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Von Jan-Fabio La Malfa
»EINFACH MACHEN«
Wer in der Oberpfalz eine Hörversorgung benötigt, der wird am Hörhaus Regensburg kaum vorbeikommen. Denn mit knapp 30 Fachgeschäften stellt das Gemeinschaftsprojekt eine regionale Marke dar. Dabei fiel die Entscheidung für das Hörhaus erst 2004. Doch als was empfindet man sich? Filialist oder ist man doch Individualunternehmer? Florian Ross, einer von fünf Geschäftsführern des Hörhaus Regensburg, zeigte bei einem Stadt- und Betriebsrundgang ein paar Hintergründe auf.

Es gibt nicht wenige Unternehmen, die sich Testimonials suchen. Warum auch nicht? Die Vorteile liegen ja auf der Hand. Bekannte Persönlichkeiten treten an, um in der Öffentlichkeit für ein Produkt, eine Dienstleistung oder eine Institution einzustehen. Die Sache hat nur einen Haken. Eine solche Herangehensweise kann, muss aber nicht klappen. Das beweist die Match-Up-Hypothese. Denn entscheidend für einen positiven Imagetransfer sind die Übereinstimmung des Produktimages mit den gegebenen oder auch vermeintlichen Eigenschaften des Prominenten sowie die Glaubwürdigkeit der Werbebotschaft. Ist das nicht gegeben, kann sich die Wirkung umkehren und es tritt der Pinocchio- oder der Vampir-Effekt ein.
So gesehen hat die Hörbranche oft ein gutes Händchen bewiesen. Ob nun mit Mario Adorf, Hannelore Elsner, Fritz Wepper, Miroslav Nemec, Tanja Bülter, Christoph M. Ohrt oder, wie derzeit, mit Ulrike Folkerts und Walter Röhrl; sie und noch einige mehr vereint, einen wichtigen Beitrag für ein besseres Hören geleistet zu haben. Durch ihren offenen Umgang mit der eigenen Hörminderung halfen sie, das Produkt Hörsystem weiter zu entstigmatisieren. Doch inwieweit spüren und nutzen Fachbetriebe vor Ort diesen Support eigentlich?
Ein Betrieb, der das sehr gut beurteilen kann, ist das Hörhaus Regensburg. Denn es hat das Glück, mit eigenen Aussagen von Walter Röhrl werben zu dürfen. Um zu erfahren, wie es zu diesem Privileg gekommen ist, suchten wir im Herbst letzten Jahres den Kontakt zu Florian Ross. Er ist nicht nur einer der Geschäftsführer des Hörhaus Regenburg, sondern auch derjenige, der Walter Röhrl seine Hörsysteme anpasste. Ende Februar, eine Woche vor Röhrls 75. Geburtstag, traf OMNIdirekt Florian Ross in Regensburg.
»Für uns war das natürlich ein Geschenk, das direkt vom Himmel fiel. Dass Walter Röhrl aus der Region stammt und bei einem anderen Hörakustiker zunächst Schwierigkeiten hatte, in eine gute Hörgeräteversorgung reinzukommen, ist zwar allgemeinhin bekannt. Auch ist man sich im Klaren darüber, dass auf eine solche Versorgung hin eine Reaktion im Nachgang erfolgen wird. Mit einer solchen Welle habe ich nach dem ersten Signia-Anruf aber gewiss nicht gerechnet«, erläutert Ross, der mir am Vorabend des Interviews die Innenstadt von Regensburg zeigen möchte.
Eine Stadt lässt sich nicht bremsen
Nachdem wir die Filiale in der Ludwigsstraße besichtigt haben und weiterschlendern, erzählt der Hörakustikmeister und Diplom-Kaufmann, wie die Anpassung mit Walter Röhrl verlief. Eine Sonderbehandlung habe er jedenfalls nicht erfahren. »Das Einzige, was ich zusätzlich getan habe, war all meine Termine zu canceln und nach Straubing zu fahren. Dort habe ich Walter Röhrl erklärt, dass eine solche Anpassung bei uns jeder Mitarbeiter durchführen kann«, erinnert sich Ross. In dieser Zeit habe er aber einen Menschen kennengelernt, der trotz seines Erfolges und seines sicherlich sehr beachtlichen Vermögens ein unwahrscheinlich bodenständiger, normaler, netter und dankbarer Mensch sei. »Wenn ich nicht wüsste, dass es Walter Röhrl ist, dann wäre es für mich der Nachbar von nebenan«, urteilt daher Ross.

Dass man in der Folge auf der Signia Keynote ihn zusammen mit Walter Röhrl und Ingolf Lück auf eine Bühne setzen würde, habe Ross zu dem damaligen Zeitpunkt aber nicht gewusst. Auch nicht, dass sich Walter Röhrl später bereit erklären würde, für das Hörhaus Regensburg zu werben und ganze Plakatwände auszufüllen. »Wir durften ihn im Nachgang filmen, Fotos machen und kommunizieren, dass er bei uns Kunde ist. Wenn man weiß, welche Statements Röhrl bei Signia abgibt und welche Authentizität er in Medien sowie der Gesellschaft genießt, dann ahnt man vielleicht, welch zusätzliche Reputation das Hörhaus Regensburg durch seine freigegebenen Slogans wie ‚Ich lass mich nicht bremsen, auch nicht vom schlechten Hören‘ erhalten hat«, freut sich Ross noch heute.
Nachdem wir vom Haidplatz über das alte Rathaus und den Dom zur Filiale in der Pfarrergasse gelangt sind, beginnt Florian Ross etwas näher auf die Philosophie des Hörhauses einzugehen. »In einem hat Röhrl ganz recht. Es ist immer der Mensch, der für Erfolg und Misserfolg verantwortlich ist – auch bei der Hörgeräteanpassung. Mit dem spricht er uns aus der Seele und wir können uns voll damit identifizieren. Denn wir sehen die Kompetenz unserer Mitarbeiter als Grundlage unseres Erfolges. Der kommt aber nur, wenn man was macht. Entsprechend investieren wir viel in Aus- und Weiterbildung«, so Ross, der dabei gleichzeitig verdeutlicht, wie schwierig das sei, dies fortwährend für knapp 30 Filialen und über 100 Mitarbeiter in der Region zu garantieren. Wenn man aber wolle, dass überall nahezu der gleiche Standard herrsche, dann sei das gar nicht anders möglich als ständig Fortbildungen vorzubereiten, Schulungen durchzuführen und die Teilnahme an Roadshows oder Weiterbildungsveranstaltungen zu organisieren.
Generationsübergreifend gut besetzt
Das seien Bemühungen, die sich Ross zufolge nicht nur lohnten, sondern unbezahlbar seien. »Ich glaube, dass wir als Unternehmen ein gewisses Selbstverständnis besitzen. Dazu gehört, dass wir sicherlich ein sehr familiäres Unternehmen sind und auf individuelle Geschichten, Umstände sowie Befindlichkeiten unserer Mitarbeiter eingehen. Entsprechend weisen wir ein großes Maß an Individualismus auf. Auch wenn man bei einer solchen Unternehmensgröße gezwungen ist, Prozesse und Strukturen zu schaffen, versuchen wir doch stets, alle Mitarbeiter mitzunehmen.«

Damit verbunden sei aber auch immer eine Hol- und Bringschuld, die insbesondere im Auszubildendenbereich erkennbar sei. Man suche jede:n Auszubildende:n regelmäßig in den Filialen auf, kontrolliere zu vermittelnde Ausbildungsinhalte, engagiere sich im Gesellen- sowie Meisterprüfungsausschuss oder bereite sie frühzeitig auf die Prüfungen vor. »Es gibt in der Ausbildung übergeordnete Aspekte, es gibt einen festen Zeitplan, wann man etwa zum Fräsen im Labor sein soll; es gibt aber auch individuelle Bedürfnisse. All das versuchen wir stets zusammenzubringen, weil uns wichtig ist, dass sich unsere Azubis bewusst sind, was auf sie zukommt. Denn jede:r hat ein Recht auf eine gute Ausbildung und soll diese auch bekommen. Wenn wir aber sehen, dass gewisse Ausbildungsinhalte nicht gemacht worden sind, dann legen wir den Finger auch mal in die Wunde und fragen nach, was geschehen ist«, sagt Florian Ross, der selbst im Gesellenprüfungsausschuss aktiv ist.
Im Ergebnis führe dies dazu, dass etwa 90% aller Azubis nach der Ausbildung im Hörhaus blieben. Und das meistens sehr lange. Darüber hinaus verfüge man ebenso über Mitarbeiter, die zum Teil seit Jahrzehnten im Unternehmen tätig seien. »Freiräume geben bei gleichzeitigem offenem Gedankengut. Das macht uns aus. Klar, manchmal ist es auch eine Kunst, da bin ich ehrlich. Aber unser komplettes System, so wie es gewachsen ist, hat dazu geführt, dass wir über alle Generationen hinweg gut besetzt sind, sich die Mitarbeiter wohlfühlen, wir aber dennoch eine klare Struktur im Unternehmen haben«, sagt Florian Ross noch, bevor er den Arm in Richtung eines traditionellen und stadtbekannten Gasthauses hebt. Dem Kneitinger.
Gegenseitiges Stärken – die DNA des Hörhauses
Am nächsten Morgen treffen wir uns in der Verwaltung, durch die er mich zunächst herumführt. Kurz vor seinem Büro treffen wir einen weiteren Gesellschafter des Hörhaus Regensburg, Eberhard Schmidt. Nach einem kurzen Plausch ziehen wir in Richtung Schulungsräume weiter, um in das offizielle Gespräch zu gehen.
In diesem Zuge möchte ich natürlich erfahren, wie das in der Praxis mit fünf Gesellschaftern funktioniert. »Viele Köche verderben nicht automatisch den Brei. Gewiss, wenn man fünf unterschiedliche Menschen hat, dann hat man oft auch fünf verschiedene Meinungen. Am Ende kommt es jedoch auf das Zusammenspiel an«, sagt Ross während wir die Schulungsräume mit integriertem Anpassraum betreten. Natürlich gebe es hin und wieder Dinge, bei denen man sich nicht überein sei, und die man in der Folge mal auch liegen lasse. Unter dem Strich sei er sich jedoch sicher, dass das Konstrukt Hörhaus etwas ist, das alle stärker mache. »Wir sind komplett unterschiedlich, ob nun vom Alter her gesehen oder auch in der Art zu denken. Aber genau das macht uns stark. Wir ergänzen uns auf eine Weise, dass jeder sich die Facetten aussuchen kann, die die Stärken des Einzelnen auch widerspiegeln. Wo der eine von uns nicht unbedingt die Leidenschaft besitzt, zu optimierende Versicherungsverträge zu durchforsten, kann ein anderer fantastische Vorträge halten und nach vorne gehen«, sagt Florian Ross.
Von daher, so Ross, sei es auch kein Widerspruch, dass man mit Eberhardt Schmidt als Vizepräsident der biha und Thomas Wittmann als ehemaligen FDH-Vizepräsidenten lange zwei Verbände gleichermaßen im Betrieb verkörpert habe. »Unabhängig davon, dass das historisch gewachsen ist, genießt jeder Gesellschafter einen gewissen Freiraum und die Rückendeckung des anderen. Anders wäre das gar nicht reibungslos möglich. Wie sonst hätte ich neben dem Geschäft meine Promotion angehen können? Zwar kostet all das nicht wenig Zeit, letztlich profitieren jedoch alle von den Projekten des anderen. Denn wenn man etwas macht, dann kommt auch immer etwas heraus«, betont Ross erneut, der 2019 begann, über Anwendungen zu Mobile-Health-Technologien im Hörgerätemarkt und deren Auswirkungen auf die Servicequalität zu promovieren.
Insofern sei das Konstrukt Hörhaus für die Branche zwar unüblich, doch die Entscheidung, mehrere Betriebe mit unterschiedlichen Ausprägungen und Philosophien zu einem Unternehmen zusammenzuschließen, resümiert Ross, habe eine einzigartige Unternehmenskultur geschaffen. Das Hörhaus Regensburg als klassischen Einzelkämpferbetrieb zu definieren, greife jedoch zu kurz. »Den Begriff finde ich für uns schwierig. Es ist mehr die Unternehmenskultur, die uns ausmacht. Das liegt daran, dass mit Marianne Dillinger und Claus Reichel ein Teil der ursprünglichen Inhaber:innen nicht mehr Teil des Betriebes sind; die Unternehmenskultur, die sie einst einbrachten, allerdings schon. Dafür sind andere wie Achim Stockmaier, Carsten Haßler oder ich nachgerückt, und auch wir bringen unsere persönliche Note hier mit rein. So gesehen haben wir uns nie vom Einzelkämpferdenken losgelöst«, begründet Ross.
Andererseits sei es so, dass sich das juristische Gebilde hinter dem Hörhaus erst mit den Jahren verändert hat. Was einst 2004 aufgrund von Marktveränderungen als Gemeinschaftsprojekt verschiedener Inhaber:innen an zwei Standorten begann, sei rückblickend ein visionärer Gedanke gewesen, der heute in ein strukturell mittelständisches Unternehmen gemündet sei. »Die ursprüngliche Intention bestand darin, sich das Leben in gewissen Bereichen nicht schwerer machen zu wollen als notwendig. Dass dann die Expansion über das Hörhaus vorangetrieben wurde und man ziemlich schnell mit neuen Fachgeschäften startete, war nicht nur konsequent, sondern auch Weise. Die Altgeschäfte aus dem damaligen Unternehmerkreis wurden aber erst mit der Zeit integriert«, erklärt Ross, der einst 2001 seine Ausbildung bei Hörgeräte Reichel begann.
Das sei auch nicht anders mit Hörgeräte Reichel II gewesen, dem Unternehmen, das er ab 2011 in der Nähe von Ingolstadt aufgebaut habe. Schnell seien daraus sechs Fachgeschäfte geworden. Reibungslos funktioniert habe das Ganze aber nur, weil Ross durch Achim Stockmaier und Thomas Wittmann im Hintergrund den gleichen Spirit und die Rückendeckung erfahren habe, die im Hörhaus Regensburg herrsche. »Am Namen und am Firmeneintrag erkennt man bereits, dass die Besitzverhältnisse mit der Hörgeräte Reichel Verwaltungs-GmbH nicht deckungsgleich waren und ich in der Hauptverantwortung stand. Dennoch fanden schon damals die Meetings immer gemeinsam statt, auch wenn ich damals keine Anteile am Hörhaus Regensburg hatte. Nach fünf Jahren fand ich aber selbst, dass die Weiterführung der Marke einem Desperadoritt glich, und schlug selbst vor, Hörgeräte Reichel II in das Hörhaus zu integrieren.«
Dem Vorschlag sei ohne eine Sekunde des Zögerns zugestimmt worden – trotz aller damit verbundenen Risiken, wie Ross bewundernswert anmerkt. Denn unabhängig davon, dass man Hörgeräte Reichel II erfolgreich einen regionalen Markennamen aufgebaut habe, sei es eine Entscheidung gewesen, die man eigentlich nicht aus dem Stegreif treffe. »Ich werde nie vergessen, wie Eberhard Schmidt sofort die Hand hob, und alle meinten ‚lass es uns anpacken‘. Ein solcher Schritt hat ja viel mit Vertrauen zu tun und kann einem ebenso auf die Füße fallen, wenn man hingeht und alle Schilder sowie Beklebungen abreißt. Im Nachgang war das aber überhaupt kein Problem, auch weil Team und Ansprechpartner für die Kunden alle stets gleichblieben«, meint Ross, der im Laufe des Gesprächs immer wieder darauf hinweist, wie wichtig es sei, Entscheidungen nicht nur zu treffen, sondern auch umzusetzen. Erst dadurch würden Entwicklungen überhaupt in Gang gesetzt werden. »Wenn ich etwas hoffentlich bis in das hohe Alter begriffen habe, dann ist es die Erkenntnis, Dinge einfach zu machen. Wir würden heute hier nicht sitzen, wenn wir uns beim audiosus-Event nicht kennenlernt hätten. Und Christoph Stinn würde ich nicht so gut kennen, hätte ich die Promotion nicht angefangen. Erst durch das Machen entstehen so viele Geschichten außenherum, die bei einem Start überhaupt nicht absehbar sind. Das ist ja auch das, was Max Bauer mit seinem AuD gerade auszeichnet, und was ich auch so bewundernswert finde: Er macht einfach.« Der Erfolg, so Ross abschließend, stelle sich in der Folge von ganz allein ein. Da brauche man nur Walter Röhrl zu fragen.
