DIGITALES MAGAZIN
028 | November 2023
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»Es motiviert mich mitzuerleben, wie die Kinder von damals heute ihr Leben meistern«

Die Anfänge der CI-Versorgungen in Deutschland – Ingeborg Maneke erinnert sich

Von Martin Schaarschmidt (Cochlear) / Fotos: privat

»Es motiviert mich mitzuerleben, wie die Kinder von damals heute ihr Leben meistern«

Wie sich taube Kinder mit dem Cochlea-Implantat (CI) entwickeln und ob sie tatsächlich einen Zugang zur Lautsprache finden würden, war Ende der 80er Jahre längst nicht klar. Es gab weder Erfahrungen noch geeignete Konzepte. Doch ohne gezielte Förderung hätten die Kinder das Potential der Technik nicht nutzen können. Das Cochlear Implant Centrum (CIC) „Wilhelm Hirte“ in Hannover, das 1990 auf Initiative von Professor Ernst Lehnhardt sowie unter Leitung des Gehörlosen-Pädagogen Dr. Bodo Bertram eröffnet wurde, war die erste Einrichtung, die sich dieser Herausforderung stellte. Hier wurde bewiesen, dass eine CI-Versorgung gehörlos geborenen und früh ertaubten Kindern den Zugang in die Welt des Hörens eröffnen kann. Ab Anfang der 90er Jahre bot das CIC auch wichtige Orientierung für den Aufbau weiterer Zentren in Deutschland und darüber hinaus. Mehr erfuhren wir von Ingeborg Maneke, seit den Gründungstagen Pädagogin im CIC.

Frau Maneke, wie sind Sie damals zum Thema Cochlea-Implantat gekommen?

Durch einen Zufall. Einen vorgezeichneten Weg, der mich zum CI geführt hätte, gab es ja noch gar nicht. Ich las eine Stellenanzeige, die ich interessant fand. Ich bin eigentlich Lehrerin, hatte nach dem Referendariat in einem Kindergarten gearbeitet, dann noch vier Semester Medizin studiert. Ich wollte nach Hannover zurück, wo ich geboren und aufgewachsen bin, und die ausgeschriebene Stelle reizte mich, weil hier Medizin und Pädagogik zusammenkamen. Entweder weiter Medizin studieren oder diese Stelle, habe ich gedacht, und eine Bewerbung abgegeben. Ich bekam ein Vorstellungsgespräch bei Professor Lehnhardt. Es gab wohl etwa 70 Bewerbungen, aber wir kamen schnell überein, dass ich anfangen könnte. Ich hatte eben Glück. Ob mein begonnenes Medizinstudium bei seiner Entscheidung eine Rolle spielte, weiß ich nicht.

Sie gehörten ab 1990 dem Team von Bodo Bertram an, der damals das erste Konzept für die Rehabilitation von CI-Kindern entwickelte. Wie sah diese Anfangszeit aus?

Unsere Gruppe fand gerade erst zueinander. Herrn Bertram lernte ich einige Wochen später kennen, wir passten gut zusammen. Insgesamt waren wir zu sechst. Herr Dr. Bertram und Herr Kogge, die beide aus der ehemaligen DDR gekommen waren, hatten bereits Erfahrung mit hörgeschädigten Kindern. Sie konnten auch gebärden. Sie brachten also gute Voraussetzungen mit, um überhaupt erst einmal den Einstieg in diese neue Aufgabe zu finden. Dann gab es noch zwei Ingenieure, eine Erzieherin und mich, später noch die Sekretärin. Ich selbst hatte keinerlei Erfahrungen mit Hörgeschädigten.

Wo war das CIC damals untergebracht?

Wir bekamen ein Haus in der Neuen Landstraße. Es war ein Einfamilienhaus, das wir zuerst mal gemeinsam vorbereitet haben. Von den Stühlen bis zu den Gardinen haben wir alles bestellt und eingerichtet. Schließlich kamen die ersten Eltern mit ihren Kindern. Anfangs waren es nur wenige Kinder. Die ersten Eltern haben sogar noch im Haus geschlafen. Ich glaube, wir haben sogar gemeinsam gegessen. Es war wirklich ein enger Kontakt. Die Kinder waren schon etwas älter, drei bis vier Jahre. Wie wir mit ihnen arbeiten würden, mussten wir erst herausfinden. Es gab keine Vorbilder, die gezeigt hätten, wie das läuft. Aber wir hatten Eltern, die mutig genug waren, es mit uns gemeinsam zu erkunden. Wir als Gruppe haben sehr viel mit den Kindern gemacht – viel Musik, Bewegung, Spaß. Da das Haus nicht sehr groß war, blieb man viel zusammen. Morgens fingen wir den Tag gemeinsam an. Man war ständig im Austausch. Und wir haben vor allem viel beobachtet: Wie reagiert ein Kind? Was muss man ihm anbieten, damit es hört und spricht? Da konnte man nur versuchen. Das ist ja bei Kindern so.

Es gibt alte Videos, die Therapiestunden bei Dr. Bertram zeigen. Er spielt zum Beispiel gemeinsam mit einem Kind in einer Puppenstube. Jeder führt eine Puppe, die dann etwas tut und spricht …

Ja, so in der Art habe ich das auch gemacht. Er war da das Vorbild. Und ich konnte mich in diese spielerische Art gut reinfinden. Es war auch meins. Wie schnell man damit vorankam, hing natürlich vom Kind ab. Es gab Kinder, die sehr aufnahmefähig und sehr bereit waren, sich auf das einzulassen, was wir ihnen anboten. Ich muss zum Beispiel an ein Kind aus Österreich denken. Es war vier Jahre alt und noch nicht in der Sprache, aber es kam sehr schnell rein. Anderen Kindern fiel das schwerer; etwa, weil sie eine zusätzliche Behinderung hatten. Auch die Eltern waren wichtig. Bei den Sitzungen waren sie immer mit dabei. Meine Sitzungen waren eins-zu-eins mit dem Kind. Unsere Erzieherin hat mit den Kindern mehr in der Gruppe gearbeitet, gemeinsam Musik gemacht, mit ihnen gebastelt. Und die Kinder haben ihre Geräte getragen und hatten ihren Spaß.

Der Spaß war wichtig?

Der ist sehr wichtig. Da sind hörgeschädigte Kinder nicht anders als andere. Nur sind sie erst einmal sehr visuell orientiert. Man braucht den Augenkontakt, muss ihre Aufmerksamkeit gewinnen, Quatsch machen. Man lässt zum Beispiel einen Luftballon platzen und reißt dann erschrocken die Augen auf. Man agiert miteinander, und daraus ergibt sich die Kommunikation. Doch jedes Kind ist anders. Man muss also erstmal Material finden, das das Kind anspricht. 

Die Gruppe arbeitete von Beginn an interdisziplinär – Pädagogen bzw. Erzieher und Ingenieure. Wie passte das zusammen?

Wie gesagt, weil das Haus so überschaubar war, war man ständig mit den anderen Kollegen im Austausch. Ich habe bei den Anpassungen zugeguckt oder mitgemacht. Ich habe auch Hörtestungen durchgeführt oder auf Seiten des Kindes gesessen, ihm vorgemacht, was es tun soll. Also einfach das Prinzip ›Reaktion auf erfolgten Reiz‹. Man gibt dem Kind etwas zu hören und beobachtet, ob es gehört hat oder nicht. So arbeiten wir ja bis heute. In der Gruppe haben wir einander berichtet, wie es lief und wo es Schwierigkeiten gab. Das dabei unterschiedliche Sichtweisen aufeinandertrafen, war nie ein Problem. Das konnte nur helfen. Man hat zusammen überlegt, warum ein Kind nicht reagiert. Hört es generell nicht auf Geräusche? Sind es nur bestimmte Laute? Wir saßen oft im Team zusammen, oder man hat den anderen gefragt, was man machen kann. Dr. Bertram war da immer ein guter Ansprechpartner.

Das CIC war auch Vorbild für andere CI-Zentren. Inwieweit waren Sie in diesen Austausch eingebunden?

Ansprechpartner war da hauptsächlich Dr. Bertram. Er und Professor Lehnhardt sind viel gereist – zu sämtlichen Hörgeschädigten-Schulen in Deutschland. Anfangs waren sie ständig unterwegs. In der Folge gab es auch jede Menge Hospitationen – Therapeuten, Pädagogen, Kollegen aus anderen Institutionen. Die kamen auch zu uns. Die Besucher waren überall dabei.

Anfangs hatten verschiedene Seiten große Vorbehalte gegenüber der CI-Versorgung von Kindern. Sind Sie solchen Vorbehalten begegnet?

Ja. Aber ich glaube, die rührten daher, dass man noch nicht wusste, wie man das CI einordnen soll. Viele konnten sich nicht vorstellen, dass das klappen könnte. Irgendwie war es ja auch unvorstellbar, mit so einem Gerät ins Hören zu kommen. Und wie weit man damit kommt, wussten wir natürlich auch nicht. Es ist ja auch kein Allheilmittel. Heute weiß man, dass es tatsächlich funktioniert, aber auch, dass es nicht immer hilft. Damals wussten auch wir nicht, wie es weitergeht. Machen wir das weiter? Oder kommen wir an einen Punkt, an dem man sich eingestehen muss, dass es gescheitert ist? Das konnte uns ja niemand sagen.

Sie selbst hatten damals die Vorstellung, dass sich die CI-Versorgung von Kindern nicht durchsetzen könnte?

Natürlich hofften wir, dass sie sich durchsetzt. Und es war ein guter Ansatz. Aber wissen konnte man es nicht. Wir hatten Kinder, die sehr gut geeignet waren. Aber wir erlebten auch andere Kinder, die nicht so schnell vorankamen, obwohl sie noch jünger waren. Der Erfolg war sehr individuell.

Wie hat sich die Arbeit im CIC weiterentwickelt?

Das ging Schritt für Schritt. Wir hatten dann ein extra Haus, in dem die Eltern mit den Kindern wohnen konnten. Es konnten mehr Kinder kommen, es blieb aber immer noch recht übersichtlich. Vor der Entscheidung für die Operation führte Dr. Bertram mit den Eltern auch ausführliche Beratungsgespräche. Nach der Wiedervereinigung kamen dann auch Kinder von ›drüben‹. Einmal sogar eine ganze Schulklasse, also fünf oder sechs Kinder, aus einer Hörgeschädigten-Schule. In der DDR gab es ja mehrere sehr gute Schulen, etwa in Halberstadt und in Güstrow. Die Kinder waren allerdings schon älter, und das machte es schwierig. Heute ist es logisch: Je jünger die Kinder sind, desto besser. Auch das war damals noch nicht so klar. Es kamen Kinder aus ganz Deutschland, aus der Schweiz, aus Österreich und von noch weiter weg. Und das CIC wurde zum ersten Ort, an dem sich Eltern von CI-Kindern begegnen und austauschen konnten. Später kamen auch Eltern von Kindern mit zusätzlichen Behinderungen und fragten, ob es möglich ist, ihre Kinder ebenfalls zu versorgen. Das haben wir auf jeden Fall befürwortet. Aber mit den Eltern wurden auch lange, intensive Gespräche geführt. Dr. Bertram hat ihnen sehr deutlich gemacht, dass wir sie zwar unterstützen, dass es jedoch Grenzen des Machbaren gibt. Letztlich war es immer die Entscheidung der Eltern; doch uns war wichtig, dass sie nicht zu viel erwarten, wenn sie sich entscheiden.

Wie lange dauerten die Aufenthalte?

Anfangs kamen die Kinder für eine Woche. Das waren ja noch Größere. Alle hatten einen festen Tagesplan. Die Eltern wussten immer genau, was als nächstes folgt und wann Pause ist. Als die Kinder später immer jünger wurden, musste man das Programm anpassen. Die Aufenthalte wurden auf drei Tage reduziert. Alle vier Wochen kamen die Kinder erneut.

Welche Erinnerungen haben Sie an Professor Ernst Lehnhardt?

Mit ihm gab es eine sehr gute Zusammenarbeit, sehr vertrauensvoll. Was er getan hat, war ja Pionierarbeit. Wir alle leisteten Pionierarbeit. Vor allem anfangs hat er oft nachgefragt: Welche Ergebnisse gibt es? Wo lässt sich noch was ändern? - Diese Verständigung wird es insbesondere zwischen ihm und Dr. Bertram gegeben haben, da die beiden ja ständig gemeinsam unterwegs waren und sich dabei austauschen konnten. Wir alle haben die Arbeit gemacht, sie haben die Erkenntnisse anschließend in die Schulen gebracht. Und es gab noch andere, die Pionierarbeit leisteten. Zum Beispiel Susann Schmid-Giovannini, eine Schweizer Pionierin der auditiv-verbalen Erziehung, die viele Bücher geschrieben hat und auch zu uns kam. Wir haben viel Zeit miteinander verbracht, viel überlegt, was man noch tun kann, und dadurch wohl auch viel auf den Weg gebracht. Das war das Schönste daran.

Sie sind jetzt über 30 Jahre im CIC. Was hat Sie all diese Jahre hier gehalten? 

Dass ich immer noch Freude an der Arbeit mit den Kindern habe; also eigentlich ganz profan. Wobei sich die Arbeit schon etwas gewandelt hat. Früher lief es mehr über den einfachen Austausch, etwa über Bilderbücher; die technischen Möglichkeiten sind da heute ganz andere … Ich habe noch Kontakt zu einer ganzen Reihe von Kindern, die wir damals betreut haben. Manche kommen hin und wieder vorbei. Und wenn man sieht, dass sie ihr Leben meistern, ein Studium geschafft haben, eigene Kinder haben und sich in ihren Möglichkeiten nicht von hörenden Kindern unterscheiden … Das motiviert mich. Dann weiß ich, dass es sich lohnt, dafür zu arbeiten. Und ich bin dankbar für das, was ich in all der Zeit miterlebt habe. Ein großer Dank gilt da meinen Kollegen für die jahrzehntelange, vertrauensvolle und erfüllende Zusammenarbeit. Oft war es auch eine sehr kreative Zusammenarbeit, durch die wir Kindern mit Cochlea-Implantat ermöglichten, in die Welt der Hörenden hineinzuwachsen. Und ein ganz besonderes Dankeschön möchte ich Dr. Bodo Bertram sagen, dem langjährigen Leiter des CIC ›Wilhelm Hirte‹.

Frau Maneke, haben Sie herzlichen Dank für das interessante Gespräch.