DIGITALES MAGAZIN
011 | Juni 2022
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30 JAHRE MED-EL IN DEUTSCHLAND: DR. ECKHARD SCHULZ UND GREGOR DITTRICH BLICKEN ZURÜCK

Von Jan-Fabio La Malfa

ZWEI SCHRITTE ZUM QUANTENSPRUNG

Vor 30 Jahren wurde die MED-EL-Niederlassung in Starnberg gegründet. Zeit für einen Rückblick. Ein Gespräch mit dem Mann der ersten Stunde, Dr. Eckhard Schulz, sowie dem MED-EL-Deutschland-Geschäftsführer Gregor Dittrich.

Herr Dr. Schulz, in diesen Tagen feiert die MED-EL Niederlassung ihr 30-jähriges Jubiläum. Können Sie uns verraten, wie es damals eigentlich losging?

Dr. Schulz: In der Süddeutschen Zeitung entdeckte ich eines Tages eine kleine Stellenanzeige, in der ein Geschäftsführer Deutschland für den Bereich HNO gesucht wurde.

Liege ich falsch mit der Annahme, dass da nicht einmal der Begriff MED-EL auftauchte?

Dr. Schulz: Ich bin mir nicht mehr sicher. In jedem Fall stellte sich später heraus, dass Frau Dr. Hochmair die Anzeige geschaltet hatte. Sie kontaktierte mich einige Tage später und bat mich zusammen mit 22 weiteren Mitbewerbern nach Innsbruck. Dass anschließend die Wahl auf mich fiel, macht mich noch heute sehr stolz.

Warum Starnberg?

Dr. Schulz: Da ich anfangs der einzige Mitarbeiter war, habe ich mich bei der Wahl des Standorts einfach an meinem Wohnort orientiert. Und schließlich ist die Autobahn nach Innsbruck auch nur einen Steinwurf entfernt.

Bedeutet das, dass Sie seitens MED-EL alle Freiheiten erhielten, die Niederlassung so aufzubauen, wie Sie es für richtig hielten?

Dr. Schulz: Sagen wir zu 99,9 Prozent. Für mich persönlich war das natürlich toll. Wer hat schon die Möglichkeiten, eine Niederlassung mit so vielen Freiheiten gründen zu dürfen.

Wie sind Sie das Ganze dann angegangen?

Dr. Schulz: Es fing buchstäblich ganz klein an. Mit einem Mini-Dachgeschossbüro in Starnberg, das ich für die neu gegründete MED-EL Deutschland GmbH mietete. Kurz danach fuhr ich bereits zu einer Tagung nach Birmingham. Dort traf ich mich mit Frau Dr. Hochmair, und dem damaligen Vertriebsleiter Sebastian Foidl, unter anderem auch, um das Vertriebsgebiet der deutschen Niederlassung festzulegen. Und so war ich ab diesem Zeitpunkt für alle Länder zuständig, die um Deutschland herumliegen, mit Ausnahme der östlichen Länder Polen und Tschechien.

Alleine?

Dr. Schulz: Der Anrufbeantworter war zunächst mein bester Mitarbeiter (lacht). Der zeigte mir auch recht schnell, dass das nicht mehr lange gut geht. Wenn ich etwa aus Finnland zurückkam, waren nicht selten 20 Anrufe drauf. Das war natürlich nicht gut. Aus diesem Grund habe ich mich als erstes nach einer Sekretärin umgesehen. Gerti Winkler war es dann, die mir erste Entlastung verschaffte. Während sie sich um Telefon und Rechnungen kümmerte, habe ich alles andere gemacht; ob es nun eine Technik- oder eine Hörernerv-Prüfung an einer Klinik war.

Sie waren also Geschäftsführer, Chef-Audiologe, Vertriebler und Marketingmanager in Personalunion?

Dr. Schulz: So in etwa. Aus diesem Grund bin ich auch erneut an Frau Dr. Hochmair herangetreten und habe ihr den Wunsch nach einem Clinical-Engineer geäußert. So kam nach einiger Zeit Alexander Helmuth mit hinzu. Er war dann immer mit dabei, wenn Kliniken mit Cochlea-Implantationen anfangen wollten und die ersten Operationen anstanden. Denn es galt in solchen Fällen, die Kliniken bestmöglich zu unterstützen. So erhielten diese stets auch das Angebot, dass wir einen erfahrenen Chirurgen zur Klinik mitbringen, um bei den ersten Implantationen Unterstützung zu leisten. Als Guru der HNO-Chirurgie galt damals Professor Jan Helms in Würzburg.

Verstehe ich das richtig, dass bis 1992 keine MED-EL-Operationen in Deutschland stattgefunden haben?

Dr. Schulz: Nein, nicht mit MED-EL-Implantaten. Die wurden bis dahin beispielsweise in Wien oder in den USA gemacht – wobei: Der Erste, der in Deutschland bereits Ende der 1980er Jahre MED-EL-Implantate eingesetzt hat, war im Grunde genommen Professor Banfai. Weil es aber bei Cochlea-Implantaten mit der Implantation allein nicht getan ist, habe ich in den Folgejahren einen Service aufgebaut, der herausragend war beziehungsweise ist. Wenn Sie sich heute in der Cochlea-Implantat-Szene diesbezüglich umhören, dann werden alle bestätigen, dass der Service bei MED-EL wirklich toll ist.

Herr Dittrich, wann sind Sie bei MED-EL eingestiegen?

Dittrich: Das war 1998, als die Mehrkanalsysteme bereits etabliert waren und die Niederlassung etwa 10 Mitarbeiter hatte. Zu dem Zeitpunkt hatte MED-EL ein richtiges Tempo hingelegt. Zwar befanden sich unsere Mehrkanalsysteme schon vier Jahre auf dem Markt, doch die 1996 publizierte Combi-40-Studie brachte in das Thema noch einmal eine ganz andere Dynamik mit rein. Denn sie zeigte, dass Patienten zwei Tage nach der Erstanpassung ein extrem hohes Level an Sprachverstehen erreichten. Bei Einsilbertests erreichten viele 50 Prozent, was so viel bedeutet, dass solche CI-Träger eine unbekannte Person verstehen konnten – sogar ohne Mundbild. Sie konnten also theoretisch auch telefonieren. Das war damals eine Sensation, und ein wirklicher Meilenstein.

Wodurch wurde dies technisch gesehen möglich?

Dittrich: Einer der großen Punkte war die CIS-Sprachkodierungsstrategie, die im Combi 40 Implantat, unserem ersten Achtkanalsystem, erstmals zur Anwendung kam. Mit dieser CIS-Strategie war eine hochauflösende Stimulation mit über 10.000 Impulsen pro Sekunde über den ganzen Elektrodenträger möglich. Somit wurde die Grundlage geschaffen, das Sprachsignal akkurat zu übertragen. Zuvor waren die Stimulationsraten eher bei 1.000 Impulsen pro Sekunde, was natürlich nicht zu einem so hohen Sprachverstehen führt. Und wenn, dann waren es eher Ausnahmefälle.

Dr. Schulz: In der Combi-40-Studie, die Frau Dr. Hochmair in Innsbruck maßgeblich vorangetrieben hatte, waren alle Kliniken involviert, die bereits mit dem Einkanalsystem vertraut waren. Gemeinsam mit diesen haben wir uns in diesem Zeitraum viele Male getroffen. Außerdem sorgten wir dafür, dass die Ergebnisse aus den verschiedensten Kliniken anderen Kliniken vorgetragen wurden. Das hat natürlich unheimlichen Spaß gemacht, auch weil wir uns in gewisser Weise wie Pioniere fühlten.

Kann man technisch gesehen diesen Quantensprung nicht damit begründen, dass mit der Mehrkanaltechnologie auch die Umstellung auf Digitaltechnologie stattgefunden hat?

Dittrich: Ja, im Grunde genommen waren es zwei große Schritte, die diesen Quantensprung auslösten. Der von der analogen zur digitalen Technik, aber auch der von der einkanaligen Stimulation zur nahezu tonotopen Stimulation. Nichtsdestotrotz gab es für uns einige gute Gründe, bis 1994 am Einkanalsystem festzuhalten. Insbesondere den, dass Einkanalsysteme die Möglichkeit bieten, das gesamte Signal zu übertragen, in der Cochlea aufzulösen und zum Schluss im Gehirn diesen gesamten Höreindruck wahrzunehmen. Nur ist das nicht allen Patienten gelungen, da die Stimulation in der Cochlea nur an einem Ort stattgefunden hat und die Tonotopie in der Cochlea eine Rolle spielt. Das kann mit einem Mehrkanalsystem selbstverständlich besser abgebildet werden. Vor allem, wenn man es durch moderne Mikrochiptechnologie schafft, die unterschiedlichen Frequenzbereiche, die zum Hören benötigt werden, in einer hohen Auflösung anzubieten. Allerdings braucht man auch praktikable Lösungen.

Kam in diesem Zuge auch der HdO-Prozessor?

Dittrich: Der erste HdO-Prozessor kam sogar schon deutlich vorher. Das war 1991. Aber an der Frage erkennt man den Spagat, der damals geleistet werden musste. Denn eine weitere Begründung für die Analogtechnologie lag darin, dass solche Systeme nicht so komplex aufgebaut waren und somit der Stromverbrauch eines analogen Einkanalsystems gegenüber einem digitalen Mehrkanalsystem deutlich geringer ausfiel. Das, obwohl die Batterietechnologie aufgrund der Zink-Luft-Batterien damals noch nicht so ausgereift war.

Dr. Schulz: Die Batterien im analogen Prozessor haben für Patienten teilweise eine Woche gehalten. Das hing davon ab, wie stark dieser in Anspruch genommen wurde. Das war damals unschlagbar gut.

Eine ziemlich große Herausforderung dürfte die Mitarbeitergewinnung gewesen sein. Wie sind Sie diesen Punkt angegangen?

Dr. Schulz: Ganz einfach. Wenn ich auf eine Stelle 85 Bewerbungen hatte und die Tür aufging, dann habe ich schon sagen können, ob es passt oder nicht. Das Menschliche war ausschlaggebend. Wir sind im Unternehmen alle sehr auf Sozialkompetenz getrimmt. So ist Frau Dr. Hochmair, sie hat diese Firmenkultur geprägt. Dass wir das technische Wissen mitbringen und das Produkt auswendig kennen, ist Voraussetzung. Doch alle, die bei MED-EL eine wichtige Position einnehmen wollen, müssen Sozialkompetenz ausstrahlen und sich mit den Patienten identifizieren können. Ging früher bei uns die Meldung ein, dass ein Audioprozessor aus technischen Gründen in Bochum ausfiel, so wurde dies am gleichen Tag ersetzt und mit dem IC-Kurierdienst von München nach Bochum mit dem nächstmöglichen Zug geschickt. Da bin ich teilweise selbst nach München gefahren, um das Päckchen abzugeben. Ich denke, da hat sich bis heute nicht viel daran geändert, wenn ich sehe, wie viele Mitarbeiter ich noch selbst eingestellt habe, die noch heute für MED-EL tätig sind.

Welche Meilensteine sehen Sie in den Jahren danach? War es der Single Unit Prozessor, die MRT-Fähigkeit oder die konsequente Entwicklung dünner, flacher und atraumatischer Elektroden?

Dittrich: Das sind natürlich alles unheimlich wichtige Aspekte, jedoch keine Revolutionen. Einzig der Single Unit Prozessor vielleicht. Allerdings muss man hierbei erwähnen, dass wir durch die Vibrant Soundbridge auf langjährige Erfahrung zurückgreifen konnten. Durch die Übernahme von Symphonix 2003, die von Haus aus nie etwas anderes anboten als einen »Button-Prozessor«, erkannten wir, wie zufrieden die Nutzer waren. Daher dachten wir uns, was bei der Vibrant Soundbridge so gut funktioniert, sollte ebenso bei CI-Trägern funktionieren. Die Schwierigkeit, die wir zu meistern hatten, bestand allerdings darin, dass das CI deutlich mehr Strom benötigt, was zur Folge hatte, dass eine deutlich größere Batterie verwendet werden musste. Das bedeutete also, dass wir es zunächst nicht schaffen würden, den Single Unit Prozessor so klein zu kriegen wie für die Vibrant Soundbridge.

Damit hatten Sie die Magnet-Diskussion zum ersten Mal so richtig auf dem Tisch.

Dittrich: Klar, der Magnet muss ja größer und stärker sein, damit der Prozessor auch hält. Insofern kann man auch sagen, dass die erste Rondo-Generation nicht den durchschlagenden Erfolg brachte, von der man behaupten könnte, dass sie die Welt verändert hätte. Das kam erst mit Rondo 2, der mit seinem integrierten, wiederaufladbaren Akku dazu führte, dass der Prozessor wesentlich leichter wurde und dadurch bessere Haltemöglichkeiten bot. Auch mit der dritten Generation sind wir einen weiteren Evolutionsschritt gegangen. Die Magnettechnologie wurde sowohl intern als auch extern optimiert. Jetzt würde ich sagen, ist der Single Unit Prozessor richtig angekommen und nicht mehr wegzudenken, da sich fast als die Hälfte aller Nutzer:innen heute für Single Unit Prozessoren entscheidet. Das war vor zehn Jahren noch ganz anders.

Wann kam die MRT-Frage auf?

Dittrich: Ich weiß noch, dass ich mich schon mit dem Combi 40+ von Beginn an mit dem MRT-Thema auseinandersetzen musste. Da man gemerkt hatte, dass sich durch den Magneten im Kopf Einschränkungen ergeben können, war allen, die sich in der damaligen CI-Szene tummelten, recht früh bewusst, dass MRT-Untersuchungen wichtig sind und unter Umständen lebensnotwendig sein können. Ein Implantat sollte einer Diagnostik gewiss nicht im Wege stehen. Zwar wiesen die ersten digitalen Implantate bereits eine MRT-Tauglichkeit bis 1,5 Tesla auf. Dennoch musste man sich überlegen, wie man diese Einschränkungen minimiert und Risiken aus dem Thema herausnimmt. Das ist uns in den Folgejahren durch unsere sehr kreativen Ingenieure mit der Entwicklung rotierender Magnete ja auch bestens gelungen.

Und im Hinblick auf Elektroden?

Dittrich: Seit unserer ersten mehrkanaligen Elektrode, die 1994 bereits schon knapp 30 mm lang war und damit bis weit in die zweite Cochleawindung hineinreichte, zielen wir darauf ab, die Elektroden noch dünner, noch flacher und noch flexibler zu machen. Das ist allein schon deshalb wichtig, um dem Thema Atraumazität, Restgehör- und Strukturerhalt gerecht zu werden. Das ist uns im Verlauf der Jahre mit der Entwicklung der FLEX-Elektrodenserie durchaus gelungen, wenn man sieht, welche feinen Unterschiede die ersten Elektroden zu den heutigen Elektroden aufweisen. Bei dem Thema ist vor allem langfristiges Denken angesagt, schließlich soll ein solches Implantat zwanzig, dreißig Jahre getragen und darüber hinaus auch irgendwann einmal wieder explantiert werden.

Dr. Schulz: Wie vorausschauend da gedacht wird, erkennt man daran, dass sich in der Cochlea ein Bindegewebsschlauch um die Elektrode bildet. Wenn man nun eine defekte Elektrode austauschen möchte, dann muss man im Grunde genommen nur die Elektrode aus dem Schlauch vorsichtig herausziehen und diesen Bindegewebsschlauch idealerweise dabei nicht beschädigen. Wenn die Dimension der neuen Elektrode ähnlich ausfällt, dann kann man die neue Elektrode in den gleichen Bindegewebsschlauch einbringen. Das ist so ein Punkt, der eigentlich bei der Beratung unbedingt angesprochen werden sollte, damit die Patienten mehr Sicherheit aufbauen können. Wenn sie natürlich eine anders dimensionierte Elektrode nehmen, mit unterschiedlicher Geometrie und Form, dann kann es natürlich passieren, dass beim Einführen der Bindegewebsschlauch kaputt geht. Oder sie kommen nicht weit genug in die Cochlea hinein.

Eine letzte Frage mit Blick auf die Zukunft. Wie wird es bei Ihnen weitergehen?

Dittrich: Durch die Pandemie, die uns mittlerweile so lange begleitet hat, ist es für uns zunächst einmal wichtig, dass wieder vollends Normalität an den Kliniken zurückkehrt. Patienten müssen gut nachbetreut werden, und wir wollen die Kliniken dabei unterstützen, dass sie die Nachbetreuung schaffen, und wir sie entlasten. Das können wir einerseits mit den MED-EL Care Centern schaffen, die wir in Zukunft bestimmt noch ausbauen werden, sowie durch moderne digitale Lösungen. Dabei spielen aber auch die Hörakustiker, im Rahmen unseres Partnermodells, eine immens große Rolle in der technischen Nachsorge der Patienten. Insofern sind keine großen Änderungen geplant. Wer uns aber kennt, der sollte wissen, dass wir bis dahin kein Jahr ohne Neuheiten haben verstreichen lassen.

Meine Herren, vielen Dank für das Gespräch.