DIGITALES MAGAZIN
009 | April 2022
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WENN DER PLATZHIRSCH AUS DEM AUSPUFF RÖHRT: AUF DER JAGD NACH LÄRMENDEN AUTOPOSERN

Von Thomas Sünder

WENN DER PLATZHIRSCH AUS DEM AUSPUFF RÖHRT: AUF DER JAGD NACH LÄRMENDEN AUTOPOSERN

Verkehrslärm schädigt das Gehör und macht krank. Dennoch können es einige Zeitgenossen nicht lassen, ihre Autos so zu manipulieren, dass sie extra laut sind. Im Jahr 2017 wurde in Hamburg aufgrund von Lärmbeschwerden die Soko Autoposer gegründet. Heute umfasst die Dienstgruppe zehn Beamte und drei Ermittler. Jährlich kontrollieren sie etwa 3.000 Fahrzeuge. Im Gespräch mit Dienstgruppenleiter Olav Baastrup erfahren wir, wie Machos ticken, die Mitmenschen mit dem Lärm ihrer rollenden Status-Symbole terrorisieren.

Herr Baastrup, wo stoßen Sie besonders häufig auf Autoposer und was sind das für Menschen?

Wir sind jeden Tag auf Hamburgs Straßen unterwegs und erkennen Hotspots. Das sind teilweise Ein- und Ausfallstraßen, die sich zum Rasen eignen. Aber auch Orte, wo viel Publikumsverkehr ist. Poser machen das ja nicht, um sich selbst toll zu finden, sondern sie wollen sich präsentieren. Draußen in den Industriegebieten treffen sich eher die Tuner, die zwar auch manchmal laut sind, die sich aber überwiegend regelkonform verhalten.

Was ist der Unterschied zwischen Posern und Tunern?

Poser wollen Aufmerksamkeit erhaschen und genau das tun, was ihre Mitmenschen stört. Sie wollen, dass die Leute gucken, wenn sie Lärm machen. Das passiert meistens dort, wo besonders viele Fußgänger unterwegs sind. Bei den Posern handelt es sich meistens um Männer im Alter von 18 bis 35. Sehr selten sind Frauen am Steuer. Die frisierten Autos sind manchmal technisch in einem schlechten Zustand. Posern ist es egal, wenn unten Öl heraustropft – Hauptsache es ist laut. Tuner interessieren sich dagegen tatsächlich für die Technik und sind stolz darauf, was sie da gebaut haben. Da sie viel Geld in ihre Autos stecken, gehen sie vorsichtig damit um und haben kein Interesse daran, Ärger zu verursachen.

Sind frisierte Autos ihre einzigen Sorgenkinder?

Nein. Es gibt Pkw-Hersteller, die den gesetzlich vorgegebenen Rahmen der zulässigen Lautstärken voll ausschöpfen. Erst mal ist es so, dass nur Fahrgeräusche gesetzlich geregelt sind, einen gesetzlichen Höchstwert für Standgeräusche gibt es dagegen nicht. Der Gesetzgeber handhabt das schon so, dass der Dezibel-Höchstwert von Jahr zu Jahr reduziert wird. Allerdings sind bestimmte Autos im normalen Einsatz lauter. Doch die eingebaute Fahrzeugelektronik erkennt, ob sich das Auto in einem Messmodus oder im normalen Fahrzeugverkehr befindet. Dann drosseln diese Fahrzeuge automatisch die Lautstärke, beispielsweise indem Klappen im Auspuff zugehen und ein anderes Kraftstoffgemisch in den Motor eingespritzt wird, um die gesetzlichen Vorgaben zu erfüllen.

Ist das so ähnlich wie beim Diesel-Abgas-Skandal: In der Messsituation verändern die Fahrzeuge ihre Arbeitsweise, damit sie nicht gegen eine gesetzliche Norm verstoßen?

Alle Fahrzeuge müssen den gesetzlichen Vorgaben entsprechen. Zum Beispiel kann ein Lamborghini ein Standgeräusch von 107 Dezibel haben und das ist völlig legal. Hauptsache, er überschreitet die zulässige Fahrlautstärke in der Messsituation nicht. Wir selbst messen im Einsatz nur das Standgeräusch, und wenn das höher ist als in den Papieren eingetragen, könnte das unter anderem auf eine Manipulation der Abgasanlage durch den Fahrzeughalter hinweisen. Wenn das dann tatsächlich der Fall ist, erlischt die Betriebserlaubnis des Fahrzeugs.

Das heißt, man kann auch mit einem nicht frisierten Auto mehr Lärm machen, als erlaubt ist?

Absolut! Wenn Sie an der Ampel stehen und fünfmal das Gas durchtreten, machen Sie unnötig Lärm. Das ist das eine Ordnungswidrigkeit, für die wir ein Bußgeld von 80 Euro verlangen können. Es ist übrigens auch verboten, ohne erkennbaren Grund den Motor im Stand laufen zu lassen.

Fahren Autoposer häufig illegale Rennen?

Das kommt bei dieser Klientel schon vor. Die messen sich gern und wollen sehen, wer „stärker“ ist. Häufig sitzen die Poser auch nicht allein im Auto und wollen ihren Mitfahrerinnen imponieren. 

Versuchen Poser auch manchmal, vor Ihnen zu fliehen?

Das passiert vor allem dann, wenn andere Delikte im Spiel sind. Das können Drogen sein wie Marihuana und Kokain. Wir erleben aber auch immer wieder, dass Poser sehr große Mengen Bargeld dabeihaben. Dann fragen wir uns natürlich: wo kommt das her? Meistens ist es so, dass die Poser auf ihrer Flucht im Hamburger Stadtgebiet nicht weit kommen.

Ich habe da sofort Bilder von amerikanischen Actionfilmen im Kopf. Bei solchen Verfolgungen wurde doch sicher schon der ein oder anderen Dienstwagen beschädigt, oder?

Nein, tatsächlich hatten wir noch keinen größeren Schaden. Man darf nicht vergessen, dass unsere Beamten ein intensives Fahrtraining absolviert haben. Selbst wenn die Poser oft stärkere Motoren haben, mangelt es ihnen an Fahrerfahrung und wir können sie fast immer stellen. Wir brechen aber auch eine Fahrzeugverfolgung ab, wenn das Fahrverhalten darauf hindeutet, dass die Person am Steuer auf ihrer Flucht vor der Polizei Menschenleben gefährden könnte.

Was passiert, wenn Sie vor Ort bei einem Fahrzeug eine Manipulation vermuten?

Dann wird das Fahrzeug abgeschleppt, zur Verwahrstelle der Polizei geschleppt und von einem Gutachter geprüft. Wenn tatsächlich eine Manipulation vorliegt, erlischt die Betriebserlaubnis und der Fahrzeughalter muss die Veränderungen wieder zurückbauen lassen. Sofern das Fahrzeug noch sicher genug für den Straßenverkehr ist, kann er damit selbst zur Werkstatt fahren. Wenn nicht, wird das Auto kostenpflichtig dorthin transportiert.

Mit welcher Strafe hat der Fahrer dann zu rechnen?

Natürlich gibt es Punkte in Flensburg. Das schreckt solche Leute aber häufig auch nicht ab. Aber die entstehenden Kosten werden dem Fahrer in Rechnung gestellt. Das variiert immer etwas, aber das sind meistens schon um die 1.000 Euro. Dazu kommen dann noch die Werkstattkosten für die Rückbauten zur Wiedererlangung der Betriebserlaubnis. Dann sind wir nicht selten bei Gesamtkosten von 2.000 bis 4.000 Euro. Das wirkt schon deutlich abschreckend. Allerdings unterscheidet sich das von Bundesland zu Bundesland. Ich spreche hier nur von Hamburg.

Wie viele Fahrzeuge kontrollieren Sie pro Jahr?

Jährlich sind das um die 3.000. Allerdings werden nicht alle dem Gutachter vorgeführt. Seit dem Bestehen der Kontrollgruppe mussten wir annähernd 1.400 Fahrzeuge abtransportieren lassen.

Wir sprachen jetzt viel über Pkws. Doch wie sieht es mit Motorrädern aus? Wenn eine Harley Davidson über die Straße knattert, hört es sich für mich an wie ein Presslufthammer. Haben die etwa Sonderrechte und dürfen so einen Höllenlärm machen?

Nein, vom Zulassungsrecht gibt es da keinen Unterschied. Meistens handelt es sich bei den lauten Motorrädern um Importmodelle. Die werden mit Abgassystemen geliefert, die in Deutschland nicht zulässig sind. Die Importhändler müssen zwar die Fahrzeuge so modifizieren, dass sie die in Deutschland zulässigen Geräuschpegel einhalten. Oft werden diese Veränderungen nach der erfolgreichen Straßenzulassung aber wieder rückgängig gemacht. Entweder, weil die Kunden das von den Händlern fordern, oder die Fahrer machen das selbst. Viele Harley-Fahrer zum Beispiel wollen ja, dass es laut blubbert. Natürlich gibt es aber auch andere laute Motorräder. In der Saison von April bis Oktober hält sich die Anzahl zwischen Motorrädern und Pkw, die wir überprüfen, etwa die Waage. Übrigens kenne ich viele langjährige Motorradfahrer im Alter von Mitte Fünfzig, die Hörgeräte tragen. Es geht ja nicht nur um den reinen Motorenlärm, sondern auch der Fahrtwind im Helm kann sehr laut sein.

Zurück zu den Autos der Poser: Oft sind das sehr teure Marken. Wie können die Fahrer sich das leisten?

Häufig sind das geleaste Autos, bei denen sich mehrere Personen die Kosten teilen. Es kommt zum Beispiel vor, dass sich vier oder fünf junge Männer um die zwanzig die Raten teilen und jeder darf es mal für ein Wochenende haben. Aber auch Betreiber von ominösen Kleinbetrieben leasen solche Autos zu günstigen Firmenraten. Und dann kommt noch der Bereich dazu, wo die Grenze der Legalität verlassen wird – und das sind dann die Fahrer, die auch noch viel Bargeld dabeihaben. 

Wie reagieren die Poser, wenn sie von Ihnen aus dem Verkehr gezogen werden?

Die meisten sind völlig uneinsichtig. Ihnen sind ihre Mitmenschen egal und sie denken, sie haben mit so einem Auto das Recht, laut zu sein. Sie begegnen uns Polizisten nicht gerade mit Respekt. Manche sind sogar gewaltbereit. Oft erleben wir aber, dass Passanten uns Zuspruch leisten. Da wird auch schon mal geklatscht, wenn ein Auto von einem pöbelnden Poser abgeschleppt wird.

Während des Corona-Lockdowns wurde es in Hamburg insgesamt deutlich ruhiger. Haben Sie in dieser Zeit weniger zu tun gehabt?

Ganz im Gegenteil, wir hatten deutlich mehr zu tun. Erstmal war es so, dass in dem verringerten Verkehrsaufkommen die lauten Fahrzeuge mehr herausgestochen sind, was zu mehr Beschwerden geführt hat. Es waren ja auch viel mehr Menschen zu Hause im Homeoffice und haben es mitbekommen, wenn von draußen Autolärm kam. Durch die freie Fahrt auf den Straßen haben die Poser auch mehr Verkehrsstraftaten begangen und Rennen gefahren. Während der Pandemie haben diese Leute besonders viel Geld in ihre Fahrzeuge gesteckt, vielleicht weil sie sonst nicht viel zu tun hatten. Als die Clubs geschlossen waren, hat man sich auf der Straße getroffen, oft auch bei den Fastfood-Ketten, die noch offen waren. Oder auch am Fischmarkt. An den Wochenenden standen dort bis zu vierhundert oder fünfhundert Fahrzeuge.

Kommt es denn auch vor, dass Sie Elektro-Autos aus dem Verkehr ziehen, weil sie zu laut sind?

Nein, bisher nicht. Natürlich werden auch mit Elektrofahrzeugen Verkehrsdelikte begangen, aber aktuell spielen sie in puncto Lärmbeschwerden tatsächlich keine Rolle.

Herr Baastrup, haben Sie vielen Dank für das Gespräch.

Kommentar von Thomas Sünder: Über Lärmblitzer und lasche Gesetze

Schon lange wird zu schnelles Fahren durch so genannte Blitzer erkannt und die betreffenden Fahrzeuge werden mitsamt Fahrer fotografiert. Wer erwischt wird, erhält wenig später einen Strafzettel. Für Lärm-Verkehrssünder ging das bisher nicht. Doch aktuell werden Systeme entwickelt, die auch den Geräuschpegel messen und zu lautes Fahren dokumentieren. Diese so genannten Lärmblitzer werden derzeit in Frankreich, den Niederlanden und der Schweiz getestet. Für lärmgeplagte und geschädigte Ohren ist das sicher eine gute Nachricht. In Deutschland gibt es allerdings noch keine rechtliche Grundlage für den Einsatz von Lärmblitzern und es ist weit und breit keine in Sicht. Es bleibt zu hoffen, dass hiesige Behörden von den Nachbarländern lernen. Aber vermutlich setzt sich gerade dieselbe Lobby von Pkw-Herstellern vehement gegen Lärmblitzer ein, die jahrelang Abgassysteme manipuliert hat und die noch immer Gesetzeslücken für die krankmachende Lautstärke ihrer Fahrzeuge nutzt. Schließlich ist Deutschland nicht zuletzt dank dieser Automobil-Lobby auch das einzige europäische Land, in dem kein Tempolimit existiert, obwohl es nachweislich den Verkehrslärm und Schadstoffemissionen senken würde. Meiner Meinung nach ist der Gesetzgeber gefordert, sich endlich für den Schutz der Bevölkerung vor Verkehrslärm einzusetzen, anstatt bei Automobilherstellern beide Augen zuzudrücken und wohlwollend wegzuhören. Es wäre schon ein Anfang, wenn nicht nur die Fahrtlautstärke von Pkw gesetzlich reguliert würde, sondern auch das Standgeräusch. Eigentlich gehört es bestraft, wenn ein Lamborghini im Stand an der Ampel 107 Dezibel auf die Ohren der Mitmenschen loslässt – und doch ist genau das im stählernen Auto-Reich Deutschland leider legal.