschiedliche Einstellungen hinterlegen.

Die verschiedenen Klassen und eine Maßanfertigung für AX
Auf Björn Bretschneider folgt an diesem Vormittag Florian van Huet. Der audiologische Trainer stellt die Leistungsklassen der AX-Systeme vor. Da auf dem jüngsten Kongress die Leistungsklassen 1 und 2 neu dem Portfolio hinzugefügt wurden, kann er nun alle Abstufungen aufzeigen und Argumentationen liefern, die die Unterschiede zwischen den Klassen verdeutlichen.
Dank der zwei Chips habe man auch in den beiden unteren Klassen die Anzahl der Kanäle erhöhen können. »Im 1er-Bereich sind wir jetzt mit zwei Mal 16 Kanälen unterwegs«, eröffnet van Huet. Zudem verfügt die 1er-Klasse über ein adaptives Richtmikrofon, direktes Streaming für iOS- und passende Android-Geräte, und auch der DSP-Slider ist in der Anpassung verfügbar. Der Wirkungsgrad hängt hier allerdings von der Leistungsklasse ab. In der 2er-Klasse kommen bereits die Windgeräuschunterdrückung, die SoundSmoothing- sowie die Notch-Funktion für Menschen mit Tinnitus hinzu. In der 3er-Klasse gibt es nun 48 Kanäle. Dazu kommen das Own Voice Processing, die Nutzung eines Bewegungssensors, Speech Focus 360 sowie eine stärkere binaurale Direktionalität.
Wichtig sei außerdem, dass man die Geräte selbst mal getestet hat, sagt Florian van Huet. »Tun Sie sich und Ihren Kunden den Gefallen und hören Sie sich das selbst mal an.« So könne man in der Beratung die Unterschiede »deutlich überzeugender herüberbringen«.
In der Folge geht er auf weitere Neuheiten im Produkt-Portfolio ein, dann stellt er die jüngste Innovation aus dem Hause Signia vor: das Insio Charge&Go AX. Mit der Entwicklung entspreche man vielen Nutzerwünschen, verfügt das IdO-System doch sowohl über Bluetooth- als auch Akku-Technologie. Dazu komme der zuletzt auch durch die Pandemie getriebene Trend hin zu Im-Ohr-Lösungen. Bei Signia machten IdO-Systeme derzeit einen Anteil von 37 Prozent aller ausgelieferten Geräte aus, sagt van Huet. Und um hier nun auch etwas Maßgefertigtes auf Basis der neuesten Plattform anzubieten, launchte man das Insio Charge&Go AX.
Das neue IdO-Flaggschiff verfügt über die IP 68, den konfigurierbaren Taster und kann dank Magnetresonanzladung ganz einfach in den Charger gelegt und geladen werden. Der Akku biete 24 Stunden Laufzeit bei vier Stunden Ladezeit. Streame man viel, reiche eine Ladung immer noch für 20 Stunden. Programmiert wird das Insio Charge&Go AX über die NoahLink Wireless. Audiologisch bietet es sämtliche Vorzüge der AX-Plattform. Nur OVP ist nicht verfügbar. Die Faceplate ist in sechs Farben erhältlich, für die Schalenfarbe »sind hier fast keine Grenzen gesetzt«, so van Huet. »Machen Sie mit Ihren Kunden also ruhig auch mal eine Farbberatung.«
Normales Hören
Den dritten Teil der Vorstellung bestreitet ein Special Guest. So hat Signia für sämtliche Stopps der »Be Brilliant«-Tour mit audiosus ein externes Unternehmen in das Programm aufgenommen. Die Firma ist bekannt für einige kundenorientierte Lösungen in den Bereichen Beratung, Anpassung und Service: Audiocon, Aurelia und MyAkustiker. Die drei Tools würden »zu Begleitern entlang des gesamten Kunden-Lebenszyklus«, sagt Carsten Ganten vom audiologischen Support und Vertrieb bei audiosus. Die »Be Brilliant«-Tour begleiten Ganten und sein Kollege Harald Heine, um den Signia-Kunden insbesondere etwas über die Anpassung von IdO-Systemen zu erzählen.
Ob IdO, HdO oder RIC, Carsten Ganten rät, die Entscheidung dem Kunden zu überlassen – vorausgesetzt, dessen Gehörgänge und der Hörverlust lassen dies zu. In den meisten Fällen falle die Kundenwahl auf ein IdO. »Also sollte man ihm das auch anpassen, ohne Umwege«, sagt Ganten. Die erste Herausforderung sei dann der Verschlusseffekt. Daher empfiehlt Carsten Ganter sehr tiefe Abformungen bis deutlich hinter den zweiten Knick. Zudem sollte man »darauf vorbereitet sein, auch mal ein Loch in eine Schale zu fräsen«. Ein weiterer Vorteil sehr tief sitzender Systeme sei es, so auch das Thema Knochenschall »in den Griff« zu bekommen.
Passe man wiederum RICs oder HdOs an, rät Ganten dringend zur Nutzung von Otoplastiken. »Nur dann können wir wirklich etwas im Sinne der Frequenzanpassung machen«, sagt er. Um hier dem Verschlusseffekt vorzubeugen, rät er zu einer 1,2 mm-Bohrung. »Das ist ein guter Kompromiss zwischen dem, was Kunden erwarten, und dem, was man machen will, um die Features gut ans Ohr zu bringen«, so Ganten weiter.
Auch mit dem »Mythos«, IdOs seien merklich reparaturanfälliger, räumt Carsten Ganten in seiner Präsentation auf. »Da hat sich inzwischen einiges getan«, sagt er. Als wichtig sieht er vor allem an, das Thema Feuchtigkeit unter Kontrolle zu bekommen. Er rät daher dazu, Kunden gute Trockengeräte, die richtig aktiv sind, mitzugeben.
Ein weiterer Punkt ist für ihn, eine gewisse Geschwindigkeit in die Anpassung zu bekommen. Sein Tipp: Genau die Geräte zu empfehlen, die ein Kunde braucht. »Wenn wir Hörgeräte anpassen, brauchen wir im Schnitt 4,3 Termine«, sagt Carsten Ganten. »Im Vergleich sind wir also ziemlich schnell fertig.« »Schnell« sei hier im Übrigen »im positiven Sinne« zu sehen, betont Ganten. »Das heißt: schnell für den Kunden.« Wer würde schon gern acht Mal zur Anpassung seiner Hörsysteme gehen?
Um dieses Tempo halten zu können, sei es wichtig, dass Klangqualität und Sprachverstehen gleich mit der ersten Anpassung sitzen. »Dieses Herumprobieren, das machen wir nicht mehr«, stellt Ganten klar. Nutze man die Anpassmethode Aurelia von audiosus, die das Ziel verfolgt, über die Anpassung einen Kunden wieder alle Töne möglichst gleich laut hören zu lassen, würden Kunden ihr neues Hören wieder als »normal« beschreiben. Und »normal« ist hier bekanntlich das höchste der Gefühle.
Mit entscheidend sei herfür, dass Kunden die Klangqualität ihrer Hörsysteme als gut empfinden. »Ein Kunde, der zum Akustiker geht, wird nicht infrage stellen, dass er hinterher Sprache wieder gut verstehen kann, das erwartet er«, so Ganten. Wichtiger sei die Klangqualität. Gelinge es, Kunden bereits beim ersten Termin davon zu überzeugen, dass ihre Hörgeräte hervorragend klingen, habe man »schon gewonnen«. Als weiteren Tipp nennt er, die Kunden zu fragen, was für Musik sie gerne hören und ihnen diese über die Geräte vorzuspielen. »Dann werden Sie erleben, wie die Kunden zu grinsen anfangen. Und wenn sie lächeln, sind sie mit ihren Hörgeräten im Prinzip schon einverstanden.« Zumal sich die Geräte, nur weil sie gut klingen, in puncto Sprachverstehen nicht verstecken müssten. So müsse man auch nicht mehr viele Folgetermine verabreden.
Das Finale des Tour-Stopps markiert schließlich ein kleiner Workshop. Hier kann man an der ersten Station erfahren, wie man mit einem Scan eines Abdrucks über das eBusiness-Tool von Signia eine Bestellung für zum Beispiel ein Insio Charge&Go AX auslöst. Die Bestellung über die Plattform beschleunige den Prozess noch einmal, erklärt Björn Bretschneider. Aktuell, sagt er, brauche es 20 Werktage bis zur Auslieferung. Mit eBusiness und digitalem Versandt des Abdrucks sind es nur 15 Tage, wird zusätzlich Porto gespart und der Hörakustiker erhält eine Datei für die Ablage in der digitalen Kundenkartei. An der zweiten Station dreht sich alles um den Signia-Assistant. Hier kann man auch selbst mit Hörsystemen im Ohr ausprobieren, was der alles kann. An der dritten Station stellen Harald Heine und Carsten Ganten eine Freifeld-Hörgeräteanpassung über Aurelia von audiosus vor. Und so verlässt man die »Be Brilliant«-Tour mit einem Rucksack gefüllt mit Wissen und Inspirationen.
