DIGITALES MAGAZIN
005 | Dezember 2021
24/26

Hören zum Betrachten:

EIN BUCH VON ROMANA ROMANYSCHYN UND ANDRIJ LESSIW FÜR KLEINE UND GROSSE HÖR-FANS

BÜCHER. Wer dieses Buch einfach durchliest, ist ohnehin in einer viertel Stunde fertig. Doch schon die kurzen, prägnanten Sätze haben es in sich und verdienen, aufmerksam gelesen zu werden: »Die Stimme der Natur ist noch immer dieselbe. Wir hören sie so, wie sie schon unsere Urgroßeltern gehört haben«, heißt es da zum Beispiel. Oder: »Manchmal verstehen wir uns nicht. Dann fühlen wir uns einsam. Aber man kann eine gemeinsame Sprache finden und den anderen sogar ohne Worte verstehen.«

Natürlich werden alle Basics des Hörens vorgestellt: Aufbau des Ohres und Schall, Messen von Lautstärke und Tonhöhe ... Ganz nebenbei erfährt man jedoch Dinge, die man vielleicht tatsächlich noch nie gehört hat. Zum Beispiel, wie ein Teremin gespielt wird, oder dass die Gruppe The Vegetable Orchestra ihre Stücke auf geschnitztem Gemüse spielt, aus dem nach jedem Konzert eine Suppe gekocht wird, oder dass der Architekt David Hanawalt und der Sounddesigner Willialm Close ein Haus gebaut haben, das die Klänge der Natur drum herum verstärkt: Durch die Fenster hört man die Geräusche des Windes noch deutlicher und Regen auf dem Dach klingt wie Trommeln. Und auch die Stille bekommt im Buch ihren Platz. (»Manchmal finden wir in der Stille, wonach wir lange gesucht haben, und hören das wirklich Wichtige: wie das Klopfen zweier Herzen.«)

Noch mehr als anregende Sätze und interessante Informationen zählt bei »HÖREN« die besondere Atmosphäre, die die Designer und Illustratoren Romana Romanyschyn und Andrij Lessiw in ihrem Buch geschaffen haben: Ein Mann mit Regenschirm, der durch einen strömenden Regen aus Geräusche-Worten (ächzen, gackern, heulen, klirren usw.) geht. Eine Harfe, deren Schallwellen wie kleine Blüten aussehen. Überhaupt gibt es überall verschiedenste Formen von Schallwellen … Zur »Hör-Welt« von Romana Romanyschyn und Andrij Lessiw gehören viele schöne, poetische Bilder, die wunderbar anschaulich machen, was man ja eigentlich gar nicht sehen kann.

Jede neue Seite bringt kleine Entdeckungen. Thematisch spannt sich der Bogen von der großen Stille und dem Urknall (als dem Beginn des Universums und des Hörens) bis zum Finden unserer eigenen Stimme (nach der Geburt) und zum ersten Erkunden der Welt durch das Hören. Man gelangt in ein buntes Orchester, in den vielfältig klingenden menschlichen Körper, in ein von Geräuschen durchdrungenes Haus, in eine lärmende Stadt, in tönende und lauschende Natur, und dabei blüht, sprudelt, tropft, rinnt, flutet der Schall überall …

»HÖREN« von Romana Romanyschyn und Andrij Lessiw ist ein kleines Buchkunstwerk und eine poetische Entdeckungsreise, die wir wärmstens empfehlen können. Es ist sicherlich ein tolles Buch für Kinder. Aber es ist auch ein schönes Geschenk für Erwachsene – zum Beispiel für solche, die sich beruflich mit dem Thema Hören beschäftigen, und überhaupt für alle, die gerne hören.

»HÖREN« von Romana Romanyschyn und Andrij Lessiw, übersetzt aus dem Ukrainischen von Claudia Dathe, ist 2021 im Verlag Gerstenberg erschienen, ISBN 978-3-8369-6051-9, 56 Seiten, Preis 20,00 Euro.

Die Rezension erschien ursprünglich auf www.die-hörgräte.de, dem Blog von Martin Schaarschmidt.