Von Dennis Kraus / Fotos: OMNIdirekt
Es gewinnt nicht der Lauteste
Neue Plattform, neue Geräte – mit dem Launch von Integrated Xperience hat Signia einen großen Schritt nach vorn gemacht. Nachdem die Keynote sowie der Messeauftritt Wissbegierde geweckt hatten, begab sich der Hersteller auf die »Power of Conversation«-Tour, um vor Ort tiefer in die Neuheiten einzusteigen.
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Im Groben dürften die Innovationen der Integrated-Xperience-Plattform bereits bekannt sein. Vor allem mit dem Multi-Beamformer hatte Signia einiges an Aufmerksamkeit erregt. Entsprechend ist er auch im Programm der »Power of Conversation«-Tour fest verankert. »Mit dem sind wir in der Lage, unendlich viele Sprecher in der vorderen Hemisphäre detektieren und verfolgen zu können«, sagt Markus Isenhardt, Regionalmanager Nord bei Signia, vor den anwesenden Hörakustikerinnen und -akustikern im Hotel Courtyard by Marriott in der Hamburger Innenstadt.
Es ist bereits die zweite Veranstaltung des Tages zu je max. 25 Teilnehmern. 15 Städte haben die Teams von Signia so von Anfang November bis Anfang Dezember bespielt, um die neuesten Errungenschaften aus Erlangen im Detail vorzustellen. Und damit die Akustikerinnen und Akustiker nicht nur erzählt bekommen, wie es unter der Motorhaube der neuen IX-Geräte aussieht, sondern die neue Technik auch erleben können, folgen auf den Vortragsteil fünf Workshops.
Status quo
Den Vortragsteil der Roadshow übernehmen in Hamburg die audiologische Trainerin Janina Gregori sowie ihre Kollegen Björn Bretschneider und Florian van Huet. Doch bevor es ins Detail geht, spricht Janina Gregori über die Mission von Signia. So habe man inzwischen nicht mehr »nur« das Ziel, Sprache im Störgeräusch zu verarbeiten. Vielmehr wolle man »alle Aspekte von Konversation verstehen« und so aufarbeiten, dass Nutzerinnen und Nutzer »in Gruppenkonversationen spürbare Vorteile« erhalten.
Die Wichtigkeit des Verstehens gerade in Gruppenkonversationen hatte auch die EuroTrak-Studie 2023 wieder hervorgehoben. Hier haben Trägerinnen und Träger nach wie vor die größten Schwierigkeiten.
Um der Herausforderung beizukommen, hat man sich bei Signia auch angeschaut, wie Normalhörende in diesen Situationen bestehen. »Das machen wir vollautomatisch über die selektive Wahrnehmung«, so Janina Gregori. Und dafür braucht das Gehirn Pegel- und Laufzeitdifferenzen – die man mit einer Hörminderung nicht mehr voll wahrnehmen kann. Ein Normalhörender komme allein mit der selektiven Wahrnehmung auf eine »natürliche Störgeräuschunterdrückung von bis zu 15 dB«, erklärt die audiologische Trainerin. Ebenso blendet er die eigene Stimme in seiner Wahrnehmung aus, so dass er auch dann noch ansprechbar ist, spricht er gerade selbst. Selbst einen sich bewegenden Zielsprecher könne man als Normalhörender verfolgen.
Um Menschen mit Hörminderung all das wieder zu ermöglichen, hat man bei Signia im Verbund mit Forschenden weltweit zu verstehen versucht, wie Konversation und Wahrnehmung im menschlichen Gehirn stattfinden, um das per Signalverarbeitung zu rekonstruieren, berichtet Björn Bretschneider. Plattform für Plattform habe man sich der Lösung genähert. Als Meilensteine nennt der audiologische Trainer die Ear 2 Ear wireless Technologie. Die ermöglichte unter anderem ein virtuelles Achtfach-Mikrofon-Netzwerk mit »großem SNR-Vorteil«. Ebenso wichtig sei das Own Voice Processing, das mit der NX-Plattform Einzug hielt. Das sorgt bekanntlich dafür, dass man als Hörgeräteträger weiter ansprechbar bleibt, wenn man selber spricht, indem es die eigene Stimme absenkt. Mit der AX-Plattform kam bei Signia dann eine Signalverarbeitung hinzu, die die akustische Umgebung in zwei Hemisphären verarbeitet, so dass der Kontrast von Nutz- gegenüber Störschall verbessert werden kann – was ebenso auf die selektive Wahrnehmung einzahlt.
Mit Integrated Xperience hat man nun die nächste Stufe bestiegen. »Das ist die erste Plattform, die in der Lage ist, einen Hörgeräteträger wieder in Gruppengespräche zu integrieren«, sagt Björn Bretschneider. Zudem sollen die Geräte erkennen, mit wem man in einer Gruppenunterhaltung spricht. »Die IX-Plattform ist in der Lage, selbst in komplexen Hörsituationen jeden einzelnen Gesprächspartner zu detektieren und zu orten«, so Bretschneider weiter. Dafür hat man bei Signia auch ganz allgemein analysiert, wie Gespräche für gewöhnlich ablaufen. Demnach brauche ein Gesprächspartner im Schnitt 200 Millisekunden, bis er auf das Gesagte antwortet. Geräte auf der IX-Plattform können das erkennen und »wissen« damit, mit wem ein Nutzer spricht. Damit bekomme nun auch nicht mehr die lauteste Stimme im Raum die höchste Priorität, sondern die, mit der man interagiert. »Es gewinnt also nicht automatisch der Lauteste«, so Björn Bretschneider. »Das funktioniert natürlich noch besser, wenn man OVP eingemessen hat.« Unterhalten sich wiederum zwei Menschen und der Nutzer hört einfach nur zu, werden beide Sprecher gleichwertig verarbeitet und in der Summe der verschiedenen Eingänge höher gewichtet. Damit sei »IX definitiv ein Schlüssel zur Auflösung des Cocktailparty-Effekts«, so Bretschneider.
Unter der Motorhaube
Um komplexe Situationen verarbeiten zu können, erfassen die IX-Hörsysteme 192.000 Datenpunkte in der Sekunde. Die akustische Umgebung wird weiterhin in zwei Hemisphären aufgeteilt, die voneinander getrennt verarbeitet werden. Die relevanten Quellen sollten sich allerdings in einer Distanz von maximal zwei Metern befinden. Die höchste Priorität wird dabei der Sprache gegeben, die in einer Zone von etwa 160 Grad vor einem stattfindet. Die werde möglichst linear verarbeitet. Tritt Sprache links, rechts oder hinter dem Nutzer auf, bleibe die aber ebenso in der Wahrnehmung, erklärt Björn Bretschneider.
Um den potenziell relevantesten Gesprächspartner erkennen zu können, analysieren die Geräte die interauralen Pegeldifferenzen, die Nachhallzeit sowie den Pegel der Hintergrundgeräusche. So ließe sich erkennen, aus welcher Richtung der Zielsprecher spricht und wie weit er entfernt ist. »Wir wollen ja nicht, dass ein Kunde zu ihnen kommt und erzählt, dass er die Leute am Nachbartisch viel besser verstanden habe als sein Gegenüber«, so Bretschneider. Mit den IX-Geräten soll das nicht mehr vorkommen.
Die detektierten Sprecher werden alle je mit einer Richtkeule von etwa 15 Grad fokussiert. In den Zwischenräumen arbeite eine Störschallunterdrückung. Damit ließen sich reale Situationen, in denen »alles von allen Seiten« kommt, besser abbilden als zuvor, erklärt Janina Gregori.
Darüber hinaus verfügen IX-Geräte über eine dynamische Konversationsanhebung. Die hebt die Verstärkung noch mal um 3 dB an. Damit ahmen die Geräte den Effekt nach, den man als Normalhörender herbeiführt, indem man sich nach vorne lehnt, um noch etwas besser verstehen zu können.
Die Leistungsklassen und ihre Fähigkeiten
Wie üblich hat Signia die IX-Plattform mit dem Pure Charge & Go in den Leistungsklassen 3, 5 und 7 gelauncht. Die Leistungsklasse 7 bietet all das, was »wir eben gesehen haben«, eröffnet Florian van Huet mit Blick auf die Präsentation von Janina Gregori und Björn Bretschneider. Der 5er Preispunkt unterscheidet sich indes schon deutlich von der 7er-Klasse. So können die 5er-Geräte zum Beispiel mit einem dynamischen binauralen Beamformer eine Person detektieren und verfolgen. Geräte der 3er-Leistungsklasse verfügen über keinen dynamischen Beamformer, sondern einen statischen binauralen Beamformer, welcher sich nach der Blickrichtung ausrichtet. Zusätzlich arbeitet die Konversationsanalyse für die stetige Erfassung von Dialogen. Damit habe man eine für die Kundinnen und Kunden gut nachvollziehbare Differenzierung zwischen den Leistungsklassen, so Florian van Huet.
Verfügbar sind die Geräte mit und ohne Telefonspule. Durch die leicht größere Bauform findet sich in den Geräten mit T-Spule ein größerer Akku mit einer längeren Laufzeit.
Neu ist bei Signia bekanntlich auch das Silk IX. Insbesondere bei Kunden, die ein möglichst unauffälliges, einfach zu handhabendes Gerät wünschen, könnten die Akku-betriebenen Geräte punkten. Im Vergleich zum Vorgänger hat man zum Beispiel Mikrofonschutzmembrane verbaut, die »im Grunde alles abweisen, was da irgendwie hereinkommen könnte«, so van Huet. Der Wechsel der Mikrofonfilter ist hier durch den hydrophoben und oleophoben Schutz also passé. Wie das Pure Charge & Go IX in den Leistungsklassen 3, 5 und 7 verfügbar, lässt sich auch das Silk als CROS- und BiCROS-Gerät nutzen. Der Akku bietet eine Laufzeit von bis zu 28 Stunden. Um die Energie nicht zu vergeuden, rät Florian van Huet, »das Gerät nicht mit maximaler Rückkopplungsunterdrückung zu fahren, weil man es extrem offen angepasst hat«. Das steigere den Stromverbrauch enorm.
Bei binauraler Anpassung können die Silk-IX-Geräte ihr Mikrofon außerdem nach vorne ausrichten, so dass ein Stärkung des natürlichen Pinna-Effektes um bis das 1,5fache möglich ist. Darüber hinaus lässt sich das Silk IX nun auch mit Otoplastiken anpassen. Dafür hatte Signia bereits zum Launch im Oktober diversen Laboren die nötigen Daten zukommen lassen.
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Die Workshops
Auf die Präsentationen folgen im zweiten Teil der Roadshow die Workshops. Fünf Stationen hat man dafür in dem Seminarraum aufgebaut. Wie vor zwei Jahren hat Signia eine Station audiosus überlassen. Und so präsentiert audiosus sein digitales Beratungstool audiocon sowie das neue Hörtagebuch in der myAkustiker-App.
»Mit audiocon stellen wir den Kunden in den Mittelpunkt und digitalisieren außerdem den gesamten Beratungsprozess«, erklärt Bianca Volke, Business Development Managerin bei audiosus. Schritt für Schritt führt sie durch audiocon. So lassen sich mithilfe des Beratungstool die Ziele eines Kunden nicht nur erfassen und dokumentieren. Man erhält auch die passenden Produktempfehlungen, natürlich immer gemünzt auf das eigene Angebot. Es gibt allgemein formulierte Erklärungen zu den verschiedenen Technologien der empfohlenen Produkte, Kostenvoranschläge und so weiter. »Und am Ende erhält der Kunde seine Broschüre, in der alles transparent und sauber dokumentiert ist«, erklärt Volke.
Mit der myAkustiker-App bietet audiosus außerdem so etwas wie ein digitales Serviceheft sowie eine Schnittstelle zwischen Fachgeschäft und Kunde und andersherum. Jüngst erweitert wurde die App um das digitale Hörtagebuch. »Mit dem können Kunden zum Beispiel ihre Hörsituationen tonal aufnehmen, bewerten und in Echtzeit ihrem Akustiker erlebbar machen«, so Volke.
An der Station für den zweiten Workshop zeigen Markus Isenhardt und Frederike Tillhon wie der Multibeamformer arbeitet. Dafür setzt sich einer aus der Gruppe Hörgeräte ein, die anderen bewegen sich um die Person herum und sprechen. Auf einem Tablet lässt sich dabei beobachten, wie die Geräte jeden der Sprecher detektieren und mit einer Richtkeule fokussieren. Da liegt der Wunsch natürlich nah, diese Visualisierung auch Kunden zugänglich zu machen. Möglich ist das derzeit nicht, sagt Markus Isenhardt, aber man suche bereits nach Wegen, das zu realisieren.
An der dritten Workshop-Station darf sich jeder ein Paar Charge & Go-IX-Systeme einsetzen und mit dem Signia Assistant arbeiten. »Nehmen Sie ruhig mal ein paar Veränderungen vor«, ermuntert Björn Bretschneider. Ziel dieses Ausprobierens ist es, »auch mal die KI einzusetzen und mit dem Kunden zusammen die Feinanpassung zu machen«. Zumal ein Kunde wahrscheinlich mit den Veränderungen, die er selbst über den Signia Assistant vorgenommen hat, zufriedener sein wird, als wenn er einfach nur lauter oder leiser gestellt hätte.
Workshop Nummer 4 widmet sich wiederum der Programmierung und Feinanpassung des Silk. Hier zeigt Janina Gregori zum Beispiel, wie sich die Geräte mit der Connex Air verbinden lassen und welche Neuheiten es bei den Voreinstellungen in der Software gibt, nämlich unter anderem die Möglichkeit, eine Otoplastik auszuwählen.
An der fünften und letzten Station gilt es schließlich, einige Fragen zu beantworten. Danach überreicht einem Florian van Huet ein Zertifikat sowie ein paar Signia-Socken als kleines Präsent. Kalte Füße dürfte man bei den Neuheiten von Signia aber auch ohne die Socken kaum bekommen haben.