Von Jan-Fabio La Malfa
»EIN PRODUKT FÜR DEN ZUSÄTZLICHEN SERVICE«
Seit wenigen Monaten bahnt sich ein Sprachverstärker seinen Weg in den Hörakustikmarkt: OSKAR. Doch was steckt hinter dem 24 cm langen und 9 cm hohen Lautsprecher? Ein Gespräch mit Marcell Faller, Geschäftsführer und Gründer des Elektronikunternehmens sonoro/faller.
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Herr Faller, OSKAR ist ein sehr junges Produkt, das unter Hörakustiker:innen noch wenig bekannt ist. Was verbirgt sich dahinter?
OSKAR ist ein Sprachverstärker, der vor allem für Menschen gedacht ist, deren Hörperformance nachlässt. Viele im fortgeschrittenen Alter hören eigentlich noch so gut, dass sie kein Hörgerät benötigen, aber Schwierigkeiten beim Fernsehschauen entwickeln und diesbezüglich etwas tun wollen. So erging es beispielsweise meinem 70-jährigen Vater, der eines Tages zu mir kam und sich von mir eine Lösung wünschte, weil ich 2006 mit sonoro ein Audiounternehmen gegründet und damit die nötige Expertise hatte.
Sprachverstärker bedeutet, dass OSKAR besonders Augenmerk auf Sprache legt?
Korrekt, wir sprechen hier nicht über einen simplen Lautsprecher. Die Problematik besteht ja nicht nur darin, dass ich einen Anwender habe, der höchstwahrscheinlich nicht ausreichend genug hört. Oftmals sind es schon die Rahmenbedingungen, die genügen, damit man nicht gut versteht. Das beginnt bereits damit, dass Lautsprecher von heutigen Flachbildschirmen häufig nach hinten ausgerichtet sind und somit gegen die Wand abstrahlen. Nun werden Sie sicherlich sagen, na gut, dann kann man entweder eine Soundbar anschließen oder einen speziellen Kinnbügelhalter kaufen.
Richtig.
Und genau das, finden wir, sollte man nicht.
Das liegt in der Natur der Sache, Sie sind Hersteller.
Nun, OSKAR würde es nicht geben, wenn die bestehenden Lösungen nicht klare Nachteile hätten. Nimmt man eine Soundbar, so sind bei Filmen die Nebengeräusche oftmals so hoch, dass Nebengeräusche die Sprache überdecken. Das liegt nicht an der Soundbar, sondern an den Inhalten selbst. Eine Soundbar verstärkt dies ja nur, da es den Fernsehton noch klanggewaltiger wirken lässt. Man will ja heutzutage ein klanggewaltiges Filmerlebnis. Dies berücksichtigen Kinnbügelkopfhalter in einem gewissen Maße zwar, indem man gewisse Frequenzbereiche anhebt und den Bass ein wenig herunterschraubt. Der große Nachteil hier ist aber, dass man sich komplett sozial isoliert und kein Gespräch führen kann, ohne dass man die Kopfbügelhalter abnimmt. Und ganz ehrlich: Wer will so etwas schon drei Stunden auf den Ohren haben? Mein Vater nicht.
Wodurch unterscheidet sich OSKAR gegenüber einem normalen Lautsprecher?
Zum einen ist der tragbare Lautsprecher direkt auf die zuhörende Person ausgerichtet. Damit werden schon einmal zwei Probleme gelöst: Distanz und Richtung. Zum Dritten, und da steckt eigentlich unser Know-how drin, haben wir in Zusammenarbeit mit zahlreichen Hörakustikern sowie weiteren Forschungsinstituten wie dem Hörzentrum Oldenburg und einem israelischen Unternehmen, das selbst wiederum mit Apple kooperiert, einen eigenen Algorithmus entwickelt, der in Hinblick auf Noise-Reduction und Noise-Cancelation extrem viele Aspekte beachtet. So sind drei Klangstufen im OSKAR integriert, die Hintergrund- und Nebengeräusche ausblenden.
Die sich wodurch unterscheiden?
Stufe 1 ist für diejenigen gedacht, die sich noch ein paar Nebengeräusche wünschen. Bei Stufe 2 hat man bereits größere Schwierigkeiten mit Nebengeräuschen Sprache zu differenzieren. Hier sorgt der Algorithmus dafür, dass die Nebengeräusche weitestgehend ausgeblendet werden. Mit der dritten Stufe erhält man nahezu nur noch den Dialog und Hintergrundgeräusche werden maßgeblich unterdrückt.
Sie sehen OSKAR also als Kompromissformel, den besser Verstehenden mit demjenigen, der weniger gut versteht, eine Geräuschkulisse bzw. Informationskulisse zu bieten, die allen Anwesenden gerecht werden soll?
Richtig, ich kann normalhörende und weniger gut hörende zusammen besser einbinden. OSKAR kann dafür genutzt werden, dass zwei oder mehrere Personen den Fernsehton gut hören und verstehen. Man kann so auch mal beim Fernsehschauen einen kurzen Dialog führen, ohne stets ein Hindernis im Wege zu haben. Mit Kopfhörern hat man häufiger das Gefühl, sich auszugrenzen. Sicherlich ist das der Vorteil, den OSKAR gegenüber am Markt befindlichen Alternativen bietet.
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Jetzt ist das Hauptprodukt eines jeden Hörakustikers das Hörsystem. Wann und bei welchen Kunden sollte OSKAR mit in die Beratung miteinfließen?
Mit OSKAR können wir helfen, den berühmten ersten Schritt zu machen. Und zwar in zweierlei Hinsicht. Zum einen gibt es sicherlich immer wieder den Fall, dass ein Hörakustiker einen potentiellen Kunden hat, der sich im Hinblick auf die Messung gerade unter der Grenze befindet oder der sich gar gegen eine Hörgeräteversorgung entscheidet. Solche Kunden können Hörakustiker dahingehend beraten, dass man ihnen in Bezug auf das Fernsehschauen eine konkrete Lösung bietet, die glücklich macht, durchdacht ist und darüber hinaus noch aufgrund seines Designs sehr hübsch ist. Wenn der Kunde zwei, drei Jahre später die berühmte Schwelle überschreitet oder sich innerlich mit dem Gedanken einer Hörgeräteversorgung anfreunden kann, erinnert sich dieser gewiss an die gute Beratung. Zum anderen aber ist OSKAR auch mit einer Hörgeräteversorgung zu empfehlen.
Lässt sich denn OSKAR auch mit den Hörsystemen koppeln?
Nein, das nicht. Eine Bluetooth-Anbindung existiert nur zwischen der Sendestation und OSKAR. Dennoch sind wir uns sicher, dass er sich bei Hörgeräteträgern, deren Hörminderung nicht ganz so stark ausgeprägt ist, ebenso einsetzen lässt. Denn wir glauben, dass trotz TV-Connectoren und dem Wunsch der Hörakustiker langer Tragedauer solche Personen auch mal froh sind, Fernsehen ohne Hörsysteme zu genießen. Von daher können wir Hörakustiker:innen mit OSKAR ein Produkt bieten, das einen zusätzlichen Service liefert. Mit OSKAR habe ich zumindest etwas, mit dem ich dem Kunden beratend zur Seite stehen kann. Als Konkurrenz zum Produkt Hörsystem ist es aber nicht zu sehen, mehr als Übergangsprodukt bis es zur Hörsystemversorgung kommt.
Wo wird OSKAR produziert? Woher stammen die Materialien?
Zurzeit können wir noch nicht in Deutschland produzieren. Bauteile und Materialien kommen von hochspezialisierten Herstellern aus der ganzen Welt. So kommt beispielsweise der Stoffbezug aus Österreich. Die Endmontage findet derzeit allerdings noch in Fernost statt. Die gesamte Kette der Produktentwicklung, vom ersten Pinselstrich im Design bis hin zur akustischen Abstimmung, ist aber hier in Neuss vorangetrieben worden. Dabei haben wir sehr darauf geachtet, kein ‚plastic fantastic‘ zu produzieren und nachhaltig zu agieren. Sollte das Produkt irgendwann einmal in Rente gehen, so lässt sich OSKAR problemlos recyceln. Auch die Benutzerfreundlichkeit stimmt, da alles möglichst einfach gestaltet ist. Gerade ältere Menschen wollen sich nicht noch großartig mit Technologie auseinandersetzen. Deshalb ist OSKAR lediglich mit einem Lautstärkeregler versehen. Der Kunde muss also nur Klick machen und OSKAR ist auf Empfang. Die Sendestation und der OSKAR sind automatisch miteinander gekoppelt. Auf eine weitere Bluetooth-Fähigkeit haben wir aber bewusst verzichtet. Das Einzige, was man darüber hinaus noch wissen muss, sind die drei Stufen an der Seite.
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Sie deuten vorhin Oldenburg an. Welchen Hintergrund hat das?
Neben zahlreichen Hörakustikern, mit denen wir die Zusammenarbeit gesucht haben, brauchten wir natürlich Erfahrungswerte. Daher haben wir die Zusammenarbeit mit Forschungsunternehmen wie eben auch dem Hörzentrum Oldenburg, HNO-Kliniken aber auch internationalen Institutionen wie der ASHA gesucht und sind tief in die Audiologie eingestiegen. Die ganze Logik von OSKAR basiert deswegen auch auf verschiedensten Probandentests, bei denen geschaut wurde, wie Personen mit oder ohne Hörgerät bestimmte Töne, Sprache und Geräusche wahrnehmen. Die Software auf den digitalen Soundprozessoren nebst den eingesetzten Algorithmen haben wir dann gemeinsam mit unserem israelischen Partner geschrieben. Diese für den audiologischen Bereich spannende Innovation führte jüngst dazu, dass wir mit unserem OSKAR zu den Finalisten des renommierten Medical Design Excellence Awards 2022 der amerikanischen Medical Device and Diagnostic Industry zählen.
Das ist ja ein beachtlicher Erfolg.
Ja, für uns ist es wichtig, den Menschen ein nützliches Hilfsmittel zu bieten. Dies hat zudem auch der vom deutschen Bundestag ins Leben gerufene German Innovation Award gewürdigt und OSKAR mit einer »Winner«-Auszeichnung im Bereich Excellence in Business to Customer geehrt. Aber auch den international anerkannten Stevie Award konnte OSKAR mit einer Gold Auszeichnung für sich entscheiden.
Ihr Unternehmen kommt ursprünglich aus der Unterhaltungselektronik. Wie sind Sie auf die Hörakustikbranche gestoßen?
Ich habe es vorhin bereits angedeutet. Durch meinen Vater, der stets den Fernseher so laut aufgedreht hatte, dass meine Mutter verrückt wurde. Eines Tages suchte er mich auf und sagte »Marcell, du hast doch ein Audiounternehmen. Kannst du da nicht was machen?«
Was Sie dann auch taten.
Richtig, das wiederum hat aber auch etwas damit zu tun, dass ich lange in den USA gelebt habe. Wenn mich etwas geprägt hat, dann ist es dieses positive Mindset, das dort herrscht. Die positive Einstellung und Energie zu sagen, man muss irgendetwas machen, erreichen oder verändern, zeichnet diese Menschen aus. In diesem Fall wollte ich selbstverständlich meinen Eltern helfen. Das ging aber nur, weil ich 2006 sonoro gegründet hatte. Und das tat ich, weil ich einfach Spaß daran habe, Menschen hochqualitative Audioprodukte zu bieten, an denen sie lange Freude haben.
Ein letzter Punkt. Welchen Hintergrund hat die Kooperation mit oton & friends, die Sie eingegangen sind?
Da wir mit sonoro aus der Unterhaltungselektronik kommen und noch keine Erfahrung in der Hörakustikbranche besitzen, wir aber viel Arbeit in das Projekt OSKAR und die Marke Faller investiert haben, war uns eines klar: Wir können nur dann Produktionsmengen erhöhen, wenn wir wissen, dass das Produkt gut ankommt, der Produktionsprozess funktioniert und Kinderkrankheiten eliminiert sind. Nach einem sehr erfolgreichen Testlauf bei dem mittlerweile festen Partner ProIdee haben wir uns auf die Suche nach ersten Fachhandelspartnern begeben. Die Partnerschaft mit oton & friends fühlt sich richtig an.
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Was heißt das für Akustiker, die nicht bei oton & friends sind?
Als wir in die Gespräche oton & friends gegangen sind, haben wir gesagt, dass es ganz elementar ist, dass jeder Hörakustiker unabhängig von der Einkaufsgemeinschaft OSKAR beziehen kann. Den bezieht er vielleicht nicht bei uns, aber die Firma oton ist als Distributionspartner verantwortlich, jeden einzelnen Hörakustiker mit dem Produkt auszustatten, sofern er es haben möchte. Ein schönes Beispiel ist da Ohrengold von der BestAkustik. Ob das ein einzelnes Unternehmen ist, das einer anderen Einkaufsgemeinschaft angehört, oder ein Filialist, spielt bei uns keine Rolle.
Herr Faller, haben Sie vielen Dank für das Gespräch.