Von: Jan-Fabio La Malfa & Dennis Kraus
»DIE ZUKUNFT DER BRANCHE – AKTIV GESTALTEN«
Ob nun die neuen Krankenkassenverträge, die Auswirkungen der Pandemie, die MDR oder die Einführung der Telematikinfrastruktur – die Bundesinnung der Hörakustiker hat alle Hände voll zu tun. Ein Gespräch mit biha-Präsidentin Marianne Frickel.
Frau Frickel, in diesem Jahr kommt es zu neuen Vertragsverhandlungen mit den Krankenkassen. Was möchten Sie dieses Mal für die Hörakustiker erreichen?
Trotz aller Hürden, die sich bei solchen Verhandlungen ergeben können, haben wir uns viel vorgenommen. Da Krankenkassen gewissermaßen unser größter Kunde sind, sollte man immer einen Kompromiss finden können, der beiden Seiten gerecht wird. Das bedeutet für uns, dass wir als Akustiker unsere Leistungen angemessen abrechnen dürfen. Andererseits erwarten die Krankenkassen, dass sie sich auf unsere abgelieferten Leistungen verlassen können. Das haben wir in der Vergangenheit stets bewiesen, was man unter anderem auch an der GKV-Studie aus dem Jahr 2019 erkennt. Entsprechend könnte man glauben, dass das eine gute und ideale Situation für die Hörakustikbranche ist. Krankenkassen hingegen sind immer daran interessiert, dass wir immer mehr Qualität zu niedrigeren Preisen liefern. Daher brauchen wir meiner Meinung nach an den bestehenden Versorgungsverträgen nicht viel zu ändern. Lediglich die Folgeversorgungsthematik, die gerade in der Kritik steht, sollte ergänzt, präzisiert und an Versorgungspreise angepasst werden, damit wir hier in irgendeiner Form doch noch einen angemessenen Betrag bekommen können. Ehrlich gesagt haben sich die geschlossenen Krankenkassenverträge aus der Vergangenheit bewährt, auch in den beiden Krisenjahren in der Pandemie.

Was sind Ihrem Eindruck nach die größten Herausforderungen für das systemrelevante Hörakustiker-Handwerk während dieser Pandemie gewesen? Wie hat die biha die Hörakustiker dabei unterstützt?
Zunächst einmal bin ich sehr stolz darauf, was seitens der Geschäftsstelle in Mainz, aber auch in Lübeck geleistet wurde. Alle standen während der Pandemiezeit sieben Tage in der Woche 24 Stunden am Tag bereit, um auf alle Eventualitäten, die uns doch getroffen haben, einzugehen. Und die biha-Geschäftsstelle in Mainz hat, ob nun für Mitglieder oder nicht, auch immer die Kohlen aus dem Feuer holen können. Das ist mit Sicherheit eine große Leistung, wenn man die Ergebnisse sieht: Erleichterung bei den Abrechnungen, offen gehaltene Geschäfte aufgrund der erreichten Systemrelevanz oder bevorzugte Impfmöglichkeiten, um nur einmal drei Beispiele zu nennen. Darüber hinaus konnte die Beschulung in der Landesberufsschule und in der Akademie gewährleistet werden, sodass wir Dank aller Ehrenamtlichen am Ende glücklicherweise in der Lage waren, die Gesellen- und die Meisterprüfungen durchführen zu können. Letztlich konnten wir so die Zukunft für die Branche aktiv gestalten. Zudem hat sich gezeigt, in welchem Bereich wir unsere Stärken haben und wo sich Schwächen im Beziehungssystem befinden. Auch wenn das viel Kraft gekostet hat, bin ich überaus froh, dass wir hier so durchmarschiert sind. Glücklicherweise hat die biha seit vielen Jahren ein hervorragendes Netzwerk in die Bundesländer, sowohl in Wirtschafts- als auch in Gesundheitsministerien. Gerade in dieser Zeit hat sich das besonders ausgezahlt.
Einmal ganz allgemein gesprochen: Wie läuft es am Campus Hörakustik? Wie geht man dort mit der Pandemie um?
Natürlich hatten wir auf dem Campus auch positiv getestete Fälle, und mit Sicherheit sind diese in den vergangenen Wochen nicht weniger geworden. Trotz der schwierigen Situation kann man jedoch festhalten, dass sich die Auszubildenden in Lübeck rücksichts- und verständnisvoll für alle eingeführten Maßnahmen gezeigt haben, und das Zusammenleben harmonisch ist. Corona-infizierten Schülern, die wegen Quarantäne nicht abreisen konnten, wurde die Möglichkeit eingeräumt, am Campus unterzukommen. Sofern eine Chance bestand, eine Anreise nach Hause anzutreten, wurde auch das unterstützt. Doch gerade in Bezug auf das Verhalten der Schüler musste absolut stringent gehandelt werden, auch weil ich meine: Wer sich unsolidarisch verhält, dem kann man eigentlich nur den Zutritt verweigern. Er gefährdet nicht nur sich selbst, sondern auch andere, und das können wir uns in unserem Berufsstand nicht leisten. Danke daher an alle Mitarbeiter. All das wäre ohne das Engagement der Mitarbeiter und Lehrkräfte am Campus, die täglich viel Zeit und Mühe investieren, nicht zu stemmen gewesen. Das gilt insbesondere für die Umsetzung des Hygienekonzepts, die Basis überhaupt, um einen erfolgreichen Unterricht an der Landesberufsschule und an der Akademie zu gewährleisten. Zeitgleich hat die Berufsschule den Hybridunterricht organisiert und erfolgreich durchgeführt. Auch das hat meinen größten Respekt gefunden.

Werden die Auszubildenden auch in diesem Jahr ihre Prüfungen ablegen können?
In jedem Fall. Bei einer Ausbildungszeit von drei Jahren, die unter anderem ja auch finanziert werden muss, sollte man davon ausgehen dürfen, dass jeder ein Anrecht auf seine Prüfung hat. Insofern bin ich sehr glücklich, dass alles super organisiert ist. Man sieht ja derzeit auch, dass trotz Pandemie alle Auszubildenen gerade in Lübeck sind. Nichtsdestotrotz wollen wir an dem bislang gelungenen Hybridunterricht festhalten und ihn zukünftig als festen Bestandteil in die Beschulung miteinfließen lassen. Das ist aber etwas, was nicht ohne Weiteres geht. Dafür muss das Schulrecht angepasst werden. Aber auch hierzu stehen wir mit dem Gesetzgeber schon im Dialog.
Wie will sich die biha in diesem Jahr nach außen präsentieren? Wird es wieder einen Stand auf dem EUHA-Kongress geben?
Auch in dieser Hinsicht sitzen Landesberufsschule und Akademie mit uns gemeinsam an einem Tisch. Meiner Auffassung nach darf das auch nur positiv gewertet werden, zumal es keine Selbstverständlichkeit ist, sich bei einem sehr harmonischen Miteinander gut abstimmen zu können, und das stets auf schnellem Wege. Entsprechend waren wir auch in den vergangenen Jahren auf dem EUHA-Kongress präsent. Das stand bei uns nie zur Diskussion, nicht nur, weil es für uns als einer der Branchenvertreter wichtig ist, Kontakte zu pflegen und für die Fragen der Mitglieder präsent zu sein. Eine Kongressteilnahme für 2022 lässt sich zum jetzigen Zeitpunkt jedoch noch nicht sicher zusagen. Wenn die pandemische Lage es zulässt, dann werden wir da sein und uns dort, genauso wie die Akademie, mit einem Stand präsentieren. Ich persönlich wünsche mir das sehr, auch, weil mir der persönliche Kontakt und Austausch fehlt. Im Grunde genommen ist das ja eigentlich in allen Gremien so. Insofern würden wir uns wünschen, dass das Thema im Herbst hoffentlich einigermaßen durch ist und dann alles seinen normalen Weg nimmt.
Welche Themen werden für das Hörakustiker-Handwerk wichtig sein, wenn die Pandemie ihr Ende gefunden hat?
Das werde ich oft gefragt, doch die Glaskugel lesen können wir alle nicht. Unseren Prognosen zufolge, mit denen wir in der Vergangenheit stets recht gut lagen, dürfte die MDR ein wesentliches Thema werden. Ebenso zeichnen sich am Horizont schon Fragen in Richtung Versorgungszeitraum ab, da sich herausstellen wird, dass unser Gesundheitssystem durch die Pandemiebekämpfung mit großen Summen belastet wurde. Wir wissen nicht, was passieren wird, ich glaube aber auch nicht, dass wir da komplett verschont bleiben. Das muss man einfach im Auge behalten. Aber auch im Bereich der Telematikinfrastruktur wird viel passieren. Wir als biha werden die Mitglieder mit Sicherheit weiterhin so gut begleiten, wie sie es aus der Vergangenheit gewohnt sind, damit all die Fragen, die in diesen Bereichen wie der Telematikinfrastruktur auftauchen, professionell vorbereitet und die Zulieferarbeit an die entsprechenden Gremien geliefert werden, um am Ende für die Mitglieder bestmögliche Ergebnisse erzielen zu können.
Sie erwähnten soeben bereits die MDR. Welche Vorteile sehen Sie durch die aktuelle Regelung?
Wir sprechen hier über eine Thematik, die bei aller Trockenheit elementar für das Hörakustiker-Handwerk ist. Wichtig ist hierbei festzustellen, dass der Akustiker die absolute Sonderrolle des Anpassers einnimmt. Da ich mich nicht gerne als Händler bezeichnen lassen möchte, wurde nach Lösungen gesucht. Dann bin ich doch lieber der Anpasser. Händler sind diejenigen, die Batterien verkaufen. Wir aber passen Hörgeräte individuell an, und das ist dann doch etwas mehr Arbeit. Ehrlich gesagt meine ich, dass die Medizinprodukterichtlinie eine tolle Sache ist. Sie regelt gesetzlich, dass der Hörakustiker nicht nur Verordnungen ausstellen darf, sondern sogar in dem Fall muss. Denn die Medizinprodukterichtlinie hat nichts mit Krankenkassen zu tun. Gleiches gilt im Übrigen für die Otoplastik. Auch hier gelten wir als Anpasser und nicht als Sonderanfertiger.
Heißt das, dass Hörakustiker Ohrpassstücke auch in Zukunft selbst digital erstellen können, wenn Sie es denn wollen?
Ja, das werden sie können.
Ein anderes Thema, das viele schon eine ganze Weile beschäftigt, sind die Austauschgeräte und Reparaturen. Wird es hier noch einmal bedeutende Änderungen oder Entwicklungen geben oder wird es beim Status quo bleiben?
Ich denke, dass wir das Thema Reparaturen bei der Roadshow 2021 ausführlich bearbeitet haben. Insofern bin ich auch der Meinung, dass alle wissen sollten, wie sie mit dem Thema umzugehen haben. Für uns bestand die Aufgabe darin, für Klarheit und Wahrheit zu sorgen, und zu ermöglichen, dass im Anschluss jeder für sich entscheidet, wie er damit umgeht. Mehr gibt es, so glaube ich, dazu auch nicht mehr zu sagen.
Vorhin haben Sie auch das Stichwort Telematikinfrastruktur genannt, zu dem es ja auch eine Deadline gibt. Wie kann man sich das Procedere für die Betriebe vorstellen?
Ich sitze ja selbst auch bei der gematik und habe seit 16 Jahren einen relativ guten Einblick, was da passiert, wie Geld verbraten werden kann und welche Möglichkeiten es gibt. Eins steht aber fest: Am 1. 1. 2026 ist gesetzlich vorgesehen, dass auch die Gesundheitshandwerker an die Telematikinfrastruktur angeschlossen werden müssen, damit die Nutzung von elektronischen Verordnungen und auch von der elektronischen Patientenakte möglich wird. Wir haben dafür auch entsprechend über den ZDH mit den einzelnen Handwerkskammern Kontakt aufgenommen. Die müssen die dafür notwendigen Berufsausweise auch entsprechend zur Verfügung stellen. Es handelt sich um 53 Handwerkskammern, die hier an Bord sein müssen. All das befindet sich aber auf einem guten Weg und wird so stattfinden, da die gematik als Regelgestalter der Telematikinfrastruktur bis 2024 die erforderlichen Spezifikationen erstellen möchte, die für den Hilfsmittelbereich notwendig sind.
Das bedeutet doch einen riesigen Programmieraufwand, oder?
Damit die Systemdienstleister die Nutzer-Software entsprechend programmieren können, sind sowohl die Systemhäuser als auch die gematik auf das Wissen der Gesundheitshandwerker angewiesen. Und hier spreche ich für alle fünf Gesundheitshandwerke. Deshalb haben wir uns auch in dieser Gemeinsamkeit für ein drei-Stufen-Projekt entschieden und zusammengeschlossen, um diese gewerkespezifischen Herausforderungen herauszuarbeiten und auf Machbarkeit zu überprüfen. Die einzelnen Zwischen- und Endergebnisse werden wir dann an die gematik weiterreichen, sodass wir hier Synergien entwickeln und das mit einer fristgerechten Umsetzung zum 1.1.2026 auch sicherstellen können. Ende 2021 haben wir die erste von drei Phasen erfolgreich abgeschlossen und treten nun bis 2022 in die Programmierphase ein, um in der Folge die entsprechende Zeit zu haben, die Testphasen, die in den einzelnen Bundesländern mit einzelnen Berufsgruppen durchgeführt werden, vorzubereiten. Ende 2023 sollten wir dann soweit sein, der gematik ein ausgewogenes Programm übergeben zu können, sodass im Anschluss die Schnittstellen an das Gesamtnetzwerk der Telematikinfrastruktur von der gematik erstellt werden müssen. Das ist also eine größere Angelegenheit, die auch einen enormen Zeitaufwand bedeutet. Aber das werden wir als digital-affines Handwerk doch wohl wuppen können!

Noch einmal zurückgeblickt. Was war nach Ihrer Einschätzung im vergangenen Jahr der größte Erfolg der Bundesinnung?
2021 war in vielerlei Hinsicht ein Jahr der größten Herausforderungen – auch für mich persönlich. Wir haben viele Jahre daran gearbeitet, unser Berufsbild zu modernisieren. Gerade im Hinblick auf die Anpassung und dem Programmieren von CIs, die wir in die Verantwortung der Meister gelegt haben, sowie die Cerumen-Entfernung haben wir viel erreicht, obwohl einiges noch neu bearbeitet und weiter vorangetrieben werden muss. Hinzu kommt die Teleanpassung, die im gesetzlichen Bereich ebenso in Meisterhände gelegt wurde – ein wesentlicher Faktor, der für unseren Berufsstand unheimlich wichtig ist und geregelt sein sollte, bevor hier weiß Gott was passiert. Wir haben das auch mit den Bundesministerien der Justiz, der Gesundheit, der Wirtschaft sowie der Bildung genauso wie mit der IG Metall als Sozialpartner beschlossen. Ich glaube, wir können stolz darauf sein, was uns gerade in diesen zwei Jahren gelungen ist. Andere haben hierfür zum Teil viele Jahre ins Land gehen lassen müssen.
Eine letzte Frage: Digitalisierung im Gesundheitsbereich wurde schon im letzten Koalitionsvertrag festgeschrieben. Welche Veränderungen erwarten Sie für das Hörakustikhandwerk von der neuen Bundesregierung?
Mit Professor Karl Lauterbach haben wir einen umsichtigen Gesundheitsminister und einen Gesundheitsökonomen, mit dem wir bereits in der Vergangenheit in einem guten Austausch standen und der unsere Bedürfnisse einzuschätzen weiß. Ich kenne ihn aus mehreren Podiumsdiskussionen und wir hatten trotz unterschiedlicher Meinungen immer wieder einen guten Austausch. Insofern bin ich da relativ entspannt. Dennoch steht unser Land allgemeinhin vor großen Herausforderungen und Umbrüchen. Wir haben alle unseren Beitrag zu leisten. Ich denke, wir sind in der Politik als seriöser und verlässlicher Partner bekannt. Was die Digitalisierung anbelangt, mache ich mir bei den Akustikern weniger Sorgen. Im Gegensatz zu Ergotherapeuten oder Rettungsassistenten, die mir als Sprecherin des elektronischen Berufe-Registers (eGBR) gut bekannt sind, haben wir mit der Digitalisierung einen Punkt, mit dem wir unser tägliches Brot verdienen. Ich denke, man wird sich in der Politik auf solche Dinge einlassen und schauen müssen, das Gesundheitswesen erst einmal so zu digitalisieren, dass mehr Nachvollziehbarkeit erzielt und mit reellen Zahlen gerechnet werden kann. Das ist alles hier nicht der Fall. Insofern glaube ich, dass da genügend auf dieser Seite zu tun ist, bevor man bei uns mit dem roten Stift kommt und meint, man muss etwas zusammenstreichen. Wünschenswert wäre natürlich, dass wir das Thema Delegation und Substitution entsprechend platzieren können, damit wir die Möglichkeit erhalten, einige Themen übernehmen zu können.
Frau Frickel, haben Sie vielen Dank für das Gespräch!

