DIGITALES MAGAZIN
015 | Oktober 2022
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PROFESSOR DR. DR. ROLAND LASZIG: »DAMALS SAGTE ICH MIR, ICH MACH DA MAL MIT …« (Teil 2)

Von Martin Schaarschmidt (Cochlear)

»DAMALS SAGTE ICH MIR, ICH MACH DA MAL MIT …« (Teil 2)

»Mein Ehrgeiz war immer, die Methode des Cochlea-Implantats bestmöglich zu vermitteln«, sagt Professor Dr. Dr. Roland Laszig. Gemeinsam mit Professor Ernst Lehnhardt und dem Audiologen Professor Rolf-Dieter Battmer war er maßgeblich daran beteiligt, ab 1984 an der Medizinischen Hochschule Hannover (MHH) die Versorgung mit dem Cochlea-Implantat (CI) in Deutschland einzuführen und weiterzuentwickeln. 1993 wechselte Roland Laszig an die Universitäts-HNO-Klinik nach Freiburg, die er 27 Jahre als Ärztlicher Direktor leitete. Als führender klinisch und wissenschaftlich tätiger Arzt erwarb er zudem große Verdienste bei der weltweiten Etablierung der CI-Therapie. Mehr über seinen Weg und die Anfänge der CI-Versorgung erfuhren wir in nachfolgendem Interview.

Herr Prof. Laszig, wie lief anfangs die Anpassung der Sprachprozessoren ab?

Dazu kann ich nicht viel sagen, weil das Battmer gemacht hat. Der Team-Approach, so nennt man das doch neudeutsch. Wir machten die Vorauswahl und die Chirurgie. Hinzu kamen die Spezialisten für die Anpassung und für die Reha. Bei der Anpassung haben wir nur an der Tür gestanden und gelauscht. Lehnhardt und ich haben da höchst selten eingegriffen. Es war immer die Philosophie, dass alle ineinandergreifen – Ärzte, Ingenieure und Pädagogen. Die Pädagogen zu finden, war der schwierigste Punkt. Die Pädagogen glaubten, wir würden die Gehörlosenpädagogik abschaffen. Als wir wie so ein Wanderzirkus mit unseren Veranstaltungen durchs Land gezogen sind, haben wir immer wieder um die Pädagogen gekämpft. Ihr Berufsbild änderte sich natürlich. Es gab einen Paradigmenwechsel, der sich z. B. darin niederschlug, dass die Pädagogische Hochschule in Heidelberg die Gehörlosen- und die Schwerhörigen-Pädagogik zusammenlegte. Aber alle drei Seiten blieben wichtig. Wobei die Ärzte die treibende Kraft waren. Auch wenn es andererseits gerade von Ärzten großen Widerstand gab – auch von später bekannten CI-Operateuren. Die wurden sozusagen vom Saulus zum Paulus. Aber sich zu irren ist ein Privileg der Wissenschaftler, und wir in Hannover hatten den Pioniergeist.

Was waren die häufigsten Einwände Ihrer Kollegen gegen das CI?

Vor allem, dass es sich um experimentelle Chirurgie handelt. Wie soll es möglich sein, 33.000 Hörfasern durch maximal 22 Elektroden zu ersetzen?! Klinke und insbesondere Hartmann, sein Oberassistent, erklärten damals, warum das nicht funktionieren kann. Die Nervenfasern erregen sich und erholen sich dann; beim Cochlea-Implantat würden sich beide Phasen überlappen, und das sei nicht möglich. Also kann es nicht funktionieren. Später wollte Klinke anhand von Versuchen mit Katzen zeigen, warum es doch funktioniert. Aber warum es funktioniert, weiß bis heute niemand. Ein anderer Einwand, der vor allem von niedergelassenen Kollegen kam, waren die Kosten. Eine CI-Versorgung ist teuer. Und dann kommt gerade bei älteren Patienten die Frage: Lohnt sich das noch? – Kostenbetrachtungen sind problematisch. Eine falsche CI-Indikation und schlechte OP-Technik sind wirklich teuer. Richtige Indikation und exzellente Operationen hingegen bilden die Voraussetzung für eine hohe Kosteneffektivität, die der vieler anderer medizinischer Eingriffe überlegen ist.

Welche Rolle spielt das Alter für die Indikation?

Aus meiner Sicht keine. Meine älteste Patientin in Freiburg war 93. Ihre Kinder lebten in Ecuador. Der Flug dorthin war für sie zu beschwerlich, aber sie wollte den Kontakt zu ihrer Familie behalten – über Zoom, Skype oder wie auch immer. Ihr Hausarzt meinte, ein Cochlea-Implantat lohnt sich für sie nicht mehr. Auch sie selbst war anfangs davon überzeugt. Aber sie hat mit ihrem Implantat noch sechs Jahre gelebt und mit ihrer Familie kommuniziert. Es geht um Lebensqualität. Deshalb bin ich immer vehement gegen jede Alterslimitierung nach oben hin eingetreten. Natürlich gibt es im Alter andere gesundheitliche Einschränkungen. Aber die gilt es eben zu berücksichtigen. Das heißt, hier ist wieder die richtige Indikation das Entscheidende.

Auch Mehrfachbehinderungen galten anfangs als Contra-Indikation?

Ja. Doch das ist eine Frage der Entwicklung. Ein Mehrfachbehinderter, der erfolgreich mit einem Hörimplantat versorgt wird, hat eine Behinderung weniger als vorher. Aber man muss erst sehen, dass etwas gut funktioniert. Es muss sich stabilisieren. Dann wird man mutiger. Um eine Innovation durchzusetzen, brauchen Sie die richtigen Patienten. Ich habe häufig erlebt, dass genau das Gegenteil gemacht wurde. Man nahm die schwierigsten Patienten. Das war zum Beispiel in Dänemark so, und in der Folge wurde das Cochlea-Implantat-Programm dort wesentlich später eingeführt. Ursprünglich hatte das Königshaus eine erste OP finanziert, die damals von Richard Ramsden aus Manchester überwacht wurde. Die Cochlea war verknöchert, und anschließend hieß es natürlich, das funktioniert alles gar nicht. Mein Credo war deshalb immer: Wenn ihr ein Cochlea-Implantat-Programm anfangt, dann holt euch zuerst Patienten, die Erfolg versprechen. Nicht, weil man dann einen Heiligenschein bekommt, aber, weil man vom Erfolg abhängt. Man muss zuerst die Geldgeber überzeugen; später kann man sich auch um die schwierigeren Patienten kümmern. Man muss politisch geschickt vorgehen.

Wann begann die CI-Versorgung in anderen europäischen Ländern?

England begann Ende der 80er, Frankreich ungefähr zur gleichen Zeit wie wir. Dort waren es vor allem Claude-Henri Chouard in Paris und auch Bernard Fraysse in Toulouse, der eine eigene Prothese hatte. In Belgien hatte Jean Baron Marquet eine eigene Entwicklung; ebenso Ugo Fisch in Zürich sowie Burian und Hochmair in Wien. Was uns in Hannover von den Konzepten in den anderen europäischen Ländern unterschied, war die Einführung einer alltagstauglichen Prothese in dieses klinische Setting. Also nicht allein Operation, sondern auch Technik und Nachsorge. Dieses Konzept haben wir dann in Freiburg weiterentwickelt, wobei es natürlich auch modifiziert wurde. Anfangs waren wir deutlich kleiner. Heute sind das 40, 50 Mitarbeiter, die sich nur um Cochlea-Implantat-Versorgungen kümmern.

Mit dem Nachsorgekonzept selbst hatten Sie vermutlich eher nicht so viel zu tun?

In Hannover war das die Aufgabe von Bertram. In Freiburg musste ich mich zumindest um die Finanzierung kümmern. Als Ordinarius ist man ja zugleich der Manager eines Unternehmens. Die Freiburger Klinik hat einen Jahresumsatz um die 25 bis 30 Millionen Euro; und damit umzugehen, habe ich nicht im Studium gelernt. Man muss sich reinfuchsen. Inhaltlich war mir bei der Reha nur wichtig, dass wir uns ausreichend Zeit für die Eltern nehmen. Der Begriff »Reha-Zentrum« suggeriert ja etwas, was genau genommen gar nicht stimmt. Wenn man eine neue Hüfte bekommt, dann macht man sechs Wochen Reha, bekommt Physiotherapie, muss danach noch weiter üben, kann aber schon wieder ganz gut gehen. Aber wenn man hören lernt? Oder auch sprechen? Das lernt man ja nicht in der Reha, sondern zu Hause, in der Kita oder Schule. Und unsere Angebote sind nur punktuell. Wir messen, was erreicht wurde. Wir können mit Data Logging ermitteln, wie die Technik genutzt wurde, um den Patienten Empfehlungen zu geben. Und was wir üben, ist nur ein kleiner Ausschnitt von dem, was die Patienten brauchen. Zudem sind alle erhobenen Daten Grundlage für wissenschaftliche Projekte; und das nutzt am Ende des Tages allen Patienten.

Nach Freiburg wechselten Sie im April 1993. Können Sie sich noch an Ihren ersten CI-Patienten dort erinnern?

Das war gleichfalls das Kind eines Kollegen, zwei Jahre alt. Der Vater war Oberarzt in Tübingen und ein Macher. »Entweder jetzt operieren oder gar nicht mehr.« Die Mutter hingegen war sehr kritisch. Wir hatten lange Gespräche. Die Entscheidung für oder gegen das CI ist für das Leben eines Kindes sehr weitreichend. Aber wir Ärzte können diese Entscheidung nicht treffen. Das müssen die Eltern machen, wir können nur mit unserem Wissen unterstützen. Dass eine CI-Versorgung weniger erfolgreich sein wird, wenn man die Entscheidung noch aufschiebt, wussten wir damals schon. Da gab es mittlerweile genügend Daten.

Anfangs erfolgte die Versorgung ausschließlich mit Implantaten von Cochlear. Wann kamen die anderen Hersteller dazu?

In Hannover hatten wir bis 1993 nur Cochlear. Thomas Lenarz brachte dann Advanced Bionics mit. Als ich in Freiburg begann, wollte ich aber auch hier erst einmal nur mit Cochlear zusammenarbeiten. Unterschiedliche Systeme bedeuten auch zusätzliche Investitionen. Das wäre sicherlich noch lösbar gewesen. Aber vor allem musste ich zuerst ein Team aufbauen. Und meine Mitarbeiter sollten erstmal ein System gut kennenlernen – also das, mit dem ich schon knapp zehn Jahre Erfahrungen hatte. Auch im Nachhinein war das die richtige Entscheidung – auch für die wissenschaftliche Entwicklung. Die Zusammenarbeit mit Cochlear war gerade in den Anfangsjahren sehr unmittelbar. In Basel saßen zu Beginn drei bis fünf Personen. Und die Mitarbeiter waren keine Sales-Leute, sondern Wissenschaftler. Mit dem Wachstum des Unternehmens änderte sich das natürlich. Aber auch in den 90ern war ich noch viel für Cochlear unterwegs. Sie riefen an: »Dort und dort in Italien haben sie dies und jenes vor, kannst du kommen?« Und mit der Crossair kam man damals von Basel überall hin. Also habe ich zugesagt. Das konnte ich, weil ich in Freiburg ein gutes Team etabliert hatte – mit Frau Professorin Aschendorff und Frau Professorin Arndt. Da durfte ich mich auch mal absetzen. Ich habe viele OPs selbst gemacht oder überwacht. Hauptsache für mich war, dass die Methode nicht in Verruf kommt. 

Wie meinen Sie das?

Eine Methode kann sehr schnell in Verruf kommen, wenn sie von Leuten gelehrt wird, die wenig Erfahrung haben oder falsche Dinge vermitteln. Und mein Ehrgeiz war immer, die Methode des Cochlea-Implantats bestmöglich zu vermitteln. Weil es eine gute Methode ist.

Und die eigentlichen Produkte? Irgendwann wurde festgelegt, dass jeder Hersteller jährlich Auskunft über die Zuverlässigkeit seiner Lösungen geben muss?

Da gab es in den 90ern ein Papier, bei dem Battmer federführend war. Alle Hersteller wurden aufgefordert, ihre Ausfallraten zu publizieren, ein Hersteller sträubte sich dagegen. Es gab regelmäßige Treffen. Zu denen bin ich irgendwann nicht mehr selbst hin, sondern hab eine Oberärztin geschickt. 

Noch ein anderes Thema: Im Dezember 1987 wurde die Deutsche Cochlear Implant Gesellschaft (DCIG) gegründet. Sie sind eines der Gründungsmitglieder. Wie sahen die Anfänge der CI-Selbsthilfe aus?

Die Initiative zur Gründung ging auch auf Lehnhardt zurück, ebenso wie die für die Verbandszeitschrift »Schnecke«. Die Patienten haben sich von Anfang an eingebracht, allen voran das Ehepaar Hermann, das sich mit unglaublicher Verve engagiert hat. Ich habe das deshalb gerne ebenfalls unterstützt. Aber Lehnhardts Intention war damals nicht allein, eine Plattform für die Patienten zu schaffen. Dahinter steckte auch ein politisches Denken. Um sein Programm durchzusetzen und die Finanzierung zu erreichen, brauchte er die Masse. Das ist keinesfalls abwertend gemeint. Es war vielmehr ein wichtiger Schritt, um das CI im deutschen Gesundheitssystem zu etablieren. Und in diesem Sinne hat sich die DCIG ja auch weiterentwickelt, was ich sehr unterstützte. Es geht nicht nur darum, sich zu treffen und sich auszutauschen. Es geht auch um eine zusätzliche Stimme im Chor der Hörbehinderten. Die Gehörlosen-Verbände waren damals wesentlich stärker und die Schwerhörigen sagten, wir brauchen kein CI. Die CI-Träger bildeten eine neue Kategorie – nicht gehörlos, aber auch nicht schwerhörig. Sie passten in keins der vorhandenen Raster. Also brauchten sie diese eigene Plattform.

Wenige Wochen vor Ihrem Weggang übernahm Professor Lenarz die Leitung in Hannover und Professor Lehnhardt ging in den Ruhestand. Blieben Sie in Kontakt?

Er war häufiger hier, auch weil seine damalige Frau ganz in der Nähe von Freiburg wohnte. Und er hatte Pläne für Forschungsprojekte, ich hatte jedoch andere Vorstellungen. Ein für mich wichtiges Projekt dieser Zeit waren ja die ersten Hirnstamm-Implantationen, die ich gemeinsam mit Wolf-Peter Sollmann durchführte. Aber Lehnhardt hat sich weiter für das Cochlea-Implantat stark gemacht. Er hatte sehr gute Connections in die Türkei, nach Spanien, Portugal und in den Ostblock. Er hat überall unterstützt. Ganz besonders wichtig war es ihm, das Cochlea-Implantat nach Russland zu bringen. Im Krieg hatte er als junger Soldat vor den Toren von Moskau gestanden. Und nun kam er mit dem Implantat zurück …

Geschichte kann merkwürdige Wendungen bringen …

1993 war ich ebenfalls in Moskau. Ich hatte gerade ein russisches Kind mit einem CI versorgt. Es war der 9. Mai – Djen Pobjedi, also der Tag des Sieges. Und ich, der DDR-Flüchtling, unter wehenden roten Fahnen auf dem Roten Platz. Da ging mir schon einiges durch den Kopf. Bei der Arbeit jedoch hat das für mich nie eine Rolle gespielt. Das Cochlea-Implantat hat mich bekannt gemacht und überall hingeführt. Ich war bei Königen und Despoten, in Palästen, in Tschetschenien, im Irak … Ich bin all diesen Leuten begegnet, habe mit ihnen gesprochen – in meiner Aufgabe als Arzt. Als Arzt wende ich mich jedem Patienten zu, der meine Hilfe benötigt. Da interessiert mich keine Herkunft, keine Hautfarbe, nichts. Das entspricht meiner ethischen Überzeugung und meiner ärztlichen Verpflichtung.

Herr Professor Laszig, haben Sie vielen Dank für das Gespräch!