DIGITALES MAGAZIN
013 | August 2022
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HEALTHY HEARING BEI DEN SPECIAL OLYMPICS

Von Martin Schaarschmidt (Cochlear)

HEALTHY HEARING BEI DEN SPECIAL OLYMPICS

#ZusammenUnschlagbar – so lautete der offizielle Hashtag der diesjährigen Special Olympics, die vom 19. bis 24. Juni in Berlin stattfanden. Das Highlight für Sportlerinnen und Sportler, die mit einer geistigen Behinderung leben, wurde in diesem Jahr als nationales Event durchgeführt. Rund 4.000 Aktive reisten in die Bundeshauptstadt, wo an zahlreichen Sportstätten Wettkämpfe in 20 Disziplinen ausgetragen wurden. Doch das war längst nicht alles: Wie immer bei Special Olympics stand auch die Gesundheit der Sportlerinnen und Sportler - und nicht zuletzt das gute Hören - im Fokus. Unser Autor Martin Schaarschmidt war vor Ort dabei.

Ein ganz großer Abend im Stadion »An der alten Försterei« in Berlin-Köpenick: Rund 11.000 Zuschauer, darunter etwa 4.000 Athleten, feiern die Eröffnung der nationalen Special Olympics mit einem bunten Programm aus Show und Musik. Den Auftakt bestreiten zwei inklusive Bands. Die Berliner Innensenatorin Iris Spranger erklärt die Wettkampftage offiziell für eröffnet. Die »Gesichter der Spiele«, Robert Herberg und Lilly Binder, entzünden die Special Olympics Flamme. Claudia Emmanuela Santoso, Gewinnerin der TV-Show »The Voice of Germany« von 2019, singt die Special Olympics-Hymne »Ich gewinne«. Und den Haupt-Act des zweieinhalbstündigen Showprogramms gestaltet die Berliner Band MiA. Ausgelassene Stimmung. Auf dem Rasen, vor einem riesigen aufgeblasenen Brandenburger Tor, wird getanzt. Große, leuchtende Berliner Bären und eine sehr lange Polonaise, die über das Spielfeld zieht …

Doch schon am nächsten Morgen wird es ernst: Die Wettkämpfe beginnen. Am anderen Ende der Stadt, auf dem Maifeld am Berliner Olympiastadion laufen die ersten Fußballspiele. Leider hat es eben noch stark geregnet. Aber dem Siegeswillen, mit dem die Spielerinnen und Spieler dem runden Leder nachjagen, tut das keinen Abbruch. Loew Aktiv, Hochfränkische Werkstätten 1, Sportteam Neuendettelsau oder Lebenshilfe Werkstätten Ansbach heißen die Mannschaften, die sich hier messen. Immerhin geht es um viel: Nur die Besten der nationalen Spiele qualifizieren sich für die World Games, die im kommenden Jahr ebenfalls in Berlin stattfinden.

Jürgen Dusel: »Ohne Inklusion gibt es keine richtige Demokratie«

Für das Team der Hochfränkischen Werkstätten sieht es gut aus. Doch es bleibt kaum Zeit, um das Spiel zu verfolgen. Punkt 10 eröffnet in den riesigen weißen Zelten gleich neben dem Spielfeld das Gesundheitsprogramm »Healthy Athletes«. Als weltweit größte Sportbewegung für Menschen mit geistiger und mehrfacher Behinderung verfolgen die Special Olympics nicht nur das Ziel, die Aktiven durch den Sport zu Selbstbewusstsein, Anerkennung und mehr Teilhabe an der Gesellschaft zu verhelfen. Zugleich engagiert sich die Bewegung für die Gesundheit der Sportlerinnen und Sportler.

»Eine barrierefreie gesundheitliche Regelversorgung ist elementar für alle Menschen mit Behinderungen. Sie ist ein grundlegendes Menschenrecht, das leider noch vielen Menschen vorenthalten wird«, so Jürgen Dusel, Beauftragter der Bundesregierung für die Belange der Menschen mit Behinderungen, während der Eröffnung von »Healthy Athletes«. »Wir haben auch in Deutschland ein Qualitätsproblem im Gesundheitswesen, weil es in vielen Bereichen nicht barrierefrei ist und somit Menschen mit Behinderungen schlechter stellt als Menschen ohne Behinderungen. Das ist inakzeptabel.«

Dusel, der selbst mit einer hochgradigen Sehbehinderung lebt, unterstreicht den großen Stellenwert der Prävention. Andererseits müssten die politischen und rechtlichen Voraussetzungen für eine barrierefreie medizinische Versorgung geschaffen werden. Das sei der richtige Weg zu mehr Inklusion in der medizinischen Versorgung. Die Special Olympics würdigt der Bundesbeauftragte als wunderbare Gelegenheit, sich nach der langen Unterbrechung durch die Pandemie endlich wieder zu treffen und auch Menschen mit geistiger Behinderung wieder mehr sichtbar zu machen. Diese Sichtbarkeit sei wichtig, um Menschen mit kognitiven Einschränkungen den Platz zu geben, der ihnen zusteht. Teilhabe und Inklusion seien letztlich die eine Seite der Medaille, und auf der anderen Seite stünde die Demokratie: »Demokratie braucht Inklusion, ohne Inklusion gibt es keine richtige Demokratie.«

Defizite in der Gesundheitsversorgung geistig behinderter Menschen mahnt auch der Präsident der Bundesärztekammer, Dr. Klaus Reinhardt, an. In seinem Grußwort fordert er deutlich mehr Zeit für deren Behandlung: »Ich ganz persönlich finde, ein Land, das für so vieles Geld hat wie die Bundesrepublik Deutschland, sollte für die Inklusion von Menschen mit geistiger Behinderung auch im medizinischen Bereich deutlich mehr Geld ausgeben.«

Gesundheitsprogramm »Healthy Athletes« – rund 4.000 Beratungen und Untersuchungen während der Wettkampftage

Einblick in die Angebote des Gesundheitsprogramms bietet die anschließende Führung durch die insgesamt sieben Stationen von »Healthy Athletes«. Es geht um gesunde Ernährung, um Zahn- und Mundhygiene, um gesunde Füße … Jede der Stationen belegt ein großes Zelt, in dem eine Art Kreisverkehr für die Aktiven vorbereitet ist. Es gibt kostenlose Gesundheits-Checks, präventive Beratung und medizinische Betreuung. Angebote, die für Menschen mit eingeschränkten kognitiven Fähigkeiten von besonderer Bedeutung sind, da sie mit erhöhten gesundheitlichen Risiken leben. Solche Risiken – so erfahren wir beim Rundgang – seien etwa Übergewicht, mangelhafte Fitness, schlechtere Zahn- und Mundgesundheit sowie Beeinträchtigungen beim Sehen. Insgesamt sind während der Spiele rund 4.000 Beratungen und Untersuchungen geplant, die von mehr als 250 Volunteers durchgeführt werden.

Alle Stationen des Gesundheitsprogramms sind täglich von 9 bis 17 Uhr geöffnet. Durch die kostenlosen Angebote sollen die Sportlerinnen und Sportler dabei unterstützt werden, das eigene Befinden selbständig erfassen und mitteilen zu können. Wichtiger Teil der Aufklärungsarbeit sind etwa Informationen in leichter Sprache. Zudem legt man Wert auf standardisierte Untersuchungen gemäß Kriterien der WHO. Nicht weniger wichtig ist die regelmäßige Erhebung von Daten, die Hinweise auf die generelle allgemeine Gesundheit von Menschen mit geistiger Behinderung bzw. Mehrfachbehinderung zulassen.

»Healthy Hearing« – Ruhe und Zeit für die optimale Hör-Diagnostik

Defizite in der gesundheitlichen Betreuung gibt es nicht zuletzt beim Thema Hören. Eine der sieben Stationen, die auf dem Rundgang vorgestellt werden, ist die Station »Healthy Hearing«. Ein weiter Saal mit Tischen, auf denen Info-Material, Ohrmodell, Lärmampel und weitere Dinge vorbereitet sind, ebenso technisches Equipment für objektive Hörmessungen. »Wie zuverlässig sind solche Hör-Messungen bei Menschen mit kognitiven Einschränkungen?«, erkundigt sich Jürgen Dusel. Die Tests an sich seien sehr zuverlässig, entgegnet ihm Dr. Alexander Indermark, Facharzt für Hals-Nasen-Ohrenheilkunde aus dem saarländischen Illingen. Wichtig sei jedoch, bei den Hörtests Lärm zu vermeiden. Daher finden die subjektiven Hör-Messungen auch außerhalb des Zeltes in gut isolierten Containern statt.

In ruhiger Umgebung sei die klassische Tonaudiometrie unter Kopfhörer für die meisten Athletinnen und Athleten kein Problem, so der Leiter der Station »Healthy Hearing«. Man bekäme verlässliche Rückmeldungen. Aber man brauche Zeit, die in hoch frequentierten Arztpraxen oft fehle. Bei einem Erwachsenen ohne kognitive Einschränkung sei ein Hörtest in fünf bis zehn Minuten erledigt. Bei Menschen, die geistig beeinträchtigt sind, könne das schon mal die doppelte oder die dreifache Zeit erfordern.

Mehr über »Healthy Hearing« erfahre ich im Anschluss an die Führung von Carmen Armbruster, Account Managerin Acousticians bei Cochlear Deutschland, die ich in einer der Hörkabinen außerhalb des Zeltes treffe. »Die Athletinnen und Athleten durchlaufen bei uns mehrere Stationen«, erklärt sie mir. »Zuerst erfolgt eine ohrenärztliche Untersuchung und gegebenenfalls eine hygienische Behandlung, etwa die Entfernung von Cerumen. Dann werden Mittel- und Innenohr mittels objektiver Messverfahren überprüft. Dafür nutzen wir Tympanometrie und OAE-Messungen. Gibt es hier Auffälligkeiten, folgt ein Hörtest. Falls tatsächlich ein Hörverlust vorliegt, geben wir Empfehlungen für weitere Schritte und halten diese im Gesundheitspass des Teilnehmers fest.« 

Carmen Armbruster: »Berührungsängste gegenüber Hörtests spielen hier gar keine Rolle«

Bei den subjektiven Messungen sei eine genaue Wahrnehmung des Gegenübers sehr wichtig, so Carmen Armbruster. »Das ist der Teil der Hördiagnostik, bei dem wir am meisten gefordert sind. Die Reaktionen bei der Tonaudiometrie sind mitunter andere, als man sie von Erwachsenen ohne kognitive Einschränkung erwartet. Es reicht nicht, sich auf die zuvor vereinbarte Rückmeldung zu verlassen. Man muss sehr genau beobachten, wie der andere reagiert. Augenkontakt ist wichtig, ebenso die Körpersprache. Man muss sich zusätzlich absichern, ob eine Rückmeldung tatsächlich so gemeint war, wie man sie im ersten Moment versteht.«

Das Ergebnis der Untersuchungen wird im Gesundheitspass dokumentiert, den jeder Athlet bekommt. Der Pass wird zu den Wettkämpfen der Special Olympics immer wieder mitgebracht. Die bisherige Dokumentation hilft den Volunteers bei ihrer Arbeit, und sie erleichtert die Kommunikation mit Ärzten oder Hörakustikern am Heimatort, bei denen der Pass dann ebenfalls vorgelegt werden soll. Dieses Vorgehen hat sich seit Jahren bewährt und wird von den Sportlerinnen und Sportlern sehr geschätzt. »Liegt bei Menschen mit kognitiven Einschränkungen eine Schwerhörigkeit vor, wird diese oft gar nicht bemerkt«, so Hörakustikerin Carmen Armbruster. »Doch unsere Hörtests und der Gesundheitspass ermöglichen, dass die Sportlerinnen und Sportler gegebenenfalls an ihrem Heimatort angemessen versorgt werden können.«

Die Möglichkeit, das eigene Hörvermögen professionell prüfen zu lassen, wird in den Wettkampftagen intensiv genutzt. Auch Carmen Armbruster hat gleich den nächsten Hörtest. Cochlear Deutschland unterstützt die Angebote von Healthy Hearing nach Kräften. Neben Carmen Armbruster ist auch Cochlear-Kollege Daniel Zander vor Ort dabei. Wie Carmen Armbruster ist auch er Hörakustiker. 

Der Kontakt mit den Athletinnen und Athleten ist für beide etwas Besonderes: »Das hier mitzuerleben, ist wirklich toll. Es herrscht eine großartige Stimmung. Alle sind gut gelaunt. Und die Berührungsängste gegenüber Hörtests, die es bei vielen Menschen mit nachlassendem Hörvermögen ja nach wie vor gibt, spielen hier gar keine Rolle. Ganz im Gegenteil. Auch wenn wir am Ende der Untersuchung tatsächlich eine weitere Behandlung empfehlen, ist niemand enttäuscht. Wir erleben sehr viel Dankbarkeit. Und die Sportler berichten von ihren Erlebnissen bei den Wettkämpfen. Es gibt immer genügend Gesprächsstoff und eine fantastische Atmosphäre.«

Jenny Adebahr: »Healthy Athletes nach Kräften zu unterstützen, ist für uns echte Herzenssache«

Wie sich das Engagement lohnt, zeigen die zwischen 2008 und 2019 gesammelten Daten von »Healthy Athletes« sehr deutlich: Im Schnitt wird bei jedem fünften Athleten, der sich beim Gesundheitsprogramm für gutes Hören vorstellt, eine behandlungsbedürftige Hörschädigung diagnostiziert. Knapp 30 Prozent der Athleten weisen verstopfte oder teilweise verstopfte Gehörgänge auf, die dann vor Ort gereinigt werden. Und jedem Zehnten wird eine weitere ohrenärztliche Behandlung empfohlen.

Die Hörvorsorge im Rahmen der Spiele hat erheblichen Effekt, und Hersteller Cochlear war daher auch sehr gerne in Berlin dabei: »Gutes Hören verbindet, und auch der Sport kann Verbindungen stiften und stärken«, so Jenny Adebahr, Marketing-Direktorin von Cochlear Deutschland. »Wir von Cochlear arbeiten täglich daran, Menschen auf der ganzen Welt ein Höchstmaß an Kommunikationsfähigkeit und gesellschaftlicher Teilhabe zu ermöglichen. Darunter sind auch viele Menschen, die mit kognitiven Einschränkungen bzw. Mehrfachbehinderungen leben. Ein Angebot wie das Gesundheitsprogramm Healthy Athletes nach Kräften zu unterstützen, ist da für uns eine echte Herzenssache.«

Übrigens, im kommenden Jahr, bei den weltweiten Spielen der Special Olympics, wird es das Angebot für gutes Hören auch wieder geben. Am Rande der diesjährigen Veranstaltung wurde sogar eine Kooperationsvereinbarung der Organisatoren mit dem Deutschen Berufsverband der Hals-Nasen-Ohrenärzte geschlossen. Und für die World Games 2023 steht bereits eine spezielle Übersetzungssoftware bereit. Mit ihr können die Athletinnen und Athleten dann in 35 Sprachen beraten und betreut werden. Zudem bereiten sich die Organisatoren auch auf Sportler aus Ländern vor, in denen die Standards der Hörgeräte-Versorgung längst nicht so gut entwickelt sind wie in Deutschland. Auch eine Vor-Ort-Versorgung mit einfachen Hörgeräten soll dann ermöglicht werden.

Weitere Informationen zum Gesundheitsprogramm Healthy Athletes gibt es unter https://specialolympics.de sowie in leichter Sprache unter https://gesundheit-leicht-verstehen.de