DIGITALES MAGAZIN
012 | Juli 2022
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DIE DGHNO-KHC HÄLT IHRE JAHRESVERSAMMLUNG WIEDER IN PRÄSENZ AB

Von Martin Schaarschmidt

INTERFACE OHR

»Interface – Fokus Mensch Im Zeitalter der technisierten Medizin« – so lautete das Motto des diesjährigen Kongresses der HNO-Klinikärzte. Nach dreijähriger Pause konnte die Jahresversammlung der Deutschen Gesellschaft für Hals-Nasen-Ohren-Heilkunde, Kopf- und Hals-Chirurgie e.V. (DGHNO-KHC) endlich wieder als Präsenzveranstaltung stattfinden – diesmal im Congress Convention Center (CCC) auf dem Messegelände in Hannover. Im Fokus des Interesses stand aktuell die Frage, welchen Nutzen Patienten von technischen Innovationen und Weiterentwicklungen gerade im Kopf-Hals-Bereich haben. Auch das gute Hören war dabei vielfältig präsent.

Ob technische Innovationen bei Bio-Implantaten und Robotik oder neueste Erkenntnisse zur Lebensqualität der Patienten nach erfolgter Implantat-Versorgung – Schnittstellen zwischen Mensch und Medizintechnik waren in den Vorträgen und Diskussionsrunden vielfältig Thema. Darüber hinaus gab es zahlreiche weitere Schwerpunkte: Schädelbasisverletzungen bei Kindern, die Anwendung von Biologika in der Onkologie, aktuelle Entwicklungen der plastisch-rekonstruktiven Chirurgie sowie – für uns besonders interessant – die Ergebnisse der HODOKORT-Studie zur Therapie von Hörstürzen.

Infusionen oder Tabletten – neue Ansätze zur Behandlung von Hörsturz

Laut Information des Kongresses erleiden von 100.000 Menschen in Deutschland jährlich 160 bis 400 einen Hörsturz. Den plötzlichen Hörverlust erlebten die Betroffenen oft als sehr beängstigend. Helfe die medikamentöse Therapie nicht, seien die Patienten auf Hörgeräte angewiesen. Obwohl das Krankheitsbild schon lange bekannt sei, wären die Ursache nicht vollständig erforscht. Ein Grund, warum im Frühjahr 2015 die bundesweite HODOKORT-Studie gestartet wurde. Die Studie, die vom Bund mit knapp zwei Millionen Euro gefördert wurde, befasste sich mit den zugrundeliegenden Mechanismen und Therapiemöglichkeiten bei Hörsturz. Die langjährige Studie wurde aktuell beendet. Die Ergebnisse waren zum Zeitpunkt des Kongresses noch nicht ausgewertet; Studienleiter Professor Dr. med. Stefan K. Plontke, Klinikdirektor der Universitätsklinik und Poliklinik für Hals-Nasen-Ohrenheilkunde, Kopf- und Hals-Chirurgie an der Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg, bot jedoch erste Einblicke.

»Wir wollten wissen, ob eine hohe Cortison-Dosis über die Vene oder – was für die Patienten sicher sehr praktisch ist – in Tablettenform der international angewandten mittleren oder niedrigeren Dosis überlegen ist«, so Professor Plontke. »Wir haben dazu über 300 Patienten randomisiert. Die Patienten mit einer höheren Dosis sollten am Ende zehn Dezibel besser rauskommen als bei der internationalen Standardtherapie. Das war das Kriterium, was wir gefordert haben.«

Klar sei bereits, dass dieser Unterschied nicht erreicht wurde. »Das heißt im Prinzip, dass wir keine Evidenz gefunden haben für diesen primären Endpunkt, dass eine höhere Dosierung von den Cortison-Derivaten auch zu einem besseren Hörvermögen führt. Das heißt im Umkehrschluss jedoch nicht, dass diese Therapien gleich sind. Es gibt noch zahlreiche andere Parameter, die ausgewertet werden, und die für die Patienten viel interessanter sind. Etwa wie sie sich im Sprachverstehen verbessern.« Auch die Frage, wie hoch die Chance auf eine vollständige Erholung des Hörvermögens ist, sei hier wichtig. Antworten werden demnächst die Daten liefern. Bereits bekannt sei jedoch, dass weniger als die Hälfte der Patienten der Studie ihr Gehör vollständig wiedererlangt haben.

Neueste implantierbare Hörlösungen auf der Industrie-Ausstellung

An der kongressbegleitenden Industrie-Ausstellung in Halle 7 des Messegeländes beteiligten sich auch diesmal zahlreiche Anbieter audiologischer Technik. Zu den 96 Ausstellern gehörten insbesondere die führenden Hörimplantat-Hersteller Advanced Bionics, Cochlear und MED-EL, die zudem gemeinsam mit Expertinnen und Experten aus Klinik und Rehabilitation eigene Industrie-Symposien ausrichteten. 

Advanced Bionics stellte in Hannover insbesondere sein neues Cochlea-Implantat-System Naida CI M vor, das AB gemeinsam mit Konzernschwester Phonak entwickelt hat. Naida CI M nutzt die Marvel Plattform von Phonak sowie das HiRes Ultra Cochlea-Implantat. Weitere Neuheit bei AB war die myHearingGuide App, die die Träger von Hörimplantaten des Herstellers beim individuellen Hörtraining begleiten soll.

Produkt-Highlights bei MED-EL waren das Cochlea-Implantat-System Synchrony, das aktive Mittelohrimplantat-System Vibrant Soundbridge und das Knochenleitungshörsystem Bonebridge. Beim MED-EL Symposium stellte Professor Dr. Dirk Beutner aus Göttingen eine neuartige passive Mittelohr-Prothese mit konzentrischem Gelenk vor; diese entspricht in der Hörleistung bisherigen Lösungen, ist jedoch zuverlässiger und langlebiger. Professor Dr. Thomas Lenarz aus Hannover informierte über erste Erfahrungen mit einem Cochlea-Implantat, das Medikamente über die Elektroden freisetzt, um so den Restgehörerhalt zu unterstützen, was bei einer Studie mit neun Patienten zu guten Ergebnissen geführt hätte. Weiterhin berichtete Professor Lenarz über Vorteile robotterassistierter Chirurgie bei Cochlea-Implantationen.

Cochlear präsentierte gleich mehrere neue Hörimplantate – neben den Cochlea-Implantat-Systemen Cochlear Nucleus 7 und Cochlear Nucleus Kanso 2 insbesondere das Cochlear Osia System. Dieses ist das erste aktive Knochenleitungsimplantatsystem mit Piezo-Technologie; eine wegweisende Lösung für Menschen mit Schallleitungsschwerhörigkeit, kombiniertem Hörverlust oder einseitiger sensorineuraler Taubheit (SSD). Auch diese neuartige Lösung habe sich ein Jahr nach Markteinführung bereits erfolgreich am Markt etabliert, so der Hersteller. Im Rahmen von Studien, deren Ergebnisse beim Kongress vorgestellt wurden, gab es viele positive Rückmeldungen.

Bereits nicht mehr im Kongress-Programm vertreten war Oticon Medical. Die dänische Demant A/S Gruppe hatte erst kürzlich bekannt gegeben, dass sie sich von ihrer Tochter Oticon Medical trennen und aus dem Geschäft mit Hörimplantaten aussteigen wird. Geplant ist der Verkauf an Marktführer Cochlear.

KIND informierte über Aufbau von Cochlea Implant Kompetenz-Centern

Ebenfalls auf der Messe vertreten war die Firma KIND mit einem kleinen Stand. Das Unternehmen informierte darüber, dass man entschieden habe, ab dem zweiten Halbjahr 2022 ein KIND Cochlea Implantat Kompetenz- und Service-Center-Netzwerk in Deutschland zu etablieren. In den kommenden vier bis fünf Jahren sollen ca. 60 bis 70 Standorte zu Cochlea Implant Kompetenz-Centern ausgebaut werden. Diese sollen für Implantat-Träger kurze Wege bei Service- und Reparaturfällen sichern.

»Die KIND CI-Kompetenz-Center werden, neben ihrer bekannten Fach- und Beratungskompetenz in der Hörakustik, interessierte Patientinnen und Patienten individuell betreuen und Erstinformationen zu den Möglichkeiten innovativer Hörimplantattechnologien geben«, so eine offizielle Kongressinformation von KIND. Das Kompetenzspektrum der neuen Centren, in denen bei Bedarf auch Feinanpassungen für eine Reihe implantierbarer Hörlösungen vorgenommen werden, umfasst Cochlea-Implantate, Mittelohrimplantate und knochenverankerte Hörimplantate. Die ersten Center werden ab der zweiten Jahreshälfte ihre Leistungen anbieten – und zwar in Dresden, Gelsenkirchen, Hannover, Rostock und Stuttgart.

Spezialisierte Hörakustiker wichtig für Cochlea-Implantat-Nachsorge

Einen Beitrag mit besonderem Bezug zur Hörakustik gab es auf dem Symposium »Der Patient im Mittelpunkt der Versorgung« von Cochlear, einer Veranstaltung, die am Kongress-Donnerstag mehr als 150 Fachbesucherinnen und Fachbesucher zählte. Das Symposium, das von Frau Professor Dr. med. Antje Aschendorff (Freiburg) moderiert wurde, widmete sich in einem ganzen Vortragsblock den Herausforderungen zukünftiger CI-Nachsorge. Eine zentrale Frage dabei: Wie kann man die lebenslange, hochwertige Nachsorge der – aktuell etwa 50.000 – deutschen CI-Träger sicherstellen, wenn die Patientenzahlen noch deutlich steigen?

»Geht es um neueste Ansätze der Hörrehabilitation, so gilt Deutschland heute zu Recht als einer der weltweiten Vorreiter«, so Frank Wagner, Regional Director der Cochlear Deutschland GmbH & Co. KG »Dies kann jedoch nicht darüber hinwegtäuschen, dass es auch hierzulande erhebliche Defizite in der Versorgung gibt. Wir gehen heute davon aus, dass mehr als eine Million Einwohner von einer Versorgung mit einem Cochlea-Implantat profitieren könnten. Um all diesen Menschen die bestmögliche Hörversorgung bieten zu können, und um die wichtige lebenslange Nachsorge sicherzustellen, sind neue, interdisziplinäre Konzepte erforderlich, wie sie jüngst auch in der AWMF-Leitlinie zur Cochlea-Implantat-Versorgung beschrieben wurden.«

Beim Symposium berichtete zum einen Professor Dr. med. Timo Stöver (Frankfurt) über Telemedizin in der CI-Langzeitnachsorge am Beispiel des Cochlear Remote Checks. Dieser sei technisch realisiert und in die klinische Praxis eingeführt; er biete deutliche Chancen für eine effektivere Nachsorge. Es gelte nun, bei Patienten und Behandlern die Akzeptanz und das Bewusstsein für diese Vorteile zu erhöhen.

Der zukünftigen Zusammenarbeit von CI-Klinik und spezialisierten Hörakustikern widmeten sich in ihren Redebeiträgen Oberärztin Professor Dr. Anke Lesinski-Schiedat (Hannover), Hörakustikermeisterin Eva Keil-Becker (Koblenz) sowie die CI-Trägerin Sylwia Swiston, die als Account Manager Clinics bei Cochlear Deutschland tätig ist. Aus der Perspektive von Klinik, spezialisiertem Hörakustiker und Patienten plädierten alle drei Referentinnen für die enge Zusammenarbeit von CI-versorgenden Einrichtungen und spezialisierten Hörakustikfachgeschäften.

Professor Lesinski-Schiedat empfahl, eine solche Zusammenarbeit auf drei unterschiedlichen Ebenen zu realisieren: Einerseits sollte jeder Hörakustiker seine Kunden dahingehend beraten, dass ggf. das gesamte Spektrum der Hörsysteme – also sowohl konventionelle als auch implantierbare Lösungen – berücksichtigt wird. Auf der zweiten Ebene sollten Hörakustiker mit Hörimplantaterfahrungen CI-Wartung und Kontrolle übernehmen und Reparaturen einleiten. Dritte Ebene sollten die spezialisierten CI-Akustiker bilden, die sich auch um die Anpassung der CI-Systeme, um messtechnische Überprüfungen u. ä. kümmern. Wichtig sei zudem der Austausch aller drei Ebenen – untereinander und mit der spezialisierten CI-Klinik. Potentielle CI-Kandidaten sollten an die jeweiligen Experten weitergeleitet werden; es müsse jedoch auch sichergestellt sein, dass sie nach Versorgung zum angestammten Hörakustiker zurückkehren.

Perspektive und Leistungsportfolio eines spezialisierten CI-Akustikers stellte EUHA-Vizepräsidentin Eva Keil-Becker in ihrem Vortrag vor. Die Firma Becker Hörakustik (Koblenz) hatte die Betreuung von CI-Patienten bereits Anfang der 90er Jahre für sich entdeckt – ursprünglich durch den Hörservice für die Schwerhörigen- und Gehörlosenschule in Neuwied. Mittlerweile verfügt das Unternehmen über jahrzehntelange Erfahrungen bei Beratung und Betreuung von CI-Trägern bzw. CI-Kandidaten sowie bei der CI-Anpassung. Erfolgreich arbeite man mit einer ganzen Reihe großer CI-Kliniken sowie mit allen Herstellern zusammen und habe bislang mehr als 1.500 CI-Patienten betreut.