DIGITALES MAGAZIN
028 | November 2023
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»GRUNDLAGEN FÜR DIE ZUKUNFT«

Das Wissenssymposium und die Verleihungen der EUHA- Förder- sowie des FDHA-Preises

Von Dennis Kraus / Fotos: EUHA/FotoRechtnitz

»GRUNDLAGEN FÜR DIE ZUKUNFT«

Bisher hatte die EUHA die Kongresseröffnung, das zuletzt eingeführte Wissenssymposium sowie die Verleihungen der EUHA-Förderpreise und des FDHA-Preises im großen Auditorium des jeweiligen Veranstaltungsorts abgehalten. In diesem Jahr hatte man sich erstmals gegen diesen Ablauf entschieden. Um dem Wissenssymposium sowie den Preisverleihungen mehr Raum zu geben, trennte man sie von der Kongresseröffnung und nutzte diese als Startschuss für das fachwissenschaftliche Vortragsprogramm.

Um 11:30 Uhr begrüßt Beate Gromke im Raum Sydney, einem der großen Auditorien des Nürnberger Convention Centers, die Kongressbesucherinnen und -besucher zum Wissenssymposium. »Wir alle freuen uns auf spannende Tage voller Wissen, Innovationen und Networking. Und wir wissen ja alle: Die Zukunft ist nicht vorhersagbar, aber sie ist gestaltbar. Das hat Reinhard Karl Sprenger gesagt. Legen wir in den nächsten drei Tagen also die Grundlagen für die Zukunft und lassen Sie uns neues Wissen und neue Ideen austauschen«, so die EUHA-Präsidentin.

Wie auf dem Kongress üblich begrüßt sie außerdem einige namhafte Gäste namentlich, darunter biha-Präsident Eberhard Schmidt sowie dessen Vorgängerin Marianne Frickel, Andreas Bögl vom Fachverband Deutscher Hörakustiker, Harald Seidler, Präsident des neu gegründeten Deutschen Hörverbandes, der nun den Deutschen Schwerhörigenbund und die Deutsche Cochlea Implantat Gesellschaft vereint, sowie die ehemaligen DSB- und DCIG-Präsidenten Matthias Müller und Dr. Roland Zeh. Dazu Prof. Dr. Dirk Mürbe von der Deutschen Gesellschaft für Phoniatrie und Pädaudiologie sowie Prof. Patrick Zorowka, Past President der Österreichischen Gesellschaft für Hals-, Nasen, Ohrenheilkunde, Kopf- und Halschirurgie. Und natürlich begrüßt sie auch den wissenschaftlichen Beirat der EUHA, namentlich Prof. Dr. Annette Limberger, Prof. Dr. Rainer Schönweiler, Dr. Hendrik Hustedt und Harald Bonsel, der mithalf das Programm der fachwissenschaftlichen Vorträge des Kongresses zu kuratieren. »Vielen Dank für eure Unterstützung!«

EIN THEMA, DAS ALLE BETRIFFT

Nun steht Christoph Schwob auf der Bühne, Schweizer und ehemaliger Präsident des Verbandes AKUSTIKA. »Fachgeschäfte wird es immer brauchen, oder gibt es Hörgeräte bald nur noch online?« ist sein Vortrag überschrieben. Ein Blick aus der Schweizer Perspektive auf die aktuelle Entwicklung. Das Land hat bekanntlich seit über zehn Jahren einen offenen Markt für Hörgeräte. »Ein kontroverses Thema, das uns alle betrifft«, fügt Beate Gromke an. 

Wissenschaftler sei er nicht, stellt Christoph Schwob zu Beginn klar. Sein Wissen resultiere vielmehr aus 40 Jahren Praxiserfahrung. Um zu zeigen, welchen Weg die Hörakustik in der Schweiz genommen hat, gibt er zunächst einen kurzen Abriss der Geschichte des Berufsbildes. Anfangs ist der noch ein fahrendes Gewerbe gewesen, berichtet Schwob. »Noch vor 40 Jahren sind die Leute mit einem kleinen Koffer von Bauernhof zu Bauernhof gefahren, klopften an die Türen und fragten nach der schwerhörigen Oma.« Geprüft oder gemessen habe man da hinterher noch nichts, allenfalls habe man ein bisschen miteinander geredet, so Schwob. Als er selbst 1980 in die Branche kam, seien gerade die »Maßohrteile« aufgekommen. Hörgeräte verfügten noch über einen Trimmer, später kamen weitere Trimmer an den Geräten dazu, bis schließlich digitale Geräte folgten – und eine Qualitätssicherung bei den Versorgungen, Messboxen, Insitu-Sprachaudiometrie, Sprachtests in Störlärm und so weiter. 

Trotz des technischen Fortschritts kam die Qualitätssicherung zu seiner Freude nicht unter die Räder. Daran änderte sich auch nichts, als die Apps zur Hörgerätefernbedienung aufkamen und die Hersteller generell etwas näher an die Kunden rückten. Ebenso die Teleaudiologie habe die Qualitätssicherung nicht untergraben, gleichwohl man damit gewissermaßen wieder auf dem eingangs beschriebenen Bauernhof angekommen sei, schmunzelt Schwob.

Auch die Offerten von Hörgeräten durch Online-Anbieter erinnerten ihn ein wenig an damals. »Es wird auf Menschen zugegriffen, bei denen man annehmen muss, dass die Hörgeräte gebrauchen könnten«, sagt Christoph Schwob. 

Die meisten Hörgeräte, die online angeboten werden, würden direkt verkauft und sofort bezahlt. Selfservice, wie bei Ikea. »Das geht aber nur bei leichten Hörverlusten. Und ich behaupte, dass wir hier keine Qualitätskontrolle haben, keine vergleichende Anpassung, keine Maßohrteile, keinen oder nur wenig Service«, so Schwob. Den stationären Fachhandel sieht er dagegen in voller breite aufgestellt. »Haben Sie schon mal eine KFZ-Werkstatt gesehen, wo vom Kinderfahrzeug bis zum Feuerwehrwagen alles repariert wird?« All das geschehe in den Betrieben, online hingegen nicht. »Online ist Rosinenpicken«, sagt er. Man versuche, jene Kunden zu gewinnen, die einen leichten Hörverlust haben und dazu technisch versiert sind, Stichwort Selfservice. Mit diesen Herausforderungen müsse man als Schweizer längst leben. 

Die größte Gefahr sieht Christoph Schwob im Preisverfall. Online können Hörgeräte billiger angeboten werden. Und damit werde auch geworben. Dazu verglichen Kunden Preise nun quasi global, während man als stationärer Fachhandel regional leisten muss. Als Verlierer dieser Entwicklung sieht er all die, die keinen leichten Hörverlust haben und technisch nicht versiert sind. Dazu komme: Schlechte Arbeit verhindert auch Neukunden, weil sich schlechte Erfahrungen rumsprechen. »Das ist ein großes Problem für uns«, konstatiert Schwob. 

Aber müsse man sich wegen all dem nun »gegen Online wehren? Nein, meine ich«. Für ihn werde der demografische Wandel einerseits und der Fachkräftemangel andererseits dafür sorgen, dass man in den Fachgeschäften »genügend Arbeit mit den anspruchsvollen Fällen« haben werde. Insofern solle man sich, wenn, dann gegen schlechte Angebote und unlautere Vergleiche wehren, sagt Schwob. Was er sich außerdem als Lösung vorstellen kann, ist, die Arbeit, also die Dienstleistung, von der Technik zu trennen. Damit ließe sich gegenüber Betroffenen wie Versicherungen zeigen: »Das Hörgerät ist das eine, aber wir leisten die Arbeit dazu, und diese Arbeitszeit rechnen wir ab.« Mit einzubeziehen seien hier außerdem die »Maschinenstunden« und die Ausrüstung, die man vorhalte. Und auch die Nachsorge könnte man berechnen. Damit könnten Kundinnen und Kunden ihre Technik einkaufen, wo sie wollen, die Dienstleistungen aber müssten sie weiter regional bezahlen. Dazu kämen die komplexen Fälle, die der Online-Markt ohnehin nicht bedienen könne. »Und darum wird es die Fachgeschäfte noch lange brauchen«, schließt Christoph Schwob. 

DIE PREISVERLEIHUNGEN

Nun steht Eva Keil-Becker am Rednerpult. Sie ist nicht nur EUHA-Vizepräsidentin, sondern auch Vorsitzende der EUHA-Förderpreis-Jury. Zusammen mit ihren Jury-Kolleginnen und -Kollegen Nicole Meyer, Harald Bonsel, Armin Haverts und Dirk Köttgen würdigt sie in diesem Jahr zum bereits 13. Mal drei herausragende Abschlussarbeiten des Branchennachwuchses.

In ihrer Laudatio schlägt Eva Keil-Becker traditionell einen etwas größeren, aber immer treffenden Bogen zur Bedeutung und Entstehung dieser nun preisgekrönten Arbeiten respektive der Forschung in der Hörakustik generell. In diesem Jahr tut sie das anhand Occasio, der Göttin der Gelegenheit. Schließlich hätten die drei Preisträgerinnen und Preisträger mit ihren Abschlussarbeiten bewiesen, dass sie eine Gelegenheit nicht nur erkannt, sondern auch genutzt haben. Und so geht der mit 1.000 Euro dotierte 3. Preis an Marc Tielesch. Er hat sich in seiner an der Hochschule Aalen verfassten Bachelorarbeit mit dem Thema »Präskriptive Hörsystemanpassung auf Basis von NAL-NL2 im Vergleich mit einem Freifeld-Anpassverfahren auf Basis eines MCL-basierenden Lautheitsabgleichs« auseinandergesetzt. Gekommen ist er auf das Thema, weil er sich fragte, wie eine Anpassung aussehen kann, die sowohl den den klanglichen Anforderungen des Trägers nachkommt als auch eine optimale Sprachverständlichkeit gewährleistet. 

Der zweite, mit 2.000 Euro dotierte Preis geht in diesem Jahr an Sophie Jäker. Sie hat sich in ihrer an der Jade Hochschule verfassten Bachelorarbeit mit der »Evaluation von Messverfahren für Sprachverständlichkeit und Höranstrengung in akustisch komplexen Szenen« auseinandergesetzt.

Den mit 3.000 Euro dotierten 1. Preis erhält in diesem Jahr Sonja Tänzer. Sie hat sich für ihre an der Technischen Hochschule Lübeck verfassten Bachelorarbeit mit der »Effektivität einer Hörgeräteversorgung für Patientinnen und Patienten mit nahezu normalem Tonaudiogramm zur Verminderung von Tinnitus« auseinandergesetzt.

Im Anschluss tritt Dirk Köttgen an das Rednerpult. Er ist nicht nur Präsidiumsmitglied der EUHA sondern auch Leiter der Geschäftsstelle des Forschungsverbandes Deutscher Hörakustiker (FDHA). Und der zeichnet einmal im Jahr eine besonders verdiente Person aus, entweder für ihre Forschungsarbeit oder für ihr Lebenswerk. Die Laudatio auf die FDHA-Preisträger hält auch in diesem Jahr traditionsgemäß Professorin Dr. Karin Schorn. »Die Stiftung des FDHA hat sich zum Ziel gesetzt, die Hörgeräteakustik in technischer und medizinischer Hinsicht zu erforschen und zu fördern. Wir vergeben jedes Jahr einen Forschungspreis für eine gute Arbeit oder einen Stifterpreis für hervorragende Persönlichkeiten, meist für ihr Lebenswerk«, setzt sie an. Und in diesem Jahr seien sich Vorstand und Stiftungsmitglieder »völlig einig« gewesen, den Stiftungspreis an Marianne Frickel zu verleihen – in Anerkennung ihrer Verdienste um die Branche der Hörakustik. »Mit ihrem Engagement hat sie die Hörakustik weiterentwickelt sowie nachhaltig und zukunftsfest gestaltet«, so Karin Schorn. 

In ihrer Laudatio auf Mariane Frickel lässt sie auch deren Lebenslauf Revue passieren. Gesellenprüfung als Jahrgangsbeste, Bundessiegerin beim Leistungswettbewerb der Handwerksjugend, mit gerade mal 25 als erste Frau überhaupt ein eigenes Geschäft eröffnet und so weiter. Dazu kamen im Laufe der Jahre dutzende ehrenamtliche Aufgaben in verschiedenen Gremien, meist in Spitzenpositionen. Und nicht zuletzt zwei Bundesverdienstkreuze. 

Nun steht die Preisträgerin selbst auf der Bühne und bedankt sich für die Würdigung ihres Lebenswerks. Den Preis nehme sie »stellvertretend für alle entgegen, die mich in den letzten 25 Jahren sowohl haupt- als auch ehrenamtlich als biha-Präsidentin begleitet haben. Als gewählte Repräsentantin unseres Berufsstandes hatte ich immer große Freude und große Ehre, viel für uns alle bewegen zu dürfen, was aber auch nur mit dem gesamten Vertrauen unserer Branche möglich war. Und auch das war nur möglich, weil ich so hervorragend begleitet wurde und mir so die damit verbundene Arbeit ziemlich leichtgefallen ist«, sagt Marianne Frickel. 

Die mit der Auszeichnung verbundene finanzielle Anerkennung werde sie aber nicht annehmen, sondern als Unterstützung für weitere Forschungsvorhaben der FDHA in der Stiftung belassen. »Auf keinen Fall möchte ich damit meinen Respekt vor der FDHA und dem Preis missen lassen. Ich gehe aber davon aus, dass die Fördersumme in anderen Gebieten sicherlich sehr viel besser aufgehoben ist als bei mir persönlich.«