Von Dennis Kraus / Fotos: Angela Franke
FÜR DIE SACHE BRENNEN: EIN RASANTER QUEREINSTIEG
Fachkräftemangel ist eine der größten Herausforderungen in der Hörakustikbranche. Umso wertvoller sind Quereinsteiger, die den Meistertitel erlangen. Kann man das innerhalb weniger Monate schaffen, wenn man eigentlich aus einer ganz anderen Branche kommt und noch dazu Familie hat? Um dann gleich erfolgreich mit einem eigenen Hörakustik-Fachgeschäft durchzustarten? Der fünffachen Mutter Anna-Katharina Mohr ist das mit Ende 30 gelungen. Und als wäre das nicht genug, hat sie auch gleich im Anschluss noch die Fortbildung zur Hörtherapeutin absolviert. Im Gespräch mit der Quereinsteigerin zeichnen wir den abenteuerlichen Werdegang zum Meistertitel nach.
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Frau Mohr, Sie haben nur fünf Monate benötigt, um sich auf die Prüfungen für den Meistertitel vorzubereiten und sie erfolgreich zu absolvieren. Wie sind Sie eigentlich zur Hörakustik gekommen?
Eigentlich bin ich gelernte Betriebswirtin. In dieser Funktion habe ich in einem Hörakustikfachgeschäft angefangen, um die betriebswirtschaftlichen Themen zu bearbeiten. Dort gab es sehr viel Laufkundschaft und es herrschte, wie überall in der Branche, Fachkräftemangel. Also habe ich auch angefangen, im Service auszuhelfen. Ich habe schnell gemerkt, dass mir die Kunden ans Herz wachsen und dass meine herzliche Art umgekehrt gut ankommt. Sie müssen bedenken, ich kam ja eigentlich aus der Schmuckbranche und habe immer ohne Kontakt zu Endkunden gearbeitet. Der Job hat mich zu Meetings nach Japan und in die USA gebracht. Das war toll, aber ich hatte immer nur Kontakt zu Juwelieren. In der Hörakustik habe ich endlich erlebt, wie es ist, mit Endkunden zu arbeiten. Jeder von ihnen hat seine Persönlichkeit und seine eigene Geschichte. Da bin ich richtig aufgeblüht.
Sie sagen, Sie haben im Service ausgeholfen. Heißt das, Sie haben gleich mit Hörgeräten gearbeitet?
Erst einmal habe ich Terminvereinbarungen übernommen und bin ans Telefon gegangen. Es kam aber schnell die Fehlersuche bei Hörgeräten dazu. Ich habe geprüft, ob Hörer defekt sind, ob Hörwinkel feucht sind, ob das Gerät an sich kaputt ist. Ich habe gelernt, wie sich ein Hörgerät durch den Stethoclip anhören muss. Dann kamen Schallschlauchwechsel dazu, und meine Leidenschaft für die Hörakustik ist entflammt. Wenn ich etwas mache, dann mache ich es richtig, das war schon immer so. Deshalb habe ich dann den Hörberater bei der BAK in Landau gemacht. Dabei habe ich schon in der Theorie gemerkt, dass Hörsysteme wahnsinnig faszinierend sind. Ich habe mich dann im Geschäft immer mehr praktisch eingebracht.
Und so sind Sie auf die Idee gekommen, selbst Meisterin zu werden?
Genau. Ich hatte dann schon zwei Jahre Berufserfahrung als Hörberaterin. Dadurch habe ich mich bei der Handwerkskammer Mannheim direkt als Meisteranwärterin qualifiziert. Die Vorbereitung habe ich dann wieder über die Kurse bei der BAK gemacht. Vier Wochen, bevor die Kurse losgingen, hat eine Kollegin gekündigt, die 30 Kunden betreut hat. Hier habe ich mich eingebracht.
Wie haben sie binnen kurzer Zeit die Softwares der unterschiedlichen Hersteller in den Griff bekommen?
Wenn mich etwas begeistert, dann setze ich mich bis in die Nacht hinein an den Rechner und probiere alles aus. Es gibt ja bei jedem Hersteller einen Modus, wo man Hörgeräte simulieren kann. So habe ich mich in die wichtigsten Hersteller eingearbeitet. Ich war schon immer ein Typ Mensch, der sich sehr schnell in etwas neues hineinfuchsen konnte. Wenn ich anfange, mich für etwas zu interessieren, dann brenne ich dafür und gebe Vollgas.
Und wie war dann der Wechsel von der Simulation zur Arbeit mit Kunden?
Natürlich habe ich anfangs oft Blut und Wasser geschwitzt, wenn ich zum Beispiel nicht wusste, welches Kabel das richtige war für den jeweiligen Hersteller von IdO-geräten. Aber was von Anfang an super funktioniert hat, war, dass ich mich in die Kunden hineinfühlen konnte. Dadurch habe ich eine Atmosphäre geschaffen, in der sich die Kunden gut aufgehoben gefühlt haben und es war dann auch kein Problem, wenn mal etwas nicht so gut geklappt hat. Niemand hat meine Kompetenz in Frage gestellt. Aber die ersten ein bis zwei Wochen waren schon brutal. Ich hatte einige Anpassungssitzungen von Kollegen begleitet. Da habe ich gesehen, welche Regler die Hörakustiker für die Zielanpassung einsetzen. Mein gutes Gedächtnis hat mir geholfen, mir das Wichtigste zu merken, so dass ich dann schon gut zurechtkam, als ich selbst mit Kunden in der Hörkabine gearbeitet habe. Wenn man direkt ins kalte Wasser gestoßen wird, lernt man am besten. Also zumindest bei mir ist das so.
Haben Sie das Arbeitspensum im Fachgeschäft während der kompletten Meistervorbereitung beibehalten?
Ja, ich hatte immer um die 30 Kunden in der Anpassung.
Hatten Sie in dieser Zeit auch schon mit der Bearbeitung von Otoplastiken zu tun?
Die Otoplastiken, die wir vom Labor erhalten haben, waren in der Regel perfekt, so dass da nicht viel dran nachgearbeitet werden musste. Ich hatte ja aber auch schon Erfahrung vom Service und konnte dann auch nachträglich Cerumen-Filter anbringen, oder auch mal etwas weg fräsen. Ein Meisterkollege hat mir gezeigt, wie man Ohrabdrücke nimmt. Das konnte ich also schon, bevor ich die Vorbereitungskurse besucht habe.
Und dann mussten Sie alle vier Teile der Meisterprüfung absolvieren, inklusive betriebswirtschaftlichem Teil. In welchem zeitlichen Abstand haben Sie die vier Prüfungen abgelegt?
Direkt hintereinander, alle vier im Sommer. Eigentlich hatte ich die Theorieprüfungen für BWL und Ausbildereignung erst im Herbst machen wollen, aber es hat dann schon mit meinem Arbeitgeber gekriselt. Deshalb hatte ich das Gefühl, ich muss schneller fertig werden und habe vier Wochen vor den Prüfungen bei der BAK angefragt, ob ich alle vier Prüfungen hintereinander machen kann. Weder die BAK noch die Handwerkskammer hatten Einwände. Eigentlich habe ich dann erst richtig angefangen zu lernen für die Teile 3 und 4, also BWL und die Ausbildereignung. Ich war ja schon Betriebswirtin und hatte mit dem BWL-Teil keine großen Probleme – auch wenn ich das natürlich alles noch einmal auffrischen musste.
Und das mit fünf Kindern. Wie haben Sie das familiär gelöst? Hat Ihr Mann Sie entlastet?
Ja, er hat mich ganz toll unterstützt. Erst mal hat er ermöglicht, dass ich ganztägig in die Meisterschule gehen konnte. Vorher hatte ich immer nur jeweils einen dreiviertel Tag lang gearbeitet, meistens so bis 15 Uhr. Es war so, dass er vorher seinen Master in Österreich gemacht hatte, und da habe ich ihn unterstützt. Dann habe ich ihm gesagt, dass ich den Meister machen möchte, und da hat er von Anfang an gesagt, er unterstützt mich umgekehrt genauso. Er ist IT-Profi und arbeitet im Homeoffice, das war natürlich ganz praktisch. Die Kinder sind von vier bis dreizehn Jahre alt und spielen auch schon ganz toll miteinander. Sie brauchten also keine komplette Betreuung, wie zum Beispiel ein zweijähriges Kind.
Hatten Sie damals schon den Plan, sich mit einem eigenen Fachgeschäft selbstständig zu machen?
Nein, eigentlich wollte ich bei meinem Arbeitgeber bleiben. Ich habe zu dieser Zeit allerdings auch Interesse an der Hörtherapie entwickelt und wollte da gern mehr machen. Deshalb habe ich die Weiterbildung zur Hörtherapeutin an der BAK gemacht. Da hatte ich die Meisterprüfungen bereits erfolgreich absolviert. Allerdings wurde mir kurz nach der EUHA gekündigt. Dann stand ich ohne Einkommen da, und die Welt ist für mich zusammengebrochen.
Wie sind Sie in dieser Situation zurechtgekommen? Hat Ihnen jemand geholfen?
Ich habe Unterstützung von Robert Leitl von der BAK bekommen sowie von Sandra Kappner, die mir sofort einen Job hätte vermitteln können. Das Problem war aber, dass ich eine Anstellung in Vollzeit an einem anderen Ort nicht mit der Familie hätte vereinbaren können. Mein Mann hat dann gesagt, da könnte ich mich doch gleich selbstständig machen. Dann habe ich erst mal einen Businessplan geschrieben. Sehr hilfreich war dabei die Website gruenderplattform.de von der KfW und dem Bundesministerium für Wirtschaft und Klimaschutz, die ich nur jedem rundum empfehlen kann, der sich selbstständig machen will. Damit bin ich bei einer Bank vorstellig geworden. Den Ansprechpartnern dort war neben dem Businessplan wichtig, den Menschen kennenzulernen, der dahintersteckt. So habe ich schließlich ganze vier Stunden im Meeting mit den Bankleuten gesessen. Auch da hat mich mein Mann unterstützt. Er hat bekräftigt, dass er mir den Rücken freihält. Das Gespräch lief so gut, dass die Bank mir innerhalb von einer Woche den Kredit zugesagt hat. Ich bin im Oktober gekündigt worden und hatte zwei Wochen später die Kreditzusage.
Auch das ging also alles sehr schnell. Dann kam noch eine ganze Menge auf Sie zu mit der Suche nach einem Standort, den Entscheidungen für die Ausstattung, die Präqualifizierung, und so weiter. Wie ging es Ihnen in dieser Zeit?
Ab dem Moment, ab dem ich gekündigt wurde, mit dieser Existenzangst im Nacken, habe ich eigentlich nur noch funktioniert. Das war wie ein Tunnel, in dem ich nur noch mit der Gründung beschäftigt war. Die Eröffnung fand ja schon im April statt, also kein halbes Jahr nach der Kündigung. In dieser Zeit habe ich notgedrungen Freundschaften vernachlässigt. Aber ich hatte schon vor der Eröffnung alle Unterlagen zusammen, die ich brauchte, zum Beispiel für die Präqualifizierung. Es musste dann nur noch die Begehung von der Präqualifizierungsstelle erfolgen.
War es denn schwierig, eine passende Immobilie zu finden?
Ja, das war sehr schwierig. Ich habe lange im Internet gesucht und ich habe von Anfang an gesagt, ich möchte den Menschen auf dem Land helfen. Viele finden es schrecklich, nach Pforzheim hineinzufahren. Am Ende bin ich in einer Immobilie mit einer viel zu großen Grundfläche gelandet, wo Platz wäre für fünf Anpassräume. Aber ich bin ganz glücklich hier. Jetzt haben wir zwei Anpassräume, einen Hörtherapieraum und ein Büro. Außerdem sind wir hier weit genug weg von den Mitbewerbern in Pforzheim.
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Sind Sie auch Teil einer Einkaufsgemeinschaft?
Ja, ich bin bei der netzWERK Gesundheitsberufe GmbH. Zu einem Hersteller, der dort nicht vertreten ist, habe ich direkten Kontakt, und ich arbeite mit insgesamt acht Herstellern.
Wie sind Sie an die ersten Kunden gekommen?
Ich habe Hörgeräte-Schmuck importiert und damit eine Modenschau gemacht. Ich habe auch viel Zeit in die Gestaltung meiner Homepage gesteckt, weil ich Hörsysteme nicht als Medizinprodukt präsentieren will, sondern als Lifestyle-Produkt. Das kommt gut an. Die Homepage habe ich über Social Media promotet, mit einem eigenen Account. Außerdem haben wir Flyer drucken lassen und in der Umgebung vom Fachgeschäft verteilt oder in Apotheken ausgelegt. In den lokalen Zeitungen haben wir auch Werbung geschaltet. Da unsere Website schon voll funktional war, haben teilweise Kunden dort bereits vor der Eröffnung Termine vereinbart. Wenig ergiebig waren meine Vorstellungen bei HNO-Ärzten, die hatten alle keine Zeit. Ich habe daher auf Mundpropaganda von meinen ersten Kunden gehofft. Ich will auch eine gewisse Exklusivität und Kunden nicht mit aggressiver Werbung nerven, wie es manche Online-Anbieter oder große Ketten tun. Weniger ist mehr. Aktuell mache ich überhaupt keine Werbung, und wir hatten bereits zwei Monate nach der Eröffnung 25 Anpassungen am Laufen.
Das hört sich gut an. Wie sind Ihre Pläne für die Zukunft?
Erst einmal freue ich mich, dass mir schon seit der Eröffnung die großartige Hörakustikmeisterin Irina Pfetzer zur Seite steht. Gemeinsam bilden wir uns weiter in Richtung Pädakustik. Außerdem habe ich für mich erkannt, wie wichtig Psychologie während der Hörtherapie ist. Psychologie ist ja auch ein Teil der Meisterprüfung, aber ich möchte da tiefer einsteigen. Deshalb bilde ich mich mit einem Fernstudium zur psychologischen Beraterin weiter.
Bei Ihnen wird es also nie langweilig. Haben Sie zum Abschluss noch einen Tipp, den Sie anderen Quereinsteigern mit auf den Weg geben möchten?
Das aller Wichtigste ist Leidenschaft für die Sache und Empathie. Wer für die Sache brennt, kann alles lernen, was nötig ist. Und wer sich in andere Menschen hineinfühlen kann, der ist in der Hörakustik gut aufgehoben. Denn eine Hörbeeinträchtigung betrifft alle Teile des Lebens. Ich finde es auch schade, dass von staatlicher Seite in der Öffentlichkeit überhaupt keine Aufklärung zum Thema stattfindet. Da werden Menschen eher als dement abgestempelt, als dass ihr Gehör überprüft wird. Und in Filmen oder Serien trägt auch keiner Hörgeräte, obwohl viele Schauspieler selbst schwerhörig sind. Die müssen dann für den Dreh ihre Hörgeräte rausnehmen, weil es angeblich nicht zur Rolle passt. Gegen diese Stigmatisierung können wir Hörakustiker viel unternehmen, egal ob als Quereinsteiger oder mit traditioneller Ausbildung.
Frau Mohr, haben Sie vielen Dank für das Gespräch.
LINKS:
Die Website von Anna-Katharina Mohr und Mohr Hören finden Sie unter: www.mohr-hoeren.de
Die Website der BAK mit Kursen für Quereinsteiger und Hörtherapie finden Sie unter: www.bak-bildungszentren.de
Die Website für Gründer von der KfW und dem Bundesministerium für Wirtschaft und Klimaschutz finden Sie unter: www.gruenderplattform.de