Von Dennis Kraus / Fotos: OMNIdirekt, Starkey
»ALLES NEU«
Mit der Genesis AI hat Starkey nach eigenen Angaben einen Quantensprung gemacht. Prozessor, Akku, Signalverarbeitung, App, Software, Bauform, Schallschlauch – alles habe man für die Produktfamilie neu definiert. Um die Markteinführung in Deutschland zu begleiten, ist sogar das Führungsteam aus den USA zum EUHA-Kongress gereist. Dem Team der hiesigen Niederlassung am Messestand war die Freude über die Neuheit deutlich anzumerken.
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Mit Genesis AI will Starkey ein neues Kapitel aufschlagen. Fünf Jahre hat die Entwicklung gebraucht, verrät Brandon Sawalich auf einer Pressekonferenz am Kongressmittwoch. Zusammen mit Chef Hearing Health Officer Dave Fabry, Ph. D, Sara Burdak, Au. D, und Chef Technology Officer Achin Bhowmik Ph. D sitzt der President und CEO von Starkey der Fachpresse in einem Konferenzraum in Halle 3A gegenüber, um Genesis AI vorzustellen und Fragen zu der neuen Produktfamilie zu beantworten. Der Stolz auf die neue Plattform ist dem Amerikaner anzumerken. Davon zeugen auch die Großflächenplakate rund um das Messegelände in Nürnberg während des EUHA-Kongresses, auf denen Starkey Genesis AI bewirbt.
Die maßgebliche Person bei der Entwicklung sei freilich Achin Bhowmik gewesen, der vor rund fünf Jahren aus der Entwicklungsabteilung von Intel zu Starkey gewechselt war, erzählt Brandon Sawalich. Um aber auch über Bhowmik hinaus »neues Denken« in das Unternehmen zu holen, habe man während der vergangenen fünf Jahre viele neue Mitarbeitende für die Forschung und Entwicklung an Bord geholt. »So konnten wir uns, in Verbindung mit unseren langjährigen Mitarbeitenden, noch mal ganz neue Horizonte eröffnen und Genesis von Grund auf neu entwickeln«, sagt Sawalich.
»Dank eines tiefen neuronalen Netzwerks haben wir nun eine unglaubliche Performance, wenn es darum geht, das Sprachverstehen zu verbessern und Störgeräusche zu reduzieren«, eröffnet Achin Bhowmik. Dank der Architektur des neuen Chips verfüge man über vier Mal mehr Rechenleistung gegenüber dem Vorgänger – und das bei einem gleichzeitig deutlich geringerem Stromverbrauch. All das mache die Genesis AI-Geräte »zu den besten der Industrie, was die Kernfunktionen angeht«, sagt Achin Bhowmik. 51 Stunden Akkulaufzeit biete das RIC der Genesis AI-Familie, das mRIC immer noch 41 Stunden. Dazu kommen freilich die arrivierten Starkey-Healthable-Funktionen wie der Sturzdetektor, den man ebenfalls weiter verbessert habe, der Sprachassistent und so weiter. Die Simultanübersetzungsfunktion habe man gar auf 77 Sprachen ausgeweitet.
»Wir wollten das am besten klingende Hörgerät«, ergänzt Brandon Sawalich. Das stehe bei Starkey stets an erster Stelle. Und darüber hinaus wollte man eben auch »dieses Wow!« Mit Genesis AI sieht man sich auch da klar im Soll.
Sara Burdak hebt noch einmal die bessere Performance bei Sprache im Lärm hervor. Um bis zu 10 Prozent besser sei die bei Genesis AI im Vergleich zu Evolv AI. »Das ist signifikant«, sagt sie. Nicht zu vergessen die neue Anpasssoftware ProFit. Die habe man in Zusammenarbeit mit der eigenen Kundschaft nach deren Anforderungen designt. »Wir wollten hier für alle das Leben etwas einfacher gestalten, egal, ob für Akustiker oder Nutzer«, so Burdak.
Den Edge-Modus habe man ebenfalls weiter verbessern können, fügt Dave Fabry an. So könne man bei den Genesis AI-Geräten die Klarheit der Sprache weiterhin per Doppeltipp ans Ohr oder über die App steigern und gleichzeitig den Hintergrundlärm reduzieren. Auch leise Sprache lasse sich so noch mal extra anheben. »Uns ging es hier um die beste Lösung«, sagt Fabry, »Sowohl, was künstliche Intelligenz anbelangt als auch den Wunsch des Nutzers.«
Zu bedienen sei all das sehr intuitiv, sagt Brandon Sawalich. Überhaupt habe man bei der Entwicklung auch immer darauf geachtet, es den Nutzern möglichst einfach zu machen. »Zudem sind die Genesis-AI-Geräte nun auch «wirklich wasserdicht», ergänzt Achin Bhowmik. Selbst, wenn man mit ihnen eine halbe Stunde einen Meter tief unter Wasser war, werden die Geräte funktionieren. «Für die Sicherheit der Produkte aber auch für das Sicherheitsgefühl der Nutzer ist das besonders wichtig», sagt Sara Burdak.
In den USA sind die Genesis-AI-Geräte seit Ende Februar dieses Jahres verfügbar, und das mit großem Erfolg. «Es sind die bisher am besten verkauften Produkte von uns», sagt Brandon Sawalich. So sei ein Großteil der Kunden in den USA bereits voll auf Genesis AI umgeschwenkt. Und auch die Nutzer seien von den neuen Geräten schnell überzeugt, eben, weil sie diesen »Wow«-Effekt hörten. »Die Geräte performen sogar noch besser, als wir es uns erhofft haben. Sie verkaufen sich fast schon von selbst«, so Sawalich.
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Spricht man am Vormittag des Messefreitags am Starkey-Stand mit Sylvie Gerber und Florian Heyn, hört man weiteren Optimismus. »Jetzt fängt es an, richtig Spaß zu machen«, sagt Sylvie Gerber mit Blick auf Genesis AI. »Wenn man sieht, wo wir heute stehen, kann man sehr gut von einem Quantensprung sprechen«, knüpft die Leitung Marketing und Produktmanagement an. Ob es das neu designte Gehäuse mit leicht veränderter Form ist oder der »leistungsstärkste Akku der Branche« – die Freude über die neuen Geräte ist groß. Wegen des Akkus respektive des Energiemanagements verzichtet Starkey für die Genesis-AI-Systeme sogar auf die obligatorische Powerbank in den Ladeschalen. »Das ist vielleicht mutig, aber es ist auch konsequent«, sagt Sylvie Gerber. So ermöglicht die Turboladung, den Akku binnen sieben Minuten auf 20 Prozent zu laden, was rund zehn Stunden Laufzeit entspricht. Der Lebenszeit des Akkus soll die Turboladung ebenso nicht schaden. Die »Druckbetankung« laufe nicht über den kompletten Ladevorgang, sondern nur für die ersten 20 Prozent, danach werde der Akku schonend weitergeladen, so dass man auch nach fünf Jahren nicht unter 70 Prozent Akkuleistung kommen werde, ergänzt Florian Heyn.
Als das herausragende Bauteil nennt der Manager Produkttraining und Technischer Support aber ganz klar den Chip, der in den Genesis-AI-Geräten verbaut ist. Der schaffe 22.000 Anpassungen an die Umgebung in der Sekunde. Das ermögliche derart engmaschige Änderungen der Automatiken, dass die Nutzerinnen und Nutzer »zu jedem Zeitpunkt das bestmögliche Hören am Ohr haben«, so Florian Heyn. Und gebe es dennoch Optimierungsbedarf, könne man immer noch »den Joker ziehen und den Edge Modus einsetzen«. Der setze dann die komplette Leistung des tiefen neuronalen Netzwerks sowie des Prozessors für diese eine Situation frei. In 85 bis 90 Prozent der Situationen werde man den allerdings nicht brauchen. Die könnten die Geräte problemlos ohne Edge Modus bewältigen, so Florian Heyn.
Was der neue Prozessor ebenso ermögliche, ist eine »komplett veränderte« Signalverarbeitung. Statt mit Prozessorebenen für die Sprach- und Musikkompression arbeiten die Genesis-AI-Geräte nun mit einem additiven Kompressor. »Der ist sehr nah an das menschliche Hörorgan angelehnt und empfindet die Arbeitsweise der inneren und der äußeren Haarsinneszellen nach – einmal mit einer schnellen und einmal mit einer langsamen Kompression über zwei parallellaufende Signalwege«, erklärt Florian Heyn. Der große Nutzen sei hierbei, dass Trägerinnen und Träger so auch für weiter entfernte Quellen ansprechbar bleiben. »Der langsamere Kompressor hebt dabei leisere Sprachsignale an. Das ist wie bei den äußeren Haarsinneszellen mit dem Reinlegen in die Welle, so dass durch Kontraktion und Extraktion das Signal verstärkt wird. Und der schnellere Kompressor sorgt für die Trennschärfe, also für die Sprachgenauigkeit, ohne dass dafür der Hochtonbereich oder die Lautstärke insgesamt angehoben werden muss«, erklärt Florian Heyn.
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Der erweiterte Dynamikbereich von nun 118 dB könne dann auch alles abdecken und für einen »kristallklaren Klang« sorgen, fügt Sylvie Gerber hinzu. Ein Kollege habe daher vom »eleganten Hören« gesprochen, erzählt sie. Und das treffe es ganz gut. Schließlich höre man nun nicht mehr, dass man Unterstützung beim Hören erhält. »Das hebt den Nutzen für die Hörgeräteträger noch mal gut hervor«, so Gerber. Genauso profitierten aber auch die Akustikerinnen und Akustiker von den Neuheiten. »Wir haben für Genesis AI eine komplett neue Software aufgesetzt. Wer Inspire kennt, dem wird hier vieles nicht ganz unbekannt sein, aber der Workflow ist für ProFit noch mal deutlich optimiert worden. Wenn man möchte, braucht man nur vier Klicks zum Best Fit. Und wer mehr machen möchte, kann das ebenso tun.« So sind die vielen Möglichkeiten nun eine Ebene weiter nach hinten gerückt. Damit soll auf den ersten Blick alles übersichtlich und einfach sein. Und wenn mehr erforderlich ist, lassen sich die weiteren Eingriffsmöglichkeiten »bequem finden und nutzen«. So könne man Termine nun bestens vorbereiten und direkt in die Versorgung einsteigen – und dafür muss nicht mal mehr am Smartphone Bluetooth deaktivieren. Ebenso erkennt die Software, wenn man den Hörer ans Gerät steckt, ob es das linke oder rechte ist. »Das sind alles so Kleinigkeiten, die es einem einfacher machen«, sagt Sylvie Gerber. Damit müsse man als Akustiker nicht mehr so viel Zeit vor dem Bildschirm verbringen, wenn einem ein Kunde gegenübersitzt.
Vereinfacht wurde ebenso die Bedienung der neuen App. Zwar habe man mit der Thrive App eine sehr umfangreiche App, aber für die neue MyStarkey App hat man nun mehr Wert auf die Einfachheit der Bedienung gelegt. So blicke man hier nach dem Öffnen zunächst auf einen einfachen Homescreen, von dem aus man bequem an alles herangeführt wird, was mit der App möglich ist. Apropos möglich: steht ein neues Firmware Update zur Verfügung, wird man in der App darauf hingewiesen – und kann es auch als Nutzer herunterladen. Dank des größeren Speichers auf dem Chip wird die bisherige Firmware nicht direkt überschrieben, sondern parallel gespeichert und dann binnen zwei Minuten installiert.
Verfügbar ist Starkey Genesis AI seit dem EUHA-Kongress als RIC-System in den oberen drei Technologiestufen. Das normale RIC verfügt zudem über eine Telefonspule sowie eine CROS-Funktionalität, mit Powerhörer ist es außerdem WHO-4-fähig. Dazu kommt das CIC Wireless, weitere Bauformen werden folgen. Gleichzeitig geht der Blick bei Starkey aber schon weiter in Richtung Zukunft. »In fünf Jahren werden wir zehn Jahre voraus sein«, hatte Brandon Sawalich auf der Pressekonferenz gesagt. An den Stellschrauben hat man dafür nun schon mal gedreht.