DIGITALES MAGAZIN
014 | September 2022
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PROFESSOR DR. DR. ROLAND LASZIG: »DAMALS SAGTE ICH MIR, ICH MACH DA MAL MIT …«

Von Martin Schaarschmidt (Cochlear)

»DAMALS SAGTE ICH MIR, ICH MACH DA MAL MIT …«

»Mein Ehrgeiz war immer, die Methode des Cochlea-Implantats bestmöglich zu vermitteln«, sagt Professor Dr. Dr. Roland Laszig. Gemeinsam mit Professor Ernst Lehnhardt und dem Audiologen Professor Rolf-Dieter Battmer war er maßgeblich daran beteiligt, ab 1984 an der Medizinischen Hochschule Hannover (MHH) die Versorgung mit dem Cochlea-Implantat (CI) in Deutschland einzuführen und weiterzuentwickeln. 1993 wechselte Roland Laszig an die Universitäts-HNO-Klinik nach Freiburg, die er 27 Jahre als Ärztlicher Direktor leitete. Als führender klinisch und wissenschaftlich tätiger Arzt erwarb er zudem große Verdienste bei der weltweiten Etablierung der CI-Therapie. Mehr über seinen Weg und die Anfänge der CI-Versorgung erfuhren wir in nachfolgendem Interview.

Herr Professor Laszig, bitte erzählen Sie uns von Ihrem Weg zum Cochlea-Implantat.

Mein Medizinstudium begann ich 1970 in der DDR. Zwei Jahre später machte ich mein Physikum und 1973 bin ich auf dem Bauch über die grüne Grenze zwischen der Tschechei und Österreich gerobbt. Wir hatten damals Fluchthelfer. Es war schon eine abenteuerliche Geschichte. Aber weil es gut vorbereitet war, ist es auch gelungen. Ich ging dann nach Hamburg, setzte mein Studium fort und machte das Staatsexamen. Außerdem mussten wir die Fluchthelfer bezahlen. Sie wollten 50.000 D-Mark – und wir waren Studenten, hatten auch keinerlei Verwandtschaft im Westen. Wir haben für das Geld sehr viel und sehr hart gearbeitet. 

Wie ging es dann weiter?

Nach dem Staatsexamen begann ich meine Facharzt-Ausbildung bei Professor Georg Neumann am Hamburger Marien-Krankenhaus. Ich schrieb an meiner Doktorarbeit und kaufte 1978 auch meine Eltern aus der DDR frei. Das lief damals über den Ost-Berliner Anwalt Dr. Friedrich Wolff und mit Vermittlung von Herbert Wehner und Rainer Barzel. Diesmal kostete es 200.000 D-Mark. Ich habe sehr viel gearbeitet, um das aufzubringen. Kurz nach der Facharztausbildung beendete ich meine Doktorarbeit. Ich war noch unschlüssig, ob ich in die Praxis gehen oder eher einen anderen Weg einschlagen sollte. Professor Neumann empfahl mir Hannover und seinen Doktorvater – Ernst Lehnhardt. Dem war ich zwei Jahre zuvor schon einmal begegnet. Und er hatte mir erklärt: »Wenn Sie was werden wollen, dann kommen Sie später zu mir.«

Ihre Stelle an der HNO-Klinik der Medizinischen Hochschule Hannover (MHH) haben Sie am 1. Januar 1984 angetreten – also in jenem Jahr, in dem dort die ersten vier CI-Implantationen stattfanden?

Damals hatten gerade mehrere Oberärzte die Klinik verlassen. Ich begann als Assistenzarzt und wollte mir das erstmal ein halbes Jahr lang anschauen. Das Thema Cochlea-Implant entstand gerade erst. 1983 hatte es die ersten Kontakte zu Michael Hirshorn, dem Vertreter der Firma Cochlear, gegeben. In den Jahren davor hatte Lehnhardt mit einer Gruppe versucht, eine eigene Implantat-Lösung zu entwickeln. Und kurz nach meinem Start in Hannover reisten Battmer und Lehnhardt nach Australien und trafen dort Graeme Clark. Danach hatten sie die Lösung, mit der sie arbeiten wollten. Lehnhardt stand jedoch vor der Frage, wie er das mit der MHH klärt. Als er mich fragte, ob ich beim CI-Projekt mitmachen und die Thematik auch wissenschaftlich bearbeiten würde, war ich noch unentschieden. Meine Frau war in Hamburg geblieben, um an der Universitätsklinik ihre Ausbildung zur HNO-Ärztin abzuschließen. Ich pendelte ein dreiviertel Jahr täglich zwischen Hamburg und Hannover und wusste immer noch nicht, ob ich tatsächlich eine akademische Laufbahn einschlagen will.

Was brachte die Entscheidung?

Lehnhardt fragte alle Oberärzte, ob sie beim Cochlea-Implantat-Projekt mitmachen. Ich war der Jüngste und kam ganz gut mit ihm zurecht. Also sagte ich ja. »Ich weiß zwar kaum, wie Cochlea-Implant geschrieben wird, aber ich mache da mal mit.« Dann las ich mich in das Thema ein und es faszinierte mich.

Wie kam es im Sommer 84 zu den ersten Implantationen?

Soweit ich es weiß, ging dem so eine Art Überrumplungsaktion voraus. Lehnhardt hat es irgendwie geschafft, dass die Verwaltung des Klinikums mitspielte. Es hing mit einer ausgefallenen Herztransplantation zusammen. Die kostete einen Haufen Geld, und das wurde für die ersten Cochlea-Implantat-Operationen abgezweigt. Soweit ich mich erinnern kann, war die erste Patientin Inge Krenz, und die Operation war ein riesiges Bohei. Lehnhardt ging sehr vorsichtig vor. Es dauerte sieben oder acht Stunden. Sie trug das CI anfangs noch mit diesem Bügel. Und wir waren alle sehr überrascht, wie gut das ging. Dass sie nicht nur gehört hat, sondern tatsächlich Sprache verstand. Das war der Punkt, an dem wir gesagt haben, wir machen weiter.

Was war dabei Ihre Aufgabe?

Lehnhardt war der Motor, der die Sache initiiert hat. Und ich kümmerte mich um das Hinterland, um die Organisation der Klinik und des Cochlea-Implant-Projektes. Es war ja eine HNO-Klinik, keine CI-Klinik. Es musste alles weiterlaufen. Ich hielt ihm sozusagen den Rücken frei. Zugleich beteiligte ich mich aktiv an allen wissenschaftlichen Diskussionen zur Weiterentwicklung des CI. Schon bald nach den ersten Implantationen folgten die ersten Vorträge. Zusammen mit Battmer sind wir quer durch die Republik gereist. Und es gab sehr viel Widerstand – sowohl von Seiten der Kollegen als auch von den Hörgeschädigten-Pädagogen.

Es gab aber auch Kollegen, die sich gleichfalls mit Hörprothesen beschäftigten?

In Düren gab es den ersten Cochlea-Implantat-Kongress. Dort waren wir auch bei Paul Banfai. Eine andere Lösung, die damals eine Rolle spielte, war das Hortmann-Implantat. Wir saßen im Schloss in Düsseldorf-Benrath und haben uns die Aufzeichnung einer OP angesehen, die ein junger Arzt an der Uni-Klinik Düsseldorf durchgeführt hatte. Das Implantat hatte eine Empfangs- und Sendeantenne. Die musste um den äußeren Gehörgang herumgelegt werden. Die Idee war an sich gar nicht schlecht. Aber es war unglaublich blutig und ein technisch sehr aufwändiges Verfahren. Wir hatten alle gleich den Daumen runter, als wir das sahen. Aus diesem Ansatz ist dann auch nichts geworden – zu kompliziert. Chirurgie funktioniert grundsätzlich nur dann, wenn sie einfach ist. Ein Chirurg braucht es einfach. Das klingt ein bisschen böse und ist überspitzt. Ich glaube dennoch, da ist was dran.

Sie erwähnten die Widerstände der Kollegen gegen Ihr CI-Projekt?

Ich erinnere mich an ein Erlebnis, das wir 1988 auf dem Kongress der International Federation of Hard of Hearing People (IFHOH) in Montreux hatten. Ich hatte gerade die erste deutschsprachige Habilitationsschrift zum Thema Cochlea-Implantat-Versorgung geschrieben, das Habilitationsverfahren lief noch. Beim Kongress saß ich neben Lehnhardt in der ersten Reihe und Professor Rainer Klinke, ein Neurophysiologe, referierte. Der war damals einer der gefragtesten Leute auf dem Gebiet der Sinnesphysiologie, weltweit. Und er erklärte vor versammeltem Saal: »Wer ein Kind mit einem Cochlea-Implantat versorgt, der ist ein Verbrecher.«

Sie hatten im gleichen Jahr erstmals Kinder versorgt …

Kurz zuvor hatten wir ein kleines Mädchen operiert. Sie kam aus Dubai. Ihr Vater war Palästinenser, ein Kollege. Die Mutter war Krankenschwester und stammte aus Deutschland. Sie hatte mehrere Kinder. Das Mädchen war von Geburt an taub und Lehnhardt meinte: »Wir implantieren das Kind.« Ich hingegen war skeptisch. 1986/87 hatten wir auch mehrere junge Erwachsene versorgt, die taub geboren waren; ungefähr zwölf. Die hatten nach einem Jahr fast alle aufgegeben. Sie waren überfordert mit dem, was sie plötzlich hörten. Sie schafften es nicht, all das zu verarbeiten. Es war wirklich schwierig. Deshalb waren wir alle nicht dafür, das geburtstaube Mädchen zu versorgen. Aber Lenhardt hat sich durchgesetzt. Ich glaube, das war seine wertvollste Vision. Und es war im Nachhinein sein größter Verdienst. Für ihn war entscheidend, die CI-Versorgung in Deutschland für alle zu ermöglichen – für jedes Alter. Und es hat funktioniert.

Die kleine Patientin, das war Rawiya Shihabi?

Ja. Sie ist heute noch meine Patientin. Sie hat in Heidelberg und in der Schweiz studiert, spricht drei Sprachen … Entscheidend für diesen ersten Erfolg war sicherlich auch das Umfeld: Das Kind war eingebettet in eine gute Community. Die Eltern waren extrem engagiert. Sie sind mit der Kleinen ständig zu Therapien in die Schweiz gereist. Wir haben Ingenieure zu ihr geschickt. Für diese erste Versorgung eines kleinen Kindes war es die richtige Wahl. Diese Wahl war mit entscheidend für den Erfolg, der für mich eine Motivation war.

Sie haben dann viele Kolleginnen und Kollegen dabei unterstützt, mit der CI-Versorgung zu beginnen?

In der zweiten Hälfte der 80er Jahre schickte mich Lehnhardt los. Ich war in Frankfurt, Aachen, Münster … Überall in Deutschland, in Südamerika … Weltweit übernahm ich mehr als 60 solcher OPs, oft vor laufender Kamera, so dass es sonst wohin übertragen werden konnte. Hinzu kamen unzählige Vorträge und viele Publikationen. Erst später, als ich viele Jahre im Präsidium unserer Fachgesellschaft war, wurde mir klar, was diese neuen Möglichkeiten der Cochlea-Implantation für die HNO-Heilkunde eigentlich bedeuteten. Seit Einführung der Bronchoskopie durch meinen Amtsvorvorvorgänger Gustav Killian war es wohl die große Innovation. Damals reisten wir ständig um den Globus, weil alle lernen wollten, wie das geht. Wir waren so eine Art wissenschaftlicher Jet-Set und haben viele Innovationen eingebracht.

Da gibt es bestimmt viele Anekdoten?

Einmal sollte ich von heute auf morgen nach Jordanien. Es ging um einen Patienten, dessen OP vom jordanischen König bezahlt wurde. Die musste also gelingen; aber in Amman war man ratlos, weil die Cochlea zum Teil obliteriert war. Also riefen sie in Hannover an, und Lehnhardt fragte mich, ob ich hinfliege. Ich wollte, aber ich brauchte ein Visum. Als wir im Konsulat anfragten, meinten sie nur, es sei alles gut. Also setzte ich mich ins Flugzeug und war abends dort. Ein Auto holte mich vom Flugzeug ab, ich bekam ein handgeschriebenes Visum und noch am gleichen Abend war die Operation. Im OP-Saal nahm auch die jordanische Königin Platz, die sich alles mit ansah. Sie hatte ihre Bodyguards dabei, die unter ihren grünen OP-Kitteln Maschinenpistolen trugen. Was das sollte, war mir nicht klar. Ich habe so gut wie möglich operiert, anschließend noch einen Schluck getrunken und am Morgen ging es zurück nach Deutschland. Zumindest sollte es zurückgehen …

Was ist passiert?

Es gab heftigen Gegenwind, deshalb ging der Maschine der Sprit aus und wir mussten in Zagreb notlanden. Während des Auftankens sollten alle die Maschine verlassen, aber ich weigerte mich. 1988 in Jugoslawien und ich als Flüchtling aus der DDR. Dort hatten sie mich in Abwesenheit zu viereinhalb Jahren Gefängnis verurteilt … Schließlich kam der Kapitän, ich erzählte ihm meine Geschichte und durfte mit der Crew an Bord bleiben. Ich hatte wirklich Angst. Ein Jahr später ist die Mauer gefallen.

Nicht nur die Ärzte, sondern insbesondere die Patienten haben damals mit der CI-Versorgung Neuland betreten. Was haben Sie Ihnen vor der OP gesagt?

Dass sie eigentlich nichts zu verlieren haben. Dass ihre Entscheidung eine gute Tat und das Risiko nicht groß ist. Natürlich gibt es ein Operationsrisiko. Wir waren ehrlich; und das war das Beste, was man tun konnte. Ich bin heute noch unglaublich dankbar für diese mutigen Patienten. Ich habe viel von meinen Patienten gelernt, auch später als Klinikdirektor in Freiburg. Man muss offen sein, auch wenn es Probleme gibt. Man muss vernünftig kommunizieren: »Es gibt eine gewisse Chance. Wir haben hier eine Lösung, die gut ist. Sie wird dir wahrscheinlich eine große Hilfe sein.« Einen Patienten hingegen zur Operation zu überreden, ist völlig inakzeptabel. Ich muss ein ehrlicher Makler für diese Sache sein. Dazu gehört für mich auch, dass geschäftliche Interessen außen vorbleiben. Der Vater eines kleinen Patienten war ein Geschäftsmann; er meinte, ich müsste unbedingt Cochlear-Aktien kaufen. So etwas habe ich nie gemacht. Um solche Geschäfte habe ich mich nie gekümmert. Das ist mir wichtig. Ich glaube, man bekommt dadurch eine innere Ruhe, die sich auch den Patienten vermittelt.

Welche Erinnerungen haben Sie an die ersten Implantationen mit Professor Lehnhardt?

Alles war sehr aufwändig. Die ersten 20, 30 Operationen dauerten alle so fünf bis acht Stunden. Es mussten immer die gleichen OP-Schwestern dabei sein, auch die gleichen Anästhesisten. Irgendwann wurde Battmer gerufen, um Messungen zu machen. Es war jedes Mal ein riesiges Bohei und bei Problemen wurde es höchst explosiv. Immer musste es mucksmäuschenstill sein, alles war angespannt. Ich glaube, da spielte etwas hinein, was Lehnhardt selbst und in der Folge auch mehreren seiner Oberärzte zu schaffen machte. Lehnhardt war bekannt als Audiologe, was ein Vorurteil war. Er hatte sich vor allem mit Audiometrie beschäftigt, und deshalb hatte er in Fachkreisen einen gewissen Ruf: Die in Hannover, die können nur die Schieber ihres Audiometers setzen; die können nicht operieren. Dieses Image hat mit dazu beigetragen, dass mehrere der damaligen Oberärzte trotz guter Voraussetzungen später kein Ordinariat bekamen. Ich war der einzige aus Lehnhardts Team, der eines bekam. Und um es klar zu sagen: Dieses Image war falsch. Ernst Lehnhardt war ein sehr guter Chirurg. Das war er schon vor dem Cochlea-Implantat. Das CI gab ihm die Möglichkeit, seinen Ruf zu korrigieren. Und er hat Wert daraufgelegt, uns gut ausbilden zu lassen. Ich sammelte Erfahrungen in der allgemeinen HNO-Chirurgie – Dünndarmtransplantationen, Hypopharynxkarzinome, Akustikusneurinome … Er war für mich ebenso ein Lehrer, hat mir ebenso chirurgische Fähigkeiten vermittelt wie zuvor Professor Neumann, mein Chef in Hamburg.

Die ersten Implantate sollen unter der Kopfhaut immer eine Beule gebildet haben. Man nannte sie die »Lehnhardt-Beule«?

Das lag aber nicht am Operateur, sondern am Implantat. Mit den späteren Implantaten gab es keine Beulen mehr. Aber das erste war wie so ein Pilz geformt. Man musste es so weit wie möglich in den Schädelknochen einlassen, der vielleicht einen Zentimeter dick ist. Der Rest stand über und ergab die Beule, auf der ganz am Anfang noch der Kopfbügel saß.

Teil 2 unseres Interviews mit Prof. Laszig folgt in Ausgabe #015 im Oktober.