Von Dennis Kraus / Fotos: OMNIdirekt
EIN BLICK ÜBER DIE HÖRGERÄTEWELT HINAUS – das zehnte Oticon Symposium (Teil 2)
Der Nachmittag des Oticon Symposiums wartet bekanntermaßen mit Themen jenseits der Audiologie auf. Dieses Mal standen ein Weltmeister im Gedächtnissport, eine Stimmtrainerin sowie ein Motivationscoach und Radiomoderator auf der Bühne und sorgten für mit ihren Vorträgen für Erkenntnisse und Heiterkeit.
Willkommen zu unseren Nachmittagsvorträgen«, setzt Horst Warncke an. Damit läutet der Moderator des Symposiums und Leiter der Audiologie bei Oticon den etwas alltagsnäheren Teil des Tages ein.
Den Auftakt gibt an diesem Donnerstagnachmittag Ende November 2022 Dr. Boris Nikolai Konrad, Hirnforscher und Gedächtnissportler. Promoviert hat er am Max-Planck-Institut für Psychiatrie in München über die neuronalen Grundlagen außergewöhnlicher Gedächtnisleistungen, aktuell arbeitet er am Donders Institute for Brain, Cognition, and Behaviour in Nimwegen in den Niederlanden. Als Gedächtnissportler ist er achtmaliger Team-Weltmeister, zudem hält er vier Guinness Weltrekorde. Sein Thema ist überschrieben mit »Superhirn und Namen merken«. Vorhang auf für Boris Nikolai Konrad.
Namen merken und andere Gedächtnisleistungen
»Wer von Ihnen ist der Meinung, dass er ein richtig gutes Gedächtnis hat«, fragt Boris Nikolai Konrad zur Begrüßung. Etwas eingeschüchtert hebt niemand im Saal den Arm. »Die wenigsten Menschen sind von ihrem Gehirn so richtig überzeugt«, weiß er. Wie beeindruckend dieser Sport jedoch sein kann, davon gibt Konrad eine Kostprobe. In der Mittagspause hatte er mit vielen Besucherinnen und Besuchern das Gespräch gesucht. Nun bittet er all jene, aufzustehen. 40 Leute erheben sich, sie alle begrüßt er von der Bühne aus namentlich. »Herr Born, Frau Schwarz, Frau und Herr Leonhardt, Frau Neumeier …« Nur bei ein oder zwei Personen erinnert er sich nicht mehr an den Namen oder nur noch an den Klang des Namens. Bei einigen erwähnt er außerdem, aus welcher Region sie kommen – als wäre es ein Kinderspiel.
Ein Trick ist das nicht, stellt Konrad klar. Eine Gabe ebenso wenig. Er habe das schlicht gelernt und dann Spaß am Gedächtnissport empfunden, zumal er sich »sehr dafür interessiert, was man mit seinem Gehirn so alles anstellen kann«.
Auch mit einigen Vorurteilen bezüglich des Hirns räumt er auf, wie etwa dem, der Mensch nutze nur einen Teil seines Gehirns. Genauso sei es falsch, dass die eine Hälfte des Hirns logisch denke und die andere kreativ. Dann beschreibt er, wie Erinnerungen respektive Informationen im Gedächtnis bleiben: durch das Zusammenspiel verschiedener Hirnzellen und Bereiche sowie durch die Verbindungen dazwischen. Stünde vor einem ein Mensch, groß, blond, Locken, große Nase, Mann, löse das Hirn diese Informationen in verschiedenen Bereichen auf – und durch das Feuern der Neuronen in den Bereichen käme die Information zutage, dass zum Beispiel Thomas Gottschalk vor einem stehe. Hätte der Bereich, der den Menschen als Mann identifiziert hat, nicht gefeuert, hätte man vielleicht auch an Barbara Schöneberger gedacht, scherzt Konrad.
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Nach einem Spiel, mit dem er dem Publikum zeigt, dass die allermeisten doch über ein mindestens passables Gedächtsnis verfügen, zeigt Boris Nikolai Konrad, wie man zum Beispiel Namen schnell behalten kann. »Unser Gehirn ist darauf ausgelegt, in Bildern zu denken«, eröffnet er. Namen in Bilder umzuwandeln bzw. sie mit Gesichtern zu verbinden, könne also helfen.
Fünf Schritte seien zu berücksichtigen, möchte man sich erfolgreich Namen einprägen. Im Ersten gehe es darum, den entsprechenden Namen richtig zu verstehen. Notfalls möge man nachfragen, sagt er. Unhöflich wäre das keineswegs, schließlich drücke man so auch eine Wertschätzung aus. Im zweiten Schritt spricht man den Namen aus. »Damit sitzt er auch schon im Arbeitsgedächtnis«, so Konrad. Im Dritten stellt man sich die Person, deren Namen man sich merken möchte, bei irgendeiner Tätigkeit vor. So müsse das Gehirn den Eindruck anders verarbeiten, als würde man den Namen bloß hören. Bestenfalls gelingt es einem für den vierten Schritt sogar, den Namen mit einer »wilden Aktion« zu verknüpfen, die gut zu dem Namen passt. Und der fünfte Schritt ist schlicht die Wiederholung. »Dafür müsse man den Namen noch nicht mal aussprechen, es reicht bereits, sich an ihn zu erinnern«, erklärt Konrad. Die Kunst liege nun darin, diese Namensbilder zu finden. In manchen Fällen könnte es sich als hilfreich erweisen, dass viele Namen von Handwerksberufen oder anderen Tätigkeiten herrühren. Heißt jemand wiederum so wie ein Gegenstand, Frau Stein oder Herr Baum beispielweise, helfe es ebenso, diese Namen mit einer Tätigkeit zu verbinden. Auch Namen, die einen an Gegenstände erinnern, könne man sich so besser merken. Treffe man etwa auf einen Herrn Seifert, könnte man sich vorstellen, wie der sich seine Hände mit Seife wäscht. Namen, die aus einer anderen Sprache stammen, könnte man sich wiederum auf zwei Wegen einprägen. Steht vor einem eine Frau Kowalski, dann weiß mancher vielleicht, dass der Name die gleiche Herkunft hat wie im Deutschen Schmidt. Oder aber man zerlegt den Namen in einzelne Silben und baut sich so eine Eselsbrücke. Natürlich, das ist Boris Nikolai Konrad bewusst, werde man im Alltag, wenn ein Kunde vor einem steht, so nicht vorgehen. Aber zumindest aussprechen sollte man den Namen in der Situation. Und dauert das Gespräch länger, auch gerne mehrmals. Ist der Kunde dann weg, könne man sich immer noch das Bild oder die »wilde Aktion« überlegen. Dass er selbst den Besucherinnen und Besuchern im Gedächtnis bleiben wird, dafür hat er mit seinem erheiternden wie lehrreichen Vortrag ebenso gesorgt.
Die Stimme stimmen
Auf Boris Nikolai Konrad folgt Dr. Monika Hein. Sie ist Phonetikerin, Stimmcoach und Rednerin. Ihr Vortrag auf dem zehnten Oticon Symposium steht unter der Überschrift »Stimme und Empathie – sprechen bewegt«. Bühne frei für Dr. Monika Hein.
Stelle sie sich als Stimmtrainerin vor, könnten viele damit erstmal wenig anfangen, erzählt Monika Hein. Einige denken an Logopädie, andere verorten sie in der Schauspielbranche. Beides habe, sagt sie, wenig mit dem zu tun, was sie tatsächlich mache.
Vielmehr könne man sich an sie wenden, möchte man lernen, mehr Kontrolle über seine Stimme zu gewinnen. Schließlich schlage die schon mal Kapriolen, ist zum Beispiel Nervosität, Aufregung oder Wut im Spiel. »In Ihrem Beruf ist die Stimme natürlich besonders wichtig, weil Sie sie nutzen, um mit Menschen zu arbeiten, die oftmals nicht mehr so gut hören«, sagt Monika Hein in Richtung des Publikums. Zu wissen, dass und wie man seine Stimme ein ganzes Stück weit beeinflussen und trainieren könne, könnte sich da nur als hilfreich erweisen. Zumal sich über die Stimme auch die Empathie ausdrücken lasse.
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Im Verlauf ihres Vortrags präsentiert Monika Hein viele Beispiele für zu druckvolle oder zu lasche Stimmen, für zu hohe oder quäkende. »Die Stimme stimmt, wenn wir ausgeglichen sind und selbstbewusst, wenn wir offen und einfühlsam sind. Das kann man hören, und zwar schon im ersten Moment«, sagt sie. Ohnehin sei die Stimme nicht nur einfach da. Sie sei vielmehr das letzte, klanggewordene Resultat aus dem, wie man sich fühle und mit welcher Einstellung und Haltung man jemandem begegne.
Um zu zeigen, wie sie mit ihren Klienten an deren Stimmen arbeitet, gibt Monika Hein ein Beispiel ihrer Arbeit. So könne man sich die auf die Stimme einflussgebenden Faktoren als Kanalzüge eines Mischpults vorstellen, bei dem alle Regler in der richtigen Eistellung stehen. Ein Kanalzug stehe für den Körper, denn welche Haltung man mit seinem Körper einnimmt, spiegelt sich auch in der Stimme. Ein zweiter Kanal stehe für die Atmung. Die ist deshalb so wichtig, weil sie das Nervensystem steuert, erklärt Hein. Bewusstes Mit-Dem-Bauch-Atmen etwa helfe, Stress und Nervosität herunterzufahren. Der dritte Kanal steht für den Stimmklang. Der Vierte regelt die Artikulation. Der fünfte Kanal regelt schließlich die Gestaltung der Stimme, die Satzmelodie und die Betonung.
Gerät man in eine Situation, die einen etwa Nervös macht, die Atmung abflachen und die Körperspannung steigen lässt, werde »das Mischpult verrückte Dinge tun«, erklärt Monika Hein. Da gelte es, wieder Ruhe ins Chaos zu bringen, die Stimme wieder einzustimmen und so den eigenen Ton wiederzufinden. Wie man das erlernt, dabei könne sie einem als Stimmtrainerin behilflich sein.
Kunden und Fans
Den letzten Vortrag des zehnten Oticon Symposiums hält Paul Johannes Baumgartner, Buchautor, Motivationstrainer, Radiomoderator und mehr. Sein Thema ist heute: »Von Kunden zu Fans«, einer der Dauerbrenner auf vielen Veranstaltungen.
Immer wieder werde er gefragt, worin der Unterschied zwischen Kunden und Fans besteht, erzählt Baumgartner. Seine Antwort: »Kunden muss man locken, Fans kommen von allein. Kunden geben einem ihr Geld, Fans geben einem ihr Herz. Kunden sind Kritiker, Fans Werbeträger. Und Kunden reklamieren, während Fans verzeihen. Jetzt wisst ihr es.« Der Unterschied ist damit geklärt. Bleibt die Frage, wie man aus Kunden Fans macht.
Eine positive Gestaltung der Beziehungen hilft, sagt Paul Baumgartner. Und zwar jeglicher Beziehungen. Ihm geht es um die Ausstrahlung. »Seid die Sonne eurer Mitarbeiter, die Sonne, nach der sich die Kunden richten«, fordert er. »Ohne Emotionen keine Ovationen. Emotionen sorgen für Kaufentscheidungen.« Ebenso werde es helfen, wenn sich Kunden an einen erinnern. »Was passiert bei euch, wenn eure Kunden bei euch sind?«, fragt er. »Da muss etwas Nachhaltiges passieren, etwas, das im Gedächtnis bleibt.« Bestenfalls, ohne dass man zuvor einen Vortrag von Boris Nikolai Konrad gehört hat.
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Positiv muss diese Erinnerung freilich ebenso sein. Es müsse also darum gehen, Begeisterung zu transportieren. An der Stelle erzählt Paul Baumgartner eine Anekdote. So habe er mal einen Laden aufgesucht in der festen Absicht, sich bloß beraten zu lassen, um das Produkt hinterher billiger im Netz zu kaufen. Seine Rechnung aber hatte er ohne den Verkäufer gemacht. Dem nämlich gelang es, so viel Begeisterung in ihm auszulösen, dass er in dem Laden nicht nur das Produkt kaufte, sondern auch noch diverses Zubehör, das er eigentlich gar nicht wollte. Den Laden habe er als Fan des Verkäufers verlassen. Eine gute Persönlichkeit sei der Verkäufer gewesen, erzählt Baumgartner. Der Verkauf proaktiv. Darüber hinaus sei er ein »wunderbarer Geschichtenerzähler« gewesen und sein Humor habe ihm ebenfalls gefallen. »Irgendwann werde ich auch ein Kunde von euch«, sagt er in Richtung des Publikums. Und lege man ihm gegenüber einen guten Humor an den Tag, wäre er schnell geneigt, »euch alles abzukaufen, was ihr habt«.
Im Anschluss kommt Paul Baumgartner auf unterschiedliche Mitarbeiterpersönlichkeiten zu sprechen, von der »Mumie«, über die »Blümchen«, die »Brandstifter« bis hin zu den »Raketen«, die »Burner«, die alle mit ihrer positiven Energie anstecken würden. Er selbst zählt wahrscheinlich zu den Raketen. Er sagt es zwar nicht, aber die Art, wie er seinen Vortrag hielt, die sagt das. Dank Boris Nikolai Konrad wird man sich das sogar merken können, auch wenn Paul Baumgartner wohl nicht derjenige ist, der im Baum einen Garten anlegt. Und Dank Monika Hein wird einem auch seine stimmige Stimme aufgefallen sein, mit der man ihn auch auf Radio Antenne Bayern hören kann.
Um schließlich über all das und noch viel mehr zu sprechen, lädt die Abendveranstaltung zum zehnten Oticon Symposium ein. Für die geht es dieses Mal in die Astra Brauerei auf St. Pauli, ein paar Knollen und feinste Hamburg-Folklore inklusive.