Von Alexander Koose (Netzwerk Gesundheitsberufe)
VERÄNDERTE MARKTBEDINGUNGEN ERMÖGLICHEN NEUE WEGE (TEIL 1)
Ein bei vielen Menschen gesteigertes Bewusstsein für die eigene Gesundheit einer- und die allgemeine technologische Entwicklung andererseits könnten auch in der Hörakustik Impulsgeber für neue Möglichkeiten und Chancen werden. Angebote könnten sich verändern bzw. durch Ergänzungen zu einem ganzheitlicheren Ansatz in den Fachbetrieben führen. Was das für einen einzelnen Betrieb bedeuten könnte, darüber macht sich OMNIdirekt-Gastautor Alexander Koose in einer dreiteiligen Serie Gedanken und malt diese auch aus.
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Über meine Ohren erhalte ich wichtige Gesundheitsdaten – Körpertemperatur, Sauerstoffsättigung des Bluts, Blutdruck, Herzfrequenz und vieles mehr. Diese Daten werden in Echtzeit an meine Ärzt:in weitergeleitet. Sollte es kritische Werte oder Entwicklungen geben, wird meine Ärzt:in mich in kürzester Zeit darüber informieren. Bei unkritischen Entwicklungen erhalte ich über meine App Tipps, wie ich meinen »Mangel« beheben kann. Und wenn ich möchte, kann ich selbstverständlich ein kurzes Video-Telefonat dazu führen, um die Entwicklung und geeignete Maßnahmen zu besprechen.
Die Mikrofone meines Hörsystems erkennen über meine Stimme Anzeichen für Depressionen, Parkinson oder Alzheimer. Ich kann so rechtzeitig gegensteuern und meine wertvolle Gesundheit erhalten. Das Zusammenspiel meiner Gesundheitstracker gibt mir eine maximale Sicherheit, dass mit mir und meinem Gesundheitszustand alles in Ordnung ist.
Die beschriebenen Szenarien sind bereits Realität oder werden zeitnah Teil unseres Alltags werden.
Wie passend, dass unsere Hörakustikbranche sich gerade öffnet und neue Chancen und Perspektiven ermöglicht. Wo liegt unsere Zukunft? Nicht alles lässt sich genau vorhersagen. Stillstand ist keine Option, wenn es um die Gestaltung unserer Branche und den Beitrag jedes Einzelnen dazu geht. Denn »Stillstand bedeutet Rückschritt«, wie es einst Rudolf von Bennigsen-Foerder formulierte.
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Der Hörakustikmarkt – heute, morgen und in wenigen Jahren
Alexander Koose, Geschäftsführer der netzWERK Gesundheitsberufe, beschreibt, wie er die Entwicklung des Marktes sieht und auf welche Fakten und persönliche Einschätzung er diese Veränderungen stützt. Der Buchautor und Marketingspezialist berichtet über neue Erkenntnisse zur Veränderung der Zielgruppe, der Entwicklungen technologischer und gesellschaftlicher Faktoren und wie diese auf den Hörakustikmarkt einwirken.
Im weiteren Verlauf gibt Alexander Koose einen Ausblick auf mögliche Neupositionierungen von Hörakustikfachgeschäften, warum interdisziplinäre Netzwerke immer wichtiger werden und wie sich ein Fachgeschäft mit einer zunehmend therapeutischen Ausrichtung positionieren kann.
»Aus meiner Sicht basieren Veränderungen eines Marktes nicht immer nur darauf, was in einem Markt passiert, sondern vielmehr auf Dingen, die sich außerhalb des Marktes entwickeln.«
Der Markt vor 15 Jahren
Warum vor genau 15 Jahren?! Die Personen, die das Fachgeschäft vor ca. 15 Jahren (Durchschnittsalter in der Hörakustik ca. 70 Jahre) aufgesucht haben, sind inzwischen 80-85 Jahre oder noch älter. Die Verbindung dieser Altersklasse zu Smartphones oder auch App-Lösungen nimmt zu. Die wahrgenommenen Erfahrungswerte aus dem Alltag in Hörakustikfachgeschäften sind jedoch noch recht unterschiedlich. Das verwundert allerdings kaum, wenn wir berücksichtigen, dass das erste iPhone erst 2007 auf den Markt kam. Und was danach folgte, wissen wir ziemlich gut: In rasendem Tempo haben sich technische Neuerungen ergeben, von denen 2007 noch niemand geträumt hat.
Seit 2007 entwickelten sich unzählige Möglichkeiten, wie Smartphones und andere Technikkomponenten miteinander vernetzt werden können. Niemand ist in der Lage, all die Optionen überhaupt zu überblicken. Das war vorher noch anders. Wir fanden uns modern, wenn wir per SMS, ICQ oder StudiVZ kommuniziert haben. Das wirkt heute so verstaubt, als wäre es endlos lange her. Wer hätte zu der Zeit gedacht, dass wir in Kürze mit »Smart-Home« unser gesamtes Haus steuern, mit dem Smartphone an der Kasse bezahlen oder per App einen Scooter oder sogar ein Auto mieten können?
Niemand wollte glauben, dass das Nokia 3110 eines der letzten wirklich relevanten Handys war. Und wer hätte sich vorstellen können, dass das Handy wichtiger als der Haustürschlüssel und die Bankkarte werden wird?
Dass die gesamte technologische Entwicklung auch keinen Halt vor den »Mini-Hightech-Computern« macht, war im Jahr 2007 nicht absehbar. Es ist faszinierend, welche Unterstützungen heute möglich sind und in den Hörsystemen zum Standard gehören – Gesundheitstracking, Stimmanalyse und automatische Situationserkennung auf Basis lernender Systeme sind nur einige Beispiele für die technischen Fortschritte.
Der Markt und die Zielgruppe heute
All die Entwicklungen der letzten 15 Jahren haben dazu geführt, dass die heutige Zielgruppe der Hörakustik völlig selbstverständlich mit der Welt verbunden ist, Smartphones im Alltag nutzt und technologische Verknüpfungen mit den Hörsystemen erwartet. Unsere Kund:innen haben sich über ihre Berufswelt sowie durch die technologischen Entwicklungen im persönlichen und privatem Umfeld bereits mit den neuen Möglichkeiten angefreundet und wollen diese auch nicht mehr missen. Sie möchten die Optionen präsentiert bekommen, die ihnen die »Mini-Hightech-Computer« bieten.
Ein Beispiel: Das Gesundheitsbewusstsein im Alter hat eine neue Entwicklung genommen. Der Besuch eines Fitnessstudios, die Nutzung von Fitnesstrackern oder auch eine gesundheitsbewusste Ernährung gehören für die ältere Generation zum Alltag. Sie möchten lange physisch und psychisch fit bleiben und das Leben genießen. Hörsysteme haben jede Menge Potenzial, diese Gesundheitsanalyse zukünftig umfangreich unterstützen zu können. Denken wir nur an die bereits angekündigten Themen der Sensoren-Technologien und ihre Verwendung in Otoplastiken für die Gehörgänge. Der Gehörgang ist einer der besten Orte, an denen Gesundheitsdaten wie Herzfrequenz und Blutdruck gewonnen werden können.
Aktuelle Studien zur Telemedizin und der Nutzung von Apps
Alexander Kooses intensive Recherche zur Zielgruppe 60plus und die damit verbundenen Erkenntnisse für eine akademische Abschlussprüfung führten dazu, dass er sich weiter intensiv mit aktuellen Studien und Entwicklungen über das Konsumverhalten dieser Zielgruppe befasst.
Die Corona-Pandemie hat einen wichtigen Einfluss auf viele Entwicklungen genommen. Kommunikation über Distanz gehört inzwischen in zahlreichen Bereichen zum Alltag. Gleichzeitig wurde die Qualität der Kommunikationsmöglichkeiten erheblich verbessert. Unsere Kinder wachsen mit Funktionen wie Videotelefonie auf, sie sind bereits vertraut damit. Für sie wird es zukünftig selbstverständlich sein, auch medizinische Fragen per Videosprechstunde mit ihrer Ärzt:in abzuklären. Die ältere Generation hat diese Optionen durch die Umstände in der Corona-Pandemie kennen und auch schätzen gelernt.
Für eine Bitcom-Studie wurden 2020 während der ersten Corona-Phase 2200 Ärzte befragt, um so die Nutzung und die Verbreitung von Telemedizin zu untersuchen. Demnach haben im Jahr 2017 1,8% der Ärzte eine Videosprechstunde angeboten. Im Studienjahr 2020 waren es 60%. Über 90% der Patienten würden eine Videosprechstunde weiterempfehlen. Entscheidend für diesen Schritt in der Telemedizin war auch die Anpassung des Digitalen-Versorgung-Gesetzes.
Aber nicht nur die Möglichkeit neuer Video-Beratung wird durch gesellschaftliche Entwicklungen im Gesundheitswesen vorangetrieben, sondern auch die Nutzung von Apps, die unmittelbar mit dem Thema in Verbindung stehen. Die Anfänge in der Hörakustik wurden unter anderem durch den dänischen Hersteller GN Hearing gemacht. Zu Beginn waren die Funktionen auf das lauter und leiser Stellen der Systeme sowie die Auswahl definierter Umgebungssituationen beschränkt. Diese Funktionen haben sich in den letzten Jahren erheblich weiterentwickelt.
Smartphones und Laptops gehören zum Alltag der älteren Generation. Belegt wurde dies durch eine Studie des Bundesverbandes Digitale Wirtschaft aus 2019, wonach über 80% der Personen zwischen 55-69 Jahren Laptops und bis zu 60% der Altersgruppe ein Smartphone in ihrem Alltag nutzen. Diese Zahlen dürften aufgrund der gesellschaftlichen und technologischen Veränderungen weiter gestiegen sein.
Eine weitere Bitcom-Studie aus dem Sommer 2020 zeigt die Offenheit gegenüber »Apps auf Rezept«. Über 48% der Zielgruppe der Hörakustik können sich sehr gut vorstellen, diese für ihre Behandlungen einzusetzen. Auch in der Hörakustik und den fachlich verwandten therapeutischen Gesundheitsberufen wie der Logopädie gibt es bereits erste Entwicklungen, die in diesen Bereich der »Gesundheits-Apps auf Rezept« passen. Sie ergänzen damit das bisherige medizinische Angebot in Deutschland sehr gut. Die Apps bringen die dringend notwendige Digitalisierung des Gesundheitssystems einen großen Schritt voran.
Technische Neuerungen mit all ihren Möglichkeiten sind die eine Seite. Eine große Rolle für die ideale Versorgung von Menschen spielt das Wissen um das Zusammenspiel aller Sinnesorgane und die kognitive Leistungsfähigkeit. Hier gibt es zahlreiche neue Erkenntnisse, auf die Alexander Koose in der kommenden Ausgabe eingehen wird. Seien Sie gespannt!