DIGITALES MAGAZIN
014 | September 2022
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DAVID GARRETT: »DURCH DAS HÖREN ENTSTEHT BEI MIR ERST DIE KREATIVITÄT«

Von Dennis Kraus

»DURCH DAS HÖREN ENTSTEHT BEI MIR ERST DIE KREATIVITÄT«

Als Musiker hat er erfolgreich Grenzen überschritten. Dass er als Geiger die Welt der Klassik mit Rock und anderen Genres kreuzt, machte ihn zum internationalen Pop-Star. Für Widex engagiert sich David Garrett, 42, nun als Klangbotschafter. Welche Rolle Klang für ihn spielt und warum er in der Zusammenarbeit mit dem Hörgerätehersteller auch eine Art Tabubruch sieht, darüber sprachen wir mit ihm im Interview. 

Vorab: In der Musikbranche ist man sehr schnell beim Du. Als David Garrett uns sozusagen mit der Begrüßung das Du anbot, haben wir natürlich eingewilligt. Und da es parallel zu diesem niedergeschriebenen Interview Auszüge uns unserem Gespräch als Video zu sehen gibt, haben wir uns der Einheitlichkeit wegen auch hier für das Du entschieden. 

David, zusammen mit Ida Riegels, Brain Jackson und Dominique Le Grende bist du Klangbotschafter für Widex. Wir gehen davon aus, dass du bisher eher wenige oder keine Berührungspunkte mit Hörgeräteherstellern hattest …

… nein, nur mit In Ears für das Monitoring auf der Bühne. 

Als Widex an dich herantrat, um dich als Klangbotschafter zu gewinnen, was hast du da gedacht? Der Star-Geiger und der Hörgerätehersteller?

Das erste, was ich bei jeder Anfrage tue, ist, dass ich mir das Unternehmen und die Produkte anschaue. Meine Maxime ist: Man kann mir eine Million Euro anbieten, wenn das Produkt nichts taugt, dann werde ich das Geld nicht annehmen. Wenn ich das Produkt aber gut finde, kann man mir auch zwei Euro bieten, und ich werde dafür Werbung machen. Ist ein Produkt innovativ und bietet es gute Qualität zu einem guten Preis, dann bin ich daran interessiert, es zu vermarkten – auch weil es in diesem Fall vielleicht die Lebensqualität der Leute positiv verändert und verbessert. So bin ich auch bei Widex vorgegangen – und ich fand die Produkte gut und innovativ, insbesondere mit Blick auf die App und die Möglichkeit, darüber auch Einstellungen zum Musikhören vornehmen zu können. Für mich sind das spannende Ansätze, die ich hier gut umgesetzt finde. Entsprechend war es für mich ein No-Brainer. Ich brauche zwar keine Hörgeräte, aber wer weiß, ob das so bleiben wird. Und dann ist Widex der richtige Partner, den ich anrufe. 

Wenn du sagst, dass du noch keine Hörgeräte brauchst: Einen Hörtest hast du also schon mal gemacht?

Ja. Und ich hatte in meinem Leben auch schon mal wegen des vielen Fliegens oder einer Erkältung oder einer Entzündung so etwas wie einen temporären Hörverlust. Ich hatte also die Kopfhörer auf, es piepste links und rechts mal laut, mal weniger laut und hinterher sagte man mir, zu wie viel Prozent ich Hören konnte. Gott sei Dank war das aber bei mir nur im Zusammenhang mit einer Entzündung im Ohr. Aber so weiß ich, wie unangenehm es ist, wenn man nur 70, 80 oder 90 Prozent hört, gerade für mich als Musiker. Als man mir sagte, ich würde nur 93 Prozent hören, dachte ich, ich höre nichts mehr. Das ist für mich also schon ein riesiger Unterschied, gerade, weil ich da natürlich sehr drauf achte und mein gutes Gehör enorm wichtig für mich als Musiker ist.

Du hast gerade mit der Moderatorin und dem Widex-Testimonial Tanja Bülter eine Bootstour unternommen, während der du sozusagen auf Tuchfühlung mit dem Thema Hörgeräte-Tragen gegangen bist. Welche Eindrücke hast du gewonnen? Wusstest du vorher schon, was die Geräte heute können?

Auf der einen Seite kann man sich informieren, was die Geräte können und was sie können sollten. Diese Informationen hatte ich. Aber nun konnte ich zum ersten Mal mit jemandem darüber sprechen, der die Geräte benutzt. Daher war das Gespräch mit Tanja für mich sehr schön, auch, weil sie mir bestätigt hat, dass die Faktoren, die Widex wichtig sind, wirklich gut umgesetzt wurden. Spannend war außerdem, Tanjas Vorgeschichte zu erfahren. Gut oder schlecht Hören zu können, ist immer noch so ein Tabu-Thema, Dabei gibt es mittlerweile ja auch viele junge Leute, die ein Problem mit ihrer Hörfähigkeit haben. Einige standen auf einem Konzert vielleicht zu lange vor den Lautsprechern, aber bei anderen lässt die Hörfähigkeit auch einfach früher nach. Und das ist natürlich nichts, für das man sich schämen müsste, im Gegenteil. In unserer heutigen Gesellschaft sollte das kein Tabu mehr sein. Und wenn ich ein kleiner Bestandteil davon sein kann, dafür die Werbetrommel zu rühren, dass Hören Lebensqualität bedeutet, und man sich für einen Hörverlust nicht schämen muss, dann tue ich das. Zumal die Geräte doch so klein sind, dass kein Mensch sieht, dass man da etwas im Ohr hat. Und wenn das in deinem Leben einen großen Unterschied macht, dann muss man sich ein gutes Hörgerät besorgen. 

Nun bist du ja Klangbotschafter für Widex. Welche Bedeutung hat Klang in deinem Alltag?

Klang ist für mich Inspiration. Und da rede ich nicht nur von Musik, ich spreche auch von Geräuschen, davon, am Meer zu sitzen, in den Bergen, die Natur zu hören, den Wind oder auch die Fliege, die mich in meinem Zimmer ärgert. All das fließt in unser Leben ein. Und als Musiker lasse ich diese Einflüsse auch in meine Arbeit einfließen. Klang, Geräusche, Lärm, also auch das Negative, was ich mit den Ohren aufnehme – all das hat einen großen Anteil an meiner Kreativität. Wenn das nachlässt, lässt auch die Musik nach. Allerdings hat das Hören bei mir nicht zwingend mit Musik zu tun, das ist sozusagen die Kür. Aber durch das Hören entsteht bei mir erst die Kreativität zum Musikmachen.

Und mit Blick auf dein Instrument, die Violine? Was bedeutet da Klang für dich? Und wie würdest du den klanglichen Unterschied zwischen einer Stradivari und einer Einsteigergeige erklären?

Eine gute Geige ist schon wichtig. Wenn du etwas professionell ausübst, dann brauchst du ein Instrument, das dich so gut wie möglich im Saal hörbar macht. Wenn wir jetzt über ein 500-Euro-Instrument sprechen, hört das jeder. Wenn wir über ein 50.000-Euro-Instrument sprechen, wird das schon schwieriger. Da ist die Luft schon dünner, was die Qualität angeht. Ich möchte mal behaupten, dass man ein gutes Konzertinstrument für 100.000 bis 150.000 Euro bekommt. Aber es ist eben auch die Frage, was man auf der Bühne erreichen möchte und wonach man sucht. Ich bin jemand, der immer nach Perfektion strebt und der immer versucht, dem Publikum das Beste zu geben. Und das heißt, dass ich die besten Voraussetzungen haben muss, um das dem Publikum mit der Musik weitergeben zu können. Und eine gute Geige hat eben ein größeres Klangvolumen, sie hat mehr Klangfarben und gibt dir einfach die volle Bandbreite, dich kreativ auf der Bühne ausleben zu können. Das ist wie mit einem guten Auto. Wenn du top Autofahren kannst, wirst du auf dem Nürburgring mit einem guten Auto eine bessere Rundenzeit fahren als mit einem weniger guten.

Mal ganz allgemein gefragt: Wo findest du den für dich besten Klang? Auf der Bühne eines Konzertsaals? Oder findest du den perfekten Klang ganz woanders?

Der perfekte Klang ist natürlich der Klang der Natur. Mit Musik ist der nicht zu vergleichen. Musik haben wir als Menschen im Endeffekt geschaffen, um ein humanes Bild der Menschlichkeit in einem tollen Saal zu schaffen. Und das ist auch etwas ganz Besonderes, wirklich Wunderschönes, in einem tollen Saal zu sitzen, der für Musik geschaffen ist, mit Instrumenten auf der Bühne, die hochwertig sind, und einem Interpreten, der das musikalisch gut rüberbringt. In der Elbphilharmonie zu sitzen oder in einem tollen Opernhaus, das ist schon das Maß aller Dinge. 

Sehen Sie hier unser Interview mit Star-Geiger und Widex-Klangbotschafter David Garrett. Für unser Zoom-Gespräch haben wir ihn zwei Mal während seiner Tour in Italien abgepasst. Den ersten Teil unseres Interviews konnten wir mit ihm führen, als er in Rom verweilte. Nachdem die Verbindung nach zehn Minuten leider abriss, haben wir das Gespräch einen Tag später fortgeführt, da war David Garrett bereits in Florenz, um am Folgetag bei einem Konzert von Andrea Bocelli in dessen Heimatdorf aufzutreten Vorhang auf für den Virtuosen David Garrett.

Und andersherum gefragt: Welche Klänge empfindest du als arg verbesserungswürdig?

Wenn es irgendwie hinzubekommen ist, einen Presslufthammer schöner klingen zu lassen, dann fände ich das cool (lacht). Ich hatte gerade neulich wieder einen in der Nachbarschaft. 

Wie schützt du dein Gehör? Wir sprachen ja eben auch über den großen Wert, den das Hören für dich hat …

Bei einem AC/DC-Konzert würde ich mich nie in die erste Reihe stellen (lacht). Nein. Aber natürlich passe ich auf mein Gehör auf. Wenn ich weiß, dass die Musik laut wird, gehe ich auch mal raus. Und ich habe immer Ohrstöpsel dabei, für den Fall, dass es zu laut wird, schließlich brauche ich die beiden Dinger hier oben (er zeigt auf seine Ohren, Anm. d. Red.). Daher ist es mir wichtig, pfleglich damit umzugehen, so, wie mit allen Dingen, die man so lange wie möglich behalten möchte. 

Zurück zu deinem Engagement für Widex. Wie definierst du deine Rolle als Klangbotschafter?

Ich glaube, meine Definition ist der Tabubruch. 

Wie meinst du das?

Wir leben heute in einer Zeit, in der man nicht mehr kategorisieren sollte. Einen 30-, 40- oder 50-Jährigen verbindet man nicht in erster Linie mit Hörgeräten. Und wenn ich mir die Werbung anderer Hörgerätefirmen anschaue, dann sind das doch eher betagtere Damen oder Herren. Das finde ich schade, denn das Problem ist ja nicht auf ein Alter beschränkt. Ich finde Werbung toll, bei der man eher zwei Mal hinguckt und sich fragt: Warum macht der dafür jetzt Werbung? Das ist schon mal Aufmerksamkeit, weil man mich ja nicht mit einem Hörgerät verbindet. Wie gesagt finde ich es aber nicht schlimm, einen Hörverlust zu haben. Aber man sollte das Leben, die Gesundheit bis zum letzten Tag so gut wie möglich auskosten. Und wenn ich dazu einen kleinen Teil beitragen kann, dann tue ich das sehr gerne. 

Ist Schwerhörigkeit schon mal ein Thema in deiner Familie gewesen?

Na ja. Es ist schon so, dass ich den Fernseher relativ laut drehe. Ich mag es, beim Fußball auch die Stimmung aus dem Stadion ins Wohnzimmer zu holen. Bei meiner Mutter ist mir das ab und an auch aufgefallen, was aber ja auch normal ist. Sie ist 72 Jahre alt, eine super Frau und gut in Form. Aber mir ist eben auch aufgefallen, dass ich schon den einen oder anderen Satz wiederholt habe. Und da dachte ich mir natürlich, dass sie das doch mal ausprobieren könnte. Abgesehen davon kann sie mir dann auch sagen, wie es sich anfühlt, ob die (Hörgeräte) bequem sind und so weiter. 

Und? Ist deine Mutter nun eine zufriedene Nutzerin? Wie ist der Status quo, wenn wir fragen dürfen?

Gott sei Dank hat sie noch sehr gute Ohren, sie liegt bei 89, 90 Prozent. Aber natürlich hat sie es ausprobiert. Und sie sagt, es ist sehr bequem. Und wenn sie Musik hört, hat sie einen authentischen Klang. Darauf habe ich sehr viel Wert gelegt. Sie hört mich ja auch, wenn ich Zuhause privat übe – und sie sagt, das ist ein sehr natürlicher Klang. 

Eine letzte Frage: Was können wir von der Zusammenarbeit von Widex und dir noch erwarten? 

Ich hoffe, Widex hat genau so viel Freude an der Zusammenarbeit wie ich. Und so steht auch noch das eine oder andere Projekt aus, für das wir noch das eine oder andere Video shooten werden. Das mache ich sehr gerne. Allerdings steht nun bei mir erst mal meine Alive Tour an. Im August  spielen wir in Österreich, von dort aus geht es weiter nach Osteuropa und Italien, Mitte September spielen wir in die großen Hallen in Deutschland und danach geht es weiter nach Süd- und Mittelamerika. Aber ich bin sicher, dass wir Ende dieses, Anfang kommenden Jahres wieder etwas zusammen machen werden, was hoffentlich eine große Bandbreite erreicht. 

David, hab vielen Dank für das Gespräch.