DIGITALES MAGAZIN
021 | April 2023
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DIE 25. JAHRESTAGUNG DER DGA

NEUESTE TRENDS IN DER CI-VERSORGUNG UND MEHR

Von Martin Schaarschmidt / Fotos: Schaarschmidt

DIE 25. JAHRESTAGUNG DER DGA – NEUESTE TRENDS IN DER CI-VERSORGUNG UND MEHR

Nach drei Jahren konnte sie endlich doch stattfinden: die Jahrestagung der Deutschen Gesellschaft für Audiologie (DGA) in Köln, die ursprünglich für März 2020 geplant war, damals jedoch aufgrund der beginnenden Corona-Pandemie ausfiel. Nun aber reisten mehr als 500 Teilnehmer in die Domstadt, um sich vom 1. bis 3. März unter dem Motto »Hören – von jung bis alt« zu treffen, zu informieren und auszutauschen. Organisiert wurde die Tagung gemeinsam mit der Universität Köln und der Arbeitsgemeinschaft Deutschsprachiger Audiologen, Neurootologen und Otologen (ADANO). Auf dem Programm standen Zukunftsthemen wie Telemedizin, Big Data und die individuelle Präzisionsaudiologie für Erwachsene und Kinder. International renommierte Experten stellten neueste Erkenntnisse vor. Großen Raum in den Plenarvorträgen, strukturierten Sitzungen und Tutorials sowie in der Industrieausstellung hatten Neuigkeiten und Trends bei der Versorgung mit Cochlea-Implantaten (CI).

Die DGA-Tagung ist das Diskussionsforum aller audiologisch und pädaudiologisch Interessierten. Das Spektrum der Disziplinen, deren Vertreter sich im Hörsaalgebäude der Universität trafen, reichte von Audiologie, HNO-Medizin und Hörakustik über Phoniatrie, Pädaudiologie und Neurologie bis hin zu Natur-, Geistes- und Ingenieurwissenschaften, Logopädie und technischen Assistenzberufen. 

Das Vortragsprogramm war gewohnt umfangreich. »Die Cochlea – warum ist sie so besonders?«, so der Titel eines Plenarvortrags von Professor Geoffrey A. Manley (Oldenburg), der unmittelbar auf die Eröffnung am Tagungsdonnerstag folgte. Im Anschluss hatte man die Qual der Wahl zwischen einer strukturierten Sitzung und drei Blöcken mit freien Vorträgen. Auffallend viele Beiträge gab es zum Themenbereich CI. Und auch wir entschieden uns für »CI-Outcome«, eine Vortragsreihe, die von PD Dr. Angelika Illg (Hannover) und Professor Dr. Dr. Ulrich Hoppe (Erlangen) moderiert wurde.

»CI Outcome« – neueste Entwicklungen in der Cochlea-Implantat-Versorgung

Nach einem Beitrag, der sich mit Audiologischen Konsequenzen hoher Elektrodenabdeckung des Ductus cochlearis sowie der OTOPLAN Software von MED-EL beschäftigte, spannende Einblicke von M. Sc. Anna Kopsch (Halle/S.) zum Klang von Cochlea-Implantaten. Wie CIs mit intaktem Ohr klingen, konnte man bislang durch Sound-Beispiele erleben, die mit sogenannten Vocodern erzeugt werden; natürliche Sprache wird in kodierter Form als Analogsignal übertragen und anschließend wieder reproduziert. Doch ist es wirklich das, was ein CI-Träger hört? 

Der Ansatz der Hallenser Audiologen ist ein anderer: Einseitig mit CI versorgte Patienten wurden aufgefordert, Soundbeispiele über ihr intaktes Ohr mit ihrem eigenen CI-Klangerleben zu vergleichen. Anhand der Rückmeldungen wurden die Beispiele so lange modifiziert, bis sie dem Klangerleben der Probanden entsprachen. Die beim Vortrag eingespielten Beispiele sind erstaunlich: Zum einen zeigen sie erhebliche Unterschiede im Erleben der Probanden, ein CI kann völlig unterschiedlich klingen. Zum anderen wird deutlich: Der Klang eines CI kann sich zum Klang eines normal hörenden Ohres entwickeln. Bleibt abzuwarten, was die weiteren Forschungen bringen; etwa, wie sich der CI-Klang über längere Zeit verändert, oder auch, welche Möglichkeiten es gibt, um ihn zu verbessern. 

In zwei weiteren Vorträgen widmen sich Dr. Angelika Illg und Mareike Billinger-Finke (Innsbruck) einem neu entwickelten Fragebogen zum »Hearing loss Quality of Life«, einem Evaluationstool zur Lebensqualität von Menschen mit Hörschädigung. Auch das ist eine Herausforderung in der CI-Therapie: Etablierte Messmethoden bilden oft nur einen Teil der Realität der Patienten ab. Der neue Fragebogen, der vor und nach einer Hörversorgung eingesetzt werden kann, wurde daher interdisziplinär entwickelt sowie im Anschluss bei einer Anwenderstudie mit MED-EL CI-Trägern überprüft. Nun sind weitere Erkenntnisse über die Veränderungen der Lebensqualität durch CI-Versorgung zu erwarten. 

Lebensqualität mit dem CI ist auch Thema des nächsten Beitrags: Nicole Neben (Hannover) präsentiert Ergebnisse einer umfangreichen Studie zur gesundheitsbezogenen Lebensqualität bei älteren CI-Trägern. Die Studie, in die Patientendaten aus vier Ländern einflossen, belegt klare Verbesserungen der Lebensqualität durch Cochlea-Implantation auch für Menschen jenseits der 75 (ältester Teilnehmer 91). Verbessert wurden nicht nur ihre Kommunikation, sondern auch Fähigkeiten, den Alltag eigenständig zu meistern. Mit CI fühlten sich die Probanden weniger einsam und beeinträchtigt. Das Implantat befördere ihr Wohlbefinden. Es sollte daher routinemäßig auch Personen über 60 als Behandlungsoption vorgestellt werden – bei bilateralem mittel- bis hochgradigem Hörverlust. Ein hohes Alter sei kein Hinderungsgrund für die Versorgung.

Dann folgt das Thema Teleaudiologie: Im abschließenden Beitrag stellt M. Sc. Daniel Kley (Hannover) eine Untersuchung zur App-basierten CI-Nachsorge vor, an der Probanden bei Verwendung der Remote Check App von MED-EL teilnahmen. Hörtests ohne Vor-Ort-Termin in der Klinik machen laut Einschätzung des Referenten durchaus Sinn. Der verwendete Check sei als zeitsparendes Tool zur reliablen Überprüfung der Hörleistung von zuhause aus geeignet. Allerdings lasse der Remote Check einen direkten Vergleich zwischen Klinik- und App-Daten aktuell nur bedingt zu.

Begleitende Industrieausstellung: Neueste Ansätze in Teleaudiologie und Hörmessung, Ausbau des CI-Registers

Neueste Entwicklungen im medizinisch-technischen Bereich gab es auf der begleitenden Industrieausstellung. Einen guten Überblick bot hier auch diesmal die Industrie-Präsentation mit Kurzbeiträgen der wichtigsten Aussteller.

Hersteller MED-EL präsentierte das neue OTOPLAN 4; patientenspezifische Messdaten und 3D-Visualisierungen ermöglichten eine maßgeschneiderte Erstanpassung und machten diese noch einfacher und schneller. Die Firma AURITEC stellte mit AT2000 ein neues klinisches Audiometer vor. Und Pilot Blankenfelde zeigte das AEP-Modul Corona e3 »evoke«, ein Tool zur Messung akustisch evozierter Potenziale.

Einblicke in das derzeit entstehende Cochlea-Implantat-Register gab es von INNOFORCE, Anbieter von Statistiksystemen. Aktuell liefern bereits 76 Kliniken Daten für das CI-Register, das vielfältig genutzt werden kann – etwa für Studien. Momentan entsteht ein Jahresbericht zum CI-Register.

Cochlear informierte über Connected Care, ein neues Konzept für die Hörversorgung, das digitale Ansätze nutzt, um mehr Patienten eine qualitativ hochwertige Versorgung zukommen zu lassen – wo und wann auch immer diese benötigt wird. Hersteller PATH MEDICAL brachte eine Neuheit im Bereich Neugeborenen-Hörscreening mit. Und DIATEC warb für die Interacoustics Academy, deren Kursangebote jetzt auch auf Deutsch zur Verfügung stehen.

CI-Hersteller Advanced Bionics nutzte seinen Auftritt, um die hohe Zuverlässigkeit seines HiRes Ultra 3D Cochlea-Implantats herauszustellen; diese liegt laut Hersteller bei 99,9 Prozent. Sonova hatte HiRes Ultra und Ultra 3D Anfang 2020 zurückgerufen, da laut damaligen Angaben des Herstellers bei weniger als 0,5 Prozent der Patienten eine erneute Implantation nötig geworden war. Laut AB ist das vollständige Produktportfolio seit November 2022 ohne Einschränkungen wieder verfügbar. Zudem informierte der Hersteller über ein neues digitales Portal und würdigte 30 Jahre eigener Innovationen. Durch den Zusammenschluss mit Phonak könne man Patienten und Professionals eine Reihe einzigartiger Lösungen bieten: eine bimodale Anpass-Software sowie eine voll integrierte bimodale Hörlösung, das Active Insertion Monitoring System (AIM) sowie die Kinder-Hörlösung Marvel Sky CI.

Beim abschließenden Gang über die Ausstellung nutzten wir die Gelegenheit, vorgestellte Lösungen etwas näher kennenzulernen. Exemplarisch sei hier Connected Care, ein ganzheitliches Konzept von Cochlear angeführt: Patientendaten werden vor der CI-OP angelegt und im Verlauf der Versorgung Schritt für Schritt angereichert. In Köln neu vorgestellt wurde SmartNav. Als einer von mehreren Bausteinen unterstützt es die Navigation während der Cochlea-Implantation. An einem iPad, das mit dem Implantat gekoppelt ist, kann der Chirurg die Position der Elektroden kontrollieren, ebenso die Tiefe des Einführwinkels und die Einführgeschwindigkeit; auch Messungen der Impesdanz und AutoNRT sind möglich. 

Nach Abschluss der OP werden die Daten auch in der Anpasssoftware bereitgestellt. Und nach der Erstanpassung hat der Patient ergänzend zur Vor-Ort-Betreuung die Möglichkeit, sich telemedizinisch betreuen zu lassen. Mit dem Remote Check kann er Tests seines Hörvermögens auch von zu Hause aus durchführen und die Ergebnisse mit dem Anpasser teilen. Remote Assist ermöglicht ihm zudem eine Live-Fernberatung; auch Anpassungen am Soundprozessor kann man vornehmen lassen, ohne in die Klinik zu müssen. Und auch hier werden sämtliche Änderungen in der Anpass-Software gesammelt – wie in einem in sich geschlossenen Pfad.