DIGITALES MAGAZIN
013 | August 2022
22/26

VERÄNDERTE MARKTBEDINGUNGEN ERMÖGLICHEN NEUE WEGE (TEIL 2)

Von Alexander Koose (Netzwerk Gesundheitsberufe)

VERÄNDERTE MARKTBEDINGUNGEN ERMÖGLICHEN NEUE WEGE (TEIL 2)

Im ersten Teil unserer dreiteiligen Serie hat Alexander Koose, Geschäftsführer der netzWERK Gesundheitsberufe, den sich im Wandel befindenden Hörakustik-Markt beleuchtet. Technologische und gesellschaftliche Entwicklungen sind aktuell die Treiber, die neue Chancen und Möglichkeiten öffnen und der Hörakustik-Branche somit attraktive Perspektiven bieten. Technologien, Entwicklungen und Erwartungen der Zielgruppe sind dabei aber nur die eine Seite.

Eine ideale Versorgung von Menschen kann nur mit dem Wissen um das Zusammenspiel aller Sinnesorgane und den Blick auf die Auswirkungen der kognitiven Leistungsfähigkeit gelingen. Der Fokus liegt dabei weniger auf Produkten, sondern zunehmend auf den vorhandenen Fachkompetenzen in den Fachgeschäften. Durch neue Erkenntnisse im Bereich der Hirnforschung werden neue Versorgungswege möglich und immer mehr genutzt.

Daraus ergibt sich ein gewinnbringender Ansatz für Hörakustik-Betriebe. Therapeutische Angebote wie die Hörtherapie erweitern das Leistungsspektrum und bieten ein Alleinstellungsmerkmal – sowohl im sich stark verändernden Markt als auch im Interesse von gesundheitsbewussten, aktiven und informierten Kund:innen. Wie wäre es, Einschränkungen nicht nur mit Hilfsmitteln zu lindern? Wie wäre es, nicht nur Symptome zu behandeln, sondern dauerhafte Verbesserungen durch gesteigerte Fähigkeiten zu erreichen?

Wie kann das gelingen? Dazu muss man sich bewusst machen, dass Hörverstehen eine komplexe Leistung des Gehirns ist. Hörgedächtnis, dichotisches Hören, Sprachfokussierung und -differenzierung wie auch die Fähigkeit, Geräusche nach ihrer Priorität wahrnehmen oder ausblenden zu können, setzen kognitive Leistungsfähigkeit voraus. Ist diese reduziert, sinkt auch die Qualität der Hörwahrnehmung.

Zusammenspiel der Sinnesorgane

Eine weitere große Rolle spielt die optimale Abstimmung der Sinnesorgane untereinander. Alle Sinne sind miteinander verknüpft. Die Wahrnehmung in allen Bereichen basiert auf bereits gemachten Erfahrungen. Ein Beispiel: Das gehörte Wort »Zitrone« ruft zahlreiche Assoziationen hervor – wir können sie vor unserem inneren Auge sehen, uns vorstellen, wie sie sich anfühlt, wie sie riecht und wie sie schmeckt. Ohne, dass die Zitrone real da ist, kann dabei eine körperliche Reaktion entstehen, Speichelfluss setzt ein, und vielleicht bekommen wir Appetit auf eine bei der Vorstellung ihres sauren Geschmacks. Wir sind aber auch in der Lage, das Wort zu schreiben und zu buchstabieren. Und wir können sie für Jemanden, der nicht weiß, was eine Zitrone ist, mit Worten beschreiben, Vergleiche ziehen und der Person die Frucht auf diese Weise nahebringen. Ungleich schwerer wird es, wenn unser Gegenüber gehörlos ist oder das Gespräch in einer extrem lauten Umgebung voller Nebengeräusche stattfindet …

Auditive Verarbeitungs- und Wahrnehmungsstörungen

Nicht nur organisch bedingte Mängel hinsichtlich Schallaufnahme, -weiterleitung oder -umwandlung stören das Hören und die zugehörigen Hirnleistungen empfindlich. Für den ganzheitlichen Ansatz und »Blick über den Tellerrand« ist es unbedingt wichtig zu wissen, dass auch bei einem voll funktionierenden Hörorgan auditive Verarbeitungs- und Wahrnehmungsstörungen (AVWS oder AVS) bestehen können. Leider bleiben diese oft wegen mangelnden Wissens oder weil die Ergebnisse der üblichen Hörprüfungen unauffällig sind unbemerkt. Auch sehr leise Einzeltöne und Geräusche können von den Betroffenen perfekt gehört werden. Es hapert jedoch an der Weiterverarbeitung der Informationen.

Die Auswirkungen für Kinder und Erwachsene mit AVWS können dramatisch sein. Nicht selten werden unerkannte Hörprobleme als Verhaltensauffälligkeiten eingestuft oder sogar eine Intelligenzminderung angenommen. Geräuschempfindlichkeit, Probleme bei der Differenzierung von Sprache und Nebengeräuschen, Unkonzentriertheit, scheinbares Desinteresse oder Schwierigkeiten beim Erinnern und Umsetzen von Arbeitsaufträgen sind einige von vielen weiteren Symptomen, die im Zusammenhang mit einer auditiven Verarbeitungs- und Wahrnehmungsstörung stehen. Auswirkungen auf die Fähigkeiten zum Lesen, Schreiben und Rechnen sind logische Konsequenzen. Ebenso können bei Kindern wie Erwachsenen das Arbeitstempo, die Ausdauer und die allgemeine wie psychische Belastbarkeit reduziert sein.

Auswirkungen von Stressreaktionen

Neben auditiven Verarbeitungs- und Wahrnehmungsstörungen, deren Auslöser Entwicklungsverzögerungen sind, gibt es Formen, die ihre Ursache in einer Anpassungsreaktion auf Stress haben. Es entsteht ein Stresskreislauf, in dessen Verlauf es häufig zu Tinnitus und Hyperakusis kommt. Das hat bereits massive Auswirkungen auf das Wohlbefinden und die Leistungsfähigkeit. In späteren Phasen gesellen sich Symptome von Depression und Burnout hinzu und mindern die Fähigkeit, den Alltag zu meistern, erheblich.

Die Stressstudie »Entspann dich, Deutschland!« der Techniker Krankenkasse (TK) von 2021 zeigt, »dass der subjektiv empfundene Stress bei den Menschen in den vergangenen Jahren noch einmal signifikant zugenommen hat. Im Vergleich zu unserer ersten Studie von 2013 verzeichnen wir bei den häufig Gestressten einen Anstieg um 30 Prozent.« (Quelle: https://www.tk.de/presse/themen/praevention/gesundheitsstudien/tk-stressstudie-2021-2116458)

Das ist umso besorgniserregender, als dass die negativen Auswirkungen von Stress auf Körper und Psyche gut bekannt sind. Ein erhöhtes Stressniveau macht nicht nur vergesslich, schwächt unsere Selbstkontrolle und unser Immunsystem, sondern verändert unsere Wahrnehmung und die Anpassbarkeit unseres Wahrnehmungssystems. Es gibt erhebliche Auswirkungen auf die Plastizität der Sinnesareale des Gehirns. (Quelle: Psychoneuroendocrinology, 2016; doi: 10.1016/j.psyneuen.2016.12.002)

Diesen Kreislauf gilt es zu durchbrechen. Hier können zukunftsorientierte Hörakustik-Betriebe punkten. Schon das Wissen um die Zusammenhänge und eine darauf angepasste, gründliche Anamnese geben Ihren Kund:innen das Gefühl, mit ihren Wahrnehmungen und Beschwerden bei Ihnen an der richtigen Adresse zu sein. Sie müssen dabei nicht alles selbst anbieten. Auch durch die Empfehlung an Spezialist:innen, mit denen Sie ein Netzwerk pflegen, z.B. aus den Bereichen Osteopathie, Physiotherapie, CMD-Zahnmedizin, Logopädie, Lern- und Ergotherapie, werden Sie als Kompetenz wahrgenommen, die entscheidend zur Lösung des Problems beigetragen hat.

Die Biofeedback- / Neurofeedback-Methode

Gerade die zunehmenden Themen wie stressbedingte Erkrankungen und Kopfschmerzen/Migräne, aber auch Aufmerksamkeitsdefizite und Konzentrationsstörungen rücken Ansätze in den Fokus, die gar nicht so neu sind, aber wieder neu erforscht und stetig weiterentwickelt werden. Biofeedback- und Neurofeedbackmethoden geben über computergestützte Systeme eine audio-visuelle Rückmeldung über Körpersignale wie Atmung oder Muskelspannung bzw. über die Gehirnaktivität. Eine spezielle Aufgabe, z.B. durch Steuerung der Aufmerksamkeit oder Atmung die »richtigen« Hirnströme zu aktivieren und so eine Figur auf dem Bildschirm in bestimmter Weise zu bewegen, fördert das Gehirn, neue Verhaltensstrategien zu erlernen und dauerhaft zu etablieren. Daraus können weniger Stress, weniger stark wahrgenommene Schmerzen oder Tinnitus-Geräusche oder höhere Konzentration resultieren.

Leistungen der »allgemeinen Wellness und Prävention für Jedermann« dürfen auch ohne eine bestimmte Qualifikation angeboten werden. Behandlungen mit therapeutischem Ansatz und Krankheitsbezug sind speziellen Berufsgruppen oder Menschen mit einer Zulassung zum Heilpraktiker vorbehalten. Die netzWERK verfolgt die Vision, alle Berufsgruppen, die fachlich zusammengehören, zu verknüpfen, so dass regional kompetente Teams gemeinsam eine ideale Versorgung erreichen können.

Aktuelle Forschungen belegen, dass die Neuroplastizität des Gehirns bis ins hohe Alter besteht. Dadurch ist das Gehirn in der Lage, seinen Aufbau und seine Funktionen so anzupassen, dass es optimal auf veränderte äußerliche Einflüsse und Anforderungen reagieren kann. Dabei werden auch neue Verbindungen zwischen einzelnen Nervenzellen gebildet.

Moderne Systeme zum Training der Hörwahrnehmung bieten die idealen Bedingungen, in Bezug auf Art und Kombination der Reize, Umfang und Dauer des Trainings, hohe Motivation durch moderne und ansprechende Gestaltung und Erfolgsrückmeldungen, unter denen eine neuroplastische Anpassung des Gehirns stattfinden kann.

Hörtherapie als Leistungsmerkmal nutzen

Heben Sie sich vom Wettbewerb ab und nutzen Sie das Hörtraining bzw. die Hörtherapie als Leistungsmerkmal für Ihr Geschäft. Mit der Qualifikation zur Hörtherapeut:in, wie sie z.B. von den BAK Bildungszentren aber auch von anderen Anbietern offeriert werden, erwerben Sie das erforderliche Hintergrundwissen. Im Netzwerk werden Sie damit zu einem wichtigen Bindeglied der Arbeitsbereiche Hörakustik, Hals-Nasen-Ohrenheilkunde, Logopädie und Ergotherapie. Weiterer Nebeneffekt: Sie sprechen dabei auch Zielgruppen außerhalb des üblichen, durchschnittlichen Kundenalters an.

Hörtraining eignet sich für alle Menschen, die anstrengungsfreier hören, sich in Gruppen oder lauter Umgebung leichter unterhalten und mehr Leistungsfähigkeit im Bereich Hörverstehen und Hörverarbeitung gewinnen wollen. Spezielle Therapien unterstützen bei Tinnitus und akustischer Überempfindlichkeit sowie bei auditiv bedingten Aufmerksamkeitsproblemen und Lernstörungen.

Auf die Frage, wie Sie die Neuausrichtung Ihres Geschäftes erfolgreich gestalten und neue gesellschaftliche und technologische Entwicklungen für sich nutzen können, geht Alexander Koose konkret im dritten Teil unserer Serie sein.