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Von: Jan-Fabio La Malfa
»ICH WILL AuD WERDEN«
In der Anerkennung von Berufsabschlüssen hat sich in den letzten Jahren sehr viel getan. Wie kompliziert das im Alltag jedoch ist, zeigt das Beispiel von Maximilian Bauer, Hörakustikmeister und ehemaliger Inhaber. Ein Gespräch.
Herr Bauer, vor einigen Wochen verrieten Sie uns, einen Masterstudiengang für Audiologie beginnen zu wollen. Wie sind Sie auf diese Idee gekommen?
Gute Frage. Im Grunde genommen waren es die vielen Kontakte, die ich über LinkedIn in die USA aufgebaut habe. Mir ist schon länger aufgefallen, dass dort viele einen »Doctor of AuD« haben. Das ist durchaus mit dem Doktor med. in Deutschland vergleichbar und gleichwertig zu einem »PhD«. Die sind also Akademiker und wir nicht. Da es so etwas in Deutschland nicht gibt, und ich das Bildungssystem in den USA ja nicht kannte, habe ich die Kollegen dort irgendwann einmal gefragt, wie man überhaupt ein »AuD« wird. Das fand ich so spannend, dass sich bei mir anschließend der Gedanke festgesetzt hat, dass es cool wäre, diesen Abschluss anzustreben.

Sie wollen in den USA studieren?
Nicht ganz, ich will ein »Online Bridge Program« machen. In Deutschland würde man wahrscheinlich Fernstudium sagen. So ganz genau vergleichbar ist das aber nicht. In jedem Fall habe ich nach einer Möglichkeit gesucht, den »AuD« als Fernstudium anzugehen. Mit der University of Arizona und der Salus University in Pennsylvania fand ich gleich zwei Hochschulen. Zunächst nahm ich Kontakt mit Arizona auf, die aber wollte mir keine Zulassung erteilen.
Warum? Sie sind doch Hörakustikmeister und haben damit einen Bachelor?
Das ist schon richtig, der Hörakustikmeister ist aber ein Bachelor Professional. In den USA wird allerdings der Bachelor of Science abverlangt, um einen Master of Science, und zu denen zählt der »AuD«, zu starten. Den besitze ich aber nicht. Bereits die Ausbildung zum Bachelor dauert dort vier Jahre. Hinzu kommen zwei Jahre für das Masterprogramm und zwei Jahre für das »Graduateprogram«, um den »Doctor of AuD« zu erlangen.
Also haben Sie sich an die Salus University gewendet.
Genau. Die Salus war im Gegensatz zu der University of Arizona sehr interessiert, mit mir zusammenzukommen. Die Direktorin, die dieses Programm leitet, hatte schon mal Kontakt nach Lübeck. Das war riesiges Glück, da man in Amerika normalerweise keine Ahnung hat, was unter einem deutschen Handwerksmeister zu verstehen ist; geschweige denn, was ein duales System ist. Da sie wusste, dass ein Studium in Deutschland in der Form nicht existiert und eher als »Education« vollzogen wird, konnte sie mir einen Weg aufzeigen.
Nun gut, dennoch gibt es mit der Fachhochschule in Aalen und der Akademie in Lübeck Wege für ein Studium in Deutschland.
Das will ich gar nicht abstreiten. Der Unterschied besteht jedoch darin, dass ich den »Master of Clinical Audiology« machen will. Die Hörakustik, die man in Deutschland studieren kann, ist eigentlich dafür gedacht, dass man danach eher Entwickler von Störgeräuschmanagern wird. Es geht also um weniger in die klinische Richtung. In den USA hingegen beschäftigt sich solch ein Studium beispielsweise mit dem Anpassen von CIs im Krankenhaus. Im Grunde genommen ist in den Staaten eine Klinik mit einem Hörgerätefachgeschäft vergleichbar. Was die Amerikaner unter »Clinical Audiology« verstehen, das dürfte bei uns daher der Hörgeräteakustikmeister sein. Es ist also die Person, die sich um Patienten kümmert und nicht Technik entwickelt. Man promoviert zwar nicht wirklich, sondern handelt das Ganze mehr praktisch ab. Trotzdem finde ich das unheimlich spannend.
Dennoch muss man in den USA nicht studieren, um Hörsysteme zu verkaufen.
Ja, es gibt mehrere Wege, wie man im dortigen »Health Care System« Hörsysteme verkaufen darf. Entweder man ist »Hearing Aid Dispenser«, also jemand, der einfach nur Hörsysteme verkaufen darf. Ich glaube, wir würden am ehesten Hörberater dazu sagen. Oder man ist »Hearing Aid Technician«. Das ist die Stufe unter dem »Audiologist«, der im amerikanischen Bildungssystem ganz oben angesiedelt ist. Mit Ausnahme des Operierens – sonst wäre man wiederum ein »Medical Doctor« und ENT – dürfte man alles. Dann darf man auch Ohren ausspülen. (er lacht)
Was ist nach dem ersten Kontakt mit der Salus University passiert?
Die Universität wollte ein original versiegeltes und unterschriebenes Zeugnis des Institutes, an dem ich meine Ausbildung gemacht habe. Damit begann aber ein kleiner Spießrutenlauf. Denn eigentlich war für mich klar, dass ich mich an Lübeck wenden muss. Doch Lübeck hat mich ja nicht geprüft, es war ja nur die Berufsschule. Geprüft hat mich die Handwerkskammer RheinHessen. Nachdem mich die Innung darüber aufgeklärt hatte und an die Handwerkskammer verwies, fand ich dort einen sehr fähigen Menschen, Mario Fancello.
Der Ihnen inwiefern half?
Er ist der Leiter des Fachbereichs Prüfungswesen und Bildungswesen an der Handwerkskammer Rheinhessen und hatte selbst eine Tochter, die in Australien studierte. Er wusste, welch immenser Aufwand dahintersteht, all die Dokumente zusammen zu bekommen, wenn man im Ausland studieren möchte. Er hat alles, wie von denen gewünscht, in einem versiegelten Umschlag dorthin geschickt. Die Post ging aber nicht an die Universität, sondern an das »World Education Service«. Und da sah ich mich mit dem Problem konfrontiert, dass zum einen Dokumente nachgeliefert werden mussten, zum anderen gingen welche verloren. Zwar war das nur eine beglaubigte Kopie. Aber diese darf nur das Institut ausstellen, an der ich meine Ausbildung gemacht habe. Normalerweise geht man hierfür zum Kreisverwaltungsreferat, das eine Kopie erstellt und unterschreibt. Das zählt in den USA alles jedoch nicht. Man hat dort eine extreme Angst, dass betrogen wird. Herr Fancello half mir aber immer wieder, die Bewerbung an die entsprechenden Evaluierungsstellen einzureichen.
Gab es noch andere Hürden?
Ja, nicht wenige. Zum Beispiel sollte ich zwei Befürworterschreiben dazulegen. Am besten von Personen aus der Branche, die man in den USA einzuschätzen weiß. Das war natürlich auch eine Herausforderung. Also habe ich einfach Markus Böcker und Kay Buchhauser gefragt. Ich dachte, wer kann ein besserer Leumund sein, als zwei bekannte Geschäftsführer aus der Branche. Beide waren super und haben mir sehr tolle Empfehlung geschrieben. Das war alles sehr professionell aufgesetzt.
Sie hatten also ein riesiges Glück, da Empfehlungen normalerweise nur von Universitätsprofessoren anerkannt werden.
Ja, eine Portion Glück war in jedem Fall dabei. Man muss aber auch dazu sagen, dass Frau Professor Girija Sunder, die Chefin des »Remote Program«, ab einem gewissen Zeitpunkt selbst mit Lübeck Kontakt aufgenommen hat, weil ich so hartnäckig geblieben bin und alle verrückt gemacht habe. Nachdem sie sich von Dr. Frederic Hahn überzeugen ließ, der, das muss ich einfach sagen, sich so sehr für mich eingesetzt hat, dürfen nun auch andere Hörakustikmeister aus Lübeck an der Salus angenommen werden. Wer sich da bewerben möchte, für den gilt ebenso, dass ab jetzt sofort die deutsche Meisterprüfung in der Hörakustik als Bachelor of Science anerkannt wird. Das haben die beiden Institutionen so besprochen und miteinander geregelt.
Und sie können das gesamte Fernstudium von Deutschland aus durchführen?
Ganz ohne USA-Aufenthalt wird es nicht gehen. Ich glaube, das werden wohl um die zwei Wochen im Jahr sein. Dieser Masterstudiengang ist sehr praktisch ausgerichtet. Das bedeutet, dass ich 150 Stunden in einer Klinik aufwenden muss, um den Umgang und die Anpassung mit Cochlea-Implantaten nachzuweisen. Neben der Hospitanz ist zudem ein Praktikum bei einem Hörakustiker vorgeschrieben.
Juhu! Mehr nicht?
(er lacht) Natürlich nicht, mir wurde ebenso mitgeteilt, dass ich neben dem Unterricht mit sechs bis sieben Lernstunden pro Woche rechnen muss. Ich rechne aber mit dem Doppelten, da ich kein Muttersprachler bin und Texte öfters durchlesen muss. Die Vokabelarbeit wird eine echte Herausforderung. Doch von zu Hause aus geht das schon. Ich rechne also mit 15 Stunden in der Woche an reiner Lernarbeit. Nebenbei möchte ich allerdings eine neue online-Plattform im Netz aufbauen. Darüber können wir gern ein anderes Mal sprechen.
Gern. Allerdings würde mich interessieren, wie Sie als Inhaber, Podcaster und Familienvater alles miteinander verbinden wollen?
Jetzt kommt‘s. Ich habe gerade mein Geschäft verkauft. Vor wenigen Tagen wurde der Verkaufsprozess erst abgeschlossen, damit ich mich voll auf das Studium und mein Projekt konzentrieren kann.
Verkauft?
Korrekt.
Damit habe ich nun doch nicht gerechnet. Sie sind doch Hörakustiker mit Leib und Seele!
Ja, das bin ich. Sonst würde ich mir den Stress gewiss nicht antun! Aber mit zwei Kindern und einem gut laufenden Geschäft gleichzeitig noch ein Studium zu absolvieren, das hätte mich dann doch überfordert. Und wenn ich etwas mache, dann will ich mich auch darauf konzentrieren. Ich plane jetzt zwei Jahre für den Master of Science. Wenn ich das geschafft habe, das ist meine erste Zwischenetappe, dann plane ich wieder für die nächsten zwei Jahre und den »Doctor of Audiology«.
Trauern Sie ihrem Geschäft nach?
Ehrlich? Klar werde ich viele Kunden vermissen. Wenn ich aber alles abwäge und mir überlege, dass ich unsere Branche durch diesen Schritt irgendwann einmal vielleicht verändern kann, und wenn es nur eine Spur ist, dann fällt mir der Abschied nicht so schwer. Und vielleicht machen mir einige junge Leute das eines Tages nach.
Und was wird aus ihrem Podcast?
Den stellen wir ein. Eric und ich haben mit der letzten Folge aufgehört. Wir zwei werden aber nicht völlig auseinandergehen. Wer uns kennt, weiß, dass er gewiss auch beim nächsten Projekt mit involviert sein wird. Womit ich nicht aufhören werde, ist mit Social Media. Ich werde weiterhin auf YouTube zu finden sein.
Nur auf YouTube?
Sagen wir es so. Ich werde nicht mehr viel auf Instagram machen. Auf Instagram habe ich ja aus meinem täglichen Leben als Hörakustiker berichtet und das waren ja alles praktische Geschichten. Diesbezüglich habe ich nicht mehr viel mitzuteilen. Aber vielleicht hab ich ja was anderes zu erzählen.
Viele werden sich dennoch fragen, ob solch ein einschneidender Schritt wirklich so viel Wert ist, dass man alles dafür aufgibt.
Wie Sie sehen, meine ich das Ganze so ernst, dass ich für den »Doctor of Audiology« tatsächlich viel aufgebe. Aber ein solches Studium macht man halt nicht nebenbei. Das ist etwas, das ich mit Herz und Seele betreiben möchte. All das erfordert schon sehr viel Passion, Zeit und Mühe. Zudem habe ich ja am Ende etwas in meinen Händen. Und klar, ich würde schwindeln, wenn es nicht auch ein Stück weit darum ginge, dass das keiner vor mir gemacht hat. Das ist zumindest mein Kenntnisstand. Sollte ich mich aber irren, dann dauert es bestimmt nicht lange, bis sich jemand bei Euch in der OMNIdirekt meldet.
Wie finanzieren Sie das Ganze?
Ich finanziere das Studium natürlich aus eigener Tasche und erhalte weder Bafög noch sonst irgendetwas. Bis jetzt weiß ich, dass allein 34.000$ an Studiengebühren auf mich zukommen werden. Darin enthalten sind aber keine Flug- und Lebenshaltungskosten. Wenn man mal sieht, dass darüber hinaus in diesem Zeitraum das Einkommen wegfällt, dann kann sich jeder ausrechnen, was das bedeutet. Das ist es mir aber Wert!
Sie werden also auch hin und wieder in die USA fliegen.
Natürlich. Es wird endlich mal Zeit, richtige physische Kontakte zu knüpfen. Das ist der große Vorteil, den ich mir in den letzten Jahren erarbeitet habe. Persönlich getroffen habe ich die vielen Kollegen, wie etwa Dr. Cliff Olson, zwar noch nie. Doch ob nun schriftlich, über Videotelefonie oder über Messenger, der Austausch war bis jetzt sehr intensiv. Das zu intensivieren, reizt mich. Selbstverständlich habe ich auch vor, mit meiner Familie in die USA zu gehen, um mal Urlaub zu machen. Vieles aber wird mit der Arbeit zu tun haben.
Wann geht‘s los?
Mitte Februar. Das Einzige, was ich bis dahin noch schaffen muss, ist der amtlich gesegnete TOEFL-Test, also den Sprachnachweis erbringen. Die Prüfung war letzte Woche. Ich habe aber ein sehr gutes Gefühl.
Darf man abschließend noch wissen, ob Sie in die Branche zurückkehren werden?
Zumindest habe ich es vor. Alles andere, als in der Branche zu bleiben, wäre ja Blödsinn. Einen Plan hierfür habe ich allerdings nicht. Wer weiß aber, wie die Branche in vier Jahren aussehen wird. Die Umbruchstimmung, die bei vielen Akustikern da ist, bemerkt man angesichts solcher Themen wie online-Händler, Krankenkassenverträge oder Hörsysteme, die sich nahezu alleine einstellen, ja schon. Als Optimist denke ich jedoch, wird sich immer eine Nische für mich finden.
Herr Bauer, vielen Dank für das Gespräch!
