Von Philippa Folgner (Widex) / Abbildungen: Widex
PRAXIS INSIGHTS MIT WIDEX MY SOUND 2.0
Die akustische Wahrnehmung ist ein komplexes Phänomen, das von verschiedenen Faktoren beeinflusst wird, einschließlich der Umgebung, in der sich eine Person befindet, sowie ihrer individuellen Hörintention und Vorlieben. Moderne Hörsysteme haben sich im Laufe der Jahre stetig weiterentwickelt und sind immer fortschrittlicher geworden, um die Bedürfnisse und Anforderungen von Hörsystemträgern optimal erfüllen zu können. Trotz der fortgeschrittenen Technologien gibt es nach wie vor Anforderungen bei der Anpassung von Hörsystemen an die individuellen Bedürfnisse und Vorlieben der Hörsystemträger, insbesondere in akustisch anspruchsvollen Umgebungen. Um diesen Herausforderungen zu begegnen, hat Widex die Funktion My Sound 2.0 entwickelt und in die Moment-App integriert. Der vorliegende Artikel wirft einen genauen Blick darauf, wie My Sound 2.0 funktioniert und wie darüber die individuellen Hörbedürfnisse von Hörsystemträgern erfüllt werden können.
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Personalisierte Lösungen zur Klangoptimierung – Widex My Sound 2.0
In der Forschung zur akustischen Wahrnehmung wird zunehmend erkannt, dass die Art und Weise, wie eine akustische Situation wahrgenommen wird, stark von der aktuellen Hörsituation abhängt (Kuk, 2017). In ein und derselben Hörumgebung können unterschiedliche Absichten, wie zum Beispiel das Verfolgen eines Gespräches oder das Hören eines Musikinstruments, zu einer differenzierten Wahrnehmung und folglich zu unterschiedlichen Klangvorlieben führen.
Bisherige Mechanismen automatischer Klassifikationstechnologien wie der Widex Sound-Class-Technologie basieren auf Annahmen und Verhaltensweisen, die das System durch ein vorangegangenes Training erlernt hat (Müller, 2021). Dadurch kann bereits eine zuverlässige Analyse der akustischen Situation durchgeführt werden. Die Entscheidung der Klassifizierung basiert jedoch auf den Annahmen, die der Hörsystemchip einmalig durch seine Programmierung gelernt hat (Müller, 2021). Folglich lassen sich diese Trainingsverfahren, die auch von anderen Hörgeräteherstellern genutzt werden, als statisch beschreiben, da sie auf vordefinierten Einstellungen basieren, die aber die aktuelle Hörintention der Betroffenen nicht in Echtzeit berücksichtigen können (Müller, 2021). Obwohl die automatische akustische Einordnung in vielen Fällen zutrifft, kann dies in seltenen Fällen zu einer Diskrepanz zwischen den vom Hörsystem abgegebenen Klängen und den individuellen Klangpräferenzen der Hörsystemträger führen (Müller, 2021). Damit Hörsysteme effektiver auf individuelle Klangempfindungen in verschiedenen räumlichen Umgebungen eingehen können, ist ein dynamisches Lernverfahren erforderlich (Townend et al., 2018). Diese Tatsache hat den Bedarf an personalisierten Lösungen zur Klangoptimierung in spezifischen Hörsituationen, die eine individuelle Berücksichtigung der aktuellen Hörintention ermöglichen, hervorgehoben. Die Widex My Sound 2.0-Technologie setzt genau hier an und bietet neue Perspektiven für eine maßgeschneiderte Klangeinstellung.
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Funktionsweise von My Sound – kurz erklärt
My Sound 2.0 ist eine Funktion in der Widex Moment-App, die es Hörsystemträgern ermöglicht, in Echtzeit den Klang ihrer Hörsysteme über eine duale künstliche Intelligenz (KI) zu optimieren. Diese ist so konzipiert, dass sie gezielt aus den Klangpräferenzen der Hörsystemträger innerhalb realer Hörumgebungen lernt und deren aktuelle Hörabsicht berücksichtigt, die je nach Situation variieren kann. Dies geschieht durch die Verwendung eines dynamischen Machine-Learning-Verfahrens und einer sukzessiven Bewertung von Klangvorschlägen eines A/B-Vergleichs (Townend et al., 2018; Balling et al., 2021). Die weiterentwickelte KI in My Sound 2.0 ermöglicht zudem die Anpassung der Lautstärkebalance zwischen lauteren und leiseren Klängen an die persönlichen Hörvorlieben des Hörsystemträgers (Balling et al., 2021). Die Anpassung des schnellen Kompressors kann sich auf das Hörerlebnis des Hörsystemträgers positiv auswirken, indem ein stärker komprimierter Klang das Hören von Geräuschen aus der Ferne erleichtert, während eine stärkere Expansion lautere Geräusche in der Hörumgebung betont (Balling et al., 2022). Diese Funktion steht nur für den A/B-Vergleich über »Eigenen Klang erstellen« zur Verfügung (Abb. 3). Darüber hinaus verbindet My Sound 2.0 die Nutzer weltweit und ermöglicht es ihnen, ihre Lieblingsprogramme für Big-Data-Analysen in der Cloud anonymisiert freizugeben. Diese Option kann jederzeit aktiviert bzw. deaktiviert werden. Als Ergebnis kann eine sekundäre KI zwei Klangvorschläge anbieten, die bereits vielen Nutzern in ähnlichen Situationen geholfen haben (Balling et al., 2021). My Sound verbessert die Klangqualität und den Komfort für Hörsystemträger und ist damit ein hilfreiches Werkzeug für verschiedene Situationen (Jensen et al., 2019; Jensen & Townend, 2019), wie z. B. den Besuch eines Konzerts oder eines Restaurants (Townend et al., 2018).
My Sound 2.0 in der Moment-App – Schritt-für-Schritt-Anleitung
Im vorherigen Abschnitt wurde kurz die Funktionsweise von My Sound 2.0 erläutert. Doch wie genau können Hörsystemträger den Klang ihrer Hörsysteme individualisieren und Hörakustiker diese Funktion zu ihrem Vorteil nutzen?
Zunächst werden in der Moment-App unter »My Sound« und »Erste Schritte« die Hörumgebung und Hörintention ausgewählt (Abb. 1 und 2). Anschließend kann aus zwei Klangempfehlungen ausgewählt werden, die auf den Vorlieben anderer My Sound 2.0-Nutzer in ähnlichen Situationen beruhen und mittels KI-Algorithmen generiert wurden (Balling et al., 2021) (Abb. 3). Sollte keines der vorgeschlagenen Klangprofile die Hörvorliebe des Hörsystemträgers treffen, kann dieser über »Eigenen Klang erstellen« und »SoundSense Learn« eine individuelle Klanganpassung vornehmen (Abb. 3). Hierbei werden dem Hörsystemträger zwei verschiedene Klangeinstellungen A und B angeboten, zwischen denen er wählen kann (Abb. 4). Über einen Schieberegler kann er angeben, ob er das Klangprofil A oder B bevorzugt oder ob er keinen Unterschied der beiden feststellt. Auf Basis dieser Bewertungen berechnet die KI die optimale Klangeinstellung für den Hörsystemträger, die seiner Hörintention entspricht. So kann der Klang in Echtzeit angepasst werden, ohne komplexe Bedienelemente verstehen zu müssen. Sobald der Hörsystemträger die optimale Klangeinstellung für seine aktuelle Hörumgebung gefunden hat, kann er die Konfiguration als Lieblingsprogramm abspeichern. Dadurch entfällt die Notwendigkeit einer erneuten Anpassung in einer ähnlichen oder sogar identischen Situation. Stattdessen kann er bequem und schnell auf sein optimiertes Lieblingsprogramm zugreifen.
Weitere Infos zum Video gibt es unter https://www.widex.com/de-de/local/de-de/moment-sheer-hinter-den-kulissen/
Auch für den Hörakustiker bietet My Sound 2.0 Vorteile. Über den Reiter »LOG« und das Auswahlfeld »Real-Life Insights« in der Compass GPS Software kann er sehen, wie der Hörsystemträger sein Lieblingsprogramm konfiguriert hat (Abb. 5). Durch diese Möglichkeit kann der Hörakustiker die spezifischen Hörvorlieben seines Kunden genau analysieren und daraufhin gezielte Anpassungen an den Hörsystemen vornehmen, um eine schnelle und effektive Feinanpassung zu erreichen. Dadurch kann der Fokus noch zielgerichteter auf die audiologischen Anpassbedürfnisse der Kunden gelegt werden. Hinweis: Um die Einstellung der über die Widex Moment-App erstellten Lieblingsprogramme abrufen zu können, muss der Hörakustiker bei den cloudbasierten Diensten angemeldet sein.
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Personalisierte Klangoptimierung – ein Beispiel aus der Praxis
In der Musikindustrie ist die Qualität der akustischen Umgebung von Konzerthallen von großer Bedeutung, da sie direkten Einfluss auf das Hörerlebnis der Zuhörer hat (Jeon et al., 2020). Ein Beispiel aus der Praxis zeigt einen langjährigen Widex-Kunden, der regelmäßig Konzerte in derselben Konzerthalle besucht. Von seinem Akustiker bekam er ein festes, für diese Konzerthalle optimal eingestelltes Musikprogramm konfiguriert. Als er ein Konzert in einem anderen Konzertsaal besuchte, stellte er fest, dass die dortigen akustischen Eigenschaften seine musikalische Erfahrung beeinträchtigten. Um schnell auf wechselnde Hörsituationen reagieren zu können, vor allem wenn der Hörakustiker nicht in der Nähe ist, wurde auf seinem Smartphone die Widex Moment-App installiert. Damit kann der Kunde bei seinen nächsten Konzertbesuchen in verschiedensten Konzerthäusern über die dort integrierte My Sound 2.0-Funktion seine Hörumgebung schnell und in wenigen Schritten selbst optimieren. Zunächst war der Kunde skeptisch gegenüber der Funktion. Doch schon bei seinem nächsten Konzertbesuch erkannte er den Mehrwert von My Sound 2.0 und möchte diese Funktion nun nicht mehr missen.
Fazit
Die Funktion My Sound 2.0 bietet eine personalisierte Klanganpassung für Hörsystemträger und kann Hörgeräteakustiker bei der Feinanpassung von Hörsystemen unterstützen. Mithilfe eines dynamischen Machine-Learning-Verfahrens kann der Klang der Hörsysteme unter Angabe der Klangumgebung und Hörintention in verschiedenen Hörsituationen effektiv optimiert werden. Durch die Moment-App können Hörsystemträger ihre Klangpräferenzen jederzeit und in jeder Situation individuell anpassen und als Lieblingsprogramm speichern. Gleichzeitig können Hörakustiker eine gezielte Anpassung und Beratung bieten, um die Zufriedenheit ihrer Kunden zu erhöhen und die Kundenbindung zu stärken.
Quellen
Balling L W, Jeppesen A M & Nielsen J B B. (2022). Personalized compression with Widex Moment. Widex Press, October. Issue 48.
Balling L W et al. (2021). AI-driven insights from AI-driven data. Hearing Review, January, 28(1), pp. 22–25.
Jensen N S et al. (2019). Perceptual Effects of Adjusting Hearing-Aid Gain by Means of a Machine-Learning Approach Based on Individual User Preference. Trends Hear.
Jensen N S & Townend O. (2019). Machine Learning in Widex Evoke: Perceptual benefits of SoundSense Learn. Widex Press, May. Issue 42.
Jeon J Y, Seo R & Jo H I. (2020). Effect of Stage Volume Ratio on Audience Acoustics in Concert Halls. Sustainability, 12(4), p. 1370.
Kuk F. (2017). Going BEYOND: A Testament of Progressive Innovation. Hearing Review, 20 Februar, 24(1), pp. 3–21.
Müller S. (2021). Duale künstliche Intelligenz ermöglicht Fortschritte für die Klangoptimierung. Hörakustik, Issue 5, pp. 8–12.
Townend O, Nielsen J & Ramsgaard J. (2018). Real-life applications of machine learning in hearing aids. Hearing Review, 26 März, 25(4), pp. 34–37.