DIGITALES MAGAZIN
010 | Mai 2022
11/25

»ALTERN MIT DEM HÖRSINN« - ONLINE-SEMINAR ZUM WELTTAG DES HÖRENS

Von Sara Euteneuer und Torsten Saile 

»ALTERN MIT DEM HÖRSINN«

Am 03. März wurde an vielen Orten der Tag des Hörens gefeiert, um auf den Schlüsselreiz Hören in der Öffentlichkeit aufmerksam zu machen. Die Universitätsklinik Heidelberg, Sektion Otologie, Neurootologie & Cochlea Implantation, mit angegliedertem CI-Rehabilitationszentrum (CiRZ), unterstrich diesen Tag mit einem Online-Seminar. Durch das Vortragsprogramm, an dem auch ein Hörakustiker beteiligt war, führte Dr. med. Sara Euteneuer, Sektionsleiterin und Ärztliche Leiterin des CiRZ.

Dr. Euteneuer, Sektions- und ärztliche Leiterin des CiRZ der Universitätsklinik Heidelberg, eröffnete das Onlineseminar mit einem Überblick zu den Hör- und Sprachtestverfahren und deren Auswertung. Anhand dieser erläuterte sie, ab wann der Zeitpunkt gekommen ist, sich intensiv mit dem Gedanken »Cochlea-Implantat« zu beschäftigen. Welche Objektiven Messungen und Empfehlungen aus der Leitlinie und dem »Weissbuch« der Deutschen Gesellschaft für Hals-Nasen-Ohrenheilkunde, Kopf und Hals-Chirurgie werden hier für eine objektive Beurteilung herangezogen? Eine Beurteilung ist zum Beispiel: Nach aktuellem Kenntnisstand besteht eine CI-Indikation damit bereits ab einer Einsilberdiskrimination mit optimaler HG Versorgung von ≤ 60 % (bei 65 dB).

Ein besonderes Augenmerk legte Euteneuer auf die ausgefeilten Operationstechniken: Strukturerhaltend, sanft und möglichst tief in die Hörschnecke sollte die Elektrode gelegt werden. Dabei wies Sie mehrfach daraufhin, wie wichtig das »beidohrige« Hören ist. Für die Lokalisation und das Trennen von Sprache im Nebengeräusch seien sowohl das Wahrnehmen mit beiden Hörorganen, als auch die zeitlichen Differenzen von Schallereignissen zu jedem Hörorgan von entscheidender Bedeutung. »Auch einseitig ertaubte Menschen können somit mit einem Hörimplantat von diesen Grundbedürfnissen der Orientierung und der besseren Sprachverständlichkeit im Nebengeräusch profitieren«, so Euteneuer.

Nach diesem Vortrag übergab Dr. Euteneuer das Wort an Torsten Saile, der im vergangenen Jahr mit DeinHörzentrum ein Fachgeschäft für Sonderversorgungen eröffnete. Der CI-Akustiker schilderte zunächst seine alltäglichen Erfahrungen als Hörakustiker. Dabei sehe er immer wieder, dass viele Klienten meist viel zu lange warten, ehe sie sich zu einer Untersuchung entschieden. Wertvolle Zeit gehe dadurch verloren. Danach stellte Saile die neuesten Trends im Bereich der Hörsystemversorgung vor. Die Kopplung an Smartphones und die Konnektivitätsmöglichkeiten von Hörsystemen via Bluetooth und bei Bedarf an die T-Spule standen hierbei im Fokus. Im Anschluss lieferte Saile einen Einblick zum Thema Messstechnik und der Möglichkeit, Hörsysteme, CIs oder beides so auf dem Gegenohr (»bimodale Versorgung«) anzugleichen, dass der Höreindruck sich »mittig« befindet. Hierbei nutze dem CI-Akustiker die Würzburger Hörfeldskalierung. Die Methode helfe, dass Klienten deren neue Einstellung oft als »mittig« oder »zentral« beschreiben.

Ein weiterer Aspekt für eine bessere Kommunikation seien Torsten Saile zufolge Roger-Mikrofonanlagen, die an jedes Hörsystem angekoppelt werden können. Besonders in akustisch schwierigen Situationen bedeuteten diese sich auf dem Markt befindlichen Techniken eine Reichweitenverlängerung, sowohl beim Hörgerät als auch mit allen CI-Sprachprozessoren. Durch seine Mitarbeit im EUHA-Arbeitskreis Hörakustik konnte Saile zudem einen Ausblick geben, welche Messungen für die Krankenkasse wichtig sind, damit man eine Mikrofonanlage auch erstattet bekomme. 

Die Audiologin Madhuri Sharma Rao von der Universitätsklinik Heidelberg lieferte daraufhin einen Überblick, wie viele Menschen weltweit mit Hörverlust zu kämpfen haben. Allgemeinhin sehe man, dass Schwerhörigkeit meist an das Alter gekoppelt sei. Von den rund 7,9 Milliarden Menschen litten mindestens 1,5 Milliarden unter einem Hörverlust, der versorgt gehöre. 430 Millionen hätten gar einen mittel- bis hochgradigen Hörverlust. Aber nur 17 Prozent der versorgungsbedürftigen Personen seien mit einem Hörsystem versorgt. Etwas besser stehe Deutschland dar. Von den rund 83 Millionen Einwohnern, so Rao, seien 6 Millionen signifikant hörbeeinträchtigt, von denen sich nur 37 Prozent hätten mit Hörsystemen versorgen lassen.

Danach ging Rao auf die Belastung durch Schwerhörigkeit und deren Auswirkungen auf die Betroffenen in persönlicher, familiärer und gesellschaftlicher Hinsicht ein. So folgten auf eine nichtbehandelte Schwerhörigkeit soziale Isolation, verminderte Lebensqualität, erhöhte Abhängigkeit von Familienmitgliedern, belastende Beziehungen durch schlechte Kommunikation, geringe Beteiligung an gesellschaftlichen Ereignissen sowie erhöhte gesamtgesellschaftliche Gesamtkosten durch Arbeitsausfall oder Krankheit. Dabei betonte Rao erneut, wie dringend notwendig und zugleich hilfreich Hörgeräte und Cochlea-Implantate seien.

Gyde Peterson, klinische Linguistin am CI-Rehabilitationszentrum in Heidelberg, ging nicht zuletzt noch auf die therapeutische Dimension der Rehabilitation nach einer CI Versorgung ein. Die Leitlinie der DGHNO-KHC, die 2021 neu überarbeitet und verabschiedet wurde, gebe hierbei eine wertvolle Zusammenfassung für die Rehabilitation: »Ziel ist eine berufliche und gesellschaftliche Inklusion sowie die aktive Möglichkeit der lautsprachlichen Kommunikation in angemessenem Zeitraum«. Damit Teilhabe stattfinden könne, zählte hierbei Peterson verschiedene Teilbereiche auf. Dazu gehörten das gleichberechtigte Wieder-Einbezogen-sein in Alltagsstrukturen sowohl im beruflichen als auch im privaten Bereich. Um diese REHA-Ziele zu erreichen, sei allerdings auch immer die Mitarbeit der Personen gefragt, die die REHA bestreitet. Getreu dem Motto: Aufnehmen, Weiterleiten, Verarbeiten und Bewusstwerden.

Eine Schlüsselrolle falle dabei dem Hörtraining zu. Hierbei lenke der Klient die Konzentration auf gewisse Schallreize und versucht, diese ganz bewusst aufmerksam wahrzunehmen und zu verarbeiten. Im sicheren persönlichen Raum bekomme man dadurch Sicherheit und Selbstbewusstsein mit dem neu erlernten Hören. Dieses Selbstbewusstsein könne einem dann wiederum die Motivation gegeben, nach einer Selbsthilfegruppe zu suchen und an deren Treffen teilzunehmen. Anhand von Studien zeigte Peterson auf, dass eine erfolgreiche Kommunikation als wichtigste Quelle für positive Lebenserfahrungen gelten kann. Helfen können hierbei Zusatztechniken wie zum Beispiel Mikrofonanlagen.

Nach einer intensiv genutzten Fragerunde nutzte Dr. Euteneuer noch die Gelegenheit, auf den »Tag der Sinne« hinzuweisen, der am 17. September deutschlandweit stattfinden wird. Dort soll auf einer Fortsetzungsveranstaltung diskutiert werden, wie »ein Altern mit allen Sinnen« gelingen kann. Hierzu hat sich die HNO-Klinik der Universitätsklinik Heidelberg mit der örtlichen Augenklinik und dem Netzwerk Altersforschung zusammengetan.