DIGITALES MAGAZIN
021 | April 2023
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FRAUEN MEHR SICHTBAR MACHEN

Die Hörmanufaktur in Bad Wurzach erhält Besuch aus Politik und Wirtschaft

Von Jan-Fabio La Malfa / Fotos: OMNIdirekt

FRAUEN MEHR SICHTBAR MACHEN

Als OMNIdirekt vor einem Jahr die Hörgondeltour präsentierte, kannte die Idee fast niemand. Nun ist der Awarenessgedanke, den die Hörakustikmeisterin Simone Lorenz-Halder entwickelte, auch einer Bundestagsabgeordneten bekannt. Eine Stippvisite bei der Hörmanufaktur in Bad Wurzach.

Dass Abgeordnete Ausbildungsstätten, Unternehmen oder Vereinigungen aufsuchen, ist nichts Ungewöhnliches. Als Redakteur schreibt man hierfür meist eine News. Zehn, 20 knappe Zeilen, in denen man komprimiert die Ereignisse zusammenfasst. Das war’s. So hätte die Überschrift zu dieser Geschichte vermutlich »Bundestagsabgeordnete besucht Hörmanufaktur in Bad Wurzach« gelautet. Und aus der Meldung wäre hervorgegangen, dass am 7. März nicht nur die grüne Bundestagsabgeordnete Dr. Anja Reinalter den knapp acht Jahre alten Betrieb von Simone Lorenz-Halder aufgesucht hat, sondern auch der Präsident der Handwerkskammer Ulm, Joachim Krimmer, sowie der HWK-Hauptgeschäftsführer Dr. Tobias Mehlich und die Bad Wurzacher Bürgermeisterin Alexandra Scherer. Nach einem kurzen Hörgondel-Bericht in der Handwerkszeitung sei die HWK Ulm auf die Hörmanufaktur aufmerksam geworden. Zusammen mit der für den Wahlkreis zuständigen Bundestagsabgeordneten Dr. Anja Reinalter habe man beschlossen, sich ein näheres Bild von dem recht jungen Handwerksbetrieb machen zu wollen. »Für uns ist dieser Besuch sehr wichtig, da wir Nachwuchs im Handwerk brauchen und nicht wissen, welche Sorgen und Nöte sie haben«, erklärt HWK-Präsident Krimmer. Nach einem Betriebsrundgang, bei dem die besonderen Qualitäten der Hörmanufaktur deutlich wurden, hat man sich zu einem Austausch zusammengesetzt, während dem Simone Lorenz-Halder die Gelegenheit erhielt, nicht nur von den alltäglichen Sorgen und Nöten einer recht jungen Inhaberin zu berichten, sondern auch ausführlich den Vertretern von Handwerkskammer sowie der Bundestagsabgeordneten das Prinzip der Hörgondel zu erklären. Damit wäre für die News aber auch schon alles gesagt.

Manchmal braucht es jedoch die Geschichte hinter der Geschichte, um den Wert einer Nachricht zu erkennen. Als mich Simone Lorenz-Halder vor wenigen Wochen anrief, um mich im Vorfeld über den geplanten Betriebsbesuch zu informieren, fand sie keine Erklärung, weshalb die HWK Ulm ausgerechnet ihren Betrieb aufsuchen wollte. Die Hörgondel könne doch kein Grund sein, dass eine Bundestagsabgeordnete extra den Weg nach Bad Wurzach auf sich nehme, auch wenn die für den Wahlkreis zuständig ist. Schließlich gebe es so viele andere Handwerksbetriebe, die man besuchen könnte und die wichtiger seien.

Im Hinblick auf Größe und Arbeitsplätze mag die Aussage zwar richtig sein, nicht aber, wenn man etwas von der Basis und ihren Problemen erfahren will. Nur so funktioniert nämlich Partizipation an politischen Prozessen. Und welches Unternehmen würde sich stellvertretend mehr eignen als ein kleiner, agiler und eigenständiger Handwerksbetrieb, der von einer jungen Meisterin und Mutter zweier Kinder gegründet wurde, und dem es letztes Jahr gelang, große Teile einer Branche mit einem spielerisch herangehenden Awarenesskonzept zu beeindrucken?

Nimmt man Zeit als Maßstab, dürften MdB Reinalter und die HWK-Vertreter Krimmer und Mehlich ihr Kommen an diesem Tag nicht bereut haben. Denn statt der zwei Mal 30 Minuten, die im Vorfeld angesetzt waren, unterhielt man sich über zwei Stunden. Kennt man den Termindruck, den Abgeordnete normalerweise haben, ist das ungewöhnlich. Doch die angenehme Gesprächsatmosphäre, die im kleinen Wohnzimmer (Wartebereich) der Hörmanufaktur herrschte, führte dazu, dass viele Themen auch etwas intensiver angesprochen werden konnten, wie zum Beispiel Fragen zur Existenzgründung, zu Investitionshemmnissen oder zu Ausbildungshürden und Förderprogrammen. Dabei gelang es Simone Lorenz-Halder, den Anwesenden zu verdeutlichen, wie schwierig es manchmal sei, stets allen Anforderungen, Bedürfnissen und Wünschen gerecht zu werden. Gerade als Frau und Inhaberin stehe man besonderen Herausforderungen gegenüber. »Bitte verstehen Sie mich nicht falsch. Ich liebe meinen Beruf und versuche jeden Tag, das maximale für meine Kunden herauszuholen, damit sie besser hören. Aber wenn man bis kurz vor der Entbindung im Laden steht, weil man die Meisterpräsenz einhalten muss und Mitarbeiter hat, dann fragt man sich selbst schon, wo da die Grenze liegt. Wenn man Nachwuchs will, dann braucht es auch frauenfreundliche Rahmenbedingungen«, so Lorenz-Halder.

Ein Problem, über das sich die Handwerkskammern sehr wohl bewusst sind, wie Dr. Tobias Mehlich an diesem Nachmittag verdeutlichte. Ihm zufolge seien etwa 20 Prozent Betriebsinhaberinnen. Das sei nicht nur zu wenig, dies gelte ebenso für Auszubildende. Darüber hinaus seien ganz große »Lastigkeiten« zwischen den Gewerken festzustellen. Es existierten männliche Gewerke und weibliche, kaum aber gut gemischte. Entsprechend sei dies eine Aufgabe, bei der man in den nächsten Jahren als Handwerker auch nach Innen Veränderungsbereitschaft zeigen müsse. Das konnte MdB Reinalter nur bekräftigen. Das sei eine Herausforderung, die über alle Gesellschaftsbereiche hinweg erkennbar sei. Politisch gesprochen sei daher die Nutzung von Instrumenten wie der Ausbildungsteilzeit, aber auch der Ausbau des Bafögs wichtig, um mögliche Hürden zu minimieren. Solche Anreize würden aber nur dann wahrgenommen, sofern es auch gelänge, Frauen als gute Vorbilder sichtbar zu machen. Die Hörmanufaktur sei ein solcher Betrieb. »Wir haben eine tolle Handwerkerin, die als Hörakustikmeisterin einen wichtigen Beruf vertritt, den man nicht unbedingt kennt. Man nimmt ihn zwar wahr und kennt auch Menschen, die mit Hörsystemen versorgt sind. Gerade als Frau sich in diesem Bereich selbständig zu machen, ist schon herausragend. Die Schilderungen über die Vereinbarkeit von Beruf und Familie zu hören, und gleichzeitig von Ideen wie der Hörgondel zu erfahren, finde ich faszinierend. Das ist noch einmal eine ganz andere Hausnummer, die Simone Lorenz-Halder da stemmen stemmt«, so MdB Reinalter. 

Aus diesem Grund sei mir mit Blick auf die Hörgondel ausnahmsweise ein persönlicher Kommentar erlaubt. Sich auf die Schultern zu klopfen, ist nicht unsere Sache. Uns geht es um das Verbreiten von Informationen. Das ist aber nur möglich, wenn man den dazugehörigen Stoff hat. Und den lieferte in dem Fall Simone Lorenz-Halder. Nicht weil sie eine Hörakustikmeisterin ist, sondern weil die Idee gut ist. Als ich vor einem Jahr meinem Redaktionsleiter Dennis Kraus erstmals von der Hörgondel erzählte und dabei erklärte, diese mit der OMNIdirekt und mit einer kostenlosen Anzeigenkampagne unterstützen zu wollen, stoppte er mich nicht. Gründe hierfür hätte es gegeben. Aber er ließ mich machen. Hauptsache, es kommt am Ende etwas Anständiges heraus, das wir für unser Heft nutzen können, meinte er. Das kann man aber nur, wenn man omnidirektional aufgestellt ist – und so mutig wie Hörakustikmeisterin Simone Lorenz-Halder.