Von Jan-Fabio La Malfa / Fotos: OMNIdirekt / EUHA/FotoRechtnitz
»ES LOHNT DER BLICK ÜBER DEN TELLERRAND«
Es waren spannende Tage auf dem 67. Internationalen Hörakustiker-Kongress. Natürlich suchte OMNIdirekt in Nürnberg auch das Gespräch mit EUHA- Präsidentin Beate Gromke.
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Frau Gromke, Sie haben für den diesjährigen EUHA-Kongress viele neue Akzente gesetzt. Ein neues Eröffnungsprozedere, das neu eingeführte Wissenssymposium, die Schweiz als Partnerland eingeführt – war all der Aufwand notwendig?
Der war absolut notwendig. Nicht nur, weil wir sehr viel Wert auf unsere Förderpreise legen, sondern auch, weil ich für meinen Teil denke, dass die oftmals viel zu sehr untergehen. Wir können glücklich sein, junge Nachwuchstalente zu haben. Allerdings werden die kaum gesehen und präsentiert. Deshalb nehmen wir uns die Zeit, diese vorzustellen. Das werden wir auch am Future Friday sehen, wenn Azubis und interessierte Schüler kommen werden. Das ist im Moment mit das Wichtigste, da unsere Zukunft von diesen jungen Leuten abhängt. Deswegen wollen wir diese junge Generation gezielt ansprechen. Zusammen mit dem Wissenssymposium, bei dem heute wirklich sehr viel Leute da gewesen sind, kann ich schon jetzt sagen, dass diese Veränderungen sehr gut angekommen sind. Darüber freuen wir uns im EUHA-Präsidium wirklich sehr.
Sie sahen also Verbesserungsbedarf?
Natürlich gibt es immer etwas zu verbessern, und natürlich werden wir weiter daran arbeiten, den Kongress künftig auf ein noch höheres Level zubringen. Aber das Signal, das von diesem Kongress ausgeht, ist schon ein deutliches. Alleine der Gedanke, die europäischen Kolleg:innen noch stärker eingebunden und mit der Schweiz ein starkes Partnerland für den Kongress gefunden zu haben, hat dazu geführt, dass mehr Fachkollegen gekommen sind. Und das nicht nur aus der Schweiz, sondern auch aus Österreich, Belgien, Spanien, Italien und anderen europäischen Ländern. Das ist das, was wir sehr gern sehen und für die Zukunft noch viel mehr sehen wollen. Das Zweite, was mich freut, sind die heutigen Fachvorträge, die super beim Publikum angekommen sind. Unser Anliegen, Fachwissenschaft und Anwender zusammenzubringen, ist und bleibt eines unsere Hauptziele. Sie haben es vielleicht heute auch gesehen: Mit Professor Dirk Mürbe, dem Präsidenten der DGPP, Professor Rainer Schönweiler, Professor Patrick Zorowka, Frau Professor Inga Holube oder Frau Professor Annette Limberger haben wir hochangesehene Leute aus der Wissenschaft, die sich aktiv einsetzen, und mit denen wir uns austauschen können. Dennoch nehmen wir uns auf diesem Kongress auch mehr Zeit, um zu netzwerken, wenn wir uns nach dem Interview alle vor der Bühne treffen werden.
Jetzt haben wir uns das letzte Mal getroffen, als Sie in Zug am See die Kooperation mit der Schweiz eingegangen sind. Was versprechen Sie sich von der Idee, jedes Jahr für den Kongress mit einem Partnerland zu agieren?
Das Ziel, das wir dabei verfolgen, ist eigentlich ganz einfach. Wir wollen keinen Zweifel daran lassen, dass der EUHA-Kongress die internationale Veranstaltung für Hörakustiker und Hörsystemtechnik ist. Und selbstverständlich schaut man erst dort nach, was zunächst naheliegend ist. Man schaut zu seinen europäischen Nachbarn. Vor allem, wenn man das Glück hat, genau in der Mitte des Kontinents zu liegen. Die Partnerschaft mit der Schweiz hat dazu geführt, dass wir mit dem EUHA-Kongress viel mehr Aufmerksamkeit in der Schweiz und umliegenden Ländern erhalten haben.
Der Veranstaltungsort Nürnberg ist hierfür natürlich gut.
Klar, es ist ja recht einfach für Schweizer, Nürnberg zu erreichen. Ich denke aber auch, dass es wichtig ist, dass die Fachverbände anderer Länder wie die AKUSTIKA und deren Mitglieder mal im Mittelpunkt stehen. Das ist natürlich für alle gut, da wir auf diese Weise als Berufsstand viel präsenter sein können, zusammenstehen und uns zusammen zeigen. Den Beginn haben wir jetzt mit der AKUSTIKA gemacht, die mit einem eigenen Stand und einer eigenen Band angereist sind und jeden Tag mit einem kleinen Highlight aufwarten werden. Mit Christoph Schwob, der heute mit seinem wichtigen Vortrag das Wissenssymposium eingeleitet hat, hatten wir einen wundervollen Start. Morgen findet der Kongresstreff mit einem Schweizer Motto statt, am Freitag wird Prof. Launer einen Keynote-Vortrag halten. Von all dem versprechen wir uns, dass wir einerseits von der Wissenschaft noch stärker wahrgenommen werden, um diese andererseits mit den Akustikern zusammenzubringen. Wir werden zukünftig das Profil mehr und mehr schärfen und von Land zu Land umsetzen, natürlich auch mit dem Ziel, die Besucherzahlen zu erhöhen. Ganz klar.
Jetzt sind die Ausbildungsstandards in Europa sehr unterschiedlich. Ohne diesbezüglich ins Detail zu gehen: Hören wir da heraus, dass Sie im Hinblick auf die Akustiker das europaweite Miteinander fördern wollen?
Gut, das können wir als EUHA kaum leisten. Was wir aber tun können, ist auf fachlicher Ebene jedes Jahr Wissen zu vermitteln, an dem alle europäischen, aber auch außereuropäischen Kollegen eingeladen sind, um zu sehen, wie der aktuelle Standard aussieht. Das zum Wohle des Patienten bzw. des Kunden, damit wir für diesen eine gute, wenn nicht gar hervorragende Anpassung erzielen können. Und hierzu sind alle Wissenschaftler, die hierbei etwas zu unserem Fachgebiet beitragen können, herzlich eingeladen. Was wir aber nicht tun können, ist auf berufspolitischer Ebene zu agieren. Dafür gibt es die AEA, die biha und die anderen europäischen Verbände. Unser Ziel besteht einzig und allein darin, den fachthematischen Austausch zu fördern. Und ich glaube, wenn wir als Fachverband dafür sorgen, dass sich dadurch Netzwerke bilden, wir unsere Kompetenz zeigen und vor allem den Austausch im deutschsprachigen Raum deutlich erhöhen, können wir alle davon profitieren und es kann davon ein Zeichen ausgehen. In jedem Fall werden wir damit eine stärkere Präsenz zeigen können als bisher.
Und Sie können so vielleicht auch neue Mitglieder gewinnen.
Ja, natürlich. Aber vielleicht gewinnt man auf diesem Wege auch neue Referenten. Ziel muss ja sein, sich in allen Bereichen noch breiter aufzustellen.
Nochmal zu den Förderpreisen. In diesem Jahr kamen wieder alle aus dem deutschsprachigen Raum. Warum ist keine aus dem Ausland mit dabei?
Zunächst einmal freue ich mich über all diese Abschlussarbeiten. Ich finde, sie alle haben diese Würdigung und diesen Auftritt auf dem Kongress verdient. Dennoch verstehe ich Ihre Frage. Natürlich wäre es sehr schön, wenn man dies noch europäischer darstellen könnte, so wie letztes Jahr mit der Arbeit aus der Türkei. Das geht aber nur, wenn wir in den Köpfen der europäischen Kollegen sind. Wenn wir dort noch nicht präsent sind, dann brauchen wir uns auch nicht zu wundern, dass förderfähige Arbeiten nicht eingereicht werden und letztendlich auch nicht der EUHA Kongress besucht wird. Deswegen kann ich jetzt schon sagen, dass es künftig noch mehr Aktivitäten diesbezüglich geben wird. Die Planungen hierfür werden künftig noch frühzeitiger angegangen. Ebenso werden wir das viel eher und viel breiter streuen. Dazu gehört auch, dass wir Hochschulen und Universitäten direkter ansprechen werden, um auch diesen zu zeigen, wie wir uns künftig auf die Hörsystemversorgung einstellen werden. Da sind also noch viele Aufgaben, die wir vielleicht heute noch gar nicht sehen und die für unsere Akustiker sehr interessant sein können. Es gilt das Motto, alle voranzubringen. Wissenschaft, Akustiker und alle diejenigen, die sich für ein gutes Hören einsetzen und Diagnostik und Praxis zusammenbringen. Erste Ansätze haben wir mit diesem Kongress geschaffen.
Gehen die Förderarbeiten in den letzten Jahren in eine Richtung, die Sie als EUHA begrüßen?
Das ist eine gute Frage. Leider stecke ich da nicht so tief drin. Dafür ist ja bekanntlich unsere EUHA-Vizepräsidentin Eva Keil-Becker zuständig. Aber das, was ich heute erleben durfte, war echt überzeugend. Vielleicht liegt das daran, dass wir den Arbeiten mehr Raum eingestehen konnten, da wir die Vortragszeit verdoppelt haben, um eben einen schärferen Blick auf die Arbeiten zu richten. Und ich finde wirklich, dass sich alle Preisträger super präsentiert haben. Allein die Präsentation, welche Gedanken sie sich dazu machen und wie sie das durchführen, zeigt doch, dass wir Spitzennachwuchs haben. Selbstverständlich gehört es auch dazu, dass Themen dabei kontrovers diskutiert werden. Entsprechend muss nicht jeder Gedanke nachhaltig verfangen und in die Praxis übergehen. Wichtig ist doch, dass man sich darüber austauscht.
Bleiben wir bei den jungen Leuten. Sie haben sich dieses Jahr dazu entschlossen, Schülern und Azubis freien Eintritt am Future Friday zu gewähren. Welche Hoffnung verbinden Sie damit?
Wir sprechen hier sehr viel über Zukunft. Worin aber liegt unsere Zukunft? Das sind auch unsere Auszubildenden und unsere Schüler. Wir haben alle in unseren Fachgeschäften Personalmangel, finden keine Auszubildenden oder, noch viel schlimmer, haben Auszubildende, die ihre Ausbildung abbrechen. All dies passiert aus diversen Gründen, und wir wollten einfach zeigen, dass Inhaber ihre Auszubildenden hierher schicken können. Zeigt den jungen Leuten, was alles dahintersteckt. Wir bieten euch dafür ein spezielles Programm. Einfach nur einen Azubi auf die Industrieausstellung zu schicken, das kann ich verstehen, da kommt nichts heraus. Wenn all dies aber mit Guided Tours und Informationen aus Lübeck und Tutorials auf Social Media kombiniert wird, kommt aus meiner Sicht etwas richtig Gutes heraus und auch der Betrieb profitiert davon.
Muss also der Kongress noch agiler werden, als er sowieso schon ist?
Die Branche ist agil, ja. Dennoch kann man deutlich sehen, dass uns junge Leute fehlen. Wir müssen also am Nachwuchs und den Azubis dranbleiben, damit sie sich bewusst für unseren Beruf entscheiden. Natürlich gibt es auf diesem Feld viele Probleme, die wir als EUHA gar nicht lösen können, beginnend damit, dass vielen gar nicht bewusst ist, dass einem mit diesem praxisorientierten Beruf nach der Ausbildung extrem viele Wege offenstehen. Und das schließt ebenso ein akademisches Studium mit ein. Ob nun Bachelor oder Master – vielen ist gar nicht klar, wie viele Möglichkeiten dieser Beruf bietet. Das wird man nun auch sehr schön in der kurzen Präsentation sehen, die am Freitag von Lübeck gezeigt werden wird.
Kann der EUHA-Kongress überhaupt als Veranstaltungsort so ausgebaut werden, dass von außen auch ein Bewusstsein entsteht und das Thema Personal noch aktiver verfolgt werden kann? Beispielsweise wie in Frankreich?
Hierzu ein klares Nein. Das ist kein Vorbild für uns und es ist nicht unser Ziel, solche Intentionen zu verfolgen. Aber dass wir etwas für Azubis und Schüler tun wollen, ist gar keine Frage. Nur wird unser Ansatz ein anderer sein. Bis dato jedoch muss ich sagen, dass die Rückmeldungen hierfür so gut sind, und wir Anmeldungen in einer Zahl vorliegen haben, mit der ich ganz ehrlich gesagt nicht gerechnet habe. Das ist wirklich überproportional zu dem, was wir im Vorfeld angenommen haben. Deswegen hoffe und glaube ich auch, dass der Future Friday gut angenommen werden wird. Alles, was wir jetzt tun, um Auszubildende zu halten beziehungsweise zu gewinnen, sollte doch ein Vorteil für alle sein. Darum geht es. Ich denke, meine Präsidiumsmitglieder sind der gleichen Meinung. Zunächst einmal gilt es jedoch, den Future Friyday abzuwarten. Dann werden wir sehen, wie viel Sinn das gemacht hat und in welche Richtung wir das weiterentwickeln werden.
Gehen wir über zur Industrieausstellung. Sie haben so viel Aussteller gewonnen, wie noch nie zuvor.
Das ist richtig. Mit 130 Ausstellern aus 17 Ländern haben wir so viel zu bieten, wie noch nie zuvor. Das finde ich schon bemerkenswert! 2022 waren es noch 118.
Woher kommt der Andrang aus Fernost?
Ich glaube, das ist auf Corona zurückzuführen. Damals war doch der Austausch sehr eingeschränkt. Das hat sich jetzt verändert. Jeder ist bemüht, sich zu präsentieren und alles aufzusaugen, was man vorher verpasst hat. Vielleicht fällt das deswegen gerade jetzt besonders auf. Hinzu kommt, dass sich vielleicht auch andernorts etwas getan oder weiterentwickelt hat, was wir in Deutschland im Laufe der Zeit gar nicht mitbekommen haben. Gerade in Fernost, wo man bestrebt ist, Produkte selbst herzustellen, verfolgt man natürlich auch das Ziel, diese selbst zu präsentieren. Das war letztes Jahr so noch nicht möglich.
Jetzt meinte Herr Lindø heute morgen gar, dass der EUHA-Kongress die weltweit größte Industrieausstellung beheimatet. Darf dies so offiziell kommuniziert werden?
Ja. Zeigen Sie mir einen Kongress, der so aufgestellt ist wie der EUHA-Kongress. Ein Fachprogramm kombiniert mit einer solchen Industrieausstellung wird man in der Form nicht noch einmal finden. Nicht, dass es nicht auch andere Kongresse gäbe, doch meist wird man andernorts weniger Industriepräsenz finden. Hier findet beides parallel zueinander statt, eine große Industrieausstellung gepaart mit vielen Fachvorträgen. All das findet in sehr konzentrierter Form statt, damit jeder seinen Interessen und Schwerpunkten nachgehen kann. Darüber hinaus möchten wir natürlich neben den Fachthemen stets über den Tellerrand hinausschauen. All das werden wir in Zukunft noch weiter stärken. Aber wie vorhin gesagt, noch sind ja zwei Kongresstage, bis wir beginnen können, überhaupt ein Resümee zu ziehen. Aber die Kombination aus Industrieausstellung und Fachvorträgen ist jetzt schon so erfolgreich, dass wir alles daran setzen werden, dass das in Zukunft auch so bleibt.
Welches der Themen, die in diesen Tagen gezeigt werden, lag ihnen im Vorfeld besonders am Herzen?
Gewiss gehört Auracast zu den Themen, die ich persönlich sehr interessant fand, da es vielleicht unsere Telefonspule ablösen wird. Aber auch der Vortrag »Ein Jahr OTC-Produkte in Amerika. Was ist dabei herausgekommen?« ist sicherlich ein Highlight. Hinzu halte ich auch das Thema Otoplastik für ein ganz wichtiges Thema, das zwar noch sehr deutschlandspezifisch ist, aber wir der Qualität wegen in die Breite tragen müssen. Und nicht zuletzt bin ich auf die Keynote-Vorträge am Freitag sehr gespannt, weil wir das komplett anders aufgezogen haben. Insgesamt finde ich, dass mit den Themen wie kleinste Bauformen mit Akku, KI, aktuelle Konnektivität und erneut verbesserte Mikrofontechnologie, doch sehr viel auf dem Kongress geboten wird.
Auch wenn es für eine Bilanz am Mittwochnachmittag noch zu früh ist: Mit welchem Gefühl gehen Sie aus dem ersten Kongresstag heraus?
Mit einem sehr guten Gefühl. Wir haben sehr hohe Besucherzahlen, einige tolle Innovationen und viele wundervolle Vorträge. Alles in allem sind wir bis jetzt sehr, sehr froh. Das war schon im Vorfeld an den Vorverkäufen zu erkennen. Ich denke, es liegt auch daran, dass wir sehr viel rund um den Kongress beworben haben.
Vielen Dank für das Gespräch!