Von Martin Schaarschmidt / Fotos: Schaarschmidt
DACHVERBAND FÜR HÖRGESCHÄDIGTE MENSCHEN
20 Jahre hat es gedauert von der ersten Idee bis zur tatsächlichen Umsetzung; doch was lange währt, wird ja bekanntlich gut: Am 10. Dezember trafen sich rund 50 Repräsentanten vom Deutschen Schwerhörigenbund (DSB) und Deutscher Cochlea-Implantat Gesellschaft (DCIG) sowie von zwölf Landes- und Regionalverbänden beider Organisationen in Frankfurt, um den Deutschen Hörverband (DHV), einen gemeinsamen Dachverband für Menschen mit Hörschädigung, zu gründen. Nach Unterzeichnung der Satzung wurde auch der fünfköpfige Vorstand des neuen Verbandes gewählt; Vorstandsvorsitzender des DHV ist Dr. Harald Seilder; vormals langjähriger Präsident des Deutschen Schwerhörigenbundes. Unser Autor Martin Schaarschmidt war bei der Gründungsversammlung im Intercity-Hotel Frankfurt mit dabei.
Die Idee, eine gemeinsame Struktur für die Mitglieder von DSB und DCIG sowie ggf. auch für weitere Organisationen schwerhöriger Menschen zu schaffen, gibt es seit mindestens zwei Jahrzehnten. Schon lange sprach vieles dafür, die zahlreichen gemeinsamen Anliegen der Mitglieder beider bundesweit agierender Organisationen gemeinsam und mit einer Stimme voranzubringen.
Der 1901 von Margarethe von Witzleben gegründete DSB ist die älteste und bekannteste deutsche Organisation schwerhöriger Menschen; doch die Zahl der Mitglieder (3.080 im Januar 2022) ist seit Jahren rückläufig. Die DCIG wurde 1987 gegründet – als eine gemeinsame Initiative des deutschen CI-Pioniers Professor Ernst Lehnhardt und erster CI-Trägerinnen und -Träger. Die Selbsthilfeorganisation verfolgte anfangs insbesondere auch das Ziel, die damals völlig neue CI-Therapie im bundesdeutschen Gesundheitssystem zu etablieren. Mit einem kontinuierlichen Mitgliederwachstum und aktuell (Stand 2021) 2.465 oft jungen Mitgliedern kommt die DCIG der Größe des DSB schon heute sehr nah.
Doch solche Größenvergleiche sind eigentlich nicht wichtig. Wichtiger sind die Gemeinsamkeiten. Etwa die, dass heute auch im DSB sehr viele Mitglieder mit Cochlea-Implantaten hören. Ebenso gilt längst als überholt, dass elektrisch stimuliertes Hören mit dem CI und akustische Verstärkung mittels Hörgerät einander ausschließen. Die Ziele der Mitglieder von DSB und DCIG hatten schon vor 20 Jahren eine große gemeinsame Schnittmenge. Umso erfreulicher, dass nun endlich Wege gefunden und Hindernisse überwunden wurden, um eine starke, übergreifende Plattform zu bilden, die perspektivisch noch weiterwachsen soll.
DCIG, DSB sowie zwölf Landes- und Regionalverbände verabschieden gemeinsame Satzung
Der aktuellen Gründungsversammlung war im November 2019 die »Frankfurter Erklärung« vorausgegangen, in der die Vorstände und Landesvertretungen beider Verbände die Gründung eines neuen gemeinsamen Verbundes verabredeten. Eine fünfköpfige Satzungskommission erarbeitete daraufhin einen Satzungsentwurf, der in mehreren Runden abgestimmt und im Frühjahr 2022 konsentiert wurde.
Beim jetzigen Treffen in Frankfurt wurde die Satzung durch die Deutsche Cochlea-Implantat Gesellschaft e.V., den Deutschen Schwerhörigenbund e. V. sowie zwölf Landes- und Regionalverbände verabschiedet. Neben DCIG und DSB gehören auch der Cochlea Implantat Verband Baden-Württemberg e. V., der Cochlear Implant Verband Hessen-Rhein-Main e. V., der Cochlea Implantat Verband Nord e. V., die DSB-Landesverbände von Brandenburg, Niedersachsen und Nordrhein-Westfalen, der Deutsche Schwerhörigenbund Landesverband Saarland der Schwerhörigen und Ertaubten e. V., der Landesverband Bayern der Schwerhörigen und Ertaubten e. V., der Landesverband Hamburg für Schwerhörige und Spätertaubte im Deutschen Schwerhörigenbund e. V., der Landesverband der Schwerhörigen und Ertaubten Baden-Württemberg e. V., der Landesverband der Schwerhörigen und Ertaubten Sachsen e. V. sowie der Schwerhörigen-Verein Berlin e. V. zu den Gründungsmitgliedern des neuen Hörverbandes. Mittelfristig ist davon auszugehen, dass sich weitere Regional- und Landesverbände sowie auch andere Organisationen der Hörgeschädigten-Selbsthilfe dem neuen Dachverband anschließen werden.
Auf der Gründungsveranstaltung wurde zugleich der fünfköpfige Vorstand des neuen Verbandes gewählt. Vorstandsvorsitzender des DHV ist Dr. Harald Seidler; der langjährige frühere Präsident des Deutschen Schwerhörigenbundes war einziger Kandidat für das neue Amt und wurde einstimmig gewählt. Ebenfalls im Vorstand vertreten sind Dr. Roland Zeh für die DCIG, Dr. Matthias Müller für den DSB sowie Susanne Schmidt (DSB Nordrhein-Westfalen) und Pascal Thomann (DCIG Nord). Ferner wurden Werner Jost und Peter Drews als Rechnungsprüfer gewählt.
Dr. Stefan Zimmer: »Eine starke und unabhängige Patientenvertretung ist das Beste, was uns passieren kann.«
Seinen Sitz hat der Deutsche Hörverband in der Bundeshauptstadt – zunächst unter der Adresse des Deutschen Schwerhörigenbundes. Die Beantragung zur Aufnahme ins Vereinsregister ist noch vor Ablauf von 2022 geplant. Ebenso will sich der Vorstand bereits unmittelbar nach dem Gründungsevent treffen, um erste Aktivitäten für 2023 zu planen. Als wichtiger Termin wurde etwa der Welttag des Hörens am 3. März genannt.
Zu den Gratulanten vor Ort gehörte Dr. Stefan Zimmer, Vorstandsvorsitzender des Bundesverbandes der Hörsysteme-Industrie (BVHI), der in seinem Grußwort Parallelen zwischen den Beschlüssen der Nationalversammlung 1848 in der Frankfurter Paulskirche und der Versammlung im InterCity-Hotel zog. Die damalige Schaffung der ersten deutschen Verfassung sei auch ein schwieriges und zugleich wichtiges Unterfangen gewesen … Dr. Stefan Zimmer überbrachte den Delegierten die Grüße der Hersteller, und er wünschte dem neuen Verband viel Erfolg.
»Wir sind an ihrer Seite, weil wir glauben, dass eine starke und unabhängige Patientenvertretung in Deutschland das Beste ist, was uns passieren kann«, so der BVHI-Vorstandsvorsitzende. Der Industrie würde immer unterstellt, dass sich alles, was sie unternimmt, auch rechnen muss. Es sei jedoch im Sinne der Hersteller, die Interessen der Schwerhörigen in die Öffentlichkeit zu tragen: »Wir sind froh und dankbar, dass wir dabei sein dürfen. Und wir werden es auch in Zukunft sein.«
Gratulationen und gute Wünsche gab es zudem von den Cochlea-Implantat-Herstellern Advanced Bionics, Cochlear und MED-EL sowie von der Firma Humantechnik, die alle ebenfalls mit Repräsentanten in Frankfurt dabei waren.
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Vorstandsvorsitzender Dr. Harald Seidler: »Wir wollen gehört werden.«
»Wir wollen gehört werden«, so das Credo des DHV-Vorstandsvorsitzenden Dr. Harald Seidler, der zum Abschluss des Treffens einen Ausblick auf Ziele und zukünftige Arbeit des neuen Dachverbandes bot. Der Verband stehe für Stärke, Sichtbarkeit, Struktur, Gemeinsamkeit, Solidarität und Effektivität. Als Gemeinschaft der Hörgeschädigten habe man eine tolle Botschaft; mit der Hörschädigung habe man jedoch auch ein Problem, das unsichtbar ist. »Wir wollen dieses Problem sichtbar machen, damit man uns besser versteht«, so Harald Seidler. Zudem sei es wichtig, die »Seele der Hörgeschädigten« zu vermitteln und zu erfassen. Nur wer diese Seele versteht, könne den Betroffenen tatsächlich beistehen – etwa eine gute Reha anbieten.
Nach so langer Zeit mühevollen Zusammenkommens sei die Gründung des neuen Dachverbandes ein geradezu historischer Moment; »ein Traum wird wahr«. Zugleich aber gäbe es sehr viel zu tun. In vielen Bereichen – so der Referent – laufe es für die Hörgeschädigten nicht gut. Dr. Seidler verwies auf eine erhebliche Unterversorgung – etwa im Bereich der Cochlea-Implantate. Auch fehle es vielen Angeboten noch an Qualität. Es sei daher wichtig, nun gemeinsam ans Werk zu gehen, dabei auch eventuelle Konflikte untereinander zu überwinden. Und es sei wichtig, dass die an der Versorgung beteiligten Berufe – die Ärzte, die Hörakustiker, die Hersteller – gemeinsam für die Betroffenen arbeiten. »Ich bin ganz sicher, dass wir für alle eine Win-win-Situation erreichen werden, niemand wird verlieren«, so Harald Seidler. Als Verband suche man den Kontakt zu Politik und Leistungserbringern, Kostenträgern und Gesellschaft; man wolle sie alle am runden Tisch zusammenbringen.
Innerhalb seiner Strukturen verfüge der neue Verband über Stärken und Erfahrungen. Zudem sei es jedoch wichtig, gesellschaftliche Strömungen, ein sich änderndes Konsumverhalten sowie neue Informationswege zu berücksichtigen. Vorteil des Dachverbandes sei die größere Effektivität: Veranstaltungen, Informationen und Beratung könnten für alle angeboten werden.
Nach außen hin werde der DHV zeigen, wie man Hörschädigungen bewältigen kann. Ebenso werde man über Hörbarrieren informieren und deutlich machen, dass es sich lohnt, in Hörverbesserung zu investieren. Zugleich erhebe man die Forderung, an allen Entscheidungsprozessen beteiligt zu werden. »Nie mehr ohne uns über uns«, so Dr. Seidler, der zudem betonte, wie wichtig es sei, dass neben der fachlichen Kompetenz der unterschiedlichen an der Versorgung beteiligten Berufe auch die Selbsterfahrung der Betroffenen Wertschätzung erfährt: »Selbsterfahrung ist mindestens so wichtig wie fachliche Kompetenz.«
Als Verband könne man mithelfen, indem man die Beratung ausbaut, Aktionen ausweitet, präventive Angebote wie etwa einen Hörtest ab 50 anregt, aufrüttelt, von eigenen Erfahrungen berichtet, den Prozess der Hörversorgung begleitet und Menschen und Institutionen im Versorgungsprozess zusammenführt. Alles mit dem großen Ziel, die Situation der Hörgeschädigten in Deutschland zu verbessern.