DIGITALES MAGAZIN
024 | Juli 2023
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»DAS CI HAT MEIN GANZES LEBEN VERÄNDERT«

Von Martin Schaarschmidt (Cochlear) / Fotos: Cochlear/privat

»DAS CI HAT MEIN GANZES LEBEN VERÄNDERT«

Shubham Sanjeev Joshi (21) wurde in Indien geboren und seine Kindheit verlebte er zum Großteil in Deutschland. Dass er nahezu taub ist, erfuhren seine Eltern erst, als ihr Junge anderthalb Jahre alt war. An der HNO-Klinik des Universitätsklinikums Frankfurt wurde Shubham Joshi 2004 mit einem Nucleus Cochlea-Implantat (CI) versorgt, 2006 folgte die Versorgung auf dem anderen Ohr. Heute studiert der junge Mann an der Technischen Hochschule Würzburg-Schweinfurt (THWS) im Bachelor-Studium Ingenieurswissenschaften mit dem Studienfach Robotik. Eine Studienrichtung, die Shubham Joshi auch aufgrund seines eigenen Lebens mit Hörimplantaten wählte. Wir trafen den Gewinner des diesjährigen Graeme Clark Stipendiums.

Graeme Clark Stipendium: Der australische Medizin-Professor Graeme Clark war Vorreiter für die bahnbrechende Technologie des Cochlea-Implantats (CI). In Würdigung seiner wegweisenden Arbeit verleiht Cochlear seit 17 Jahren das Graeme Clark Stipendium. Mit ihm werden weltweit junge Nucleus CI-Träger geehrt, die sich durch herausragende Studienleistungen sowie durch ein besonderes gesellschaftliches Engagement hervorgetan haben.

Herr Joshi, Sie sind der Gewinner des Graeme Clark Stipendiums 2023. Herzlichen Glückwunsch!

Dankeschön.

Sie leben seit Ihrer Kindheit mit Cochlea-Implantaten. Bitte erzählen Sie uns, wie es dazu kam.

Geboren wurde ich in Solapur, einer Millionenstadt im westindischen Bundesstaat Maharashtra. Doch als ich wenige Monate alt war, zogen meine Eltern mit mir nach Deutschland; wir lebten mehrere Jahre in Würzburg. Dass ich fast taub war, ahnten meine Eltern damals noch nicht. Ein Hörtest für Neugeborene ist in Indien nicht vorgeschrieben. Und bei sehr kleinen Kindern ist es nicht so leicht, eine Schwerhörigkeit zu bemerken. Eines Tages jedoch fiel ein Glas herunter, unmittelbar neben mir. Es war sehr laut, doch meiner Mutter fiel auf, dass ich keinerlei Reaktion zeigte. Sie hat dann andere Versuche unternommen. Sie ließ zum Beispiel Luftballons platzen. Doch auch da reagierte ich nicht. Also gingen meine Eltern mit mir zum Ohrenarzt. Ein BERA-Test bestätigte meine nahezu vollständige Taubheit. Da war ich ungefähr anderthalb Jahre alt.

Wie wurde Ihr Hörverlust versorgt?

Zuerst bekam ich Hörgeräte. Doch mit denen konnte ich kaum etwas hören und meine Sprache entwickelte sich nicht. Dann schlug ein HNO-Arzt die Versorgung mit einem Cochlea-Implantat vor. Die CI-Therapie war noch relativ neu. Deshalb waren meine Eltern anfangs im Zweifel. Schließlich haben sie mich doch versorgen lassen. Als ich vier Jahre alt war, bekam ich in der HNO-Klinik des Universitätsklinikums Frankfurt auf dem linken Ohr mein erstes CI. Ich begann mit einer Hör-Sprachtherapie im Cochlear Implant Centrum Rhein-Main und mein Hörvermögen verbesserte sich deutlich. Zwei Jahre später wurde ich rechts ebenfalls versorgt, gleichfalls in Frankfurt.

Wie hat sich Ihr Sprachvermögen entwickelt?

Mit dem CI gab es schnell Fortschritte. Zuerst lernte ich meine Muttersprache Marathi und Deutsch. Ich kam in eine Schule für hörgeschädigte Kinder. Dort wurde Deutsch gesprochen. Außerdem lernte ich dort etwas Gebärdensprache. Als ich jedoch in der dritten Klasse war, empfahl Frau Seebens, meine Hör-Sprachtherapeutin, ich sollte auf eine Regelschule wechseln. So kam ich auf eine internationale Schule. Um besser Fuß zu fassen, wiederholte ich die dritte Klasse. Anfangs war es schwierig, weil ich noch nicht so gut verstand. Es wurde viel Englisch gesprochen. Aber ich kam schnell voran. Innerhalb eines Jahres lernte ich Englisch und ich konnte mich dann gut mit den anderen unterhalten. Auch meine schulischen Leistungen verbesserten sich deutlich. Meine Lehrer waren beeindruckt, wie schnell ich lernte.

Haben Sie ein besonderes Talent Sprachen zu lernen?

Das würde ich nicht sagen, denn eigentlich ist es für mich sehr schwierig, eine Sprache zu erlernen. Aber ich habe sehr hart gearbeitet und dann in Deutsch und Englisch auch sehr gut abgeschnitten. Anfangs haben meine Eltern mit mir immer langsam gesprochen, aber heute sprechen wir ganz normal – zu Hause meist auf Marathi. 2012, als ich in der fünften Klasse war, gingen meine Eltern mit mir zurück nach Indien, wo ich bis zum Beginn meines Studiums blieb. Damals sprach ich bereits so gut, dass manche Schüler und auch manche Lehrer gar nicht mitbekamen, dass ich CI-Träger bin. In der Schule in Indien habe ich als vierte Sprache noch Hindi gelernt. Deutsch habe ich in dieser Zeit allerdings etwas vergessen. Deshalb muss ich jetzt ein bisschen üben.

Gibt es Momente, in denen Sie mit Ihrer Hörtechnik an Grenzen stoßen?

Gespräche in sehr lauten Situationen oder in großen Gruppen klar zu verstehen, ist für mich immer noch eine Herausforderung. Ich sehe das aber nie als Hindernis. Vielmehr versuche ich, das Beste daraus zu machen. Und wenn es nötig ist, bitte ich die anderen, einen Satz zu wiederholen. Schon in meiner Schulzeit bin ich diese Herausforderungen immer offen angegangen. Ich war Mitglied der Schülervertretung, habe Wettbewerbe und Veranstaltungen organisiert. Ich habe erfolgreich an Diskussionswettbewerben teilgenommen, zum Beispiel zum Thema künstliche Intelligenz. Die High School habe ich mit 44 IB-Punkten beendet; das entspricht einer 1,0. Ich hatte die besten Noten in Mathematik, Physik, Informatik, Betriebswirtschaft und Deutsch.

Neben der Schule haben Sie sich vielfältig in Projekten engagiert?

Ja, das ist mir wichtig. Ich möchte Menschen helfen, die in Not sind, und etwas für den Erhalt der Umwelt tun. Während meiner Schulzeit habe ich zum Beispiel gemeinsam mit Freunden Kinder in einem Dorf unterrichtet. In den ländlichen Gebieten in Indien müssen Kinder armer Familien oft arbeiten statt zur Schule zu gehen. In unserem sozialen Projekt haben wir solchen Kindern Grundkenntnisse im Lesen, Schreiben und Rechnen vermittelt. Auch was ein CI ist, habe ich ihnen in einem Vortrag erklärt. In Indien ist das Cochlea-Implantat noch nicht so bekannt. Ein anderes Projekt war die Entwicklung des Prototyps einer App. Mit ihr können Menschen auf dem Land Kontakt zu Nichtregierungsorganisationen aufnehmen und Hilfe erhalten. Und während der COVID-Pandemie haben wir eine Online-Spendenaktion durchgeführt. Wir haben ein COVID-Aufklärungsposter entwickelt und ein YouTube-Video gedreht. Im Film wurde erklärt, wie das Virus uns infiziert und wie wir seine Verbreitung verhindern können.

Sie haben auch eine App für ein Hearing Center entwickelt und waren in der indischen Cochlear Family aktiv?

In dem Hearing Center war ich selbst regelmäßig beim Audiologen. Das ist kein CI-Zentrum, wie man es hier kennt, sondern auch für Menschen mit Hörgeräten. Ich habe dort gefragt, ob ich etwas für das Center tun kann, und bekam die Aufgabe, eine App zu gestalten, die das Feedback der Besucher sammelt. Dabei war die größte Herausforderung die Usability. Die meisten Besucher sind Senioren. Sie haben zwar Smartphones; doch die Bedienung fällt ihnen oft schwer. Die App musste deshalb einfach und intuitiv sein – mit großen Buttons und mit einer Übersetzungsfunktion für Englisch und Marathi. Der Kontakt zu anderen CI-Trägern der Cochlear Family ist mir ebenfalls wichtig. Ich war zum Beispiel beim Cochlear-Familien-Cricket, denn Cricket spiele ich sehr gerne. Ich habe aber auch einen Vortrag gehalten, in dem ich berichtet habe, wie das bilaterale Hören mit CI mein Leben verändert hat. Und ich habe mich mit anderen CI-Kindern ausgetauscht. Ziemlich beschäftigt hat mich, dass es auch Kinder gab, die ihren Soundprozessor nicht über längere Zeit tragen wollten. Ich habe ihnen erklärt, wie wichtig es ist, den Prozessor immer zu nutzen. Mein CI-Berater, Dr. Mandke, war für diese Unterstützung sehr dankbar.

Seit zwei Jahren sind Sie wieder in Deutschland und Sie studieren jetzt Robotik. Wie kam es zu Ihrer Studienwahl?

Roboter habe ich schon als Kind sehr gerne gebaut – mit Lego und mit Arduino. Und es war schon früh mein Traum, eine Karriere in der Robotik anzustreben. Das wusste ich bereits in der vierten Klasse. Und in der sechsten ging ich zum Robotik-Club. Wir haben einfache Roboter gebaut und dazu Videos gedreht, die zum Beispiel zeigten, wie Technologie gehbehinderten Menschen beim Laufen hilft. Wir haben auch eine Maschine entwickelt, die Tabletten für blinde Patienten nach Farben sortiert. Damit war unser Team beim Robotik-Wettbewerb sehr erfolgreich. Wie moderne Technologie, Automatisierung, Roboter und künstliche Intelligenz unser Leben verändern, das hat mich schon immer begeistert. All diese Dinge werden unsere Zukunft prägen.


Wie sind die Pläne für Ihre Zukunft? Woran möchten Sie gerne arbeiten, wenn Sie Ihr Studium geschafft haben?

Mein Traum ist, Pionierarbeit auf dem Gebiet der Robotik zu leisten, insbesondere im Bereich der Mensch-Roboter-Interaktion. Und ich träume davon, mit intelligenten Robotern eine bessere Zukunft zu gestalten. Da denke ich weniger an die Optimierung industrieller Prozesse, vielmehr an die Bewältigung globaler Probleme wie dem Klimawandel. Oder an die Unterstützung von behinderten Menschen. Hier kann Technologie noch sehr viel ermöglichen, und daran möchte ich mitarbeiten. Ich würde gerne dafür sorgen, dass noch viel mehr behinderte Menschen von neuer Technologie profitieren. Ich habe zum Beispiel eine Idee für smarte Kleidung entwickelt. Sensoren könnten blinden Menschen die Navigation und die Interaktion mit anderen erleichtern. Oder es könnte eine Brille mit Kameras geben, die Blinden hilft zu erkennen, wer ihnen begegnet. Oder man entwickelt eine Lösung für Menschen, die nicht gehen können …

Hat Ihre Erfahrung mit dem CI zu Ihrer Studienwahl beigetragen?

Mein Interesse für Technik und die Wahl meines Studiums haben sicherlich viel mit dieser Erfahrung zu tun; auch wenn das CI nicht der einzige Grund ist. Von der Erfahrung profitiere ich heute aber auch auf andere Weise: Schon in jungen Jahren stand ich immer wieder vor Herausforderungen, die ich überwinden musste; und das hat mir geholfen, ein starker und optimistischer Mensch zu werden. Es hilft mir auch bei der Lösung technischer Aufgaben. Vor einiger Zeit habe ich zum Beispiel am Arduino-Mikrocontroller-Wettbewerb unserer Universität teilgenommen. Es ging um die Entwicklung eines intelligenten Verkaufsautomaten, und es gab dabei erhebliche Schwierigkeiten. Aber ich habe nicht aufgegeben, bin es offen angegangen und habe so tatsächlich einige innovative Lösungen gefunden.

Neben Ihrem Studium beschäftigen Sie sich auch noch mit ganz anderen Dingen. Sie malen zum Beispiel gerne?

Das habe ich wohl von meinem Vater geerbt, der ziemlich gut malen und zeichnen kann. Ich habe verschiedene Techniken ausprobiert – Acrylfarbe, Wasserfarbe. Es macht mir Spaß, kreativ zu sein. In Indien feiern wir im September immer ein großes Fest für Ganesha. Das ist der Gott, der wie ein Elefant aussieht; und für das Fest werden große Lehmfiguren von Ganesha modelliert. Gemeinsam mit meinem Vater habe ich auch einen Ganesha gestaltet. Ich habe aber auch noch andere Hobbys. Ich spiele gern Badminton, Tischtennis, Fußball und Schach. Ich spiele auch Theater. Und ich musiziere mit der Tabla, also der traditionellen indischen Trommel. Für mich ist es schwierig, ein Lied oder eine Melodie zu hören und dazu die Tabla im richtigen Rhythmus zu schlagen. Aber ich habe viel geübt und mich dadurch verbessert.

Was bedeutet Ihnen Ihr Stipendium und was verbinden Sie mit dem Namen Craeme Clark?

Zum einen freue ich mich natürlich über die finanzielle Unterstützung. Das Stipendium hilft mir nicht nur, meine Lebenskosten zu bestreiten. Ich kann mir nun auch Bauteile kaufen, die ich für ein Robotik-Projekt benötige. Auf der anderen Seite ist das Stipendium auch eine Anerkennung für meinen Weg. Und es zeigt, wie das Cochlea-Implantat Menschen hilft, ihr Potenzial auszuschöpfen. Von Graeme Clark weiß ich, dass er Professor in Australien ist und die Technologie des Cochlea-Implantats entwickelt hat. Durch ihn hat sich mein ganzes Leben verändert.

Inwiefern? Was ist das CI für Sie?

Für mich ist es ein Teil meines Körpers. Das sage ich auch, wenn ich anderen erkläre, was ein Cochlea-Implantat ist. Und das CI ist ein Beispiel dafür, was Technologie für Menschen leisten kann. Ohne diese Technik wäre mein Leben ganz anders verlaufen. Ich könnte nicht normal sprechen und nicht an Diskussionsrunden teilnehmen. Ich würde nicht etwas mit Robotik oder mit Technologie studieren. Und es bliebe immer eine große Lücke zwischen mir und den hörenden Menschen. Dass das nicht so ist, dafür bin ich sehr dankbar – sowohl meinen Eltern, Lehrern und Therapeuten als auch denjenigen, die die CI-Therapie ermöglicht haben.

Herr Joshi, haben Sie vielen Dank für das Gespräch. Alles Gute und viel Erfolg beim Studium!