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Von Jan-Fabio La Malfa / Fotos: EUHA/Foto Rechtnitz, Gromke
»JEDE ARBEIT IST MIT EINEM DIAMANTEN ZU VERGLEICHEN!«
Neben dem Wissenschaftssymposium, das neu eingeführt wurde, um den EUHA-Preisträgern die Anerkennung zukommen zu lassen, die eine hörwissenschaftliche Arbeit verdient, stellte die EUHA auf dem diesjährigen Kongress auch die Leitlinie »Implantierte Hörsysteme in der Hörakustik« neu vor. Ein Gespräch mit Eva Keil-Becker, EUHA-Vizepräsidentin, Vorsitzende der Förderpreisjury sowie des Arbeitskreises Hörimplantate.
Frau Keil-Becker, mit dem diesjährigen EUHA-Kongress wurde das EUHA-Wissenschaftssymposium neu eingeführt. Welchen Hintergrund hat das?
Als fachwissenschaftlicher Verband sieht die EUHA eine ihrer Aufgaben darin, neuesten Forschungsarbeiten stets ein Forum geben zu wollen. Da bis jetzt die Förderpreisverleihung und auch der FDHA-Preis Teil der Kongresseröffnung waren, wir aber diesen Arbeiten einen höheren und besonderen Stellenwert geben wollen, haben wir nun bewusst das Wissenschaftssymposium eingeführt.
Haben sich in diesem Zuge auch die Einreichungskriterien verändert?
Die neun Bewertungskriterien für den Förderpreis, über die wir versuchen, eine gewisse Objektivität hereinzubringen, haben sich nicht verändert. Was noch relativ neu ist, ist die Tatsache, dass wir mittlerweile auch Dissertationen zulassen. Denn wir sind der Überzeugung, dass es nicht schadet, über den Tellerrand zu schauen, auch weil wir niemanden ausgrenzen wollen. Am Bewertungssystem an sich wollen wir keine Änderungen vornehmen, da sie absolut passend sind.
Dennoch ist es etwas anderes, ob ich eine Bachelor-Arbeit lese oder eine Dissertation.
Natürlich. Dennoch glaube ich, dass wir das in der Jury gut im Griff haben. Hier knüpfe ich an dem an, was ich auch bei der Kongresseröffnung gesagt habe. Jede Arbeit ist mit einem Diamanten zu vergleichen. Wenn ich sehe, was ein Torsten Saile, der 2010 der erste Preisträger war, heute alles tut und wie er die Branche erhellt, dann finde ich, passt der Vergleich mit dem Diamanten wirklich gut. Jeder Preisträger und jede Arbeit ist ein heller Stein, der kostbar ist und Spaß macht, wenn man ihn betrachtet. Wenn man ihn zum Funkeln bringen kann, dann ist, so glaube ich, ein Wissenschaftssymposium im Anschluss zu den Kongressfeierlichkeiten auch der richtige Rahmen hierzu. Die Unterschiede bei den eingereichten Arbeiten weiß unsere Jury jedenfalls einzuordnen.
Sehen Sie eine Entwicklung bei der Einreichung der Themen und der Anzahl?
Das fällt ganz unterschiedlich aus. Mal werden sechs Themen eingereicht, es waren auch schon elf. In diesem Jahr waren es neun. Gegenüber dem letzten Mal in 2020 war es in jedem Fall eine Steigerung, wobei man dazu sagen muss, dass wir wegen der Pandemie auch ein Jahr aussetzen mussten.
Umso überraschender war es daher, dass ein türkischer Beitrag prämiert worden ist.
Ja, über die Arbeit von Aysu Sürkit haben wir uns wirklich sehr gefreut! Wir hatten in der Vergangenheit bereits mal eine englische Einreichung ausgezeichnet, mehr jedoch nicht. Nicht, dass wir solche nicht prämieren wollten, es gab aber schlicht keine Einreichung. Abgesehen davon habe ich die Arbeit mit großer Freude gelesen. Wer mal wie ich familiäre Erfahrung mit Demenz gemacht hat, weiß, wie groß das Thema ist. Davon können wir uns als Gesellschaft nicht freisprechen, wenn man sieht, dass sich allein in den nächsten zehn Jahren die Zahl der Demenzerkrankten verdoppeln soll.
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Worum geht es in dieser Arbeit genau?
Dass es Zusammenhänge zwischen Hörverlust und Demenz geben kann, ist ja schon länger bekannt. In ihrer Bachelorarbeit untersucht Aysu Sürkit von der Universität Istanbul im Grunde genommen drei Punkte. Zum einen stellt sie fest, wie wichtig eine frühe Diagnostik ist. Nur so können kognitive Prozesse frühzeitig aktiviert werden, in dem man entsprechend Input gibt. Auch findet sie Anhaltspunkte, dass es einen Unterschied macht, ob ein Hörverlust versorgt ist oder unversorgt, und nutzt dabei den sogenannten Demenzscore. Und als drittes hält sie fest, dass Hörsysteme geistige Fitmacher sind, weil man erkannt hat, dass das regelmäßige Tragen von Hörsystemen die kognitiven Funktionen trainiert. Es bestätigt also einmal mehr: Wenn Gehörtes aufgrund einer Hörminderung schlecht verarbeitet werden kann, dann ist das einfach nicht gut und sollte deswegen versorgt werden. Mit Blick auf die Prognosen der Deutschen Alzheimer Gesellschaft sollten wir uns mehr mit dem Thema beschäftigen und diese Personen nicht links liegen lassen, nur weil es eine schwierige Klientel ist. Ich bin mir sicher, da rollt ein riesiges Fass auf uns zu.
Auf Platz zwei haben Sie eine Dissertation gewürdigt. Was war hier der Hintergrund?
Dr. Johannes Burkart betrachtete bei CI-Trägern den Zusammenhang zwischen der Schwelle des intra- sowie postoperativ elektrisch ausgelösten Stapediusreflex. Seine Dissertation, die er an der Uniklinik Mannheim abgelegt hat, war insofern ein unheimlich spannendes Thema, weil man wissen möchte, ob da nach erfolgter Implantation etwas passiert. Während der Narkose, also bei der Operation, können Verzögerungen eintreten. Insofern ist es eine spannende Geschichte, die Johannes Burkart abgeliefert hat, eben weil sie der Qualitätssicherung dient, und wir damit einen tollen objektiven Messwert zum Dynamikbereich haben. Super einsetzbar bei Implantatträgern, die Sprachbarrieren haben, oder bei kleinen Kindern.
Der mit 3.000 Euro dotierte erste Platz ging an Thomas Hieke aus Lübeck. Warum?
Wir haben es in jedem Jahr mit sehr vielen spannenden Einreichungen zu tun und die Jury macht es sich nicht leicht. Das war eine richtige Fleißarbeit, die Thomas Hieke abgelegt hat. Er hat verschiedene Otoplastikdesigns gegenübergestellt, diese in ihrem Verhalten gemessen, auch um zu schauen, was weggenommen werden kann. Damit versucht er den Spagat zwischen Akzeptanz einerseits und der Best-Practice andererseits zu schaffen. Das ist ihm in sehr anschaulicher Weise gelungen.
Was wieder einmal beweist, dass gute Technik mit richtiger Ankopplung etwas bewirken kann.
Klar! Natürlich kann ich jemandem ein Schirmchen ins Ohr setzen, damit alles erst einmal schön offen ist. Doch was bringt das, wenn der Kunde nicht optimal versteht, im Zweifel das Hörsystem verliert oder mit irgendwelchen Allergenen zu kämpfen hat. Denn unabhängig von der Sicherheit steht doch immer ein schlechteres Sprachverstehen als Resultat da. Und da sind wir beim Thema: Die Kunst des gut ausgebildeten Hörakustikers ist eine optimale Maßotoplastik. Sonst kann ich einem Menschen, für wie viel Geld auch immer, das tollste Hörsystem »offen« anpassen und er wird im Störgeräusch immer unglücklich sein und mir das im schlimmsten Fall noch nicht mal mitteilen. Natürlich, die tollsten Einstellungen bringen nichts, wenn die Hörsysteme nicht auch vom Kunden akzeptiert werden. Dann muss ich mit dem Kunden sprechen, ihm gegebenenfalls etwas vom Sprachverstehen wegnehmen und eine gleitende Anpassung starten. All das steht so auch sehr schön in der EUHA-Perzentil-Leitlinie.
Aber ist das nicht ein Wissen, dass allgemeinhin bekannt sein sollte?
Das Wissen hierzu wird vermittelt, kommt aber trotzdem nicht überall an. Deswegen finde ich die Arbeit von Thomas Hieke so gut. Sie erinnert uns alle noch einmal, dass es nicht nur die eine Otoplastik gibt, man mit diesem Thema spielen kann und damit zeigt, wie das Hörakustikhandwerk 2022 gelebt wird. Dadurch, dass Thomas Hieke genau aufzeigt, welche Unterschiede sich zwischen den einzelnen Designs ergeben, was man alles modifizieren kann und was absolut notwendig ist, um eine bestmögliche akustische Ankopplung zu erzielen, hat er den 1. EUHA Förderpreis gewonnen.
In diesen Tagen stellt die EUHA auch eine Leitlinie für implantierte Hörimplantate in der Hörakustik vor. Wieso kommt die jetzt erst?
Gedanklich beschäftigen wir uns mit dem Thema schon sehr lange. Unabhängig davon, dass man hierfür auch die entsprechenden Experten braucht, diskutieren wir das in der EUHA seit drei, vier Jahren. Im Januar habe ich dann den Expertenkreis ins Leben gerufen und wir haben alles ganz tief beleuchtet, um eine Handlungsanweisung geben zu können. Denn darauf kommt es ja letztlich an. Als fachwissenschaftlicher Verband besteht eine unserer wichtigsten Aufgaben darin, dem Wissen, aber auch dem Nichtwissen eine gewisse Struktur zu geben. Insofern bin ich mir vollkommen bewusst darüber, dass dies nur ein erster Aufschlag gewesen sein kann. Unsere EUHA-Leitlinien werden wachsen.
Die Qualifizierung hierfür erfolgt aber nach wie vor über Hersteller wie auch durch Hospitation in den Kliniken?
Richtig. Und ganz ehrlich? Man kann ja nicht wegwischen, dass es sich um ein Medizinprodukt handelt, für das Schulungen unerlässlich sind. Zu sagen, ich bin Meister und deswegen kann ich das, wäre vermessen. Da steckt kein Automatismus drin. Ob ich nun Arzt oder Akustiker bin, ist unerheblich. Entsprechend haben wir nun die Leitlinie nach bestem Wissen und Gewissen erstellt. Das mit dem Bewusstsein, wie schwierig das ist, alles sinnvoll gebündelt darzustellen. Aus diesem Grund habe ich bei der Vorstellung im Tutorial auch gesagt, dass es sich bei der Leitlinie um ein lebendes Dokument handelt.
Inwieweit haben Ärzte und deren Verbände die neue Leitlinie bereits wahrgenommen?
Unabhängig davon, dass die Leitlinie aus erwähnten Zeitgründen heute erst vorgestellt worden ist, sollte es selbstverständlich sein, dass die Akustiker:innen das Ergebnis als erstes erfahren. Wir wissen ja, was das Ziel dieser Leitlinie sein sollte. Das erkennt man nicht nur daran, dass in dem Expertenkreis ausschließlich Leute sitzen, die wirklich Ahnung haben, sondern auch daran, dass wir erst einmal die Punkte aufgeschrieben haben, die allgemeinhin anerkannt und unbestritten sind.
Dennoch haben Sie mit Prof. Dr. Lesinski-Schiedat eine sehr profilierte HNO-Klinikerin für den Arbeitskreis Hörimplantate gewinnen können.
Ja, absolut, ich schätze sie wirklich sehr und bin ihr unheimlich dankbar, dass sie diese Arbeit auf sich genommen hat. Ihre Erfahrung war von unschätzbarem Wert und wir haben gegenseitig viel voneinander gelernt. Die Begegnungen fanden immer auf Augenhöhe statt. Das gilt im Übrigen aber auch für alle anderen, die an dieser 13. EUHA-Leitlinie mitgewirkt haben. Angefangen von Eberhard Aigner, der ein ausgewiesener Mittelohrspezialist ist, über Monika Meier oder Michael Willenberg. Jeder in diesem Kreis hat sein Steckenpferd und wird auf seinem Gebiet als Experte geschätzt.
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Klingt alles sehr harmonisch. Dennoch kann ich mir vorstellen, dass Meinungen und Ansichten hin und wieder auseinanderlagen.
Selbstverständlich ging es in den Sitzungen manchmal heiß her. Deswegen habe ich alle Beteiligten ja auch in den Expertenkreis geholt. Ich wusste, dass das alle keine Ja-Sager sind. Das war mir wichtig. Dennoch kann man sich mit jedem Einzelnen konstruktiv auseinandersetzen. Entsprechend viel haben wir diskutiert. Ich glaube, das Ergebnis lässt sich wirklich sehen. Die Gedanken, die wir hierzu in der Leitlinie entwickelt und letztlich aufgeschrieben haben, sind gut und klug.
Demnächst steht wie gewöhnlich der HNO-Kongress in Mannheim an. Rechnen Sie dort seitens der Ärzteschaft mit irgendwelchen großen Einwänden?
Nein, wir liegen inhaltlich gesprochen mit der Leitlinie goldrichtig, und der interdisziplinäre Charakter, der der früher immer gewollt und gefordert wurde, wird nun endlich definiert. Nun aber gehen die Dialoge los. Dafür ist eine gute Abstimmung notwendig, sodass Informationen aus den verschiedenen Bereichen ineinanderfließen können. Das kann nicht in Form einer Einbahnstraße geschehen, sondern darf ein Informationsfluss sein, der auf beiden Seiten funktioniert. Von der Klinik, zum HNO-Arzt, zum Akustiker und zurück. Und wenn uns jemand einen Hinweis gibt, was es zu verändern gilt, dann werden wir uns damit auseinandersetzen und miteinander diskutieren, ob wir diesen Hinweis aufnehmen oder nicht. Für mich jedoch gibt es keinen Zweifel, dass diese Leitlinie toll ist und eine Plattform bietet, um ins Gespräch zu kommen. Miteinander reden ist in jedem Fall sinnvoller als übereinander.
Frau Keil-Becker, haben Sie vielen Dank für das Gespräch.