DIGITALES MAGAZIN
021 | April 2023
22/25

»WIR WOLLEN MEHR JUNGE MITGLIEDER«

Der Präsident und der Vorstand des Verbands der Hörakustiker Österreichs im Gespräch

Von Jan-Fabio La Malfa / Fotos: VHÖ

»WIR WOLLEN MEHR JUNGE MITGLIEDER«

Bei unserem Besuch in Wien ließ sich OMNIdirekt nicht die Gelegenheit nehmen, auch mit Repräsentanten des VHÖ-Verbands persönlich ins Gespräch zu gehen. Wir trafen VHÖ-Präsident Thomas Aigner sowie VHÖ-Vorstandsmitglied Fritz Zajicek und sprachen mit ihnen über die allgemeine Situation auf dem österreichischen Hörakustikmarkt. 

Herr Aigner, Herr Zajicek, die Beziehung zwischen Deutschland und Österreich ist in vielerlei Hinsicht eine besondere, auch im Hinblick auf den Hörakustikmarkt. Wodurch ist das erklärbar?

Aigner: Unabhängig von sprachlichen und kulturellen Gemeinsamkeiten sollte man zunächst einmal festhalten, dass der Hörakustikerberuf in beiden Ländern ein gesetzlich anerkanntes Gesundheitshandwerk bzw. Gesundheitsberuf darstellt. Was das Denken und die Herangehensweise angeht, sind wir uns also sehr ähnlich. Wir sind Handwerker, haben eine Innung und gehen für unsere Ausbildung auch nicht zur Universität. Dennoch gibt es Unterschiede.

Österreich gilt beispielsweise als das Land der Mischbetriebe.

Zajicek: Da muss man aufpassen, zumindest für die Vergangenheit. Richtig ist, dass der Verband der Hörakustiker Österreichs 1968 gegründet wurde und die Initiative von prominenten österreichischen Optikern ausging. Hierzu gehörten Personen wie etwa Innungsmeister Julius Grünwald oder Theo Gumpelmayer. Da ein guter Teil der Hörgeräte über die Augenoptikergeschäfte abgegeben wurde, gab es natürlich ein Interesse, damals etwas für die Hörgeräteversorgung zu tun. Neben den Optikern gab es aber auch die Viennatone mit einigen eigenen Filialen, dessen Vordenker beispielsweise Direktor Höfer war. Hierzu gesellten sich aber auch über ihre Niederlassungen Firmen wie Philips, Hansaton oder Siemens. Dadurch, dass bei uns schon immer die Industrieseite mitvertreten ist, sind wir ein bisschen anders als unsere Kollegen in Deutschland.

Der VHÖ ist also, salopp gesagt, was seine Herkunft betrifft, ein Stück weit eine Mischung zwischen Deutschland und Italien. Einerseits ist der Beruf aus dem Augenoptikerhandwerk erwachsen, andererseits wie in Italien mit Amplifon auch stark durch die Industrie vorangetrieben worden.

Zajicek: Ja, so ungefähr kann man das sehen. Hinzu kommt, dass bei Gründung des VHÖ 1968 der Hörgeräteakustiker noch keinen eigenen Berufsstand darstellte. Man hatte die Notwendigkeit ‚der Aufwertung des Images des Hörgerätes und seiner Händler sowie die Schaffung eines Berufsbildes des Hörgeräteakustikers‘ erkannt und die Idee sich nach Vorbild der deutschen UHA zu einem Verband auf Vereinsbasis zusammenzuschließen. Die Idee, gleich einen eigenen unabhängigen Berufsstand zu entwickeln, gab es 1968 jedoch noch nicht. Durch die Nähe zur Bundesinnung der Augenoptiker wurde mit der Novelle der Gewerbeordnung 1973 aber dafür gesorgt, dass der Hörgeräteakustiker ein reglementiertes Gewerbe wurde. Das bedeutet, dass der Beruf des Hörgeräteakustikers nicht in einem Lehrberuf erlernt werden musste. 

Praktisch gesagt, hat man das in Kursen von ein paar Wochen erlernt.

Aigner: Genau, es war kein medizinischer Beruf; es war ‚nur‘ ein gebundenes Gewerbe. Solange die Anforderungen nicht so hoch waren, passte das, zumal man ja ganz ehrlich sagen muss. Was hat es denn gegeben? Drei, vier verschiedene Hörgeräte in verschiedenen Leistungsstufen, in denen unterschiedliche Mikrofone eingebaut waren, um eine Hochtonkurve oder eine breitbandige Verstärkung zu erreichen. Dann hatte man ein paar Steller drauf, Tonblende, PC und Verstärkung, aus, Ende. Das erklärt ja auch, weshalb man bis zur Gewerberechtsnovelle 1992 warten musste, bis der Hörgeräteakustiker endgültig dem Handwerk in der Gruppe der Gewerbe für Gesundheits- und Körperpflege zugeordnet wurde.

Warum? Man hätte es doch, an dem Punkt angelangt, so weiterlaufen lassen können …

Aigner: Ganz einfach: Die Technik. Bis Mitte der 80er Jahre ist man ja im Grunde genommen mit einem Taschenhörgerät zurechtgekommen. Damals hat man dem Kunden einfach gesagt, solange du irgendwas noch hörst, lassen wir dich in Ruhe. Spätestens aber ab Anfang der 90er Jahre war man mit der Technik und dem Sprachverstehen so weit, dass man feststellte, dass ein dreiwöchiger Kurs nicht reicht.

Zajicek: Richtig, man muss aber dazu sagen, dass Leute wie Joseph Gaertner, der damalige Tiroler Landesinnungsmeister der Augenoptiker, in den 90er Jahren sehr bemüht waren, dass aus diesem gebundenen Gewerbe auch einen vernünftigen medizinisch-technischen Beruf mit Lehr- und Meisterausbildung wurde. Denn die neue Technik hat auch dazu geführt, dass gerade in den Mischbetrieben sehr viel angepasst wurde und man diese Notwendigkeit frühzeitig erkannte. Zuvor war es ja so, dass Mitarbeiter in Unternehmen wie Neuroth, Philips und andere das Hörgerät beim Kunden, vor allem im ländlichen Bereich, vor Ort eingestellt haben. Mit der Einführung des Lehrberufes Hörgeräteakustiker, den man oft im Doppelberuf mit dem Augenoptiker lebte, kam sehr viel Qualität in den Markt hinein.

Wahrscheinlich werden sich damals ebenso die Rahmenbedingungen zur Abgabe von Hörgeräten verändert haben.

Zajicek: Deutlich. Denn mit Entstehung des Lehrberufes haben auch die Krankenkassen in Österreich neue Ansprüche an die Hörgeräteversorgung durchgesetzt. Mit dem Kassenvertrag 2002, der dem heutigen Vertrag noch zu 90 oder mehr Prozent entspricht, war es einfach notwendig, dass unter anderem ein Hörgerätegeschäft mindestens 20 Wochenstunden geöffnet sein muss, in dem ein Hörakustiker anzutreffen ist, der etwa audiometrische Messungen in einem abgenommenen Messraum durchführt. Entsprechend konnten die Hersteller ihre Sprechstundengeschäfte auf dem Land nicht mehr so weiter durchführen. Zu der Zeit begannen die bekannten Großfilialisten auch, in die Fläche zu ziehen, um außerhalb der Landes- und Bezirkshauptstädte Filialen zu eröffnen.

Was bedeutet das für Einzelkämpfer bzw. die Mischbetriebe.

Zajicek: Diese sind zum einen auf Grund von Geschäftsübergaben und durch die wachsende Konkurrenz mit der Zeit weniger geworden. Es gibt aber auch Mischbetriebe, die seit Jahrzehnten neben den Brillen ebenso Hörgeräte anpassen. Das sind Betriebe wie die von Thomas Aigner, die fest in und mit der Region verwurzelt sind. Und natürlich gab und gibt es immer wieder Kolleg:innen, die sich selbständig machen und ihr eigenes Geschäft eröffnen. Aus unterschiedlichen Motiven.

Kann denn da der VHÖ nicht weiterhelfen?

Aigner: Kaum. Der VHÖ ist grundsätzlich nicht politisch. Was der VHÖ tun kann, ist, sich zu vernetzen und Empfehlungen abzugeben. Das erkennt man auch sehr deutlich an den regelmäßigen Fortbildungsangeboten, die wir als fachlich orientierter Verband im Frühjahr und im Herbst anbieten. Und klar starten wir auch Projekte wie etwa vor einem halben Jahr, indem wir in den beruflichen Ausbildungsstätten Aufklärungsarbeit leisten und für uns werben, um auf diese Weise neue Mitglieder zu gewinnen. Wir haben aber keinerlei Möglichkeiten, irgendwelche großartigen Beratungen durchzuführen oder irgendetwas entscheidend zu beeinflussen. Diese Dinge obliegen der Bundesinnung der Gesundheitsberufe. 

Sie sagen Ausbildungsstätten. Gibt es denn mehrere?

Zajicek: Der normale Weg der dualen Ausbildung sieht für den ersten Bildungsweg die Landesberufsschule in Hall in Tirol vor, auf die sich die Bundesinnung, bestehend aus neun Landesinnungen, mehrheitlich geeinigt hat. Da leider nur wenige Jugendliche den Lehrberuf Hörakustiker ergreifen wollen und sich viele große Betriebe scheuen auszubilden, ist die Landesberufsschule in Hall auch leider nicht unbedingt gut ausgelastet. Und dann gibt es noch einige Ausbildungsorganisationen, die Vorbereitungskurse für die Lehrabschluss- und Meisterprüfung auf dem zweiten Bildungsweg anbieten.

Was heißt das? Bilden die Filialisten in Österreich nicht aus?

Zajicek: Oh doch, auch die großen Filialketten benötigen laufend Hörakustiker. Dort wird aber der Weg eingeschlagen, Erwachsene aufzunehmen und diese auf dem zweiten Bildungsweg auszubilden, also quasi mit einer Umschulung. Da in der Berufsschule in Hall das Konzept der Ausbildung Erwachsener auf dem zweiten Bildungsweg parallel zur Ausbildung der Jugendlichen nicht ausreichend und auch nicht optimal umsetzbar war, begann der ehemalige Tiroler Landesinnungsmeister Joseph Gaertner Anfang der 2000er Jahre, die Ausbildung auf dem zweiten Bildungsweg im Wirtschaftsförderungsinstitut Innsbruck der Wirtschaftskammer Tirol aufzubauen. Zu Spitzenzeiten startet man im WIFI drei bis vier Kurse pro Jahr, in denen jeweils 20 bis 30 erwachsene Schüler die Vorbereitung auf die Lehrabschlussprüfung beginnen. Diese Kurse sind mit fünf Modulen zu je zwei Wochen innerhalb von etwa eineinhalb Jahren berufsbegleitend konzipiert. Ebenso wird am WIFI ein Kurs zur Vorbereitung auf die Meisterprüfung Hörakustik angeboten. Ähnliche Ausbildungsangebote für den zweiten Bildungsweg im Bereich Hörakustik gibt es von der privaten Optometrie und Hörakustik Initiative OHI in Wien und der OPTICON Akademie in Wels.

Aigner: Dabei sollte man einen grundlegenden Unterschied beachten und anerkennen, der zwischen Österreich und Deutschland existiert. Jeder, der einen ausbildungspflichtigen Beruf ergreifen möchte, kann sich in Österreich zu jeder Prüfung anmelden, sofern er glaubt, diese bestehen zu können. Wo wir in die Schule gehen und wie wir Sachverhalte lernen, spielt dabei, mit wenigen Ausnahmen, eher eine untergeordnete Rolle. Bei uns zählt die Prüfung, und damit der Nachweis, dass man etwas kann. Wer will, der kann seine Zuckerbäckerausbildung also auch in zwei Monaten machen.

Es existiert also ein automatischer Anspruch, sich zu einer Prüfung in jederlei Hinsicht zu stellen, weil eine Person Zugang zu Wissen hat.

Aigner: Freilich. Unseren Informationen nach ist das das Recht, dass jeder Volljährige in Österreich zu einer Berufsprüfung antreten kann. Das basiert auch auf europäischem Recht.

Sie meinen also, dass am Ende des Tages vergleichbar viel Wissen abverlangt wird, nur sieht der Weg dorthin anders aus …

Aigner: Natürlich muss man sich einer schriftlichen wie einer mündlichen Prüfung stellen, in der ein großes Wissen abgefragt wird. Und auch hier wird eine praktische Prüfung mit Otoplastik fräsen, Im-Ohr-Gerät zusammenbauen und vieles anderes abverlangt. Entsprechend herausfordernd ist die Prüfung auch. Etwa 70 Prozent aller Prüflinge fallen bei uns durch. Das ist man vom deutschen System zwar nicht gewohnt, wie sich aber die Spreu vom Weizen trennt, wie der Österreicher so schön sagt, ist doch dabei egal.

Was gewiss zu einem Fachkräftemangel führt.

Aigner: Das kommt auf den Betrieb an und wie dieser die Ausbildung seiner Mitarbeiter fördert.

Was heißt das denn im Hinblick auf Neugründungen?

Aigner: Eine vielschichtige Frage. Zum einen muss man sagen, dass man sich in Österreich sehr bemüht, die Angst zu lösen, sich selbständig zu machen. So haben wir in der Wirtschaftskammer eine eigens angesiedelte Organisation, die sich um Jungunternehmer sehr bemüht und sehr stark vernetzt ist. Dennoch sind die Fallstricke sehr hoch, zumal viele trotz ihrer Ausbildung auf einen solchen Schritt nicht ausreichend vorbereitet sind, gerade was die betriebswirtschaftlichen Punkte betrifft. Auch ist es so, dass 70 Prozent aller Beschäftigten weiblich sind und sich für viele auch die Familienfrage stellt. Das Risiko als Mutter und Inhaberin ohne Mitarbeiter in eine Selbständigkeit zu gehen, ist viel zu hoch. Unabhängig von den Auswirkungen für die Pension muss man ja sehen, dass das Geschäft steht, wenn man für eine gewisse Zeit in Mutterkarenz geht.

Zajicek: Dennoch sehen wir nicht nur in Wien, dass hier und da Geschäfte eröffnen. Das sind sehr oft Kolleg:innen, die als Angestellte entweder unzufrieden waren oder sich weiterentwickeln wollen. Aber ich denke, das ist auch in Deutschland so.

Wie viele Mitglieder repräsentieren sie denn?

Zajicek: Wir haben etwa 90 Mitgliedsbetriebe mit über 300 Geschäften und einige außerordentliche Mitglieder, also angestellte Personen. Wobei ich nicht unerwähnt lassen will, dass auch zwei große Filialketten mit ihren Geschäften dabei sind.

In welcher Phase befindet sich die VHÖ derzeit?

Zajicek: In einer nun über Jahre hinweg stabilen Phase, was sowohl den Mitgliederstand als auch unser Fortbildungsangebot betrifft. Lediglich die Bereitschaft aktiv im Verband mitzuarbeiten, die nimmt leider ab. Aber das ist wohl in vielen Verbänden mit ehrenamtlicher Arbeit so. Dem Berufsstand geht es aber gut, und solange es einem Berufsstand gut geht, ist der Druck, sich organisieren zu müssen, auch nicht hoch. Da wir ein reiner Berufsverband mit freiwilliger Mitgliedschaft sind und die Bundesinnung der Gesundheitsberufe mit ihren neun Landesinnungen die Interessen der Pflichtmitglieder in den einzelnen Berufszweigen gegenüber dem Gesetzgeber und den Krankenkassen vertritt, können wir als VHÖ lediglich ein Fortbildungsangebot anbieten und Empfehlungen abgeben, was wir seit einigen Jahren in Übereinstimmung mit dem Europäischen Hörakustikerverband AEA und unseren Innungen tun.

Eine letzter Punkt: Welche Ziele hat sich der VHÖ auf mittlere Sicht gesetzt, und was würden Sie sich für 2023 wünschen?

Zajicek: Mittelfristig wollen wir mehr und vor allem jüngere Kolleg:innen mit unserem von Herstellern und anderen Interessen unabhängigen Fortbildungsangebot erreichen und für eine Mitgliedschaft im VHÖ gewinnen. Dafür bieten wir seit heuer allen Auszubildenden für die Teilnahme an unseren Seminaren und Workshops den Lehrlingsrabatt an, der den Teilnahmebeitrag deutlich reduziert. Ebenso soll es künftig eine kostenfreie außerordentliche VHÖ-Mitgliedschaft für Lehrlinge geben. Und mit den Möglichkeiten einer Webmeetingplattform wollen wir wie schon im letzten Jahr den Lehrlingen in der Berufsschule in Hall und deren Lehrer die virtuelle Teilnahme an unseren Präsenzfortbildungen anbieten. Insofern würden wir uns über neue und jüngere Mitglieder, aber auch neue Gesichter im VHÖ-Vorstandsteam freuen.

Meine Herren, haben Sie vielen Dank für das Gespräch.