Von Jan-Fabio La Malfa / Fotos: Jan-Fabio La Malfa, audimus
DER AUDIMUS INNOVATIONS DAY 2022
Am 11. und 12. November fand im Kasseler Kongress Palais der audimus-Kongress statt. Von langer Hand geplant und zum Innovations Day umbenannt, wollte die Geschäftsleitung in Panzweiler den 200 angereisten Mitgliedern ein inhaltsreiches Programm mit viel Austausch bieten. OMNIdirekt schaute sich um.
Es ist Samstag gegen 7.30 Uhr. Obwohl an diesem eiskalten Morgen entlang der Aschrottstraße kaum Verkehr herrscht, öffnet sich der Zugang zum Innenhof des Kolonadenflügels, dem hinteren Bereich des Kongress Palais Kassel. Nach nur wenigen Minuten füllt sich der Saal, in dem bereits 20 verschiedene Hersteller und Dienstleister aus der Hörbranche ihre Messestände aufgebaut haben. In kleiner Mannschaftstärke angereist, ist ihre Mission für den heutigen audimus Innovations Day, möglichst viel in direkten Austausch mit den audimus-Mitgliedern zu kommen.
Wenige Minuten später kommt Bewegung in den Kolonadensaal. Die Kongresseröffnung steht an. Nachdem die audimus-Mitglieder den Weg in den ersten Stock aufgenommen haben, übernimmt in einem der vier Vortragsräume Marc Konder für einen kurzen Moment das Mikrofon. Große Erläuterungen zum Ablauf muss der Leiter Vertrieb sowie Partnermanagement nicht leisten. Schließlich waren alle Anwesenden im Raum im Vorfeld aufgefordert, sich gezielt zu Vorträgen und Workshop anzumelden, die über den ganzen Tag hinweg parallel zueinander laufen sollten. Eines möchte Konder dennoch mit auf dem Weg geben: »Ihr seid der Teil der audimus, der für uns den wichtigsten Eckpfeiler ausmacht. Die Gemeinschaft. Gemeinsam sind wir stark! Ich glaube, das kann man gewiss von der audimus sagen. Jeder mit seiner Expertise, seinem Fachwissen, aber auch immer wieder mit neuen Ideen, die Leben in die audimus bringen. Ein Beispiel ist unsere Akademie, die wir in diesem Jahr kräftig nach vorne gebracht haben. Danke, dass Ihr auch heute gekommen seid.«
Nach dem dreiminütigen Auftritt bittet Konder Armin Ganß auf die Bühne und es erklingt der Opener zu »Na sowas«, der legendären ZDF-Sendung, die einst Thomas Gottschalk moderierte. Beide shakern kurz über das Intro. Um alle Mitglieder auf den gleichen Wissenstand zu bringen, erlaubt sich der Geschäftsführer zwar, einen Rückblick auf die kurze audimus-Geschichte zu geben. Doch auch Ganß will nicht lange sprechen und richtet letztlich nur ein paar einfache, aber aussagekräftige Worte an die Mitglieder. »Richtig schön für mich ist, dass so viele gute und positive Menschen da sind. Das Gefühl hatte ich gestern schon. Vor allem, dass ich so viele mal endlich in echt kennenlernen darf. Und trotz vieler Hindernisse in diesem Jahr sind wir auf einem guten Weg. Deswegen freue ich mich nun, dass wir mit dem Innovations Day endlich ohne großes Rundherum starten können.«
audimus stellt App für Mitglieder vor
Während den Auftakt zur ersten Vortragsrunde die CI-Hersteller bilden, geht es in den Workshops zunächst um ERP-Systeme, Mess- sowie Anpassverfahren. Da im Vorfeld zu hören war, dass audimus eine eigene App erhalten soll, entscheide ich mich zunächst für den Workshop von Alexander Gehrking, der bei IPN für Vertrieb und Kundenbetreuung zuständig ist.
Einmal auf dem Smartphone installiert, lassen sich mit der audimus-App bequem Termine sowie das eigene Hörsystem digital verwalten und Informationen rund um Hörakustiker, zum Hörverlust, aber auch Neuheiten abrufen. Auch demonstriert Gehrking den Teilnehmern, dass der schnelle Kontakt zwischen Akustiker und Endkunde per Direktnachricht in beide Richtungen möglich ist. »Einfach, schnell, modern, sicher – mit der App können Sie die Beziehung zu Ihren Kunden neu gestalten und sie ohne großen Aufwand mit Nachrichten, News und Angeboten, sogar über Selektionen an ausgewählte Zielgruppen, auf dem Laufenden halten. Umgekehrt kann der Endkunde zum Beispiel Terminanfragen aus der App steuern. Das führt dazu, das der Endkunde eine größere Identifikation mit seinen Hörsystemen erlebt«, ist Gehrking überzeugt. Dabei würde ein Großteil der gespeicherten Daten aus der App über eine Schnittstelle im AkuWinOffice hinterlegt. Eine Anbindung an Asego sei ebenso bereits angedacht.
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Die Idee zur App, erfährt man weiter, entstand bereits zwei Jahre zuvor durch ein Gespräch zwischen Thorsten Gerland, Inhaber von Gerland Hörsysteme und audimus-Mitglied der ersten Stunde, und Gehrking selbst. Beide seien sich sofort einig gewesen, dass mit der ipn Software GmbH als Entwickler und einem Team um Thorsten Gerland als praxisnaher, inhaltlicher Inputgeber hier ein neues Gemeinschaftsprojekt aufkommen sollte: »Nach vielen Workshops und harter Entwicklerarbeit entstand so in den letzten Monaten ein erster Prototyp, der auf der einen Seite durch personalisierte und individuelle Angebote Kundenerlebnisse schafft, Ihnen auf der anderen Seite einen neuen Hebel für Umsatzwachstum bringt. Hinzu kommt, dass Sie sich nicht zuletzt jede Menge an Kosten ersparen, weil Papier und Porto entfällt«, erklärt Gehrking weiter. In der Workshop-Runde kommt das gut an.
Basale und zentral-kognitive Fähigkeiten perfektioniert erlernen
Etwa eine Stunde später sitzen im großen Vortragsraum 40 hochmotivierte Pädakustiker im Oticon-Workshop. Sie beschäftigen sich heute mit der Rolle von künstlicher Intelligenz bei Kinderhörsystemen. Jörg Ellesser, Leiter der Pädakustik bei Oticon, hat soeben auf Basis von 15 verschiedenen Studien die wissenschaftliche Arbeit des Unternehmens der letzten beiden Jahre umrissen. Mit dem neuen Oticon Play PX-Hörsystem in der Hand setzt Ellesser zur Zusammenfassung an. »Es leuchtet also ein, worin die Vorteile einer 360°-Signalverarbeitung mit künstlicher Intelligenz liegen. Damit basale sowie die zentral-kognitiven Fähigkeiten besser erlernt und perfektioniert werden können, braucht es auch eine deutlich höhere Auflösung der Signalverarbeitung, die bei Oticon über das Deep Neural Network erfolgt. Die natürliche Gewichtung der Klänge und Kontrastierung von Sprache zur Klangkulisse, die durch das DNN erzeugt wird, hilft nicht nur Erwachsenen, sondern auch Kindern. Und das bedeutet, dass nicht das Hörgerät entscheidet, wie ein Kind hört, sondern das Kind selbst«, so Ellesser. Entsprechend werde bei Oticon Play PX-Hörsystem auf Richtmikrofone, Programmautomatik oder starke, niederschwellig arbeitende Störlärmreduktion verzichtet.
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Danach wendet sich die Gruppe anderen Aspekten der Kinderversorgung zu, wie etwa der Knochenleitungsversorgung, AVWS, CROS-Versorgungen, Tinnitus sowie psychosomatische Summationsstörungen bei Kindern. Ellesser erläutert Praxisaspekte, die häufig viel zu kurz kommen. Das kommt bei den audimus-Mitgliedern gut an. Viele äußern zudem den Wunsch, dass Beispiele dieser Art künftig häufiger im Rahmen eines solchen Workshops thematisiert werden.
KI-gestützte Hörgeräteanpassung mit digitaler Kundenbegleitung
Einige Minuten danach betritt Sascha Haag den Raum. Gleich möchte der Leiter Audiologie und Training bei Signia den Mitgliedern ebenso etwas über KI-gestützte Hörgeräteanpassung mit digitaler Kundenbegleitung vortragen. Während er seinen Laptop auspackt, tritt bereits der erste Hörakustiker mit einer Frage an ihn heran. Seine Powerpointfolie muss daher noch ein wenig warten.
Nach zufriedenstellender Beantwortung der Frage, setzt Haag ohne langes Zögern zu folgendem Gedanken an: Wenn denn der technische Fortschritt von Hörgeräten stetig seit Jahrzehnten voranschreitet, Kundenbedürfnisse sich ändern und die technischen Fähigkeiten sowie der Informationsstand von schwerhörigen Menschen sich zunehmend erweitern, weshalb hat sich dann die Hörgeräteanpassung in den letzten zwei Jahrzehnten nur minimal verändert? Daraus leitet Haag die Frage ab, ob die gängige Praxis in der Hörgeräteanpassung noch zeitgemäß ist. Um zu verdeutlichen, dass man als Hörakustiker:in in diesem Punkt auch heute einen Unterschied machen könne, stellt er im Verlauf gängige Anpassverfahren einer neuartigen KI-basierten Hörgeräteanpassung gegenüber und ergänzt diese wenig später mit dem Service von teleaudiologischen Anwendungen. Nach den praktischen Erläuterungen und ein paar wissenschaftlichen Hinweisen kommt Haag zu folgendem Schluss: „Wenn wir mit den gängigen Anpassverfahren heute nicht in der Lage sind, 100 Prozent Leistung aus dem Hörgerät herauszuholen, weil z.B. Messungen zu kognitiven Fähigkeiten des Kunden in Bezug auf komplexe Hörsituationen fehlen oder nicht angewendet werden, dann kommt es zwangsläufig zu einer Über- oder Unterversorgung der audiologischen Filterung, welche womöglich zu einer Ablehnung des Hörgerätes führt. Die Frage, wie viel SNR benötigt das einzelne Individuum, und wie müsste dann die passende Hörgeräteeinstellung aussehen, sind in diesem Zusammenhang also von Bedeutung“, so Haag, der dabei noch hinweist, dass die KI in Form eines Chat-Bots schon heute eine zentrale Rolle spiele, da komplexe situationsabhängige Algorithmen sich nur selten treffsicher über ein Frage- und Antwort-Spiel zur Erinnerung des Kunden einstellen lassen.
getaweb
Um die Mittagszeit geht es in den Workshop von getaweb, dem exklusiven Partner der audimus im Bereich Marketing. Vorne stehen Eva Kraft, die für Marketingstrategien und Projektentwicklung zuständig ist, und der für Social-Media-Marketing zuständige Matthias Forster. Auf dem Programm stehen sieben Tipps für eine bessere Performance der eigenen Social-Media-Profile. Dass dies notwendig sei, eröffnet Kraft, werde zu Beginn gern unterschätzt, doch Social Media hätte die Verbraucherkommunikation in allen Bereichen des Lebens stark verändert. Deswegen sei es ein großer Unterschied, ob man Social Media privat oder geschäftlich nutze. Natürlich gelte all dies auch für Hörakustiker, die immer mehr auf soziale Medien für ihr Unternehmen setzten. »Leider entsteht oft der Eindruck, dass die Pflege einer Social-Media-Plattform ganz einfach ist, weil heutzutage jedes Kind einen solchen Account besitzt. Wer sich aber um Analysen bemüht, und das haben wir gemacht, dem wird auffallen, dass häufig rechtliche Vorgaben nicht erfüllt oder die Plattformen nicht zum Vorteil des Unternehmens genutzt werden«, erläutert Kraft.
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In der Folge veranschaulichen die beide Werbeprofis, deren Agentur mehrfach den Deutschen Agenturpreis erhielt, anhand von konkreten Beispielen, wie Werbung auf Social Media aussehen oder auch nicht aussehen sollte. Ein beliebter Fehler sei etwa das ständige Herunterrattern von Dienstleistungen. »Weder ist das von den Nutzern erwünscht, noch erzielt man hiermit irgendeinen Erfolg. Im Gegenteil, sie werden weiterscrollen. Insofern bezweifle ich auch, dass man Social-Media-Marketing ‚mal eben schnell nebenbei‘ erledigen kann«, so Eva Kraft. Denn hierfür fehle es an ausreichenden Ideen, Wissen, einer klaren Strategie und vor allem an der notwendigen Zeit.
OHRbit meets Hörtruck
Für den Nachmittag ist eine Stippvisite bei einem von gleich drei audiosus-Workshops geplant, die beim Innovations Day angeboten werden. Zuvor möchte ich mir aber im Innenhof des Kongress Palais OHRbit anschauen, eine der beiden neuen mobilen Hörstationen der audimus. Unmittelbar davor entdecke ich Marc Konder, der sich gerade von Christoph Stinn erklären lässt, wie man die mobile Hörstation noch verfeinern kann. Denn der OHRbit ist noch nicht ganz fertig. Beide erörtern gerade die Frage, wie wichtig bei einer Höraktion die Stromversorgung ist. Nebendran steht der audiosus-Hörtruck. Da Stinn die LKW-Klappe öffnet, um die dort befindlichen Generatoren zu demonstrieren, bemerken sie mich nicht. Ich entschließe mich deshalb ins Gebäude zurückzukehren.
Im Vortragraum ist der Workshop mittlerweile schon losgegangen. Wie die beiden audiosus-Workshops zuvor ist auch dieser gut besucht. Carsten Ganten und Harald Heine vom audiologischen Support und Vertrieb haben bereits begonnen, das Beratungssystem audiocon zu erläutern. Über den großen Monitor, der sich über Touchsystem bedienen lässt, beschreibt Heine, wie sich der Kunde interaktiv Schritt für Schritt entlang des gesamten Beratungsprozess begleiten lässt. »audiocon hat vier riesige Vorteile. Sie erhalten mehr Struktur, sie können eine passgenaue Empfehlung abgegeben. Sie sind aber auch in der Lage, dem Kunden auf Basis seiner ganz individuellen Anforderungen eine konkrete Empfehlung mit einem konkreten Preis zu geben. Und sie können dem Kunden nicht zuletzt eine absolut personalisierte Broschüre mitgeben. Wir sprechen also hier über einen Workflow und ein Upselling, das Sie und den Kunden gleichzeitig stärkt«, sagt Heine, bevor er intensiv auf aurelia und die myAkustiker-App eingeht (siehe OMNIdirekt #1 und #17).
Selbstverständlich war dies nicht die letzte Gelegenheit auf dem Innovations Day, bei der sich Interessantes, Wissenswertes und Nützliches mitnehmen ließ. Ob nun bei Hörluchs-Vertriebsleiter Benjamin Dümmler, der die audimus-Mitglieder über den gesetzlich vorgeschriebenen Funktionsüberprüfung bei Gehörschutz aufklärte; ob bei Carsten Braun, der es wieder einmal glänzend verstand, die sinnvollste Art bei der IIC und CIC-Versorgung zu demonstrieren; oder bei Dominik Wittenbrink und Tom Rommerskirchen von Alteos, die ebenso mit IPN kooperieren und hierzu eine App vorstellten. Auf eine Frage jedoch, die mich über den ganzen Tag hinweg irgendwie gedanklich begleitete, konnte ich auch mit Abschluss des Abendprogramms keine Antwort finden. Was wohl der Teilnehmer Sigmund Aschrott zum Innovations Day gedacht hätte?