DIGITALES MAGAZIN
011 | Juni 2022
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»ES IST SUPER, DABEI ZU SEIN« (TEIL 2)

Von Martin Schaarschmidt (Cochlear)

»ES IST SUPER, DABEI ZU SEIN« (TEIL 2)

Tobias Fischer war dreieinhalb Jahre alt, als er im Spätherbst 1987 das Gehör und dann auch die Sprache verlor. Seine Eltern suchten verzweifelt nach einer Chance, ihrem Sohn dennoch ein Leben in der Welt des Hörens zu ermöglichen. Sie hatten Glück: Durch eine Empfehlung fanden sie den Weg zu Professor Ernst Lehnhardt in der Medizinischen Hochschule Hannover (MHH), der den kleinen Jungen mit einem Nucleus Cochlea-Implantat versorgte. Damals eine Behandlung mit völlig offenem Ausgang, für die der CI-Pionier von vielen seiner Kollegen scharf kritisiert wurde. Tobias Fischer war das erste Kind aus Deutschland – und auch aus Europa, das ein CI erhielt. Wir trafen ihn 33 Jahre später in Wien, wo er heute lebt.

Herr Fischer, wir hatten zuletzt über Ihre Schulzeit gesprochen. Danach haben Sie eine Ausbildung absolviert?

Das war 2000. Ich habe überlegt, ob ich weiter zur Schule gehen soll, und hab mich dann für die Ausbildung entschieden – dreieinhalb Jahre mit Berufsschule. Ab dieser Zeit hab ich beschlossen, nicht mehr jedem zu sagen, dass ich da ein Problem habe. Ich bin keiner, der immer Verständnis braucht, und hab es fortan darauf ankommen lassen. Mein Ausbilder hat schon mal gefragt, was ich da am Kopf habe. Aber da es ein technischer Beruf war, war auch das Interesse für mein CI mehr technisch. Überhaupt werde ich selten darauf angesprochen. Auch in meiner jetzigen Firma hier in Österreich hat es lange gedauert, bis mal jemand gefragt hat. Man kennt sich ein halbes Jahr, aber der andere traut sich nicht. Da gibt es wohl eine Hemmschwelle.

Sie haben nach der Ausbildung noch studiert?

Ja, Mikrosystemtechnik, also ein Ingenieurstudium, das ich als duales Studium absolviert habe. Davor musste ich noch einmal ein Jahr zur Schule, um Fachabitur zu machen. Und ich bekam einen Klassenlehrer, der mich sehr gefördert hat. Er hat mich zum Beispiel oft die Texte vorlesen lassen. Diese Förderung war sehr gut. Ich habe die Schule als Jahrgangsbester abgeschlossen. Beim Studium habe ich das CI auch nicht erwähnt. Aber dann musste jeder ein Referat halten und der Dozent hat Themen verteilt. Da gab es das Thema »Cochlea-Implantat«. Das habe ich natürlich genommen und dazu die Präsentation geschrieben. Später in Wien habe ich noch nebenberuflich ein Masterstudium in Innovations- und Technologiemanagement absolviert. 

Welche Kontakte hatten Sie zu anderen CI-Trägern?

Sehr lange Zeit gar keine. Über die MHH gab es mal einen Segeltörn, da bin ich mit. So richtig in Kontakt kam ich erst, als 2004/5 eine Gruppe in Marburg entstand. Da kam ich über Michael Schwaninger und die DCIG hin. Er hatte mir vom Cochlear Implant Verband Hessen-Rhein-Main (CIV-HRM) erzählt, und dass da eine neue Gruppe entsteht. Da ging ich hin. 2007 bekam ich dann auch mein zweites CI.

Wie war das?

Erst war es ein Kampf. Damals begann es gerade mit den bilateralen Versorgungen. Ich entschied, dass ich auch ein zweites CI will, und ging zum Test nach Frankfurt. Erst hieß es, mein Innenohr sei schon so verknöchert, das könne man mir nicht empfehlen. Dann kam ich noch zur Chefarzt-Vorstellung mit Dr. Silke Helbig und Dr. Wolfgang Gstöttner. Die sagten: »Wir machen das.« Es gab jedoch noch Schwierigkeiten mit der Krankenkasse: Ich höre ja auf einer Seite, das wäre doch ausreichend … Ich dachte nur: »Und das muss ich mir von jemandem sagen lassen, der selbst zwei gesunde Ohren hat?!« Die Auseinandersetzung mit der Kasse dauerte ein halbes Jahr. Danach ging es zügig. Als ich das CI bekam, war meine Erwartungshaltung sehr hoch, und nach der Erstanpassung war ich erstmal geschockt, weil ich eigentlich nichts hörte. Also, es kam zwar was, aber nichts, womit ich was anfangen konnte. Damals hatte ich schon meine Freundin Sonja, die in Wien saß. Wir hatten uns online kennengelernt. Später habe ich mir hier eine Arbeit gesucht und bin zu ihr gezogen. Wir haben damals über Skype Hörtraining gemacht – den alten Prozessor runter und nur mit dem neuen. Es war anstrengend und ein Lernprozess, der Monate dauerte. Irgendwann funktionierte es. Ich kann nicht mal genau sagen, wann das war.

Und wie hören Sie heute?

Mittlerweile ist die Seite mit dem zweiten Implantat die dominante Seite. Das kam jedoch auch dadurch, dass mein anderer Sprachprozessor mal kaputt war. Damals gab es Cochlear Österreich noch nicht. Um den Service kümmerte sich Hansaton Österreich, und bei denen ist was schiefgelaufen. Es dauerte anderthalb Monate, bis ich den Prozessor wiederbekam. Als ich ihn einschaltete, war es so, als wäre jetzt die alte Seite die neue Seite. Mittlerweile ist das sieben Jahre her. Aber ich habe mit dieser Seite immer noch etwas Schwierigkeiten, während ich mit der neuen Seite auch ohne das zweite CI gut klarkomme.

Was sagt denn Ihr Audiologe dazu?

Das ist in Österreich leider alles etwas schwieriger. Anfangs sagte man mir sogar, für Einstellungen müsste ich dorthin fahren, wo ich implantiert wurde. Dabei bin ich hier versichert. Inzwischen fahre ich zur Anpassung nach Salzburg. Da hätte ich schon vor einem Jahr wieder hingemusst, um alles checken zu lassen. Aber durch Corona kam es nicht dazu. Und jetzt vergeben sie keine Termine mehr. Es gibt bestimmte Tage, an denen angepasst wird. An denen kann man kommen. Nur bin ich berufstätig. Und niemand kann mir garantieren, dass sie mich nachmittags dort noch rannehmen … Mein Audiologe, Herr Leyrer, ist jedoch sehr gut. Sein Büro sieht ungefähr so aus wie damals das Büro von Herrn Battmer. Die gleiche Technik, und er arbeitet auch noch so und kennt die ganzen Kniffe. Heute gibt es ja Telemetrie und viele können gar nicht mehr programmieren. Die werden ganz anders geschult. Aber er macht das noch klassisch, ein Kanal nach dem anderen. Den Unterschied merke ich schon.

Was ist bei der CI-Versorgung in Österreich sonst noch anders als in Deutschland?

Es gibt keine CI-Zentren und keine richtige Reha. Wer am Allgemeinen Krankenhaus in Wien (AKH) oder in Salzburg ein CI bekommt, wird zur Reha nach Bad Nauheim geschickt. Das wird sogar von den Kassen bezahlt, weil es hier nichts gibt. Und oft werden die Leute allein gelassen. Einer meiner Arbeitskollegen hat ein gehörloses Kind und war beim Beratungsgespräch im AKH. Ihm wurde nur gesagt, welchen Hersteller er nehmen soll. Für seine Fragen war keine Zeit. Auch nach der Implantation sind die Eltern oft allein. Sie bekommen ein paar Stunden Logopädie und das wars. Bodo Bertram wollte sein Konzept auch nach Österreich bringen. Da hieß es dann: »Das ist alles so preußisch durchdacht. So etwas brauchen die Österreicher nicht.« Aber in Deutschland gibt es ja auch genug Probleme. Weil die Cochlea-Implantation dank der Technik inzwischen so einfach ist, trauen sich das immer mehr Kliniken zu, jedoch ohne eine Reha anbieten zu können.

Welche Soundprozessoren tragen Sie heute?

Beidseitig Nucleus 6. In Österreich hat man alle sieben bis acht Jahre Anspruch auf einen neuen Sprachprozessor. Das heißt, ich muss noch zwei bis drei Jahre warten. Ich hoffe natürlich immer, dass die neuen Soundprozessoren weiterhin kompatibel mit meinem Implantat sind. Ich höre heute noch mit dem von 1988. Cochlear sagt, dass sie auch in Zukunft für Kompatibilität sorgen werden. Aber ich wurde ja sehr früh versorgt. Wie wird es sein, wenn es kaum noch jemanden gibt, der mein Implantat hat? Oder wenn bei dem Implantat irgendwann doch Elektroden ausfallen? Und wie klingt es nach einer neuen Implantation? Genau vorhersagen kann das keiner.

Denken Sie oft über diese Fragen nach? 

Nein, eigentlich ist für mich selbstverständlich, hören zu können. Mein großer Vorteil ist ja, dass die andere Seite gut funktioniert. Mit der würde ich auf jeden Fall zurechtkommen. Und ich bin gespannt, ob es vielleicht mal voll implantierbare Lösungen gibt. Bei der Verabschiedung von Professor Battmer war auch Jim Patrick, der Chef-Techniker von Cochlear, da und hat eine Präsentation zu diesem Thema gehalten. Ich verfolge schon mit Interesse, wie es da weitergeht. Ich fände es interessant, mein altes Implantat irgendwann gegen so etwas zu tauschen. Dass ich mit dem Implantat von 1988 noch in 20 oder 30 Jahren hören werde, glaube ich nicht. Aber wer weiß …

Haben Sie erlebt, dass Sie mit dem CI bestimmte Dinge nicht machen konnten? Wie war es zum Beispiel mit Sport?

Sagen wir mal so: So sportlich bin ich nie gewesen, dass das für mich ein Problem war (lacht). Aber ich war in der Jugendfeuerwehr, dann auch in der Einsatzabteilung. Schon mein Opa war bei der Feuerwehr, also bin ich da reingerutscht. Es gab jedoch ein paar Einschränkungen. Ich durfte keine Einsätze unter Atemschutzmaske machen. Bei der ersten Untersuchung hieß es, das geht nicht, weil ich nur einseitig höre. Bei der gleichen Untersuchung zwei Jahre später wunderte sich der Arzt, dass ich nun doch mit zwei Ohren hören kann; da hatte ich schon mein zweites CI. Dann aber hieß es: »Mit CI keine Atemschutzmaske.« Mittlerweile gibt es einen CI-Träger in Hessen, der es doch darf. Andererseits gab es triftige Gründe dagegen. Zum einen ist die Frage, wie der Prozessor extreme Hitze verträgt. Und zum anderen: Wenn man zu zweit in ein brennendes Haus geht, muss man sich aufeinander verlassen können. Wenn ich da plötzlich nichts mehr höre, muss sich der andere auch noch um mich kümmern. Für ihn wäre das also ein zusätzliches Risiko. 

Sonst durften Sie die Feuerwehreinsätze mitmachen? 

Ja. Gleich beim zweiten Mal, bei einem Feldbrand, war plötzlich mein Akku leer. Damals hatte ich das zweite CI noch nicht. Aber ich hatte zum Glück eine Ersatzbatterie dabei. Du legst den Schlauch zur Seite, nimmst den Helm ab und versuchst schnellstmöglich im Dunkeln die Batterie zu wechseln … Mit der Feuerwehr habe ich erst aufgehört, als ich zwei CI hatte und im Studium steckte. Ich hatte nicht mehr die Zeit. Und mit zwei CI unterm Feuerwehrhelm war es auf Dauer mühsam. Also ließ ich es.

Hatten Sie sonst mal das Gefühl, dass Sie mit dem CI an Grenzen stoßen?

Dass ich nicht zur Bundeswehr musste, war vielleicht ein Vor- und vielleicht ein Nachteil. Als der Bescheid kam, habe ich meinen Schwerbehindertenausweis hingeschickt und die Sache war erledigt. Später jedoch habe ich häufiger gedacht, dass es gescheiter gewesen wäre, die elf Monate zu gehen. Weil alle anderen Geschichten erzählten, was sie beim Bund gemacht haben. Ich habe dann gehört, ich hätte mich sogar mit CI freiwillig melden können. Nur hätten sie mich maximal in die Schreibstube gesteckt. Mit tollen Geschichten wäre da nichts gewesen. Also elf Monate gespart …

Und Grenzen beim Hören?

Die gibt es immer noch genug. Wenn draußen der Wind pfeift. Oder in einem vollen Café; da kann man ja den Geräuschpegel nicht dämmen … Aber ich traue mir die Situationen trotzdem zu. Auch auf Rockkonzerte gehe ich gerne. Oft verstehe ich die Texte nicht, doch das ist egal. Wenn ein Lied gespielt wird und ich es gleich erkenne, freue ich mich umso mehr. Es ist super, dabei zu sein. Und ich habe meinen Spaß.

Hatten Sie von Anfang an Freude an Musik?

Mein Vater hat viel Musik gehört, und ich begann, seine Musik mitzuhören – vor allem Queen. Heute hören wir auf langen Autofahrten Radio und ich erkenne die Lieder; das geht sehr gut. Vor einiger Zeit hatte die österreichische Cochlear Family einen Event mit klassischer Live-Musik. Das war interessant. Ich bin kein Klassikfan. Aber bei Klassik kann man noch viel mehr raushören als bei Rockmusik – die Violine, das Klavier … CI und Klassik sind eine spannende Kombination. Problem ist bei mir allerdings noch das Richtungshören. Ich höre jetzt mit zwei Seiten. Aber da sie so unterschiedlich sind und ich 19 Jahre nur eine Seite hatte, fällt es noch schwer. Es ist ein Prozess. Man muss üben und braucht Zeit. Als ich den letzten Sprachprozessor bekam, hatte ich wieder Logopädie. Die Logopädin rannte im Raum herum, dann blieb sie stehen, sagte ein Wort und ich musste sagen, wo sie ist. Wenn man so etwas lange übt, wird es bestimmt funktionieren.

Wie geht es Ihnen in der alltäglichen Kommunikation?

Eigentlich geht es. Auf der Arbeit führe ich zum Beispiel viele Telefonate auf Englisch. Doch mit Corona ist es schwieriger geworden. Früher ging man zum Meeting in den Meeting-Raum, jetzt läuft viel über Home-Office. Wir haben häufig Teams-Meetings ohne Kamera. Bei Leuten, die ich kenne, geht auch das noch, und die Kollegen wissen ja über mich Bescheid. Aber wenn es Kunden sind, die ich noch nie gesehen habe, und dann noch auf Englisch – das ist manchmal schon schwierig. Ich muss mich sehr konzentrieren. Wenn ich die Leute hingegen kenne, dann habe ich die Stimmlage und das Mundbild abgespeichert. Das war schon immer so. Mit der Jugendfeuerwehr hatten wir mal eine Kanufahrt. Und aus Angst um mein CI habe ich es abgenommen und gut verpackt. Ich habe die anderen beobachtet. Und als mich einer ansprach, konnte ich mit ihm reden – nur über das Mundbild. Bis ihm klar wurde, dass ich ihn gar nicht hören kann …

Sie haben die ganze technologische Entwicklung des CI miterlebt. Inwieweit hat sich durch diese Ihre Lebensqualität verändert?

Ein gewaltiger Sprung war der Wechsel vom Taschenprozessor zum Hinter-dem-Ohr-Gerät. Und mit jedem neuen Sprachprozessor konnte ich wieder mehr hören. Oft sind das Alltagsgeräusche. Das Klicken der kleinen Gummitasten bei den Handys zum Beispiel. Die Anbindungsmöglichkeiten, die mit dem Nucleus 6 erstmals kamen, nutze ich auch. Für die Meetings auf Teams nehme ich den Telefonclip. Das ist bei Online-Konferenzen sehr angenehm. Auf der Arbeit habe ich eher durch Zufall entdeckt, dass das Telefon eine Spule hat, mit der alles viel klarer klingt. Ich kann auch einfach mit Handy am Ohr telefonieren. Bei längeren Gesprächen nehme ich da ebenfalls den Clip. Interessant fand ich im Übrigen auch das Aqua-Kit. Mit dem war ich seit 30 Jahren das erste Mal wieder hörend im Wasser. Eine völlig neue Erfahrung.

Könnten Sie sagen, was das CI für Ihr Leben bedeutet?

Ich bin auf jeden Fall sehr froh, dass meine Eltern damals diesen Schritt gegangen sind. Wir hatten viel Glück, dass wir 1988 zu einem HNO-Arzt kamen, der bereits das Cochlea-Implantat kannte … Vor vier Jahren war ich hier in Wien bei einem HNO-Arzt, weil ich die Verordnung für den neuen Sprachprozessor brauchte. Er sah meine CI und meinte: »Ach, so schaut also ein Cochlea-Implantat aus. Können Sie mir etwas darüber erzählen?« Mir mein Leben ohne CI vorzustellen, fällt mir schwer. Ich hätte die Gebärdensprache lernen müssen. Ich weiß nicht, wie es sonst so gekommen wäre.

Legen Sie Ihre CI auch mal ab, um etwas Ruhe zu haben?

Nein, nur abends zum Schlafen. Aber da ist das schon schön. Man nimmt sie ab und hat sofort seine Ruhe.

Herr Fischer, haben Sie vielen Dank für das Gespräch.