DIGITALES MAGAZIN
005 | Dezember 2021
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Die Identitätssuche der HörPartner (Teil 2)

Von: Martin Schaarschmidt

Betriebe: Ostdeutsche Wurzeln?

Identität ist ein großer und vielbemühter Begriff: Jedes Unternehmen braucht sie, diese besondere, unverwechselbare Identität. Zumindest sagen das die Marken-Strategen. Doch was heißt das eigentlich? Inwieweit ist ein Hörakustik-Unternehmen von dem geprägt, woher es kam, wer es aufgebaut und wie es sich entwickelt hat? Fragen, denen Martin Schaarschmidt bei einem Besuch der HörPartner GmbH nachging, die ihren Ursprung vor genau 30 Jahren in der Zeit nach dem Mauerfall hat – Mitten im Osten Berlins, der ehemaligen Hauptstadt der DDR.  Hier der abschließende Teil 2 unserer Reportage.


Ob in der Studie »Hörakustiker 2021« des Deutschen Instituts für Service-Qualität (DISQ) oder bei der Service-Studie von TestBILD und Statista – in aktuellen Rankings der großen Hörakustik-Anbieter belegten die HörPartner jeweils den ersten Platz. Doch wie erreicht man besten Hörservice im großen Stil bzw. in den Strukturen eines großen Hörakustik-Unternehmens?  Ganz entscheidend, so Geschäftsführer Lars Stage, sei die fortlaufende Qualifikation aller Mitarbeitenden: »Das sichern wir durch ein enges Betreuernetz, durch vielfältige Weiterbildungsangebote und ein eigenes Schulungszentrum ab.«

»Arbeit macht nicht immer Spaß, doch jeder soll sich wohlfühlen.«

Mindestens ebenso wichtig sei jedoch die Motivation: »Arbeit macht nicht immer Spaß; doch bei uns soll sich jeder wohlfühlen und morgens mit einem guten Gefühl in den Laden kommen. Auch dafür tun wir eine Menge. Wir passen zum Beispiel die Öffnungszeiten so weit wie möglich an die Bedürfnisse der Mitarbeiter und ihrer Familien an. Wenn jemand aus dem Mutterschutz kommt und nur noch 35 Stunden übernehmen will; wenn jemand dienstags nur bis 14 Uhr kann, dafür am Donnerstag länger macht, stellen wir uns darauf ein, wann immer es geht.«

Und damit noch nicht genug. Ob in brandenburgischen Kleinstädten wie Zossen und Zeuthen oder im mecklenburgischen Crivitz – immer wieder eröffnen die HörPartner Fachgeschäfte an Standorten, die den Wünschen einzelner Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter Rechnung tragen. »Gerade in ländlichen ostdeutschen Regionen gibt es nach wie vor viele junge und fähige Leute, die ihre Heimatorte verlassen. Sie sind dort familiär verwurzelt; aber sie haben kaum Möglichkeiten, in diesen Gegenden Geld zu verdienen. Andererseits ist der Bedarf in diesen strukturschwachen Regionen groß. Mitunter müssen die Leute 50 Kilometer und mehr fahren, um zum nächsten Fachgeschäft zu kommen.«

Eine Problematik, in der die HörPartner eine Chance erkannten. Das Unternehmen sucht seit Jahren junge Menschen aus diesen Gegenden, bildet sie aus, schickt sie zur Meisterschule und gibt ihnen an ihrem Heimatort die Verantwortung für eine eigene Filiale. So wie zum Beispiel Marie Graf. Die junge Hörakustiker-Meisterin stammt aus Zossen, einer brandenburgischen Kleinstadt mit 19.000 Einwohnern. Drei Jahre lang hatte sie im HörPartner-Fachgeschäft in Berlin-Karlshorst gelernt, danach ihren Meisterabschluss gemacht und 2018 die Leitung einer neu geschaffenen Filiale in ihrem Heimatort übernommen.

»Wer aus einer Gegend stammt, der weiß auch, wie die Leute dort ticken.«

»Ich arbeite gerne selbständig, und bei den HörPartnern bekommt man ziemlich viel Spielraum dafür«, erklärt mir die 25-jährige beim Besuch in »ihrem« Geschäft. »Es macht mir Spaß, mitzudenken, eigene Ideen einzubringen und umzusetzen. Schon bei der Gestaltung des Ladens konnte ich viel mitwirken. Bei den Anpassungen kann ich ebenfalls sehr viel selbst entscheiden. Ich habe mir die Leitung einer Filiale zugetraut. Und ich bin gerne wieder hier in Zossen. Es ist genau das, was ich mir für meine Zukunft gewünscht hatte: den Meister machen, ein Geschäft in der Gegend übernehmen und bei den HörPartnern bleiben.«

Ein Erfolgskonzept, zu dem auch gehört, dass die jungen Meisterinnen und Meister mit den Gegebenheiten vor Ort sehr gut vertraut sind  »Wer aus einer Gegend stammt, wer in ihr beheimatet ist, der weiß auch, wie die Leute dort ticken«, erklärt mit Lars Stage. »Für die Kundennähe ist das wichtig. Vielleicht nicht so sehr in Berlin, wo alle möglichen Menschen zusammenkommen; aber in anderen Regionen ist es absolut entscheidend. Wer in Bernau oder Eberswalde einen Laden aufmacht, der wird kaum erfolgreich sein, wenn er nicht Mitarbeiter aus dieser Gegend hat. Auch bei unseren Filialen in Hessen ist das so.«

Dann erzählt mir der HörPartner-Geschäftsführer von zwei Mitarbeitern, die die Filiale in einer anderen Brandenburger Kleinstadt betreuen: »Von den beiden weiß ich genau, dass ich sie keinesfalls an anderen Standorten einsetzen darf. Sonst würde es dort im Kundenkontakt ziemlich schwierig sein. Doch an dem Ort, an dem sie eingesetzt sind, passen sie haargenau und sind sehr erfolgreich. Auch deshalb, weil wir ihnen nicht kleinkariert vorschreiben, wie sie ihre Arbeit zu machen haben. Jeder soll den Job so erledigen, wie es die Kunden an seinem Ort brauchen.«

Eigenverantwortung zu übernehmen, selbstbewusst zum eigenen handwerklichen Können zu stehen und gegebenenfalls auch die eigene Meinung zu sagen – all das vermitteln die HörPartner bereits ihrem Nachwuchs. Und sie vermitteln es neuen Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern, denen das von früheren Arbeitgebern keinesfalls immer geläufig ist. Diese offene Unternehmenskultur sei für ihn nicht weniger wichtig als das Wissen und das handwerkliche Können, so der Geschäftsführer. 

Fordern und fördern – das besondere Verhältnis zu Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern

»Auch die Unternehmenskultur müssen wir vermitteln«, so Lars Stage. »Ob Azubis, neue Gesellen und Meister oder auch Hörberater – sie alle werden zu HörPartnern, also zum Teil dieses Wir-Gefühls. Wir fordern und wir fördern jeden. Azubis zum Beispiel zahlen wir Vergütungen, die über den Empfehlungen der BIHA liegen, übernehmen die Kosten für die Fahrten nach Lübeck usw. Auch angesichts des anhaltenden Nachwuchsmangels, über den viele Branchen klagen, ist es wichtig, als Ausbildungsbetrieb attraktiv zu bleiben.«

Ein besonderes Verhältnis zu Nachwuchs und neuen Mitarbeitern drückt sich auch darin aus, dass die HörPartner den Zeugnissen ihrer Bewerberinnen und Bewerber nur eingeschränkt Aussagekraft beimessen. Bevor jemand als Azubi oder auch als Hörberater eingestellt wird, durchläuft derjenige eine längere Bewerbungsphase. Über die Eignung eines Bewerbers sage das häufig viel mehr aus als seine Schulnoten; und unterm Strich bekämen so auch Bewerber eine Chance, die woanders chancenlos blieben.

So wie Yaser Almohammad (25). Auf der Suche nach einer Zukunft verschlug es den jungen syrischen Kriegsflüchtling nach Berlin. Seine Ausbildung bei den HörPartnern ergab sich eher zufällig; doch auch nach drei Jahren ist Yaser immer noch froh: »Mir gefällt, dass der Beruf so vielfältig ist« erklärt er. »Und das wichtigste ist, dass man immer mit Menschen in Kontakt bleibt. Man kann ihnen helfen, damit sie zum Beispiel wieder ihre Familie hören, ihre Enkelkinder.«

Im Fachgeschäft der HörPartner in Berlin-Lichtenrade ist Yaser seit Jahren in die tägliche Kundenbetreuung voll integriert. Einmal pro Woche besucht er außerdem einen Deutschkurs, den die HörPartner für mehrere ihrer migrantischen Azubis und Mitarbeiter anbieten. Die berufliche Entwicklung, die Yaser Almohammad genommen hat, ist für das Unternehmen eine schöne Bestätigung. Im Sommer hat der junge Mann gleich im ersten Anlauf die Gesellenprüfung bestanden. Den Kunden steht er seitdem als frisch gebackener Hörakustiker zur Seite.

»Viel entscheidender ist doch das Gefühl, zu seinem Hörakustiker zu gehen.«

»Neben Mitarbeitern mit Migrationshintergrund haben wir auch solche mit Ecken und Kanten, die woanders nie gepasst haben und bei uns sehr gut arbeiten«, so Lars Stage. »Unsere Hörberater zum Beispiel finden wir zumeist auf dem zweiten Arbeitsmarkt. Sie sind weder Geselle noch Meister, aber sie überzeugen uns durch ihre sozialen Kompetenzen, durch andere wertvolle Erfahrungen, engagiertes Auftreten und Zuverlässigkeit. Klar benötigen sie auch das erforderliche Fachwissen; und das vermitteln wir ihnen und schicken sie zur Weiterbildung. All das kann man lernen, und hier helfen wir uns untereinander. Aber was nützt mir jemand mit 1er Abitur, wenn er nicht in der Lage ist, ein Gefühl für die 70-jährige Dame zu entwickeln, die vor ihm sitzt?!«

Man wolle nah an den Leuten vor Ort bleiben, bodenständig. »Das war immer unser Erfolgsrezept; das ist es, wo wir herkommen«, betont mein Gesprächspartner. Zur Bodenständigkeit gehöre auch, sich an den Orten, an denen man arbeitet, einzubringen, sich für die Region zu engagieren. »Deshalb sind wir zum Beispiel Sponsor für den jüngsten Handballnachwuchs der HSG Ederbergland in Hessen. Ebenso sind wir seit Jahren Paten der Luchse im ›Wildpark Schorfheide‹. Dort gibt es das größte Luchsfreigehege Europas und sehr engagierte Tierpfleger, die daran mitarbeiten, das faszinierende Tier mit den sprichwörtlich guten Ohren zurück in die europäischen Wälder zu bringen.«

Und was ist nun mit der ostdeutschen Identität? »Viel entscheidender als Ost oder West ist doch eigentlich das Gefühl, zu seinem Hörakustiker zu gehen – und nicht zu irgendeiner anonymen Kette«, meint Lars Stage abschließend. »Schicke, kleine Hörgeräte, modernste Technik …  das alles ist wichtig. Doch wichtiger sind die Menschen. Sie müssen uns vertrauen und wissen, dass wir auch morgen noch für sie da sind. ›Ostdeutsch sein‹ ist dann vielleicht nur ein anderer Begriff, der ausdrückt, dass man ein Herz für seine Region und ein besonderes Gespür für deren Menschen hat. Das sind jedoch Dinge, die überall geschätzt werden – im Westen ebenso wie im Osten, im Norden oder im Süden.«