Von Martin Schaarschmidt
ZWISCHEN QUALITÄT UND QUANTITÄT – BLICK IN DIE ZUKUNFT DER AUDIOLOGIE
Dreieinhalb Jahre lag es zurück, dass die Jahrestagung der Deutschen Gesellschaft für Audiologie (DGA) letztmalig als Präsenzveranstaltung stattfinden konnte. Doch nun war es wieder so weit: Vom 14. bis zum 17. September trafen sich insgesamt 556 Fachbesucherinnen und -Besucher in der Universität Erfurt zur 24. Jahrestagung der DGA. Eingeladen hatte die DGA gemeinsam mit der Arbeitsgemeinschaft Deutschsprachiger Audiologen, Neurootologen und Otologen (ADANO) sowie dem Helios Klinikum und der Universität der schönen thüringischen Landeshauptstadt. »Qualität und Quantität in der Audiologie«, so das Leitthema der diesjährigen Tagung, das den Rahmen für eine ganze Reihe von Tutorials, strukturierten Sitzungen und Plenarvorträgen bot.
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Als wir uns vor dreiundeinhalb Jahren in Heidelberg verabschiedeten, hätte niemand erahnen können, dass wir auf die nächste Jahrestagung der Deutschen Gesellschaft für Audiologie (DGA) in Präsenz so lange warten werden«, so Tagungspräsident Dr. Izet Baljic (Erfurt) und Prof. Dr. Uwe Baumann, Präsident der DGA, in ihrem Grußwort zur aktuellen Veranstaltung. Umso größer war wohl die Wiedersehensfreude bei den mehr als 550 Tagungsteilnehmern, die es sichtlich genossen, einander wieder live begegnen, sich vielfältig austauschen und anregen lassen zu können.
Zum Programm der Tagung gehörten Plenarvorträge, Strukturierte Sitzungen, Postersitzungen, freie Vorträge, ein Junior-Symposium als Forum für den wissenschaftlichen Nachwuchs sowie Tutorien. Gegenstand waren neben dem genannten Leitthema auch vielfältige weitere Fragestellungen aus Audiologie und angrenzenden Disziplinen.
Mensch-Computer-Schnittstelle – Herausforderungen zwischen Qualität und Quantität
Wie lassen sich die Herausforderungen meistern, vor denen die Audiologen in den HNO-Kliniken stehen? Wie lassen sich etwa noch deutlich mehr schwerhörige Patienten als bislang mit Cochlea-Implantaten (CI) versorgen, ohne dass es Abstriche in der Versorgungsqualität zur Folge hat? Und wie lässt sich die lebenslange Nachsorge für immer mehr Menschen mit Hörimplantat in hoher Qualität sichern?
Perspektiven und Lösungsansätze wurden vielfältig vorgestellt; nur einige seien hier herausgegriffen. So widmete sich Prof. Dr. Dipl.-Inform. Andreas Büchner (Hannover) in einem Plenarvortrag der »Audiologischen Mensch-Maschine-Schnittstelle«. Die sei eigentlich mehr eine Mensch-Computer-Schnittstelle, so der Informatiker und wissenschaftliche Leiter des Deutschen Hörzentrums in Hannover, der sich insbesondere den enormen Möglichkeiten widmete, die Smartphones – als unsere ständigen Begleiter – für die medizinische Versorgung der Zukunft bieten.
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Smartphonebasierte Therapiekonzepte würden im Zusammenspiel mit Big-Data-Ansätzen neue Möglichkeiten für erhebliche Erkenntnisgewinne eröffnen, so der Referent, der das anhand verschiedener Gesundheits-Apps erläuterte – etwa anhand der CardioSecur App zur Erkennung von Herz-Rhythmus-Störungen und Herzinfarkten oder der Apple EKG-App.
Büchner widmete sich zudem den aktuellen Möglichkeiten verschiedener Apps für Hörgeräte und Cochlea-Implantate, etwa dem Cochlear Remote Check, und gab Einblicke in eine Anwenderstudie zur Selbsteinstellung von CI und Hörgerät via App.
Große Mengen systematisch erhobener Daten könnten auch die Qualität der audiologischen Versorgung erhöhen. Zudem könnte man durch die kontinuierliche Übertragung von Systemparametern die Patientensicherheit steigern; bei CI-Trägern etwa fortlaufend Hautdicke und Impedanzen kontrollieren. Das Empowerment der Patienten – vielfach eine bewährte Größe in der Therapie – könnte allmählich auch in der Cl-Nachsorge stärker zum Tragen kommen; Konzepte zu Remote Care bzw. Apps böten hier gute Möglichkeiten. Gemeinsam mit den Kliniken würden derzeit alle CI-Hersteller an Entwicklung bzw. Erweiterung solcher Ansätze arbeiten. Für die Qualität der Nachsorge sei es hier wichtig, klinisch anerkannte Sprachtests zu implementieren. Auch die Krankenkassen müssten frühzeitig in die Entwicklung der neuen Nachsorgekonzepte eingebunden werden.
Blick in die Zukunft der Audiologie – Wie geht es weiter bis 2030?
»Audiologie: quo vadis 2030?«, so der Titel einer strukturierten Sitzung des Exzellenzclusters »Hearing4All«, die von Prof. Dr. Dr. Birger Kollmeier (Oldenburg) und Prof. Prof. h.c. Dr. med. Thomas Lenarz (Hannover) moderiert wurde und eine Reihe unterschiedlicher Perspektiven zusammenführte.
So referierte Dr. Anna Warzybok (Oldenburg) darüber, wie Kliniken in der Hördiagnostik von Algorithmen und Big Data profitieren könnten – etwa beim Vergleich der tatsächlichen Messung mit Modellvorhersagen. Professor Lenarz widmete sich der zukünftigen »Individualisierung der Systemtechnik für die rehabilitative Audiologie«. Mit der Verwirklichung bekannter neuer Ansätze wie dem optoakustischen Implantat oder dem voll implantierbaren CI sei bis 2030 zu rechnen, ebenso mit weiteren Operationstechniken zum Hörerhalt, etwa mit mechanisch gestützten Insertionssystemen.
Prof. Dr.-Ing. Holger Blume (Hannover) betrachtete die Hardware der zukünftigen Hörsysteme: Zukünftige Hardware-Architekturen müssten weitere Elemente wie KI-Akzeleratoren oder diverse Interfaces integrieren. Professor Kollmeier widmete sich der Fragen, wie »Hearing4All« die Audiologie der kommenden Jahre mitgestaltet. Auch er plädierte für Hörsystem-Anpassungen, die weniger vom Experten, dafür deutlich mehr vom Patienten und von Modellen für das reale Leben getrieben werden. An die Stelle von separaten Geräten wie Hörgerät, Telefon, Bluetooth-Headset oder Hearable träte ein »Hearable 3.0«, eine integrierte Lösung für Sprachkommunikation und Gesundheit.
Aus der Perspektive der Neurophysiologie widmete sich Prof. Dr. Andrej Kral (Hannover) der Personalisierung der Audiologie beim CI, und er beleuchtete den Zusammenhang von Lernen, Hörverlust und Kognition. Zu fragen sei etwa, warum heute noch ein Viertel der Patienten bei CI-Versorgungen die Erwartungen der Kliniker nicht erreiche. Der Referent stellte unterschiedliche Ergebnisse bei der CI-Versorgung von gehörlos geborenen Kindern in einen Zusammenhang mit dem Zeitpunkt einer eventuellen Ertaubung in der vorgeburtlichen Phase.
Industrieausstellung – neueste Entwicklungen für Hör-Therapie und Diagnostik
Anregungen und Trends bot neben zahlreichen Redebeiträgen auch die Industrieausstellung in der Mensa der Universität. Hier gab es reichlich Gelegenheit zum Erfahrungsaustausch sowie neueste Technologien und Produkte. Einen schnellen Überblick bot ein einstündiges Industriesymposium am zweiten Veranstaltungstag. Darüber hinaus standen die 17 Aussteller zwei Tage lang für individuelle Gespräche bereit.
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Beim kleinen Rundgang über die Ausstellung konnte man Bewährtes und Neues finden. Anbieter wie Diatec Diagnostics und Merz Medizintechnik stellten zahlreiche Lösungen für Hördiagnostik vor; Aussteller Datmed bewarb seine Diagnostikgeräte mit einer Möglichkeit zum Mieten. Path Medical zeigte u. a. ein neues OAE mit Noise Cancelling. Die ISMA AG informierte über aktuelle Studien zur Wirksamkeit der terzo Gehörtherapie, die in Kooperation mit der Berliner Charité entstanden. Das Hörzentrum Oldenburg präsentierte die Oldenburger Messprogramme sowie weitere Produkte und Dienstleistungen. Die Firma G. Pohl-Boskamp stellte die Kalmeda Tinnitus-App vor. Und InfectoPharm informierte darüber, dass die INFECTOSPECTRAN Ohrensalbe, einzige zugelassene Salbe bei Otitis externa, nach mehr als einem Jahr Unterbrechung nun wieder lieferbar ist.
Schwerpunkt innerhalb der Ausstellung waren wie in früheren Jahren die namhaften Anbieter für Cochlea- und weitere Hörimplantate. Thema bei MED-EL war etwa der Rondo 3 Audioprozessor, der frei vom Ohr getragen wird. Advanced Bionics informierte über die myHearingGuide-App, die als persönlicher Begleiter zum neuen Hören fungiere, sowie über den Sky CI M Soundprozessor – speziell für Kinder. Schwerpunkt bei Cochlear war die vier Elemente umfassende Komplett-Lösung Connected Care; hier werden Daten und Erkenntnisse aus verschiedenen Bereichen, aus OP, Klinik und Patientenalltag zusammengeführt, um so qualitativ hochwertige Versorgungen mit sehr hoher Individualität und zugleich noch mehr Flexibilität im Klinikalltag zu ermöglichen.