Von Dennis Kraus / Fotos: biha
»Der Horizont heißt Festbetrag«
Rund 400 Hörakustikerinnen und -akustiker kamen am späten Nachmittag des Kongressdonnerstags im NürnbergConvention Center zur zentralen Mitgliederversammlung der Bundesinnung der Hörakustiker zusammen. Weitere Mitglieder verfolgten die Versammlung im Live-Stream. Ob Betriebsbegehungen, Verträge mit den Krankenkassen oder die allgemeine gesundheitspolitische Großwetterlage – das Interesse an Informationen aus erster Hand war wieder einmal groß.
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Ein ereignisreiches aber Gott sei Dank weitestgehend Corona-freies Jahr liegt hinter uns«, eröffnet Eberhard Schmidt. Gleichzeitig habe man aber »noch viele Herausforderungen« vor sich, so der biha-Präsident weiter. Worin die bestehen könnten, darüber werde heute Andreas Brandhorst in seinem Vortrag sprechen. Mit dem Referatsleiter Hilfsmittel des Bundesgesundheitsministeriums hat die biha jemanden als Redner gewinnen können, der einen Einblick in »die Hilfsmittelversorgung der Zukunft« geben kann. Seine Ausführungen könnten also schon heute erahnen lassen, welche gesundheitspolitischen Weichen morgen gestellt werden.
Zunächst jedoch tritt Professor Khalid A. Hadi vor die biha-Mitglieder. In seinem Grußwort bedankt sich der Beauftrage für die Belange von Menschen mit Behinderung des Emirats Katar für die bereits zehn Jahre währende »starke Partnerschaft« zwischen der Akademie für Hörakustik und der Advanced Arab Academy of Audio-Vestibulogy. Tausenden Menschen mit Hörverlust in 23 Ländern habe man dank des Wissenstransfers aus Lübeck in Richtung der arabischen Welt schon helfen können. »Das stellt unter Beweis, was alles erreicht werden kann, wenn Menschen und Organisationen gemeinsam für eine Sache arbeiten«, so A. Hadi. Dass er seine Grußworte nicht auf Deutsch überbringt, bedauert Khalid A. Hadi indes – und verspricht unter großen Beifall der biha-Mitglieder, dies beim nächsten Mal zu tun. Die Zusammenarbeit zwischen der biha und der AAAA wird also weitergehen.
INTENSIVE DISKUSSIONEN UM DIE HILFSMITTELVERSORGUNG
Im Anschluss spricht Eberhard Schmidt. Seit über zwölf Monaten ist die Hilfsmittelversorgung in Deutschland von intensiven Diskussionen geprägt, angefacht vor allem vom Bundesamt für soziale Sicherung sowie vom Bundesrechnungshof, so der biha-Präsident. Geschuldet sei das dem »gewaltigen Druck«, unter dem das deutsche Gesundheitssystem steht. Gleichzeitig, betont Schmidt, ist die Berichterstattung über die Hörsystemversorgung »immer positiver geworden«. Die Zufriedenheit der Versicherten gilt bekanntlich als hoch. Allerdings rechne man aufgrund der Demografie künftig mit einer noch stärkeren Nachfrage, was bei den Krankenkassen freilich zu weiter steigender Ausgabenlast führen werde. Aber darunter »darf die Versorgungsqualität nicht leiden«, fordert der biha-Präsident. Mit welchen politischen Entscheidungen wird bei dieser Gemengelage also zu rechnen sein? Darüber spricht nun Andreas Brandhorst.
Seit rund zehn Jahren beschäftigt er sich im Gesundheitsministerium mit der Heil- und Hilfsmittelversorgung, eröffnet Andreas Brandhorst. Um aufzuzeigen, welche Dimensionen das Feld mittlerweile angenommen hat, nennt er ein paar Zahlen. Etwa 30 Millionen Versorgungsfälle pro Jahr gebe es aktuell im Bereich der Hilfsmittel, etwa 780 000 davon sind Hörgeräteversorgungen. Dem gegenüber stehen 20 Millionen Behandlungsfälle in den Krankenhäusern. Zahlenmäßig überschattet die Hilfsmittelversorgung also die Behandlungen in den Kliniken. Dennoch sei die Hilfsmittelversorgung »kein Aufreger-Thema«, so Brandhorst. Erklären lasse sich das unter anderem mit einem Blick auf die Kosten. Wurden für die Versorgungen mit Hilfsmitteln in Deutschland zuletzt etwa 10,4 Milliarden Euro ausgegeben, belaufen sich die Kosten für die Krankenhausbehandlungen auf rund 88 Milliarden Euro. Darüber hinaus trage aber auch »die gute Zugänglichkeit und die gute Qualität der Hilfsmittelversorgung« dazu bei, dass das Thema öffentlich kaum Beachtung finde. Das sorge für ein Sicherheitsgefühl, das wiederum »viel mit der von Ihnen geleisteten Arbeit« zu tun hat. »Dafür herzlichen Dank«, so Andreas Brandhorst.
Im Fortlauf berichtet er von einigen Diskussionen um die Heil- und Hilfsmittelversorgung, die durchaus auch mal »lebhaft« geführt würden. So hätten verschiedene Verbände, der GKV-Spitzenverband aber auch einzelne Kassen Vorschläge für Anpassungen und Veränderungen vorgelegt, die nun im Gesundheitsministerium evaluiert werden. »Wir arbeiten hier an Vorschlägen, die zur Änderung des Hilfsmittelrechts führen können«, sagt Andreas Brandhorst. Inhaltlich werde es dabei etwa um »deutlichere Vorgaben zur Durchführung von Qualitätsprüfungen durch die Krankenkassen« gehen. Eine Forderung des Bundesrechnungshofes wiederum ist, dass die Krankenkassen bei der Versorgung mit Hörhilfen nicht auf ihr Genehmigungsvorbehalt verzichten dürfen. »Ich weiß, dass das gerade bei Ihnen für Ärger sorgt«, sagt Brandhorst. Selbst der GKV-Spitzenverband lehnt das ab. Die Intention dahinter könne er allerdings nachvollziehen. Man möchte damit nicht verhindern, dass Versicherte einen Eigenanteil für beispielsweise mehr Komfort zahlen. Vielmehr wolle man sicherstellen, dass die Versicherten ihre Entscheidung »so selbstbestimmt wie nur möglich« treffen, so Brandhorst. Des Weiteren werde es um Vereinfachungen im Vertragswesen gehen. Und auch die Präqualifizierung werde auf den Tisch kommen. »Und in diesem Zusammenhang gehören dann auch die von Ihnen kritisierten Betriebsbegehungen auf den Prüfstand«, sagt Andreas Brandhorst unter großen Beifall der biha-Mitglieder. Ebenso werde es um Fragen der Finanzierung gehen. Hier sei dann auch mit dem Vorschlag zu rechnen, wieder Ausschreibungen einzuführen. Und auch um die Festbeträge werde es gehen, so Brandhorst. Zu all dem werde das Gesundheitsministerium einen Vorschlag vorlegen. Er selbst, lässt Brandhorst durchblicken, hält Festbeträge im Übrigen für ein durchaus »sinnvolles Instrument«.
Die Debatte werde sich bis in das kommende Frühjahr ziehen, ein Ausgang sei kaum vorhersagbar. Eine Prognose wagt Andreas Brandhorst zum Ende seiner Rede aber doch. So erwarte er »keine grundlegende Kurskorrektur – aber wichtige Anpassungen, Klarstellungen und Vereinfachungen«. Und bei den Debatten hierüber werde die biha weiter ein »von uns sehr geschätzter Gesprächspartner« bleiben.
DIE POSITION DER BIHA
Welche Themen die biha ansprechen wird, darüber gibt Präsident Eberhard Schmidt im Rechenschaftsbericht Aufschluss. Zunächst jedoch würdigt er die Arbeit von Andreas Brandhorst im Bundesgesundheitsministerium. Die zum Teil auseinanderlaufenden Interessen »bringen Sie stets mit ruhiger Hand zusammen, um für eine bestmögliche Hilfsmittelversorgung Sorge zu tragen. Dafür gebührt Ihnen unser ausdrücklicher Dank«, so Schmidt. Anschließend richtet er das Wort an die biha-Mitglieder.
»Unruhige Zeiten« sieht er »auf uns zukommen«. Dass man die Leistungserbringer wieder mal als Sündenböcke darzustellen versucht, dürfe man sich nicht gefallen lassen. Auch auf das teure Schiedsverfahren, das die Unstimmigkeiten zwischen dem vdek und der biha ausräumte, kommt Eberhard Schmidt zu sprechen. Die durch den Schiedsspruch zunächst gestiegenen Ausgaben der Kassen des vdek sind für den biha-Präsidenten jedenfalls kein Grund, die Leistungserbringer als Kartell oder als habgierig zu diffamieren. Und genauso wenig dürfe man die Versorgungsqualität wegen der Ausgabesituation mindern.
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Ein weiteres Thema ist die Forderung des GKV-Spitzenverbandes, Ausschreibungen wieder einzuführen. Hintergrund ist hier die Auffassung des Verbandes, dass die Preise für einige Hilfsmittel nach dem Verbot der Ausschreibungen in den Himmel gestiegen wären. Für die biha ist dieser Vergleich mit »Dumpingpreisen und KO-Ausschreibungen« unzutreffend und verbiete sich damit »an dieser Stelle total«, stellt Eberhard Schmidt klar.
Trotz allem liegt man mit dem GKV-Spitzenverband nicht komplett überkreuz. So lehnt die biha ebenso den Genehmigungsvorbehalt bei der Hilfsmittelversorgung ab. Setze sich der Bundesrechnungshof mit seiner Forderung durch, führe das »zu einem Bürokratiemonster auf Seiten der Leistungserbringer«, so Schmidt. Zumal es auch nicht nachvollziehbar ist, dass eine Krankenkasse eine Versorgung erst noch genehmigen soll, wenn sie medizinisch angezeigt und verordnet wurde. Und wenn jemand aus Gründen der Bequemlichkeit, Ästhetik oder des Komforts etwas dazuzahlen möchte, haben die Krankenkassen da »überhaupt nichts mitzureden und schon gar nicht zu genehmigen«. Ebenso teilt die biha mit dem GKV-Spitzenverband den Standpunkt, dass es für eine alle 20 Monate anstehende Betriebsbegehung im Rahmen der Präqualifizierung keinerlei tragende Begründung gibt.
Mit Blick auf die Verträge mit den Kassen hat die biha »in den letzten zwei Jahren einen guten Job gemacht«, so Schmidt weiter. Lediglich mit drei Krankenkassen gebe es bei den Folgeversorgungen Probleme. Die diesbezüglichen Sorgen der Mitglieder habe man dem Bundesamt für soziale Sicherung gemeldet, was wiederum den vdek veranlasste, ein Klageverfahren gegen die biha sowie deren Hauptgeschäftsführer zu prüfen. Zudem droht der vdek mit einer außerordentlichen Vertragskündigung zum 1. 1. 2024, weil er meint, die Akustiker hätten dem Vertrag die Geschäftsgrundlage entzogen, indem sie angeblich Servicepauschalen abgerechnet hätten, ohne dass ein Kunde bei ihnen wieder vorstellig geworden wäre. »Würden wir so etwas auch nur ansatzweise tun, wären wir doch längst ein Fall für das Bundeskartellamt und die Gerichte«, stellt Eberhard Schmidt fest.
Dass der vdek damit die Vertragspartnerschaft und auch das Miteinander aufs Spiel setzt, findet Eberhard Schmidt »erstaunlich«. Die biha aber werde auch weiter nicht auf Eskalation setzen, sondern auf Gespräche und Verhandlungen. Den Gesprächsfaden zum vdek hat man dann auch nicht abreißen lassen, so dass man sich schon im Frühjahr 2024 für neue Vertragsverhandlungen wieder an einen Tisch setzen werde.
Mit Blick auf die anstehenden Vertragsverhandlungen informiert Eberhard Schmidt die biha-Mitglieder darüber, dass sich der GKV-Spitzenverband für eine Aufhebung der Festbeträge ausgesprochen hat. Das Thema habe der Verband nun auf die Regierungsebene gespielt, da er sich durch ein Urteil des Bundessozialgerichts der Grundlage entzogen sieht, weiter Festbeträge festzulegen. Die im Urteil des BSG geforderten marktüblichen Preise als Basis für die Festbeträge habe der GKV-Spitzenverband indes nicht ermittelt, so Eberhard Schmidt. Dass marktübliche Preise, wie das BSG sie für die Kalkulation der Festbeträge fordert, die Ausgaben der Kassen deutlich steigern werden, liegt hier auf der Hand. Deswegen haben die Kassen nun den Gesetzgeber angerufen, die Bedingungen dahingehend anzupassen, dass der GKV-Spitzenverband wieder Festbeträge festlegen kann. Dass die dann weiter auf niedrigem Niveau rangieren werden, dürfte klar sein. Und dennoch ist es für die biha wichtig, hier eine Stabilität, einen Horizont zu haben – und der heißt, wie Eberhard Schmidt deutlich macht, Festbetrag.
EINE PREMIERE
Die nächste Rednerin mag auf den ersten Blick überraschen. Man könnte auch sagen: Das gab es noch nie. »Sie sind die erste HNO-Ärztin, die anlässlich unserer Mitgliederversammlung einen Gastbeitrag halten wird und das auch wollte«, begrüßt biha-Vizepräsidentin Janine Otto die HNO-Ärztin Dr. Veronika Wolter.
Wolter ist nicht nur Deutschlands erste gehörlose Chefärztin, sondern auch die einzige gehörlose Chefärztin in der HNO-Heilkunde, tätig in der Helios Hörklinik Oberbayern. Aufmerksamkeit erlangte sie außerdem mit ihrem Buch »Ich höre dich«, in dem sie ihren schier unglaublichen Weg aus der an Taubheit grenzenden Schwerhörigkeit beschreibt.
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In ihrem Vortrag schildert Veronika Wolter ihren Werdegang und hebt dabei die Rolle der Hörakustiker bei der Versorgung von Hörstörungen hervor. Sie selbst saß erstmals einem Hörakustiker gegenüber, nachdem sie mit neun Jahren an einer Hirnhautentzündung erkrankt war, die bei ihr zunächst zu einem mittelgradigen Hörverlust geführt hatte. Später wurde daraus ein hochgradiger, dann ein an Taubheit grenzender Hörverlust. »Ich habe alles ausprobiert, was der Markt hergab«, berichtet sie. 2009 ließ sie sich schließlich in Hannover mit einem CI versorgen. Ihren Weg durch das Medizinstudium beschreibt sie als äußerst herausfordernd. Von Inklusion konnte da keine Rede sein, so Wolter.
Als HNO-Ärztin bekam sie es dann vermehrt etwa mit Mittelohreiterungen oder Löchern im Trommelfell zu tun. Und während man hierfür als Ärztin Mittel zur Verfügung hat, hat man für Hörstörungen eben keine Therapien oder andere Mittel zur Verfügung, um diese zu beheben. »Das ist ein Nervenschaden«, sagt sie mit Blick auf die lädierten Haarsinneszellen. »Die kann man nicht ersetzen.« Mit dem Hörgerät hat man aber ein Hilfsmittel, um den Hörverlust auszugleichen. Für sich selbst hätte sie derart klare Worte ebenso gewünscht. So deutlich gesagt hat man ihr das aber nicht. Dafür musste sie erst selber Ärztin werden.
Zum Ende ihres Vortrags wendet sie sich mit einem Appell an die biha-Mitglieder: »Unterschätzen sie niemals, was es bedeutet, wenn jemand vor Ihnen sitzt, der einen Hörschaden hat. Seien Sie sich Ihrer hohen Verantwortung bewusst. Sie passen ja nicht nur eine Hörhilfe an, sondern Sie geben dem Patienten das Mittel, das ihn wieder am Leben teilhaben lässt, so wie der sich das vielleicht wünscht. Nehmen Sie Ihren Patienten ernst.« Ähnliches gebe sie auch ihren Kolleginnen und Kollegen mit auf dem Weg. »Unterschätzen Sie niemals, welche Auswirkungen ein nicht oder ein schlecht versorgter Hörschaden haben kann. Schicken Sie Ihre Patienten in die Kliniken und zum Akustiker und ermutigen Sie die Patienten, immer den Weg zum bestmöglichen Hören zu suchen.« Zum Schluss richtet sie noch einen »Appell an uns alle: Lassen Sie uns das gemeinsam tun. Sie haben die Verantwortung von Anfang an mit den Hörsystemen. Und wenn Sie merken, dass die nicht mehr reichen, haben wir mit den Cochlea Implantaten eine sehr effektive Neuro-Prothese. Nehmen Sie diese Möglichkeit war und klären Sie Ihre Patienten auch darüber auf.«
Die biha-Mitglieder quittieren den Vortrag der HNO-Ärztin mit stehenden Ovationen. Wie gesagt. So etwas gab es noch nie.