DIGITALES MAGAZIN
022 | Mai 2023
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MASSGEFERTIGT UND KABELLOS – IEMS VON EARBORN

Das Schweizer Labor Otoprint bietet nun auch maßgefertigte In-Ear-Monitoring-Systeme an

Von Jan-Fabio La Malfa / Fotos: Otoprint; Jan-Fabio La Malfa

MASSGEFERTIGT UND KABELLOS – IEMS VON EARBORN

2018 gründete sich in Au am Zürichsee Otoprint. Nachdem es innerhalb kürzester Zeit zu einem der führenden schweizerischen Otoplastiklaboren aufgestiegen ist, führt das Unternehmen mit der Marke Earborn nun einen kabellosen In-Ear-Kopfhörer für die breite Masse ein. Wir sprachen mit dem deutsch-italienischen Hörakustikmeister Salvatore Falcone, Gründer und Geschäftsführer von Otoprint.

Bequem vorlesen lassen:

Herr Falcone, was ist Earborn?

Earborn ist der erste kabellose In-Ear-Kopfhörer für die breite Masse wie Sportler, Gamer, Streamer, Langzeitträger, die Geschäftsperson bis zum Musiker. Er ist sozusagen für uns alle gedacht. Denn aus meiner Sicht sitzen universelle Kopfhörer nie richtig im Ohr und dichten nicht genügend ab. Da unser Ohr so individuell ist wie ein Fingerabdruck und es aus unserer Sicht mit den drei, vier mitgelieferten Domes bei Standardprodukten nicht gelingt, jedes Ohr so abzudichten, dass der Sound erstklassig klingt und ein guter Halt gegeben ist, glauben wir, mit Earborn in eine Marktlücke hineinzustoßen. Weiter wird es auch eine Version für den Musikergebrauch geben.

Worin liegt der Unterschied dieser beiden Versionen?

Zum Start werden wir eine 2-Wege- und eine 4-Wege-Technik anbieten, damit wir mit Earborn auch im High-End-Musikerbereich ankommen können. Bei der 4-Wege Technik werden vier Lautsprecher verbaut. Diese erzielen ein breiteres Frequenzspektrum und erzeugen einen höheren Schalldruckpegel. Bei der 2-Wege-Technik sind zwei Lautsprecher eingebaut. Da wir bei allen Kopfhörern Balanced-Armature-Treiber verwenden, erzeugt auch der 2-Wege-Kopfhörer einen phänomenalen Sound. Beide Versionen verfügen über zwei omnidirektionale MEMS Mikrofone. Dies grenzt unser Earborn von herkömmlichen In-Ear-Monitoring-Kopfhörern ab, da er somit auch über alle Headset-Funktionen verfügt. Das nun mit Bluetooth-Technologie anzubieten, war ein Hauptziel, das nicht einfach zu lösen war, da inklusive der Akkus auch die gesamte Technik enthalten sein muss. Unsere Testläufe haben jedoch gezeigt, dass es bei 95 Prozent aller Ohren gelingt, die notwendigen Komponenten unterzubringen. Klar, es wird immer Ohren geben, bei denen eine 4-Wege-Technologie nicht möglich sein wird und wir dann auf die 2-Wege-Technologie zurückgreifen müssen. Doch bisher hat unsere Lösung für jedes Ohr geklappt, ob mit 2- oder 4-Wege-Technik.

Es gibt so viele IEMs, so viele Kopfhörer. Weshalb braucht es auf dem Markt noch Earborn?

Ganz einfach: Weil es die Kombination aus Maßfertigung und kabellos in der Form so noch nicht gibt und genau das unsere Kunden in der Vergangenheit oft nachgefragt haben. Wir erhielten regelmäßig Kundenanfragen aus der ganzen Schweiz, die sich eine Maßanfertigung für konventionelle Kopfhörer wünschten. Die Wünsche haben wir natürlich gerne umgesetzt. Schön sieht in meinen Augen allerdings anders aus.

Waren die Kopfhörer bereits Bluetooth-fähig oder waren die kabelgebunden?

Sowohl als auch. Das waren meist universelle Kopfhörer, oft namhafter Hersteller. Oft geben diese Kunden drei-, vierhundert Euro für solch ein universelles Produkt aus. Ob die Kunden dabei eine Beratung erfahren haben, lasse ich jetzt mal offen. Jedenfalls merkt man, dass sie bereit sind, auf die getroffene Investition noch einmal einen Betrag zusätzlich zu bezahlen, weil sie erfahren mussten, dass das Produkt ohne eine Maßanpassung nicht ihren Bedürfnissen entspricht. Deswegen suchen viele Käufer universeller Kopfhörer im Nachgang einen Hörakustiker auf, die uns wiederum die Ohrabdrücke der Kunden zusammen mit den Kopfhörern einsenden.

Wie sind Sie bei den Umbauten vorgegangen?

Ich habe das gemacht, was so ziemlich jedes andere Otoplastiklabor auch tun würde. Ich habe einen Silikonadapter für den vorhandenen Kopfhörer gebaut. Sofern es gelingt, die Kopfhörer digital nachzustellen, dass man den Shape erhält, ist das kein Problem, die Anbindung zu erstellen. Eine Maßanfertigung mit Bluetooth-Ankopplung hinzubekommen, ist prinzipiell gesehen also nicht die große Herausforderung. Funktionieren wird so etwas immer. Letztlich aber reden wir hier nur über eine Notlösung, die ihren Zweck erfüllt. Dass diese angepassten, maßgefertigten Produkte dabei zu weit aus dem Ohr herausschauen, sieht jeder. Zudem passen die Kopfhörer mit den Adaptern am Ende meist nicht in das Ladecase und müssen dadurch mehrfach täglich ab-/ und anmontiert werden.

Gilt das auch Adapter, die für AirPods geeignet sind?

Für AirPods und die Pro-Modelle gibt es ebenfalls Adapter Lösungen. Aber auch hier ist dies, wie bei allen anderen universellen Kopfhörern, eine Zwei-Komponenten Lösung, bei der man Kompromisse eingehen muss. Beispielsweise ist die Sensorik der Kopfhörer durch den maßgefertigten Aufsatz meist eingeschränkt und die Kopfhörer stehen weit aus dem Ohr heraus, was zum einen optisch nicht schön ist aber auch Einfluss auf den Sound hat. All diese Ergebnisse und Erfahrungen in der Vergangenheit haben uns angespornt, ein Produkt zu entwickeln, das alle Komponenten vereint und qualitativ wie auch optisch unseren Ansprüchen gerecht wird. Insofern bin ich sehr froh, dass wir nun den Earborn Kopfhörer präsentieren können.

Allein das Thema Akku wird sie als kleines Otoplastiklabor vor große Herausforderungen gestellt haben.

Einfach war es gewiss nicht, aber, wie Sie sehen, möglich. Sowohl die komplette Entwicklung als auch die Produktion der Earborn-Produkte ist durch Otoprint erfolgt. Selbstverständlich haben auch wir uns an Komponenten am Markt bedient, wie etwa bei den Mikrofonen und Lautsprechern. Auch haben wir uns Partner ins Boot geholt, um unsere einzigartige Platine erstellen zu lassen, die es uns ermöglicht, unsere Funktionen wie etwa das aktive Noise-Cancelling in dem Chip zu verbauen. Aber all das, auch das Akku-Thema, haben wir sehr gut gelöst. Entsprechend haben wir unser Produkt patentieren lassen.

Wie lange laufen denn die Earborns?

Wenn man die Earborns auf voller Lautstärke laufen lässt, dann liegt die Akkulaufzeit zwischen vier und fünf Stunden. Bei Normalgebrauch kann man mit etwa sechs Stunden rechnen. Mit dem Ladecase sorgen wir dafür, dass die Kopfhörer insgesamt fünf Mal von komplett leer auf komplett vollständig geladen werden können, ohne das Case an eine Stromquelle anschließen zu müssen. Der Verbrauch kann über die zwei verschiedenen LED-Kontrolldioden nachverfolgt werden. Selbst wenn das Ladecase rot anzeigt, ist mit den restlichen 20 Prozent fast noch eine vollständige Ladung der Earborn möglich.

Werden die Gehäuse hierfür ebenso bei Ihnen im Haus erstellt?

Jein. Die Gehäuse haben wir selbst entwickelt. Das war mir auch wichtig, obwohl mir bewusst war, welche großen Aufgaben damit verbunden waren. Ein Gehäuse zu entwickeln, das bequem in die Hosentasche passt, aber dennoch 95 Prozent aller Ohren abdeckt, ist alles andere als einfach. Den Spritzguss hierfür lassen wir durch einen Partner vornehmen. Die gelieferten Gehäuse werden dann mit der Elektronik bei uns zusammengebaut. Gemeinsam mit den maßgefertigten Kopfhörern und den Ladekabeln werden diese auch von uns selbst endverpackt und verschickt.

Wie ich sehe, gibt es für Earborn auch mehr als eine Farbe.

Da wir grundsätzlich mit Resinen von Pro3dure arbeiten, besitzen wir die Möglichkeit, auf eine riesige Farbauswahl zurückzugreifen, die für uns sensationell ist. Dennoch soll die Kopfhörerfarbe zum Marktstart zunächst auf fünf Farben begrenzt werden. In einem zweiten Schritt wollen wir dann mit verschiedenen Aktionen auch Sonderserien mit besonderen Farben auf den Markt bringen, um das Produkt zusätzlich attraktiv zu halten.

Wie lange existiert Otoprint bereits?

Seit fünf Jahren. Für mich war es immer wichtig zu sehen, wie sich eine perfekt maßangefertigte Otoplastik in der späteren Anpassung eines Hörgerätes widerspiegelt und welche Vorteile man dadurch erreichen kann, wie Durchlaufzeiten und das Verringern von Nachsorgeterminen. Als junges Labor haben wir uns viel vorgenommen und gehen, wie beispielsweise mit dem Earborn-Kopfhörer, auch gerne neue Wege.

Woher haben Sie so schnell ihre Kenntnisse hierfür erwerben können?

Naja, wie es so ist, hat man mit der Meisterschule auch den IdO-Bau als Prüfungsteil. Damals haben wir dort Schalen selbst gegossen, haben diese geschliffen und die Technik eingebaut. Das war quasi auch mein Meisterstück in der praktischen Prüfung. Natürlich gehörte dazu auch eine genaue Messung. So hat man die Grundzüge erlernt. Den Rest aber, das muss ich dazu schon sagen, erlernt man dann Step by Step in der Praxis.

Was bedeutet das?

In der Praxis habe ich gemerkt, dass meine eigenen Bedürfnisse und Ansprüche an eine Otoplastik nicht erfüllt werden konnten. Nach der Hörakustikerausbildung habe ich mich recht schnell weitergebildet und bin so auf dem Weg zum Meister auch in die Schweiz gelangt. Dort erlebte ich in der Praxis ähnliche Erfahrungen. Ich war fasziniert vom Thema Otoplastik, wurde aber nicht glücklich mit den Otoplastiken, die wir im Geschäft erhielten. So entstand irgendwann der Gedanke, dass ich das wahrscheinlich besser erstellen kann, als das Labor, das unser Hörakustikgeschäft belieferte. Also habe ich mir die passende Hardware gekauft, die zur Erstellung von Otoplastiken notwendig ist, und habe die Otoplastiken von zuhause aus gefertigt.

Moment. Privat?

Ja. Ich habe hierfür tief in die Hosentasche greifen müssen, in Relation zu meinem Verdienst natürlich. Aber das war es mir Wert. Ich wollte einen 3D-Drucker haben, und mir war es wichtig, die richtige Software hierfür zu haben. Ich wollte Abdrücke digital bearbeiten, weil sich die Fräse als solche im Laufe der Akustikzeit einfach gewandelt hat, von einer physischen Fräse zu einer digitalen.

Verstehe ich das richtig? Sie haben als Akustiker im Angestelltenverhältnis so viel Interesse an dem Thema gehabt, dass sie sich privat ein Labor aufgebaut haben …

… und mir die Fähigkeiten des Modellierens selbst erarbeitet, ja.

Mit dem Ziel, später ein Labor zu gründen?

Nein, anfangs überhaupt nicht. Mit dem Kauf der Geräte habe ich dann abends in meiner Freizeit begonnen, Otoplastiken für meine Kunden zu erstellen. Natürlich alles in Einklang mit meinem alten Arbeitgeber. Nach einer gewissen Zeit entstand dann auch der Gedanke, meine Otoplastiken, die ich selbst als besser erachtet habe, an Berufskollegen weiterzureichen und an andere Hörakustikfachgeschäfte zu verkaufen. Der Bedarf war ja da.

Bedeutet das, dass andere auf Sie zugekommen sind und von Ihnen Otoplastiken wollten?

Ja, das sprach sich recht schnell um. Man muss aber auch dazu sagen, dass ich mit der Entscheidung, Otoprint zu gründen, aber auch proaktiv auf die Hörakustikfachgeschäfte hier in der Schweiz zugegangen bin, um die Vorteile meiner Ohrpassstücke aufzuzeigen. Dadurch, dass ich als Hörakustikmeister tagtäglich im Geschäft stand, habe ich ein Gefühl dafür, die Bedürfnisse der Akustiker wie auch der Endkunden gut verstehen zu können. Denn eigentlich ist es ja so, dass 90 Prozent der Kunden, die in ein Fachgeschäft aufsuchen, auch eine Otoplastik benötigen, damit sie ausreichend hören können. Da Akustiker aber wissen, wie Kunden auf eine Otoplastik reagieren, insbesondere wenn sie zuvor bereits Schirmchen getragen haben, kommt es immer zu diesen Diskrepanzen im Ergebnis. Genau diesen Spagat wollten wir mit Otoprint schaffen, damit der Sprung von einem Schirmchen auf eine gute Otoplastiken gelingt.

Was umfasst Ihr Produktportfolio denn alles?

Wir erstellen jegliche Otoplastik aus Acryl, Thermomaterial sowie Silikon. Von Sonderbauformen, wie etwa der Mesh-Bauform, Nugget-Vent-Otoplastiken oder Sharkbites für Ex-Hörer und auch BTE-Geräte, bieten wir alle Bauformen. Bei thermosensiblen Materialien nehmen wir SysTherm. Sofern man mit dem Cast auch so umgeht, wie das in den Herstellervorgaben empfohlen wird, ist das ein tolles Material zum Arbeiten. Damit erreichen wir die besten Zugkräfte. Wir können Ohrpasstücke so dünn bauen, dass es für den Kunden kaum spürbar ist und er das Gefühl hat, kein Ohrpassstück im Ohr zu haben. Es gibt keinen Unterschied mehr zu einem Dome oder einem Schirmchen.

So wie ich das heraushöre, beschäftigen Sie sich wahrscheinlich auch mit Haptikal.

Stimmt, wir haben seit Neuestem auch Haptikal im Programm. Es ist ein Tool, das uns einfach die Möglichkeit gibt, sich von Mitbewerbern abzugrenzen, da dieses Oberflächenfinish aktuell kein anderer Akustiker in der Schweiz anbieten kann. Gerade für Kunden, die aktiv ihre Hörgeräte zeigen, können wir durch die Struktur einen Eyecatcher erschaffen. Das ist ähnlich, wie heutzutage Tattoos gestochen werden. Das kombiniert mit einer schönen Farbe, damit grenzt sich auch der Träger deutlich von dem ab, was andere Otoplastiken im Vorfeld hatten. Das wird auch sicherlich bei Earborn Eingang finden.

Wie soll der Vertriebsweg für Earborn aussehen?

In der Schweiz werden wir die Earborn-Kopfhörer direkt und über den Akustikfachhandel anbieten. Für den Akustikfachhandel sind wir gerade dabei, ein Partnermodell aufzustellen. Wer bereits von uns Gehörschutz oder Otoplastiken bezieht, soll für Earborn attraktivere Konditionen und mehr diverse aktive Unterstützung erhalten, als Akustikfachhändler ohne Kundenbeziehung zu uns. In Deutschland hingegen schlagen wir einen anderen Weg ein. Wobei wir potenziellen Interessenten stets offen gegenüberstehen.

Herr Falcone, vielen Dank für das Gespräch!