DIGITALES MAGAZIN
029 | Dezember 2023
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»DAS WAHRE GESICHT DES UNTERNEHMENS NACH AUSSEN TRAGEN«

Eva Kraft von der Agentur getaweb über Werbung von und für Hörakustikfachgeschäfte

Von: Jan-Fabio La Malfa / Fotos: getaweb

»Das wahre Gesicht des Unternehmens nach außen tragen«

Bei wenigen Themen gehen die Meinungen so stark auseinander wie beim Thema Marketing. Was sollte man als Hörakustikbetrieb beachten? Wir besuchten die preisgekrönte Werbeagentur getaweb, die digitale Lösungen mit persönlicher Betreuung verspricht, und trafen in Odelzhausen auf Eva Kraft, zuständig für Marketing-Strategien und Projektleitungen.

Frau Kraft, Sie haben vor etwa 20 Jahren mit Ihrem Mann Andreas die Werbeagentur getaweb gegründet und sagen von sich, eine 360-Grad-Agentur zu sein. Was meinen Sie damit?

Unser 360-Grad-Ansatz bedeutet, wir bieten alles aus einer Hand – von Hochglanz-Broschüren bis zu durchdachten Marketingstrategien. Doch es geht darüber hinaus. Wir schauen aufs Ganze: Wie helfen wir Kunden, ihre Ziele zu erreichen? Es ist wie ein Puzzle, bei dem jedes Teil passen muss, um ein klares Bild zu erzeugen. Unser vielseitiges Team ist wie ein Schweizer Taschenmesser im Marketing-Dschungel: Für jede Herausforderung haben wir das passende Werkzeug und den richtigen Spezialisten, um die besten Lösungen zu finden.

Was bedeutet es, 2023 Marketing zu betreiben?

Marketing ist wie ein riesiges Einkaufszentrum, in dem jede Abteilung – ob Content, Suchmaschinenoptimierung oder Bildersprache – ihre eigene Spezialität hat. Doch am Ende des Tages ist Marketing der versierte Raumausstatter, der alles zusammenbringt, damit die einzelnen Elemente Hand in Hand gehen und eine gemeinsame Sprache sprechen. Nur wenn ein stimmiges und einheitliches Gesamtbild entsteht, kann man von einem gelungenen Marketingkonzept sprechen. Man kann nicht einerseits ein modernes Ladengeschäft führen und andererseits eine altbackene Werbung schalten. Marketing erfordert Harmonie, weil es das wahre Gesicht des Unternehmens nach außen tragen muss – es muss authentisch sein.

Und das gilt auch für den kleinen Hörakustikbetrieb?

Ohne Zweifel! Ein einheitliches Marketingkonzept ist der Schlüssel, aber oft hat ein kleiner Betrieb nicht die Zeit, sich diesem voll und ganz zu widmen. Das liegt daran, dass der Akustiker ein Experte in Hörtechnologie ist, nicht im Marketing. Wenn wir mit Neukunden arbeiten, beginnt unsere Reise daher mit einem tiefen Eintauchen in die Welt des Kunden. Wir fragen: Wer ist dieser Akustiker als Mensch? Und dann kleiden wir diesen Menschen in eine passende Marketing-Garderobe. Aber keine Sorge, wir wählen keine fremden Federn, sondern passende Accessoires, um die einzigartige Persönlichkeit und die Überzeugungen des Akustikers nach außen zu tragen. So wird seine Umgebung auf ihn aufmerksam und erkennt ihn an.

Aus dem Vorgespräch weiß ich, dass Sie Unternehmen wie Intel, aber auch große Medizintechnikfirmen begleitet haben. Andererseits sind Sie viel im kleinen und mittelständischen Gewerbe unterwegs, über verschiedene Branchen hinweg. Sehen Sie im Hinblick auf Marketing irgendwo eine Gemeinsamkeit?

Jedes Unternehmen ist wie ein eigenes Universum mit seinen eigenen Regeln. Dennoch gibt es ein grundlegendes Fundament im Marketing, das für alle gilt. Es geht darum, eine Botschaft zu vermitteln und eine Verbindung zum Publikum herzustellen. Doch wie wir das Fundament ausbauen und gestalten, das wird für jeden Kunden maßgeschneidert. Sei es durch die Bildsprache oder die Art der Ansprache, wir schnüren ein Paket, das dem Charakter des Kunden entspricht und mit dem er sich wohlfühlt. Wir möchten nichts nach außen tragen, was der Kunde selbst nicht verkörpern kann.

Heißt, dass man sich mit dem Marketing ein Stück weit auch identifizieren können muss?

Ja und nein. Marketing ist wie ein guter Anzug. Manchmal investiert man in einen neuen, um frisch und aktuell zu bleiben, denn unsere Welt dreht sich rasend schnell. Doch genau wie ein Anzug, muss das Marketing auch passen und bequem sein. Nicht jeder fühlt sich in einem maßgeschneiderten Dreiteiler wohl, manche bevorzugen vielleicht eine lässigere Garderobe. So ist es auch mit Marketing. Es muss dem Charakter des Unternehmens entsprechen und dabei helfen, seine Geschichte authentisch zu erzählen. Und ja, manchmal muss man sich einen neuen ›Anzug‹ gönnen, um in der sich ständig verändernden Geschäftswelt wahrgenommen zu werden.

Ein Beispiel.

Ein Beispiel ist die Reaktion auf die Corona-Pandemie. Plötzlich mussten Geschäfte erst mal schließen und die Spielregeln änderten sich über Nacht. Es war an der Zeit, kreativ zu werden und neue Wege zu finden, um Kunden anzusprechen. Viele Unternehmen wandten sich Online-Workshops und Live-Events zu, und diese schnelle Anpassung zahlte sich aus – nicht nur als vorübergehende Lösung, sondern als eine nachhaltige Erweiterung ihrer Geschäftsmodelle. Das zeigt die Essenz des modernen Marketings: Anpassungsfähigkeit. Sei es eine kurzfristige Google Ad-Kampagne oder eine langfristige Marketingstrategie, die Flexibilität, auf Veränderungen im Markt oder im Verbraucherverhalten zu reagieren, ist entscheidend. Jede Kampagne sollte mit einem offenen Blick auf die Bedürfnisse des Endkunden gestaltet werden, und diese Bedürfnisse können sich wandeln. Es ist wie ein Tanz mit dem Markt – man muss den Rhythmus spüren und bereit sein, die Schritte anzupassen. Wir reden hier nicht von einer einmaligen Anpassung, sondern von einem kontinuierlichen Prozess, einem Dialog zwischen Markt und Marke. Es geht darum, zu verstehen, was der Kunde in einem sich ständig verändernden Umfeld benötigt, und bereit zu sein, die Marketingstrategie entsprechend zu verfeinern.

Ich verstehe das richtig. Auf der einen Seite ist ein einheitliches Auftreten wichtig, auf der anderen Seite muss Marketing ständig wieder angepasst und aufgefrischt werden. Inwieweit muss Marketing produktbezogen sein?

Es ist weniger das Produkt, sondern vielmehr das Unternehmen und seine Expertise, die im Vordergrund stehen sollten. Gerade bei Hörakustikern ist die Gelegenheit golden, denn ihre Fachkompetenz ist ihr größtes Verkaufsargument. Doch oft neigen einige dazu, sich auf ein bestimmtes Produkt zu konzentrieren, vielleicht weil sie persönlich davon überzeugt sind. Wenn jedoch ein anderes Produkt visuell ansprechender ist und besser mit der gewünschten Bildsprache harmoniert, dann wäre es klug, dieses in den Vordergrund zu stellen, selbst wenn ein anderes Gerät technisch überlegen sein mag. Hörakustiker sollten, aus meiner Sicht, den Fokus darauflegen, ihre eigene Expertise, ihren Service und ihr Fachwissen besser zu vermarkten, anstatt die Produkte der Hersteller in den Mittelpunkt zu stellen.

Ich würde meinen, einige Betriebe zu kennen, die genau das tun. 

(lacht) Nun, die angebotenen Dienstleistungen mögen auf den ersten Blick ähnlich sein. Der Unterschied liegt jedoch in der einzigartigen Präsentation und Verpackung dieser Dienstleistungen. Es geht darum, wie ein Betrieb seine Dienstleistungen inszeniert und dem Kunden präsentiert. Die Fähigkeit, sich von der Konkurrenz abzuheben, indem man seine Dienstleistungen auf eine einzigartige und ansprechende Weise darstellt, kann einen entscheidenden Unterschied machen. Ein bisschen wie das Sahnehäubchen auf einem bereits köstlichen Kuchen – es macht das Gesamterlebnis einfach unwiderstehlich!

Können Sie hierfür ein Beispiel machen?

Aber natürlich! Schauen wir uns das beliebte Angebot des kostenlosen Hörtests an. Fast jeder Hörakustiker hat es im Angebot, doch die Präsentation macht den Unterschied. Ein Hörtest ist mehr als nur eine Überprüfung des Gehörs; er ist ein Schritt hin zur besseren Hörgesundheit. Doch viele zögern, bis es fast zu spät ist. Hier setzt die richtige Botschaft an. Wir können den Hörtest als ›Wellness-Check‹ für die Ohren positionieren, relevant für alle Altersgruppen. Eine ansprechende Kampagne könnte zeigen, wie ein frühzeitiger Hörtest die Lebensqualität steigert. Die Kunst liegt darin, Jung und Alt anzusprechen. Für Jüngere könnte die Botschaft zeigen, wie guter Gehörschutz soziale und berufliche Vorteile bringt. Älteren könnte es um den Erhalt der Unabhängigkeit und aktive Teilhabe am Leben gehen. Es geht also nicht nur um das Angebot selbst, sondern die Art, wie es präsentiert wird und wie es die Bedürfnisse unserer Zielgruppe trifft.

Es gilt also, die eigene Kompetenz in den Vordergrund zu rücken.

Ganz genau! Manchmal gibt es Diskussionen, wie etwa ›ich möchte dieses bestimmte Hörsystem in der Werbung haben‹. Aber ich sage immer, es ist der Hörakustiker selbst, der die Bühne betritt, nicht das Hörsystem. Es ist die Expertise und die persönliche Betreuung, die zählt. Wenn ein Kunde den Laden betritt und sich die Bedürfnisse klären, dann kann das Gespräch über spezifische Hörsysteme beginnen. Bis dahin geht es darum, die einzigartige Kompetenz und die Leidenschaft des Hörakustikers zu präsentieren. Das ist die Story, die wir erzählen wollen, und das ist es, was die Kunden wirklich anspricht.

Sie haben mit Ihrer Agentur mehrere Preise gewonnen, unter anderem den deutschen Agentur Preis.

Ja, das stimmt, wir haben die Ehre gehabt, den deutschen Agentur Preis dreimal in Folge zu gewinnen. Unser erster Preis wurde uns für eine kreative Fahrzeugbeschriftung verliehen, der zweite für eine innovative Marketingkampagne eines Hörakustikers und die dritte Auszeichnung haben wir letzten November für ein einzigartiges Kunden-Werbegeschenk im B2B-Bereich erhalten.

Wie kam es bei dem Akustiker zu dem Preis? 

In dem Projekt für Hörakustiker Christian Reichart kreierten wir den Slogan ›Ihr habt mein Leben BEREICHART‹, um die emotionale Bereicherung durch gutes Hören zu betonen. Wir wählten lebensfrohe Fotos unterschiedlicher Menschen, um die Freude an besserem Hören visuell zu untermalen. Mit einer modernen Bildsprache und vielfältigen Farben verstärkten wir die Botschaft des Slogans. Dieser authentische Ansatz fand großen Anklang und brachte uns eine Auszeichnung ein.

Welche Rolle spielt Gefühl bei Marketing?

Eine sehr große Rolle. Marketing sollte wie eine fortlaufende Unterhaltung sein, nicht nur ein einmaliger Schrei um Aufmerksamkeit. Wenn der richtige Ton getroffen ist, sollte eine konsequente Botschaft gesendet werden, um eine Bindung zu schaffen. Diese Bindung verankert eine Marke letztendlich in den Herzen der Menschen.

Ein Betrieb, der beispielsweise mit seinem Kunden nach Abschluss mit einem alkoholfreien Sekt auf die neuen Hörsysteme anstößt, macht also nichts falsch.

Diese Geste zeigt die Wertschätzung des Betriebs für den Kunden. Sie kann eine tiefere Verbindung schaffen und für positive Mundpropaganda sorgen. Doch die Kundenerwartungen steigen, daher ist es klug, Kundenbindungsstrategien regelmäßig zu überdenken. Zeitlose Gesten wie ein Geburtstagsgeschenk kommen immer gut an, aber es lohnt sich, jährlich zu evaluieren, was am besten ankam, um das Kundenerlebnis stetig zu verbessern.

Muss man sich zwingend aller Marketingtools bedienen? Ich kenne Akustiker, die sagen, ihnen bringe es nichts, Doktor-Google-Marketing auszurollen und lieber die Straße nutzen, um Marketing zu betreiben. Hat Marketing also auch etwas mit Glaubenssache zu tun?

Marketing erfordert die passenden Werkzeuge und Kanäle für das eigene Geschäft und Zielgruppe. Manche erzielen auf der Straße, andere online bessere Ergebnisse. Es gibt kein Richtig oder Falsch, solange die Strategie die gewünschten Ergebnisse bringt. Dabei ist Offenheit für neue Ansätze und das Ausprobieren verschiedener Taktiken wichtig, da die dynamische Marketingwelt stets Neues bietet und manchmal überraschend positive Resultate durch neue Strategien entstehen können.

Das bedeutet, dass Marketingaktivitäten abhängig sind vom jeweiligen Charakter eines Betriebs.

Absolut! Jeder Betrieb hat seine eigene Persönlichkeit und Werte, die das Marketing spiegeln sollte. Das Thema Identifikation ist hierbei zentral. Wenn ein Betriebsinhaber etwa Straßenmarketing bevorzugt und hier Energie und Leidenschaft investiert, wird er Erfolg haben. Doch es gibt auch Marketingideen, die nicht zum Betrieb passen. Hier raten wir: Lasst es lieber, um Ressourcenverschwendung zu vermeiden.

Daraus lässt sich schließen, dass viele ihr Marketingbudget falsch einsetzen.

Ja, oft sehe ich Betriebe, die 1.500 Euro für eine Zeitungsanzeige ausgeben, deren Sichtbarkeit begrenzt ist, verglichen mit einer 30-tägigen Online-Kampagne zum gleichen Preis. Online-Werbung bietet höhere Reichweite, Anpassbarkeit und Optimierungsmöglichkeiten während der Laufzeit. Die effektive Planung der Werbelänge und -art ist wichtig, je nach Ziel und Zielgruppe. Es ist entscheidend, die Vor- und Nachteile jedes Kanals zu verstehen, offen für Online-Marketing zu sein und die Strategie anzupassen, um das Budget optimal zu nutzen.

Viele Akustiker sind doch bereits auf den verschiedenen Social Media Plattformen aktiv.

Das ist schon richtig. Aber das, was sie auf Social Media machen, ist oft sehr ist fragwürdig. Social Media dreht sich um Authentizität und Verbindung, nicht um reine Produktpräsentation. Ein humorvolles Beispiel: Ein Hörakustiker postet ein Bild, wie er ein riesiges Ohrmodell durch seine Ladentür manövriert, mit dem Titel: ›Ein Ohr für unsere Kunden – wir nehmen das sehr wörtlich!‹ Das bringt Leute zum Lächeln und zeigt Persönlichkeit. Auf Social Media geht es darum, eine Gemeinschaft aufzubauen und die Menschen hinter der Marke zu zeigen. Authentische Inhalte, wie Teamfotos oder Teilnahme an lokalen Events, erregen Aufmerksamkeit, fördern die Kundenbindung und machen Sie attraktiv für potenzielle neue Mitarbeiter. In unserer vernetzten Welt ist die menschliche Verbindung online Gold wert.

Ich halte fest: Marketing ist stets eine individuelle Geschichte, die nicht nur all umfassend sein sollte, sondern sollte auch über alle Ebenen hinweg mit einer gezielten Ansprache erfolgen. Nicht zuletzt sollte man Marketing leben können, korrekt?

Natürlich, Marketing ist weit mehr als eine bloße Strategie; es ist eine gelebte Kultur im Unternehmen, vom Chef bis zum letzten Mitarbeiter. Es spiegelt sich in allem, von der Schaufenstergestaltung bis zum Kundenservice. Authentizität ist das Zauberwort. Kunden spüren, wenn eine Marke echt ist und wenn nur für die Werbung die Masken aufgesetzt werden. Es geht nicht nur darum, was verkauft wird, sondern wie es verkauft wird und wie man mit den Kunden in Verbindung tritt. Eine ehrliche und durchgängige Marketingbemühung auf allen Ebenen schafft eine Bindung und Vertrauen. Und ja, die Kunden schauen durch oberflächliche Werbeversprechen durch.

Frau Kraft, haben Sie vielen Dank für das Gespräch.