DIGITALES MAGAZIN
026 | September 2023
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Studierende der Hochschule Aalen auf den Spuren der DNA von Widex

Von Eva Glöckler & Nele Götzelmann / Fotos: Widex

Dass die Dänen zu einer der glücklichsten Nationen der Welt zählen, hat der World Happiness Report der Vereinten Nationen schon mehrmals bewiesen. Regelmäßig schaffen es unsere Nachbarn auf der Skala der glücklichsten Völker auf das Siegertreppchen. Die hippe Metropole Kopenhagen, ein entspannter Lifestyle sowie Hightech und Design prägen das Land. Studierende des Studiengangs Audiologie und Hörakustik der Hochschule Aalen besuchten jüngst das Headquarter der Marke Widex in Lynge nahe Kopenhagen und durften sich davon selbst ein Bild machen. Hier berichten zwei von Ihnen von den Erfahrungen, die sie in Lynge gemacht haben. 

Statt im Hörsaal begrüßte uns unser Dozent und Head of Scientific Audiology & Product Management der Widex Hörgeräte GmbH Simon Müller in den heiligen Hallen von Widex in Lynge. Seine dänische Kollegin Gitte Engelund, Training & Education Managerin, präsentierte die Grundstruktur von WS Audiology mit den zugehörigen Marken, erläuterte die Eckdaten der Widex Gründung und den Verlauf der Firmengeschichte bis zum heutigen Tag. Es folgte ein Einblick in die DNA des Unternehmens: Die Widex Klang-Philosophie, mit kurzer Latenzzeit, hoher Abtastrate und dem frühen Verstärken von leisen Eingangspegeln. Die Leitsätze der Widex-Philosophie lauten: »hear all sounds«, »tailormade for you« und »live your life«. Der Anspruch ist ein möglichst vollständiges und natürliches Klangbild, ohne Artefakte, zu erzeugen und damit alle wichtigen Informationen an das Gehirn weiterzuleiten und so auch für den Hörgeräte-Träger ein ideales Klangerlebnis zu generieren.  

Den Anspruch durften wir selbst in der Praxis überprüfen. Im zweiten Vortrag des Tages übernimmt Simon Müller das Wort. 

Zur Demonstration der PureSound Technologie ließ er ein Sprachsignal mit unterschiedlichen  Latenzen im Vergleich zum Originalsignal abspielen. Dabei wird die in der Branche gängige Signallaufzeit von 6 ms abgespielt, bei welcher der Unterschied zum Originalsignal deutlich hörbar ist. Die Latenz bei PureSound liegt bei unter 0,5ms, wobei der Unterschied zum Originalsignal jetzt nur noch minimal hörbar ist. Teilnehmerin Stefanie Bux zeigt sich beeindruckt: »Überzeugt haben mich besonders die Klangbeispiele zu PureSound, der Vergleich mit Signalverarbeitungszeiten anderer Hersteller war wirklich verblüffend.«

Es folgt eine kurze Vorstellung der MySound Funktion der Moment App, insbesondere der SoundSense Learn Funktion. Mit dieser Funktion können Hörgeräte-Träger in ihrer aktuellen Hörumgebung über mehrere A-B-Vergleiche, basierend auf maschinellem Lernen, die Einstellung des Hörgeräts in definiertem Maß anpassen. Neben der eigenen Anpassung kann auch eine der Klangempfehlungen genutzt werden. Diese werden auf Basis von den Erfahrungen anderer weltweiter Nutzer generiert. Zum Abschluss konnten die neuen Hörgeräte Moment Sheer und das Zubehör näher in Augenschein genommen werden. 

Das Design-Konzept zieht sich durch das gesamte Portfolio. Von den sRIC-Geräten bis hin zur Ladestation, den Zubehör-Geräten und dem Verpackungskonzept. Mit dem Zubehör Sound Assist sind sechs Funktionen in einem kleinen Gerät vereint: Partnermikrofon, Tischmikrofon, Freisprechbetrieb, Audioübertragung, Fernbedienung und Telefonspule. Neben dem Sound Assist wurde ebenso das TV Play, zur Übertragung der Fernsehtons in die Hörsysteme, vorgestellt. 

Rasmus Andreasen, Operations Program Manager, übernahm die Führung durch das Headquarter und zeigte uns die einzelnen am Standort angesiedelten Produktionsschritte. Beginnend von der eigenen Werkzeugfertigung für Kunststoffspritzgussmaschinen zur Fertigung von Gehäuseteilen bis hin zur vollautomatisierten Baugruppenzusammenführung von Zubehörprodukten wie Waxguards mithilfe von Roboterarmen. Nach der Kunststofffertigung folgte eine Führung durch einzelne Schritte der Chip-Weiterverarbeitung. Zum Abschluss der Führung wurde das automatisierte Testen, Initialisieren und Kommissionieren der Hörgeräte gezeigt.  Das Besondere an dem Hauptsitz in Lynge ist das umweltfreundliche Konzept. Das eigene Windrad und der neu angelegte Solar-Park versorgen den Standort mit Strom. 

»Dass ein Großteil der Fertigung noch direkt in Lynge angesiedelt ist, war mir vorher nicht bewusst. Es war spannend zu sehen, dass sehr viele Prozesse von der Idee bis zur Umsetzung alle an einem Standort ablaufen«, berichtet Nele Götzelmann ihre Eindrücke. »Ich fand es außerdem faszinierend, dass alle benötigte Energie selbst produziert wird – und das schon bevor andere Unternehmen sich Nachhaltigkeit auf die Fahne geschrieben haben«, ergänzt Stefanie Bux.

Im Anschluss an die Führung übernimmt Laura Winther Belling, Senior Evidence & Research Specialist, und berichtet über die Studienlage zur neue PureSound Technologie von Widex. Einer der Gründe, warum die Gewöhnung an Hörgeräte schwerfällt, kann auf den Klang zurückgeführt werden. Dabei kommt vor allem der sogenannte Kammfiltereffekt zum Tragen, der dadurch entsteht, dass durch die Signalverarbeitung im Hörgerät der verstärkte Schall gegenüber dem direkten Schall verzögert. Vor allem bei der offenen Versorgung von leichten bis mittleren Hörverlusten kann das direkte Signal einfach ans Ohr gelangen und in Kombination mit dem verstärkten Signal ergibt sich eine Verzerrung von wenigen Millisekunden. Das menschliche Gehör kann solche Veränderung des Klangs schon im Bereich von 1 ms erkennen.  Mit der PureSound Technologie können Bearbeitungszeiten sogar mit unter 0,5 ms umgesetzt werden. Durch eine im Zeitbereich arbeitende Filterbank kann die zeitliche Auflösung des Audiosignals besser erhalten werden und gewährleistet eine kurze Durchlaufzeit des Signals. Ein weiterer Faktor für die Akzeptanz von Hörgeräten ist das Zusammenpassen der visuellen und auditiven Wahrnehmung, in Bezug auf die räumliche Wahrnehmung und somit Lokalisation, was mit PureSound zuverlässiger gewährleistet werden kann.

Filip Marchman Rønne, Global Head Scientific Research, geht zu Beginn auf den Einfluss von positiver Verstärkung auf die Zufriedenheit von Hörgeräte-Trägern ein. Dabei wurden Probanden beauftragt täglich Situationen aufzuschreiben, in denen ihr Hörgerät gut funktioniert hat. Bei dem Vergleich der vorher/nachher Ergebnisse, war die Zufriedenheit nach der Testphase deutlich höher. Die psychologische Komponente bei der Akzeptanz von Hörgeräten ist also nicht zu unterschätzen. Des Weiteren wurden spannende Einblicke in den Ablauf von Unterhaltungen gegeben und den Einfluss von einem Hörverlust auf die Reaktionszeiten in einem Gespräch und das Sprechen an sich. Der sogenannte Floor Transfer Offset (FTO) gibt an, wie lange die Verzögerung bzw. die Überlappung von zwei Sprechern beträgt. Dabei gibt es Unterschiede zwischen den Sprachen. Im Englischen beträgt der FTO etwa 460 ms, im Dänischen circa 470 ms. Es konnte festgestellt werden, dass mit einem Hörverlust der FTO ansteigt sowie die Zeit, die gebraucht wird zu sprechen. 

Als Abschluss wurde auf eine Studie zum Thema Beweglichkeit der Ohren eingegangen. Dabei konnte festgestellt werden, dass auch das menschliche Ohr sich tatsächlich – im Rahmen der verbliebenen Möglichkeiten – nach der Quelle ausrichtet. 

Die Vortragsreihe wurde mit Kathrine Schlegel Rasmussen, Talent Acquisition Manager, beendet. Sie gab einen kurzen Einblick in Zahlen, Daten und Fakten des Unternehmens gefolgt von einem Durchlauf durch das Bewerbungsverfahren und die Möglichkeiten, sich während des Studiums oder nach dem Abschluss an einem der Standorte ins Unternehmen einzubringen. »Der Tag bei Widex war sehr spannend! Ich habe viele Eindrücke und Denkanstöße mitgenommen, auch in Bezug auf den eigenen Karriereweg«, resümiert Eva Glöckler.

Nach einem inspirierenden Tag zwischen Hightech, Design und Nachhaltigkeit bei Widex in Lynge ließen wir den Tag mit dänischem Hygge in Kopenhagen ausklingen.