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031 | Februar 2024
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„Damals wurden Benchmarks gesetzt, die wir dann weiterentwickelt haben“

Von Martin Schaarschmidt / Fotos: XXX

„Damals wurden Benchmarks gesetzt, die wir dann weiterentwickelt haben“

Professor Thomas Lenarz ist Direktor der HNO-Klinik der Medizinischen Hochschule Hannover (MHH), deren Leitung er Anfang 1993 vom CI-Pionier Professor Ernst Lehnhardt übernahm. Nur wenige Monate später wechselte auch Frau Professor Anke Lesinski-Schiedat, Ärztliche Leiterin des Deutschen Hörzentrums Hannover (DHZ), an die MHH. Beide setzten den eingeschlagenen Weg fort. Gemeinsam mit ihrem Team entwickelten sie die CI-Therapie maßgeblich weiter. Heute genießen die Klinik sowie das 2003 geschaffene Deutsche HörZentrum (DHZ) nicht nur den Ruf einer weltweit führenden Einrichtung für Hörimplantat-Versorgungen. Unter Führung von Professor Lenarz etablierte sich die Medizinische Hochschule Hannover (MHH) auch als international renommierte Einrichtung der Hörforschung, die zahlreiche Disziplinen zusammenführt. Beim Interview mit den beiden CI-Spezialisten wollten wir mehr über die frühen Jahre der Cochlea-Implantation sowie über zukünftige Herausforderungen erfahren.

Herr Professor Lenarz, Frau Professor Lesinski-Schiedat, es freut mich sehr, dass wir dieses Gespräch gemeinsam führen können. Im ersten Teil des Interviews hoffe ich jedoch insbesondere auf Antworten von Ihnen, Herr Professor: Bitte erzählen Sie doch, wie die Cochlea-Implantat-Versorgung zu Beginn Ihres beruflichen Weges aussah?


Thomas Lenarz: Anfang der 1980-er Jahre gab es weltweit einige Zentren, die sich damit beschäftigten. Solche CI-Zentren waren kleine Forschungsabteilungen, die Kliniken angeschlossen waren. Die Teams bestanden meist aus einem Ohrchirurgen und einem Ingenieur, also aus zwei Personen, vielleicht auch mal drei. Diese entwickelten – zum Beispiel mit Mitteln eines Universitätsinstituts – eigene Cochlea-Implantat-Systeme und setzten diese bei wenigen Patienten ein. Dann wurden mit den Patienten verschiedene Dinge erprobt und dabei grundlegende Entdeckungen gemacht. Es war also ein auf die Forschung ausgerichtetes, nichtkommerzielles Vorgehen. Das änderte sich mit dem Implantat der damaligen Firma Nucleus, dem ersten kommerziellen Produkt. 1982 wurde es auf der ADANO-Tagung in Karlsruhe von zwei Herren aus Australien vorgestellt – neben anderen, nicht kommerziellen Ansätzen. Da gab es ja noch die Gruppe aus Wien mit dem Vienna Implant, das Züricher Implantat, Lösungen aus Frankreich und England. Es war eine Pionierzeit. Die Zentren berichteten, was man mit ihren Implantaten hören würde bzw. was die Patienten hörten. Auf der anderen Seite gab es Physiologen, die meinten, das Cochlea-Implantat wird nie funktionieren, das sei gar nicht möglich. Es gab also kontroverse Diskussionen.

 

Wie waren Ihre ersten Kontakte zu diesen Entwicklungen?


Thomas Lenarz: Ich selbst habe solche Lösungen zu dieser frühen Zeit nicht nur gesehen, sondern sogar mal eingesetzt. Ich arbeitete damals an der Universitätsklinik in Heidelberg. Und mein Chef, Professor Hans-Georg Boenninghaus, beauftragte mich, gemeinsam mit Professor Hoth eine Versorgung mit einem Hortmann Device vorzunehmen – einem extracochleären Implantat, das es schon lange nicht mehr gibt. Die weitere Entwicklung wurde durch das Produkt der Firma Nucleus, später dann Cochlear, bestimmt, die mit ihrer Lösung einen neuen Standard setzte. Erstmals gab es ein zuverlässiges System. Es leitete sich von der Herzschrittmacher-Technologie her. Die Gehäuse waren dicht und die Elektroden entsprechend gefertigt. Schon das verbesserte die Situation für die Patienten erheblich, auch wenn der Sprachprozessor noch groß war und anfangs ein Bügel getragen werden musste, weil es noch keinen Magneten für die Spule gab.


Es war sozusagen der Beginn einer CI-Versorgung, die sich nicht mehr im Bereich des Experiments bewegte, sondern als Therapie-Angebot etabliert werden konnte?


Thomas Lenarz: Ja. Und damit stellte sich die Frage der Indikation: Welche Patienten sind dafür geeignet? Geht es um solche, die Geräusche und Sprachanteile noch wahrnehmen, die Vokale und bestimmte Konsonanten noch differenzieren? Oder geht es um solche, die komplett taub sind und nur von den Lippen lesen? Hier hat Professor Lehnhardt systematisch nach Antworten gesucht. Er hat gesagt, dass Voruntersuchungen nötig sind, Promotorialtests, ein CT als bildgebendes Verfahren … Das MRT gab es ja noch nicht. Mitunter wurden auch Patienten versorgt, von denen man heute wüsste, dass ihre Voraussetzungen eher ungünstig sind – Patienten, die schon lange ertaubt waren, auch einige, die von Geburt an gehörlos waren. Doch dann überzeugten die Erfolge. Es gab Pionier-Patienten wie Frau Hermann und Herrn Berghaus, die tatsächlich mehr hörten und eine Art offenes Sprachverstehen erreichten. Dann stellte sich die Frage, ob man auch Kinder versorgt. Und das hat Lehnhardt in hervorragender Weise gelöst. Auch vor dem Hintergrund, dass es diesbezüglich in Deutschland bereits schlechte Erfahrungen gab, etwa durch Banfai, der einfach operiert hat, obwohl die Ergebnisse schlecht waren. Das hatte zu einer Abwehrhaltung bei den Gehörlosen geführt. Es gab eine richtige Opposition, die in Deutschland zum Glück nie so stark war wie in anderen Ländern.

 

Abgesehen von der Verwendung eines zuverlässigen Implantats – was waren die entscheidenden Schritte, die Professor Lehnhardt unternahm, um die CI-Versorgung von Kindern zum Erfolg zu führen?


Thomas Lenarz: Sicherlich die Einbindung des Pädagogen Bodo Bertram, der ja aus der ehemaligen DDR gekommen war. Auch die meisten Pädagogen waren dagegen, Kinder implantieren zu lassen. Dennoch gab es Eltern, die ihre Kinder implantieren ließen; oft waren es schon etwas ältere Kinder. Die Eltern brachten sich und ihre Kinder damit in eine Ausnahmesituation. Anfangs war keine Einrichtung auf diese Kinder vorbereitet; es gab keine adäquaten pädagogischen Angebote. Die Eltern mussten alles selbst machen. Das war die Situation, die zur Gründung des ersten Cochlea-Implantat-Zentrums für Kinder führte. Lehnhardt konnte sich vorstellen, gemeinsam mit Bodo Bertram Kinder zu versorgen. Er hat sie operiert. Herr Bertram hat intensiv mit ihnen geübt. Und es zeigte sich, dass die Kinder tatsächlich Sprache entwickelten: Sie sprachen praktisch normal, mit Dialekt usw.

 

Wie viele CI-Patienten hatte die MHH, als Sie die Klinik von Ihrem Vorgänger übernahmen?


Thomas Lenarz: Es gab bereits sehr viele. Jährlich kamen 60 hinzu, dann sogar 80. Und das Programm hat sich relativ schnell weiterentwickelt. Das spiegelt schon die Entwicklung der räumlichen Situation beim CIC wider. Wir waren Modell-Einrichtung. Kollegen aus aller Welt kamen, um sich bei uns zu informieren. Und Patienten aus aller Welt kamen, um sich implantieren zu lassen. In der Folge hat Hannover seine herausragende Stellung gefestigt und die Zahl der Patienten noch deutlich gesteigert. Dafür waren auch Widerstände auf Seiten der Kostenträger zu überwinden. Anfangs konnten wir zwar ausländische Kinder versorgen, jedoch kaum deutsche. Das habe ich dann der BILD-Zeitung erzählt: „Das Kind von einem Scheich kann ich implantieren, aber ein deutsches Kind …“ Es gab einen Aufschrei bei den Kassen, aber es führte letztlich dazu, dass die Zahl der Kinder, die wir versorgen durften, nach oben ging.

 

Wie sah die weitere Entwicklung der Implantate aus?


Thomas Lenarz: Anfangs gab es wie gesagt nur dieses eine Produkt. Und das war gut, weil es im Gegensatz zu anderen Lösungen zuverlässig funktionierte. Es schaffte die Vertrauensbasis, auf der man die Versorgung der Erwachsenen und auch der Kinder entwickeln konnte. Später kamen andere Hersteller dazu. Ich selbst hatte vor meinem Wechsel von Tübingen an die MHH einen Forschungsaufenthalt in San Francisco. Dort gab es ebenfalls eine Gruppe, die ihr Implantat zu einem kommerziellen Produkt entwickelte. Das wurde von Alfred E. Mann, einem Entrepreneur in der Medizintechnik, ab 1993 als Advanced Bionics vermarktet. Und MED-EL, das 1990 gegründet wurde, kam ebenfalls noch dazu. Also hatte man jetzt drei Modelle.

 

Wie sind Sie mit dieser neuen Produktvielfalt umgegangen?


Thomas Lenarz: Ich habe gesagt: „Okay, wir müssen Erfahrungen mit allen Implantaten sammeln. Wenn wir es vertreten können, setzen wir sie auch ein.“ So haben wir es dann auch gemacht. Erst gingen wir von einem Produkt auf zwei. Wir konnten somit sehen, welche Vor- und Nachteile jede der Lösungen hat. Es war gut für die Patienten, die nun wählen konnten, und für uns Ärzte, weil wir Verschiedenes ausprobieren konnten. Zugleich hat es die Produktentwicklung stimuliert. Damals war der Austausch zwischen uns und den Herstellern verhältnismäßig einfach: Wir gaben ihnen Rückmeldung, wenn wir Möglichkeiten zur Verbesserung sahen. Nach drei Monaten kamen die Entwickler, hatten unsere Wünsche umgesetzt und wir konnten damit arbeiten. Auf diese Weise konnten wir in schneller Folge eine ganze Reihe von Spezialimplantaten entwickeln, beispielsweise das Double Array. Später folgten atraumatische Elektroden, die keine Ringe mehr hatten. Es gab Positioner, die mit eingeschoben wurden, um die Elektroden an den Modiolus zu schieben. Es kamen magnetfreie Implantate für Patienten, die aus verschiedenen Gründen keinen Magneten tragen durften … Diese gemeinsame Entwicklungsarbeit ging bis hin zu Hirnstamm- und Mittelhirn-Implantaten. Und es entstanden immer mehr Spezial-Implantate, mit denen sich spezielle Probleme lösen lassen: ein fehlender Hörnerv, eine zugewachsene Schnecke, Missbildungen …

 

Wie haben sich die Kapazitäten der Klinik weiterentwickelt?


Thomas Lenarz: Je mehr Patienten implantiert wurden, umso mehr Nachsorge war erforderlich. Das hieß, mit der Patientenzahl wuchs auch das Team – und damit erstmal die Platznot. Es gab den berühmten dritten Stock, in dem sich alles abspielte. Schreibtische von Doktoren und Ingenieuren standen in den Fluren, gleich gegenüber die Tierversuche von Professor Günter Reuter … Die größte Brain Density per Square Meter, also die größte Gehirndichte, die man sich innerhalb eines Arbeitsraumes vorstellen kann. Das änderte sich mit der Gründung des Deutschen HörZentrums und dem Umzug in das andere Gebäude. Das hat uns auch deshalb nach vorne gebracht, weil wir nun gemeinsam mit den Herstellern an einem Ort tätig sein konnten, und sich medizinische Studien seitdem unter viel besseren Bedingungen durchführen lassen. Dann entstand der Sonderforschungsbereich für medizinische Implantate, der unsere Forschung erheblich erweitert hat. Es ging nun auch um Grundlagenforschung zum Material und zum Design der Elektroden. Später entstand daraus das NIFE, also das Niedersächsische Zentrum für Biomedizintechnik, Implantatforschung und Entwicklung. Und es entstand das Institute of AudioNeuroTechnology (VIANNA), in dem die Firmen heute mit eigenen Forschungs- und Entwicklungsteams tätig sind, hier auch neue Produkte entwickeln, die wir ausprobieren können. Durch unsere hohen Patientenzahlen sind inzwischen sehr viele klinische Studien entstanden.

 

Neben der Entwicklung neuer Implantate ist auch die Zuverlässigkeit der bereits implantierten Lösungen wichtig. Hier waren Sie ebenfalls aktiv?


Thomas Lenarz: Das ist richtig. Wir haben auch gesehen, dass Implantate kaputtgehen können. Anfangs kannten wir die Fehlerquote natürlich noch nicht. Doch es war für uns und insbesondere für die Patienten wichtig, dass Transparenz bezüglich der Zuverlässigkeit besteht. Deshalb initiierten wir gemeinsam mit Gerard M O'Donoghue vom Nottingham University Hospital einen europäischen Konsensus*, der beschreibt, wie die Hersteller über die Ausfallraten berichten sollen. Professor Battmer hat sich hier große Verdienste erworben; auch durch die Entwicklung verschiedener Testverfahren, mit denen man die Implantate prüfen kann. Der Consensus war ein Meilenstein, weil er einen Vergleich der Zuverlässigkeit der Implantate möglich macht. Cochlear hat auch hier sicherlich Maßstäbe gesetzt – sowohl mit den Implantaten als auch mit der Art und Weise, wie bereits vor diesem Consensus Fehler in Datenbanken erfasst und transparent gemacht wurden.

 

Datenbanken sind ein wichtiges Stichwort. Inwieweit wurde die CI-Versorgung der Patienten von Beginn an erfasst?


Thomas Lenarz: Wir verfügen über eine klinikinterne Datenbank, ein so genanntes CI-Register, dass seit 1984 aufgebaut wurde und in dem alle Patienten enthalten sind. Wir können somit auch jederzeit Langzeitbetrachtungen anstellen. Das gehört zur Verantwortung, die wir gegenüber den Patienten haben – mit Blick auf eventuelle Komplikationen und Ausfälle, aber auch mit Blick auf ihr Hören. Wie verändert sich das in 10, 15 oder 20 Jahren? Das wusste damals ja niemand. Heute haben wir große Teams für klinische und auch für Grundlagenforschung; mit Professor Andrej Kral als Forschungsleiter, Professor Andreas Büchner als technischem Leiter des Hörzentrums und Frau Professor Anke Lesinski-Schiedat, die die medizinische Seite abdeckt und einen super Job mit den Patienten macht. Diese Expertise und die vielen Möglichkeiten zum Forschen verdanken wir dem Zusammenspiel aller. Und wir wurden belohnt durch das Exzellenz-Cluster Hearing4All, das uns gemeinsam mit den Kollegen aus Oldenburg und der Leibniz-Universität Hannover in eine Situation versetzt, die weltweit einmalig ist. An einem Ort wird die gesamte Forschung und Entwicklung zusammengeführt – von der Grundlagenforschung bis zu klinischen Studien.

 

Kehren wir zurück in die frühen 1990-er: Frau Professor Lesinski-Schiedat, wie sind Sie zum Cochlea-Implantat gekommen?


Anke Lesinski-Schiedat: An die MHH kam ich im Sommer 1993, also nur wenige Monate nach Professor Lenarz. Zuvor hatte ich eine Facharztausbildung in einem Lehrkrankenhaus in Bayern begonnen, mir dann jedoch gesagt: „Das kann irgendwie noch nicht alles sein!“ Wobei ich noch keinerlei Spezialisierung im Auge hatte, also nicht etwa nur auf Akustikusneurinom und CochleaImplantat fokussiert war. Ich sah das ganze Spektrum der HNO und stellte mir als junge Ärztin die Frage, wo ich in den nächsten 40 Jahren am meisten lernen und den Blick weiten kann. Das sprach für eine Universitätsklinik. Und dann hörte ich, dass „der Thomas“ – wie man mir damals sagte – so ein junger und sehr aktiver „Typ“ Ordinarius sei. Das hat sich auch bewahrheitet. Zugleich sah ich, dass man sich in der Universitätsklinik in Hannover unter Professor Lenarz mit einem breiten thematischen Spektrum an HNO-Medizin beschäftigen kann.

 

Das Hören stand für Sie auch in der MMH anfangs noch nicht im Mittelpunkt?


Anke Lesinski-Schiedat: Sicherlich nicht. Vom Cochlea-Implantat hatte ich zwar gehört. Aber ich fand es nicht so faszinierend. Also mehr so im Sinne von: „Das macht Taube wieder hörend; ja, das ist auch was. Und ein Messer schneidet einen Tumor raus, das ist auch gut.“ Das CI war für mich eben eines von vielen therapeutischen Verfahren für unterschiedliche Erkrankungen. Erst im Kontakt mit Professor Lenarz begriff ich, was das wirklich Spektakuläre an dieser Klinik war: die Geschichte des Ordinarius Lehnhardt, die nun von einem jungen HNO-Arzt fortgeführt wurde. Daraus ergab sich für mich eine Aufgabe, die thematisch einschränkend und zugleich faszinierend war. In Amerika gibt es ja schon lange das Fach Audiology. Die drei Bereiche Hals, Nase und Ohr haben eben auch jedes für sich eine große Faszination – ohne dass man dabei den Blick auf die anderen beiden verlieren muss. Und es gibt eine Baseline, die ich für unseren Bereich wie auch für viele andere Fachbereiche sehe: Man kann bei einer Sache immer nur gut sein, wenn man sich wirklich auf sie konzentriert und sie häufig macht. – Nicht in dem Sinne, dass man alles an sich rafft. Aber man konzentriert sich auf etwas und macht es dadurch automatisch auch mehr. Für mich gipfelte das in einem Satz, den mir Professor Lenarz 1994 sagte: „Frau Lesinski, Sie machen jetzt Ohr!“

 

Wie sind Sie in diese Spezialisierung gestartet?


Anke Lesinski-Schiedat: Etwa, indem ich die ADANO-Tagung organisieren musste. Dafür hat mich mancher damals belächelt. Aber für mich war diese Aufgabe ein großes Glück, weil ich durch sie all den historischen Größen der Audiologie noch begegnet bin und von ihnen auch sehr viel lernen durfte. Und wir haben anhand des CI-Archivs von Professor Lehnhardt die Basis für unsere Datenbank geschaffen. Das war der Beginn einer großen Faszination, die ich bis heute habe. Ich bin immer noch fasziniert, wenn ein vierjähriges Kind, das vor dreieinhalb Jahren implantiert wurde, auf mich zukommt und mit mir redet. Und ebenso, wenn eine Mutter kommt, die mit ihren Hörgeräten nie zurechtkam und nun seit zwei Jahren gut mit Cochlea-Implantaten versorgt ist; wenn sie mir sagt, dass ihr Leben nun schöner und leichter ist, und sich fragt, warum sie das nicht eher gemacht hat. – Wobei natürlich auch heute nicht alle Patienten glücklich und zufrieden sind. Das ist es ja, was uns antreibt. Das motiviert auch die jungen Mitarbeiter, die hier im Hörzentrum anfangen.

 

Herr Professor Lenarz, Sie sprachen schon über den interdisziplinären Ansatz, mit dem die CI-Versorgung in Hannover begann. Wie wurde dieser Ansatz fortgeführt?


Thomas Lenarz: Ein wichtiger Punkt war, dass es nicht allein darum geht, dass sowohl der Chirurg als auch der Audiologe und der Pädagoge wichtig sind. Ob bei der Auswahl der Patienten, bei der Therapie oder in der Nachsorge – in Hannover haben alle bei jedem Schritt zusammengearbeitet. Dadurch wurden bestimmte Benchmarks gesetzt, die wir dann weiterentwickelt haben – etwa durch Messungen während der Operation, ebenso bei Anpassung und pädagogischem Konzept. Da wurden Standards gesetzt, die sowohl in Deutschland als auch weltweit von anderen übernommen wurden. Sicherlich gibt es heute auch andere Versorgungsformen außerhalb einer Einrichtung wie dem CIC. Aber diese Entwicklungen rühren auch daher, dass die Patienten heute oft noch geeigneter sind. Und dass sich die Technologie weiterentwickelt hat und das Hören besser geworden ist. Heute haben wir Möglichkeiten wie Fernkontrolle oder Fernanpassung; Dinge, die wir hier in der MHH ebenfalls mit auf den Weg gebracht haben.

 

Welche weiteren Punkte sind im interdisziplinären Zusammenspiel entscheidend?


Thomas Lenarz: Ein zweiter Punkt sind die Experten innerhalb des Teams. Der eine kennt sich mit Hirnstamm-Implantaten aus, der andere mit Kindern oder mit Erwachsenen, wieder ein anderer mit Sprachverarbeitungsstrategien. Durch weitergehende Spezialisierung hat sich auch das Team weiter differenziert. Und die gesamte Expertise ist gewachsen. Dazu gehört gleichfalls, dass wir heute nicht mehr alles in Hannover machen, sondern ein Partner-Netzwerk haben. Die Partner übernehmen Aufgaben in der Nachsorge und sie folgen dabei bestimmten Standards – etwa bei der Einstellung oder bei der Auswahl der Tests. Damit ist sichergestellt, dass wir uns hier ebenfalls auf die Daten verlassen können – auch im Interesse der Patienten. Hinzu kommt, dass wir durch die Spezialisierungen im Team Neuerungen sehr schnell einführen können. Ein Teil unserer Ärzte ist ausschließlich im Ohren-Bereich tätig, sie machen entsprechend viele CI-Operationen und verfügen über die nötige Routine, um Neues ausprobieren zu können. Andererseits sind sie oft an der Verbesserung von Produkten beteiligt. Das gilt ebenso für unsere Ingenieure. Und es gilt nicht nur für die OP, sondern auch für Diagnostik, Anpassung und begleitende Reha.

 

Vermutlich ergibt sich die hohe Spezialisierung einzelner im Team auch aus der großen Zahl der Patienten? Inwieweit hat diese hohe Zahl es ermöglicht, dass sich Hannover ab den 1990-er Jahren immer mehr auch als Forschungsstandort etablierte?


Thomas Lenarz: Eine große Zahl an Patienten gibt immer auch Anlass zu fragen, was sich verbessern lässt. Andererseits führt sie auch zu großem Forschungsinteresse. Wir suchen nach Lösungen – und das nicht nur im OP. Wir probieren zum Beispiel am Felsenbein-Modell, wie sich ein Implantat bei der Elektroden-Insertion verhält. Das ist ein Thema, das wir nach wie vor intensiv gemeinsam mit den Firmen bearbeiten. Ebenso die Sprachverarbeitungsstrategien. Wie kann man Signale für den Hörnerv so aufbereiten, dass das Spracherkennen noch besser wird? Oder nehmen Sie die objektiven Messungen, die es anfangs noch gar nicht gab: Wie können wir Implantate überprüfen? Da wurde erst die Möglichkeit zur Messung von Impendanzen geschaffen, dann die zur Messung des Stapediusreflexes während der Operation. Irgendwann kamen NRT-Messungen, so dass man auch Nervenantworten messen konnte. Heute nutzen wir Cochleäres Monitoring (ECochG), um das Restgehör während der Operation zu schützen. Und es geht weiter in Richtung EEG-Ableitung. Dann wird das CI selbst EEGs ableiten, und dann können wir mitverfolgen, wie das Gehörte verarbeitet wird. Das wiederum kann als eine Art Closed-Loop-System genutzt werden. Dann kümmert sich das Implantat anhand objektiver Messungen sozusagen selbst darum, dass die Einstellung für den Patienten in jeder Hörsituation optimal ist. Letzten Endes führt die große Patientenzahl auch zu enger Interaktion zwischen denjenigen, die die Implantate einsetzen, die ein wissenschaftliches Interesse haben, und denjenigen, die Forschung und Entwicklung in den Firmen betreiben. Diese Interaktion ist ein wesentliches Element für Fortschritt. Und die Firmen sagen: „Zu denen gehen wir. Die haben viele Patienten, und dann bekommen wir auch relativ schnell Ergebnisse. Da können wir auch Studien mit 50 Patienten machen, die woanders wesentlich länger dauern.“ Es ist also eine Win-Win-Situation.

 

Wenn es darum geht, die Indikation zu erweitern, müssen zuerst einmal Kostenträger überzeugt werden. Inwieweit hat Hannover eine Rolle gespielt, wenn es darum ging, Grenzen der Indikation zu verschieben? Und wie kommt es überhaupt zu neuen Indikationen?


Anke Lesinski-Schiedat: Motor jeder Indikation ist die Frage: Was kann man besser machen? Das heißt, eigentlich ist der Patient die treibende Kraft. Charakteristisch ist, dass gut informierte Patienten – Erwachsene oder auch Eltern von Kindern – kommen und sagen: „Ich habe gehört, da gibt es was. Hilft mir das auch?“ Bei uns sind das sehr oft Patienten, die außerhalb der üblichen Indikation liegen, und bei denen wir uns dann sagen: „Eigentlich hat er Recht. Könnten wir das nicht? Haben wir da eine Idee? usw.“ Hinzu kommt die eigene Erfahrung mit dem, was wir gestern getan und erlebt haben, und was uns eventuell nicht zufriedenstellte, weil es hinter unseren Erwartungen blieb. - Das heißt, es geht um eigene Erfahrung und um die Patienten. Und es klingt jetzt vielleicht etwas nach Beweihräucherung von Hannover, aber ich glaube, es gibt tatsächlich nur sehr wenige Kliniken, die wie wir ehrlich, neugierig und – im positiven Sinne – ehrgeizig versuchen, ihre vielen Erfahrungen systematisch für weitere Entwicklungen zu nutzen. Es gibt nämlich keine Entwicklung, wenn ich zwar 100 CI implantiere, diese Erfahrungen jedoch nicht sammle. Genau dieses Sammeln hat Hannover mit großer Konsequenz getan. Denn im Grunde wissen wir bis heute nicht, was das Cochlea-Implantat wirklich ist.

 

Warum das nicht?


Anke Lesinski-Schiedat: Weil wir noch gar keine Generation mit Cochlea-Implantat über ihr gesamtes Leben mitverfolgen konnten. Es ist vieles auch heute noch nicht klar. Andererseits gibt es Ärzte, die bei uns gelernt haben, und dann lieber in die Stadt X oder Y wechseln, damit dort auch begonnen wird, Cochlea-Implantate zu operieren. Sie verkennen dabei jedoch drei Dinge. Zum einen, dass Patienten bestmöglich versorgt werden sollten, und dass ein guter Arzt allein dafür nicht ausreicht. Zum anderen verhindern sie, dass Erfahrungen mit Patienten in die Entwicklung einfließen können. Und zum Dritten verhindern sie auch, dass derjenige, der die Erfahrungen sammelt, noch Zugang zu diesen Patienten hat. Ich bin der festen Überzeugung, dass es ein großer Vorteil von Hannover und auch von Freiburg ist, dass die Erfahrungen jedes einzelnen Patienten dokumentiert werden, um sie für nachfolgende Patienten zu nutzen. Aus meiner Sicht hat das entscheidend zur Indikationserweiterung und zur Produktentwicklung beigetragen. Deshalb ist Hannover ein Ausgangspunkt für neue Indikationen weltweit. Ob das die Prozessoren betrifft oder die Frage, welche Patienten – vom Baby bis zum Senioren – implantiert werden. Ebenso bei der Elektrodenentwicklung, bei der operativen Entwicklung oder beim Erkennen von Komplikationen. Ich glaube, es gibt niemanden sonst, der seine Patienten derart akribisch sozusagen zwingt, immer wieder eigene Erfahrungen beizutragen und zu sagen, was gut oder schlecht ist. Auch das ist sehr wichtig: Nicht nur zu sagen, was schlecht war, sondern auch die Erfolge festzuhalten.


Thomas Lenarz: Eine Erweiterung in der Chirurgie, an der wir maßgeblich mitentwickelt haben, war beispielsweise die Versorgung mit kurzen Elektroden, mit denen die Strukturen der Cochlea möglichst erhalten bleiben – etwa auch bei Kindern, damit man nichts zerstört, was vielleicht für zukünftige Therapieformen gebraucht wird. Auch da haben wir eine Studie gemacht. Und es gibt zahlreiche andere Beispiele: das erwähnte Double Array, Hirnstamm- und Mittelhirn-Implantate, die Kombination von elektrischer und akustischer Stimulation. Alles Dinge, die wir schrittweise und basierend auf unseren klinischen Erfahrungen sowie den gewonnenen Daten weiterentwickelt haben, immer mit dem nötigen Verantwortungsbewusstsein. Verantwortung für die Patienten bedeutet immer, dass man nicht irgendwas ausprobiert. Sondern dass es Hand und Fuß hat, also datenbasiert und wissenschaftlich ist.


Geht es um die Zahl der CI-Träger in Deutschland, liest man seit mindestens zehn Jahren, es seien etwa 50.000. Andererseits heißt es, jährlich kämen 4.000 CI-Träger dazu. Sind diese Ungenauigkeiten damit zu erklären, dass es zwar bei Ihnen ein CI-Register gibt, aber kein bundesweites CI-Register?


Anke Lesinski-Schiedat: Ja, genau. Viele implantieren und sagen es nicht. Und den Patienten gegenüber verweisen sie auf ihre Erfahrungen; deshalb kommen die Patienten auch zu ihnen. Man könnte ja auch sagen: „Okay, wir füttern unsere gemeinsame Erfahrungsbank.“ Aber so ist es leider nicht. Und ich finde das den Patienten gegenüber nicht richtig und ungerecht. Es wird Qualität behauptet, die nicht existiert, weil sie nicht erfahrungsbasiert ist.

 

In den 1980-ern wurde sehr viel Know-how zur Cochlea-Implantation von Hannover an andere Standorte transferiert. Gab es das in den 1990-ern auch noch? Oder gab es eher schon den Vorsatz, die Strukturen der Versorgung nicht ausufern zu lassen?


Thomas Lenarz: Der Wissenstransfer setzt sich bis heute fort. Zum einen haben wir viele Leute ausgebildet, die dann woanders hingegangen sind – innerhalb Deutschlands oder in andere Länder. Zudem kommen auch weiterhin Gäste zu uns. Anfang der 1990-er gab es immer noch richtige Cochlea-Implantat-OP-Kurse. Daraus wurde dann das „Otology Update“, bei dem wir Besuchern das Spektrum unserer Operationen vorstellen. Wir zeigen, wie wir es machen, und lassen sie machen. Das ist bis heute geblieben. Natürlich gibt es mittlerweile auch in anderen Ländern viel mehr Zentren, die gut sind und Benchmarks setzen. Aber ich kann mich noch gut daran erinnern, dass die Niederländer zu uns kamen. Sie hatten anfangs nur zwei Zentren in Nijmegen und Utrecht, hatten auch noch keine Kinder operiert, und wollten sich das alles bei uns angucken. Dänemark und Norwegen ebenso. Es ist heute insofern anders, dass es in den Ländern selbst nationale Zentren gibt. Aber es kommen nach wie vor viele Kollegen, um sich bei uns neue Dinge anzusehen. Der Transfer geht also weiter. Und das zeigt ja auch, dass man ein Maßstab ist.


Anke Lesinski-Schiedat: Ich muss ehrlich sagen, dass ich da schon in den 1990-ern anderer Meinung war als Professor Lenarz. Ich kann mich noch an eine Kooperation erinnern, bei der ich ihn kritisch begleitet habe. Ich weiß nicht, ob ich da schon Oberärztin war; auf jeden Fall war ich längst nicht so erfahren wie er. Er hat im Rahmen dieser Kooperation an einer anderen deutschen Klinik ausgebildet. Ich hingegen meinte, dass wir aus dieser Region zukünftig keine Patienten mehr bekommen werden, weil diejenigen, die er geschult hat, dortbleiben werden. Genau so kam es auch. Ich denke, die Ärzte in Deutschland – und damit meine ich alle, auch uns – haben ein generelles Problem: Hinsichtlich unserer eigenen medizinischen Qualität fehlt es uns an einer kritischen Kultur. Aus meiner Sicht hat das etwas damit zu tun, dass wir dank der Gesetzlichen Krankenkassen Medizin konsumieren dürfen. Das ist in anderen Ländern nicht so. Ich glaube, dass wir eine andere Kultur bzw. ein selbstkritischeres Verhältnis zur eigenen Arbeit brauchen. Ich verstehe, dass Professor Lenarz in seiner Position anders agiert und bei solchen Anfragen nicht Nein sagt. Doch in meiner Position in der zweiten Reihe finde ich, dass man die fehlende Selbstkritik von uns Ärzten respektvoll, aber doch klar ansprechen muss. Und ich halte es für ein wirkliches Desaster, dass wir in Deutschland so viele CI-Standorte haben.



Aktuell sollen es bundesweit mehr als 120 sein. Was halten Sie davon, Herr Professor Lenarz?


Thomas Lenarz: Das ist sicherlich nicht gut. Wir haben zwar nach wie vor eine Unterversorgung. Noch immer werden in Deutschland nur etwa fünf Prozent der Menschen versorgt, die von einer guten CI-Versorgung profitieren könnten. Aber eine solche gute Versorgung ist nur möglich, wenn die Klinik eine Mindestmenge an Patienten hat. Andernfalls entwickelt man keine Routine. Und man kann nicht die erforderliche Infrastruktur vorhalten, weder personell noch operativ noch sonst wie. Eine Cochlea-Implantation ist ein typischer Eingriff für eine Mindestmenge. Für so einen Eingriff lassen sich klare Standards definieren – auch mit Blick auf die erforderliche Patientenzahl. Die lässt sich ganz einfach ausrechnen: Wenn ich pro Woche ein CI implantiere, dann sind das bei einem Operateur 50 pro Jahr. Und wenn es zwei Operateure gibt, dann macht das 100. Alles, was unter dieser Grenze liegt, kann unter Umständen schon problematisch werden. Denn es kommen eben auch die Spezialfälle – das Kind mit Missbildungen, die Obliteration. Und was mache ich dann, wenn ich keinerlei Erfahrungen habe?! Wir könnten Bücher über Fälle schreiben, bei denen wir hier in Hannover die Fehler von Kollegen korrigiert haben. Und man muss es klar sagen: Nicht immer ist es dann noch möglich, ein optimales Ergebnis zu erreichen. Wenn es erstmal versaut ist, ist es versaut.

 

Lassen Sie uns bitte nochmals zu den Anfängen der CI-Versorgung wechseln: In den 1980-er Jahren gab es starke Ressentiments gegenüber dem Cochlea-Implantat, und zwar sowohl von Seiten der Gehörlosen als auch von Ärzten und Pädagogen. Inwieweit gab es das in den 1990-ern auch noch?


Thomas Lenarz: Es stimmt, anfangs gab es starke Angriffe gegen das Team in Hannover, und zwar von allen genannten Seiten. Ich habe das damals miterlebt. Aber das legte sich, als die Erfolge sichtbar wurden, und insbesondere, als die Patienten bzw. deren Eltern in den Ring stiegen. Die haben dann erklärt: „Was da erzählt wird, stimmt nicht. Wir haben unser Kind implantieren lassen. Und jetzt kann es eine normale Schule besuchen …“ In Deutschland gab es sicherlich einen Vorteil. Es gab hier nie die starke Gehörlosenkultur, die es in vielen anderen Ländern gibt. Das hat historische Ursachen.

 

Sie sehen hier einen Zusammenhang zu den unterschiedlichen Konzepten, die Abbé de L'Epée und Samuel Heinicke im 18. Jahrhundert einführten? 


Thomas Lenarz: Durchaus. In der Hörgeschädigten-Pädagogik gab es die Dichotomie zwischen dem französischen und dem deutschen Weg. Frankreich setzte traditionell stark auf Gebärdensprache. Während man in Deutschland auf das Konzept von Samuel Heinicke setzte – also lautsprachlich orientiert. In den Ländern, die traditionell vom französischen Weg geprägt sind, waren die Widerstände gegen das CI deutlich größer als dort, wo traditionell die lautsprachliche Ausrichtung vorherrschte. Aber Widerstände gab es natürlich auch bei uns. Sie betrafen meinen Vorgänger noch mehr als mich. Aber es gab Presse- und Fernsehbeiträge. Und Bodo Bertram und ich sind mitunter beschimpft und regelrecht bedroht worden. Irgendwann hatte sich das weitgehend von selbst erledigt. Trotzdem bleibt es auch diesbezüglich wichtig, dass man eine kritische Indikationsstellung beibehält und nicht wahllos CI implantiert. Wenn man nicht die erwarteten Ergebnisse erzielt, weil man grundlegende Dinge nicht beachtet, gibt es immer die Gefahr, dass dadurch die ganze Therapie in Misskredit gerät. So etwas gibt immer den Kritikern Recht.

 

Haben Sie auch mal erwachsene Gehörlose implantiert, wenn diese das unbedingt wollten?


Thomas Lenarz: Auch das haben wir mal gemacht. Wobei immer die Frage ist, ob sie wirklich komplett gehörlos sind. Haben sie nie gehört, nie Hörgeräte und nie Lautsprache genutzt, immer nur die Gebärdensprache? Oder konnten sie minimale Hörreste nutzen? Das macht einen großen Unterschied. In sehr geringen Zahlen haben wir solche Versorgungen vorgenommen. Meist, weil sich der Patient in einer besonderen Situation befand, in der das Hören – also nicht das Sprachverstehen – für ihn wichtig war. Aber gepusht haben wir solche Versorgungen nie. Das wäre auch nicht gerechtfertigt.


Anke Lesinski-Schiedat: Die damaligen Ressentiments der Gehörlosen gegenüber dem CI hatten auch mit einer falschen Erwartungshaltung zu tun. In den 1980-er Jahren war ihre Erwartungshaltung ganz oben und die Realität ganz unten. Die Gehörlosen, die heute zu uns kommen, die selbst kein auditives Sprachverstehen haben, aber vielleicht hörende Kinder mit CI haben, die kommen mit ganz anderen Erwartungen. – Sie erwarten nicht, einen Radiosprecher verfolgen zu können, sie erwarten überhaupt kein Sprachverstehen. Aber sie wollen das Babyphone hören … – Wer diese Erwartung hat, wird auch nicht enttäuscht. Damals hingegen führte die Kluft zwischen Erwartung und Realität dazu, dass sich die Kritiker bestätigt sahen: „Siehst du, habe ich doch gleich gesagt.“ Und die Emotionen auf beiden Seiten verhinderten, dass man in aller Ruhe geredet und Erfahrungen ausgetauscht hat.

 

Sie geben mir das Stichwort: Der Hannoversche CI-Kongress ist seit vielen Jahren eine wichtige Plattform für den Austausch – für alle an der Versorgung beteiligten Berufe, ebenso für Patienten und interessierte Öffentlichkeit. Wie kam es zum Kongress und wie haben Sie ihn weiterentwickelt?


Thomas Lenarz: Als ich in Hannover anfing, haben wir relativ früh begonnen, Veranstaltungen zu organisieren, auf denen wir vorstellten, was wir tun. Zuerst ging es nur darum, möglichst viele Leute zu informieren. Doch mit der Zeit entwickelte sich dieses Forum. Wir haben dann bewusst auch Externe eingeladen und uns gesagt: „Wir stellen uns nicht nur der Diskussion mit den Patienten, sondern auch der mit anderen Experten.“ Dazu gehörte es, kritisch zu diskutieren. Auch das war sicherlich ein Grund, warum der Kongress zu dem Forum wurde, das er heute ist. Dass Ingenieure und Audiologen, Ärzte, Pädagogen und Patienten gemeinsam die neuen Entwicklungen besprechen. Wir zeigen, was wir neu gemacht haben. Und wir diskutieren auch, ob Entwicklungen in die richtige Richtung gehen, und sehen, wie die Akzeptanz ist. Da ging es zum Beispiel um das Thema Telemedizin. Für viele ältere Patienten ein Unding. Die sagen: „Wenn ich was mit meinem Implantat hatte, bin ich immer nach Hannover gefahren; und jetzt soll ich das plötzlich aus der Ferne machen?!“ Bei dieser Diskussion zeigte sich, dass die verschiedenen Generationen von CI-Trägern tatsächlich unterschiedliche Ansprüche und vielleicht auch Erwartungen haben. Die Firmen waren natürlich auch von Beginn an bei den Kongressen dabei. Das gab uns die Möglichkeit, die neuesten Entwicklungen der Hersteller dort gleichfalls zu präsentieren – und dazu die entsprechenden Daten, die wir und andere erhoben hatten. Es gehört zur Transparenz, dass man über die Dinge spricht, das Positive und auch eventuelle Komplikationen benennt. Das ermöglicht der Kongress. Ebenso ermöglichen das unsere Jahresberichte, die online abrufbar sind. In denen steht, wie viele Stückzahlen von welchem Hersteller wir implantiert haben usw. Wie Frau Lesinski-Schiedat schon sagte, wir möchten, dass sich die Patienten und auch andere ein realistisches Bild machen können.


Anke Lesinski-Schiedat: Eine Besonderheit des Kongresses ist aus meiner Sicht auch, dass wir immer thematische Schwerpunkte setzen – und damit auch ein Benchmark. Das heißt, auch hier konzentrieren wir uns wieder. Wir berichten über unsere Erfahrungen. Gleichzeitig versuchen wir ein Tor aufzureißen. Und wir haben immer darauf geachtet, dass alle vier Seiten beteiligt sind: Patienten und Ärzte, Audiologen und Pädagogen; und dass auch die Firmen respektiert und inkludiert sind. Alle gleichberechtigt an einem Tisch, und alle profitieren voneinander. Das ist die Besonderheit. Das zeigen auch die Rückmeldungen, die wir bekommen.

 

Eine wichtige Plattform für die Patienten ist insbesondere auch die Selbsthilfe. Professor Lehnhardt hatte in den 1980-ern die Gründung der Deutschen Cochlea Implantat Gesellschaft (DCIG) initiiert. Jahre später kam es auch noch zur Gründung der Hannoverschen Cochlea-Implantat Gesellschaft (HCIG). Kennen Sie die Hintergründe?


Thomas Lenarz: Genau weiß ich es auch nicht. Auf jeden Fall sind die Patienten unsere wichtigsten Partner. Ich würde sagen, sie sind unsere kritischen wohlgesonnenen Partner. Und sie brauchen ihre eigenen Vereinigungen, in denen sie Themen bearbeiten, die wir Profis gar nicht bearbeiten könnten. Das war der Grund, warum damals die DCIG hier in Hannover als Interessenvertretung gegründet wurde. Irgendwann gab es dann von Seiten der Patienten den starken Wunsch, auch noch eine Struktur zu haben, zu deren Identität die Anbindung an Hannover gehört. Das führte zur Entstehung der Hannoverschen Cochlea-Implantat Gesellschaft (HCIG), für deren Gründung damals insbesondere Herr Berghaus maßgeblich war. Ich denke, heute haben beide Organisationen ihre Berechtigung. Auch wir bekommen hier sicherlich wertvollen Input.

 

Noch eine Frage an Frau Professor Lesinski-Schiedat: Vorhin wurde bereits Ihr Partner-Netzwerk erwähnt. Hier arbeiten Sie mit zahlreichen Hörakustikern zusammen, die eine wohnortnahe CI-Nachsorge absichern. Wie hat sich diese Zusammenarbeit entwickelt?


Anke Lesinski-Schiedat: Da ging es anfangs um das Verhältnis von Cochlea-Implantat und Hörgerät. Lange Zeit bestand die Auffassung, dass Patienten mit Cochlea-Implantat nicht zugleich auf dem anderen Ohr ein Hörgerät tragen sollten. Warum das so sein muss, habe ich nie verstanden. Folge dieser Auffassung war jedoch auch, dass der Hörakustiker ab dem Zeitpunkt einer CI-Versorgung für diesen Patienten nicht mehr zuständig war. Er hatte diesen Patienten bzw. seinen Kunden sozusagen an uns verloren. Ich weiß noch, wie ich Ende der 1990-er mit einer unserer Pädagoginnen, die zuvor Hörakustiker gelernt hatte, darüber sprach. Wir hatten nämlich den einen oder anderen Patienten, der doch beides nutzte. Und wir stellten fest, dass das ab einer bestimmten Hörschwelle durchaus Vorteile bringt. Dann stellten wir auch noch fest, dass wir implantieren können, ohne dabei das Restgehör zu zerstören. Es stellte sich also die Frage, ob wir diese Patienten nicht gemeinsam mit den Hörakustikern versorgen könnten.

 

Sie sind dann auf die Akustiker zugegangen?


Anke Lesinski-Schiedat: Zuerst einmal mussten wir – ganz ähnlich wie bei den Gehörlosen – Vertrauen aufbauen. Die Hörakustiker mussten verstehen, dass es uns nicht darum geht, ihnen was wegzunehmen. Gelungen ist uns das einerseits durch unsere Neugier, und zum anderen durch unseren ersten, sehr guten Kooperationspartner, die Firma Bruckhoff. Von Heiner und Kerstin Bruckhoff habe ich damals extrem viel gelernt, auch über Pädakustik und den Umgang mit hörgeschädigten Kindern. Und ich habe das Hörakustiker-Handwerk ein bisschen verstanden. Durch diesen persönlichen Kontakt und durch Neugier entwickelte sich Vertrauen. Inzwischen sind wir regelmäßig Gäste beim Kongress der Europäischen Union der Hörakustiker (EUHA), und wir dürfen uns dort auch einbringen. Gemeinsam mit Frau Keil-Becker, der EUHA-Vizepräsidentin, biete ich dort seit mehreren Jahren CI-Workshops an.



Wie arbeiten Sie heute mit Ihren Hörakustik-Partnern zusammen?


Anke Lesinski-Schiedat: Durch den Kontakt und die Einblicke kam mir die Idee, dass es bei dieser Zusammenarbeit – im positiven Sinne – eine Hierarchie geben muss. – Das heißt, zuerst einmal sollten alle Hörakustiker ein Verständnis dafür haben, welche Hörsysteme es gibt – also sowohl konventionelle als auch operative Systeme. Das ist sozusagen die unterste Stufe der Hierarchie. Und auf der zweiten Stufe gibt es Hörakustiker, die zusätzlich das nötige Wissen haben, um zum Beispiel ein Kabel an einem CI-System zu tauschen oder einen Sprachprozessor zu verkaufen; sie bieten grundlegenden Service und können die Patienten auch noch besser beraten. Und Stufe drei sind die Spitzen-Hörakustiker, die auch eine CI-Einstellung machen können, weil sie sich dafür regelmäßig schulen. Das heißt, bei ihnen ist das breite Wissen. Aber auch bei ihnen ist eine Mindestmenge an Patienten wichtig. Außerdem sollten auch die Akustiker untereinander darauf vertrauen können, dass keiner dem anderen etwas wegnimmt. Die Art und Weise, wie wir zusammenarbeiten, haben wir gemeinsam mit den Hörakustikern entwickelt. Das zeigt auch, wie eng die verschiedenen Hörversorgungen mittlerweile verzahnt sind, weil es einfach Sinn macht. Und es macht mir großen Spaß. Die Patienten profitieren davon. Und für uns als Klinik ist wichtig, dass die Patienten auch in ihrer Heimat versorgt werden können. Dafür nutzen wir Telemedizin, was wir schon lange vor Corona etabliert hatten – in einer Form, die auch bei Senioren funktioniert. Und wir erklären es den Patienten bereits, bevor sie zu uns kommen. Auch sie sollen vertrauen – und zwar nicht nur unserer medizinischen Versorgung, sondern auch unserem Konzept der Nachsorge.


Professor Lenarz: Ich stimme dem völlig zu. Wichtig ist, dass wir die Hörakustiker dazu befähigen, ihren Part im Prozess der CI-Versorgung zu übernehmen. So kommen wir auch weg von dieser Vorstellung „entweder oder“ und von Aussagen wie: „Wir haben gar keine Leute mit Indikation für ein CI.“ Denn das stimmt ja nicht. Jährlich werden Zehntausende Patienten mit Hörverlust nach der Definition WHO4 mit Hörgeräten versorgt. Im Prinzip besteht bei all diesen Menschen die Indikation für das Cochlea-Implantat. Das heißt, sie wären nach heutigem Stand damit besser versorgt. Sie dahin zu bringen, können wir nur gemeinsam mit den Hörakustikern erreichen. Dafür brauchen wir diese Partnerschaft. Von der müssen alle drei Seiten – der Patient, wir als Klinik und ebenso der Hörakustiker –profitieren. Das zu erreichen, ist nicht einfach. Aber wir müssen es schaffen, weil das für viele Patienten eine erhebliche Verbesserung ihrer Kommunikationsfähigkeit und ihrer Lebensqualität bedeutet.

 

Schätzungen gehen davon aus, dass es in Deutschland noch erheblich mehr Menschen mit Cochlea-Implantat geben würde, wenn der Großteil derjenigen mit CI-Indikation auch versorgt würde. Die Rede ist von einer Million und mehr. Ist diese Zahl realistisch?


Professor Lenarz: Durchaus. Dafür müssen wir nur die Zahl der Hörgeräte nach WHO4 nehmen, die hierzulande jährlich abgegeben werden. Das sind derzeit etwa 70.000. Das sind alles Patienten, die bereits die Indikationskriterien aus dem Jahr 2000 erfüllen; mittlerweile haben sich diese Kriterien sogar noch weiter nach unten verschoben. Es geht um Menschen, die ihre Hörsituation mit Hörgeräten nicht mehr verbessern können, weil einfach nichts mehr da ist, was diese Geräte noch verstärken könnten. Auch wenn man ihnen 120 Dezibel aufs Ohr gibt, hilft es ihnen nicht mehr. Also müssen wir sehen, wie wir es ändern. Und das geht nur gemeinsam.

 

Herr Professor Lenarz, Frau Professor Lesinski-Schiedat, vielen Dank für das interessante Gespräch.

 

* vgl. Rolf-Dieter Battmer, Gerard M. O’Donoghue and Thomas Lenarz, A Multicenter Study of Device Failure in European Cochlear Implant Centers, EAR & HEARING, April 2007 sowie Rolf-D. Battmer, Birgit Linz und Thomas Lenarz, A Review of Device Failure in More Than 23 Years of Clinical Experience of a Cochlear Implant Program With More Than 3,400 Implantees, Otology & Neurotology 2009 und Rolf-Dieter Battmer, Douglas D. Backous, Thomas J. Balkany u. a., International Classification of Reliability for Implanted Cochlear Implant Receiver Stimulators, Otology & Neurotology, 2010