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030 | Januar 2024
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20 Jahre Cochlea-Implantat in Koblenz

Von Martin Schaarschmidt / Fotos: Schaarschmidt

20 Jahre Cochlea-Implantat in Koblenz

Wenn Hörgeräte nicht mehr ausreichen, kann das Cochlea-Implantat (CI) ein Leben in der Welt des Hörens ermöglichen. In Deutschland begann die CI-Therapie vor genau 40 Jahren 1984 unter Professor Ernst Lehnhardt in Hannover. In der Folge entwickelten sich zahlreiche weitere CI-Zentren, die mittlerweile ebenfalls auf eine lange Geschichte zurückblicken können. Zu ihnen zählt auch das CI-Centrum Rhein-Mosel-Lahn (CIC RML) am Bundeswehr-Zentralkrankenhaus (BwZK) in Koblenz, das Ende November sein 20-jähriges Jubiläum feierte. 

Von Anfang an stand das Zentrum für eine umfassende interdisziplinäre Zusammenarbeit in der Behandlung von Patienten mit angeborener oder erworbener Schwerhörigkeit. Ob Ärzte, Audiotherapeuten, Hörakustiker, Audiometristen oder Hörgeschädigten-Pädagogen – im engagierten Team des Zentrums »gibt jeder sein Bestes, um Menschen einen Sinn zurückzugeben«, so Generalarzt Dr. Jens Diehm, Kommandeur und Ärztlicher Direktor des BwZK, der in seiner Eröffnungsrede zur Jubiläumsveranstaltung am 25. November allen Mitstreitern des CIC dankte: »Wer nicht hört, kann nicht verstehen. Das ist das, was Sie wieder möglich machen. Wo früher alle Hoffnungen zu Ende waren, ist mit dem Cochlea-Implantat … wieder eine Teilhabe am Leben möglich – in einer Form, die früher nicht mehr denkbar war. Was kann es Schöneres geben?! Was kann man Schöneres nach 20 Jahren feiern?!«

Mehrere Redebeiträge erinnerten an die Anfänge der CI-Rehabilitation, an deren Weiterentwicklung sowie an die Errungenschaften des CIC. So verwies Professor Dr. Kai Lorenz, Oberstarzt und Klinischer Direktor der HNO-Klinik am BwZK, auf die jüngst erfolgte Zertifizierung des Zentrums als Cochlea-Implantat-versorgende Einrichtungen (CIVE). Von präoperativer Evaluation und Operation bis zu Basistherapie, Folgetherapie und Nachsorge arbeitet das CIC gemäß den aktuellen Vorgaben und Qualitätsstandards von AWMF-Leitlinie und Weißbuch.

Vom sechs Monate alten Baby bis zu betagten Senioren – CI-Operation ist mittlerweile Routine-Eingriff

Dr. Sandra Schmidt, Oberfeldarzt und Leiterin des CIC RML, informierte über die Entwicklung der Patientenzahlen des Zentrums. Seit 2011 wurden hier Jahr für Jahr 20 bis weit über 50 Patienten mit dem CI versorgt; nur etwa 20 Prozent sind Angehörige der Bundeswehr. Zudem bot die Referentin einen Überblick über die Veränderungen der CI-Indikation seit den Anfangsjahren: Wurden damals nur Patienten mit vollständiger Taubheit versorgt, gilt das CI inzwischen als Lösung für alle, denen Hörgeräte keine ausreichende Hilfe bieten. Statt der einstigen OPs mit großer Narbe und Haarentfernung versorge man heute minimalinvasiv. Auch sei die beidseitige CI-Versorgung heute eine selbstverständliche Option. Die einstigen Altersbegrenzungen seien verschwunden; heute versorge man betagte Senioren ebenso wie Kinder ab dem 6. Lebensmonat. Und wenn die Operation anfangs mit dem Verlust eventueller Hörreste einherging, könne man heute hörerhaltend versorgen. Ein besonderes Highlight der Patientenbetreuung im CIC war übrigens im Oktober 2005 die weltweit erste CI-Versorgung eines einseitig ertaubten Patienten; dieser war bei der Veranstaltung ebenfalls zu Gast.

Zu den Netzwerkpartnern des CIC zählte von Beginn an auch die Becker Hörakustik (Koblenz), die sich bereits ab den frühen 1990er Jahren im Cochlea-Implantat-Bereich engagierte und dafür anfangs viel Gegenwind erfuhr. Wie wichtig Information und Aufklärung über die CI-Therapie auch heute sind, betonte Hörakustikmeisterin und CI-Akustikerin Eva Keil-Becker in ihrem Vortrag: Bei der EuroTrak Studie von 2022 kannten gerade mal sieben Prozent der Befragten das Cochlea-Implantat, ganze 69 Prozent hatten nie zuvor vom CI gehört. Die Referentin bot einen Überblick über die Meilensteine der Cochlea-Implantat-Technologie sowie der smarten CI-Vernetzung. Dank wachsender Erfahrungen, technologischer Verbesserungen und hoher Zuverlässigkeit sei das CI längst zu einer Routine-Behandlung geworden; der Indikationsbereich sei seit den Anfangszeiten der »Hör-Pioniere« deutlich größer geworden. Sowohl die akustischen als auch die elektrisch stimulierenden Hörsysteme würden immer besser.

Das Cochlea-Implantat sei heute »nicht mehr Konkurrenz, sondern Ergänzung zum Hörgerät«, so Hörgeschädigten-Pädagogin und CI-Audiotherapeutin Ingrid Eikmeier-Stindt, die über das ambulante Reha-Konzept des CIC informierte. Das CIC RLM setzt seit jeher auf »ambulant vor stationär«, die stationäre CI-Rehabilitation wird in Einzelfällen empfohlen. Für die Qualität des ambulanten Reha-Angebots sei der unmittelbare Austausch aller beteiligten Personen – Ärzte, Audiologen, Akustiker und Therapeuten – schon immer entscheidend gewesen. Jeder sei für jeden schnell und unbürokratisch erreichbar; der Austausch erfolge auf Augenhöhe. Wichtig sei zudem nach wie vor, die Patienten zur aktiven Mitarbeit am Reha-Prozess zu motivieren. Es habe sich jedoch auch vieles geändert. Durch die Weiterentwicklung des CI sei das Sprachverstehen heute schneller zu erreichen. Auch die Möglichkeiten zum Hörtraining seien heute andere. Es sei weiterhin wichtig, die Akzeptanz für das CI als Alternative zum Hörgerät zu erhöhen. Die Angebote zur Nachsorge sollten ausgebaut werden, um so noch deutlich mehr Menschen durch das CI die Möglichkeit zu geben, ihre Lebensqualität zu erhöhen.

Medizinische Fachvorträge: CI-Versorgung bei einseitiger Taubheit und Tumoren, Robotik im Operationssaal

Ein Highlight der Veranstaltung waren drei Fachvorträge renommierter CI-Mediziner. Den Anfang machte Professor Dr. Christoph Matthias, Ordinarius der HNO-Klinik an der Johannes-Gutenberg-Universität Mainz, der sich Besonderheiten der Cochlea-Implantation bei einseitiger Taubheit (SSD) widmete. Um einen Hörverlust optimal zu versorgen, sei es unerlässlich, die Indikation jedes Ohres einzeln zu betrachten; nur auf diesem Wege könne erreicht werden, dass das Gehirn optimale binaurale Fusion herstellt. Bei einseitiger Taubheit gab es lange Zeit keine Indikation zur operativen Gehörrehabilitation; üblich waren hingegen CROS- und BiCROS-Versorgungen mit Hörgeräten, FM-Anlagen u. ä. Doch auch mit diesen hätten die Betroffenen deutliche Behinderungen in Alltag, Schule oder Beruf erlebt: mangelndes Sprachverstehen in komplexen Hörsituationen, die Nachteile des Schallschattens des betroffenen Ohres, mangelnde Lokalisierbarkeit von Geräuschen sowie Tinnitus.

Das CI – so der Referent weiter – habe bei Tinnitus-Beschwerden in den allermeisten Fällen eine positive Wirkung: Bei 80 bis 90 Prozent der Patienten seien die Beschwerden nach einer CI-Versorgung geringer bzw. weniger belastend oder gar ganz verschwunden. Zudem verbessere das CI auch bei einseitig tauben Patienten Sprachverstehen und Lebensqualität. Die Versorgung sei auch bei diesen Patienten ein sinnvoller Therapieansatz. Die Dauer der vorherigen Ertaubung sei im Einzelfall kein unabhängiger Prognosefaktor für ein negatives Outcome der Versorgung.

Den zweiten Fachvortrag übernahm Professor Dr. Stefan Plontke, Ordinarius der HNO-Klinik an der Martin-Luther-Universität Halle (Saale). CI bei (»klassischen«) Vestibularisschwannomen, Schwannomen des Innenohres (intralabyrinthären Schwannomen) und bei Labyrinthitis, so das Thema des Beitrags, bei dem der Referent anhand von Fallbeispielen über die CI-Versorgung von Tumor-Patienten informierte.

Im Video konnten die Versammelten miterleben, wie eine Cochlea in der OP vollständig geöffnet, ein Tumor behandelt und im Anschluss der CI-Elektrodenträger platziert wird. Informiert wurde auch über die Entwicklung von Cochlea-Implantaten zur kontrollierten Medikamentenfreisetzung, die bereits vor 20 Jahren begann. Auch bei Vestibularisschwannomen sei eine CI-Versorgung möglich; die Entscheidung sei jedoch individuell und die Ergebnisse seien variabler als sonst beim CI, lautete eine Schlussfolgerung des Referenten. Bei Schwannomen des Innenohres gäbe es gute Ergebnisse mittels Mikrochirurgie und CI. Eine CI-Versorgung bei fibrosierender, ossifizierender Labyrinthitis ginge mit besonderen Herausforderungen einher, doch auch hier könne zum Teil gut geholfen werden.

Im dritten Fachvortrag bot Professor Dr. Thomas Klenzner, Leiter des Hörzentrums an der Heinrich-Heine-Universität Düsseldorf, einen Überblick zur robotisch gestützten CI-Implantation. Das hier vorgestellte HEARO-System ist in der Lage, einen minimalinvasiven Zugang zum Innenohr mit hoher Präzision zu schaffen. Die Versorgung erfolgt über ein 1,8 mm großes Bohrloch, durch das die Elektrode eingeführt wird. Es gäbe ein großes Potenzial für zukünftige roboterchirurgische Eingriffe am Innenohr – so der Referent, bei der weiteren Etablierung sei es aber auch wichtig, die richtigen Fragen zu stellen.

»Ich bin unabhängiger geworden« – Patienten des CIC berichteten von ihrem Weg zum neuen Hören

Den abschließenden Part des spannenden Vortragsprogramms gestalteten drei Patienten des CIC. Anna Maria Zent, die beidseitig progredient ertaubt war, berichtete ebenso von ihrer CI-Versorgung wie Manuel Jessulat-Alefs, ein Soldat mit einseitig akuter Ertaubung.

Ebenfalls als Sprecherin geladen war die Deaf-Performerin und Schauspielerin Cindy Klink. Die 26-jährige, die mit ihren Kanälen auf YouTube, Instagram und TikTok weit mehr als eine halbe Million Follower erreicht, wuchs als Kind gehörloser Eltern mit einer hochgradigen Hörschädigung auf, seit frühester Kindheit wird sie von der Becker Hörakustik betreut. Im Frühjahr erhielt sie im CIC eine CI-Versorgung auf dem rechten Ohr und sie lässt ihre Follower seitdem am eigenen Weg zum neuen Hören teilhaben.

Danach gefragt, wovon sie im Zuge der Versorgung am meisten profitiert, erläuterte Cindy Klinik: »Ich bin unabhängiger geworden. Ich war davor auch immer wieder abhängig von einem Gebärdensprach-Dolmetscher, weil es einfach mit der Kommunikation überhaupt nicht so geklappt hat. Ich konnte nicht telefonieren. Ich konnte keine Musik so wirklich wahrnehmen, wie ich das jetzt kann.« Mittlerweile könne sie auch Podcast hören, telefonieren und verstehen, wenn jemand hinter ihr redet. »Das macht vor allem die Arbeit und den Alltag generell enorm leichter«, versicherte die Künstlerin, die die Versammelten zudem mit einer eindrucksvollen Deaf-Performance des Songs »Komet« von Apache 207 und Udo Lindenberg überraschte.