Von Martin Schaarschmidt (Cochlear) / Fotos: BEcker Hörakustik/Schaarschmidt
»Wir wollten nicht mehr an den Punkt kommen, an dem wir nicht mehr helfen können.«
In den Anfangsjahren der CI-Therapie standen Hörgerät und Cochlea-Implantat (CI) für geradezu gegensätzliche Formen der Hörtherapie. Wer ein CI bekam, nutzte kein Hörgerät – auch nicht auf dem anderen Ohr. Für die Betreuung waren nach der CI-Operation nicht mehr Hörgeräteakustiker zuständig, sondern Arzt und Audiologe in der Klinik. Nur eine kleine Zahl engagierter und innovativer Hörakustik-Unternehmen sah das Potential der neuartigen Therapie und begann zudem, sich auch in diesem Bereich zu engagieren. Ein Weg, der nicht nur Ideenreichtum und Leidenschaft verlangte, sondern auch einen langen Atem beim Überwinden von Hindernissen und Vorurteilen. Mehr erfuhren wir von Hörakustikmeisterin Eva Keil-Becker und Hörakustikmeister Stefan Saul von der BECKER Hörakustik in Koblenz.

Frau Keil-Becker, Herr Saul, die Becker Hörakustik ist eines von sehr wenigen Hörakustik-Unternehmen, die bereits in den frühen 90er Jahren das Thema Cochlea-Implantate für sich entdeckten; und Sie sind heute mehr denn je auch in diesem Bereich aktiv. Wie begann dieses Engagement?
Eva Keil-Becker: Entscheidend war wohl, dass es bei uns im Unternehmen schon damals keinerlei Denkverbote gab. Für unser Handwerk war das CI vor 30 Jahren absolutes Neuland. Initiator für die Beschäftigung mit diesem Thema war Stefan Saul, unser Hörakustikmeister in Neuwied.
Stefan Saul: Als Hörakustiker war es schon viele Jahre meine Aufgabe, die Schülerinnen und Schüler der Landesschule für Gehörlose und Schwerhörige (LGS) zu betreuen. Ich habe Hörgeräte angepasst und gegebenenfalls repariert, damit die Kinder bestmöglich versorgt sind. Das lag mir schon damals am Herzen. Und umso schrecklicher fand ich es, wenn ich erleben musste, dass ich diesen Kindern nicht mehr helfen konnte. Ich nahm die stärkste Technik, fertigte Ohrpassstücke mit super langen Gehörgangszapfen … Es half nicht mehr. Doch dann gab es erste Kinder mit dem Nucleus Cochlea-Implantat in Neuwied. Das muss so 1989/90 gewesen sein. So fing es an.
Zu dieser Zeit gab es in Fachkreisen – etwa auch unter den Pädagogen – erhebliche Vorbehalte gegen das CI. Wie haben Sie die neue Technologie damals erlebt?
Stefan Saul: Diese Vorbehalte haben wir natürlich auch wahrgenommen. Und als wir mit Cochlea-Implantaten begannen, fanden das viele total abgedreht. „Was macht Ihr denn da für komische Sachen?! Das setzt sich doch sowieso nicht durch und ist irgendwann wieder weg.“ Aber ich fand das Thema spannend und offen gesagt unglaublich berührend. Ich dachte: „Mensch, da gibt es jetzt etwas, was nach dem Hörgerät kommt! Und was diese Kinder akustisch wieder zurückholt!“ In der Pädaudiologie der LGS in Neuwied war ich vor dieser Zeit als Zivildienstleistender regelmäßig im Einsatz. Da nutzten wir noch den Phonator.
Was war das?
Stefan Saul: Ein Gerät der Firma Siemens, das man am Arm des Kindes befestigte, und das Schall in Vibrationen umwandelte. Mit diesem Gerät hatten wir damals noch Lautsprachübungen gemacht … Und dann kamen plötzlich die Implantate. Das war unglaublich. Auf einmal war es doch möglich, das Gehör dieser Kinder weiter zu fördern. 1991 konnten wir dann mit dem Ersatzteil-Service beginnen. Die meisten der Kinder waren natürlich in Hannover operiert worden, weil die Klinik ja federführend war. Das hieß jedoch, schon wenn ein Kabel kaputt ging, mussten die Kinder zurück nach Hannover, denn wir konnten ihnen nicht helfen. Also suchten wir den Kontakt zu den Firmen – zu Cochlear und zu MED-EL.
Eva Keil-Becker: Wir kontaktierten Cochlear in Hannover und die Geschäftsführung Basel und sie stellten uns verschiedene Dinge zur Verfügung, Mikrofonkabel usw. Die Patienten bekamen von Cochlear gesagt: „Wenn ihr die und die Probleme habt, dann spart euch die 300 Kilometer Fahrt und geht zu Becker.“ Bei Cochlear waren sie froh, dass sie jemanden in unserer Ecke hatten. Vermutlich hat dabei eine Rolle gespielt, dass ein guter Service bei Kindern besonders wichtig ist. Gerade bei den Kindern gab es in den Anfangsjahren häufiger Reparaturen. Sie haben sich bewegt, sind nur mal unglücklich hängen geblieben oder irgendwo gegen gestoßen, und plötzlich hörten sie nichts mehr. Ergebnis unserer CI-Betreuung war auch, dass wir immer noch mehr übernehmen wollten. Also nicht nur defekte Kabel wechseln, sondern die Träger von Cochlea-Implantaten so weit wie möglich ganzheitlich betreuen. Wir wollten zum Beispiel auch Tests mit den Sprachprozessoren durchführen können, um Störungen schnell zu erkennen. Und vor allem wollten wir fundiertes Wissen. Das bekam man nämlich nicht so leicht. Wir haben nicht lockergelassen und sind von Pontius zu Pilatus. Mittlerweile waren auch andere in unserem Team mit dem CI-Thema infiziert. Wir erlebten ja schließlich mit, wie weit die Kinder mit ihren Implantaten kamen – mit dem Nucleus 22 Implantat und dann auch mit dem COMBI 40 von MED-EL.
Cochlear und MED-EL waren die beiden Hersteller, deren Implantate an der Schule vertreten waren?
Stefan Saul: Anfangs war das so.
Eva Keil-Becker: Unsere Aufgeschlossenheit und unser Engagement waren wohl die Gründe, dass die Hersteller uns gegenüber offener wurden. Die merkten, dass es uns ernst war. Dass wir Arbeit und Zeit investieren wollten. So kamen wir immer tiefer in die CI-Szene rein.
Stefan Saul: Es bewegte sich oft sehr langsam, doch wir kamen vorwärts. Ein paar Jahre später ging es um das Programmieren der Sprachprozessoren. Zuerst war das nicht so gewünscht. Wir hatten jedoch viele Kinder, deren Prozessoren immer mal Störungen hatten. Dann bekamen wir eines Tages Besuch vom Geschäftsführer von MED-EL, der uns nicht nur vier, fünf Leihprozessoren überreichte, sondern auch ein Gerät, das nur ganz wenige bekamen. In dieses Gerät steckte man die defekten Taschenprozessoren ein. Dann konnte man deren Map auf einen Zwischenspeicher kopieren, um sie anschließend ins Leihgerät zu geben. Das war ein unheimlicher Fortschritt. Wir konnten den Kindern helfen, und MED-EL war auf der sicheren Seite, weil wir die Map zwar übertragen, jedoch noch nicht in die Programmierung eingreifen konnten. Wir sind immer wieder auf die CI-Hersteller zugegangen. Ich stand damals sogar mal im Briefkontakt mit Frau Professor Hochmair, die Mitgründerin von MED-EL. In der Berufsbildenden Schule in Neuwied betreuten wir einen jungen Patienten aus Österreich, der das erste einkanalige Implantat aus Wien trug, mit einem HdO-Sprachprozessor COM3 mit Viennatone-Gehäuse. Das war eine Lösung, die das Ehepaar Hochmair schon Jahre vor der Gründung von MED-EL entwickelt hatte. Der junge Mann kam zu uns, weil sein Gerät kaputt war. Es ging immer wieder um Vertrauen. Später haben die Hersteller auch Anregungen von uns aufgegriffen. Eine Anregung war, dass das CI-System die Verstärkung beim Aufsetzen leicht verzögert und innerhalb weniger Sekunden „hochfährt“. Früher bekam man nämlich gleich die volle Leistung. Die Leute erwachten morgens, hatten die ganze Nacht nichts gehört und dann gleich alles auf einen Schlag … Wir wussten, dass das bei akustischen Hörgeräten viel komfortabler geht. Warum sollte es beim CI anders sein?!
Wie bereits angesprochen, haben viele Pädagogen an den Gehörlosenschulen das CI anfangs nicht gerade mit Wohlwollen aufgenommen. Wie haben Sie solche Vorbehalte erlebt?
Stefan Saul: Es gab ein paar Lehrer in der Schule, die klare Befürworter waren, und die Entwicklung, die die CI-Kinder nahmen, auch anerkannten. Ich erinnere mich aber auch an eine Lehrerin, die mir immer wieder erklärt hat: „Das taugt nichts.“ Später sagte sie, sie hätte sich geirrt. Die Diskussionen in den Schulen waren damals kontrovers. Man muss jedoch auch berücksichtigen, dass das CI die Gehörlosenpädagogik tatsächlich völlig umgeschrieben hat. Davor gab es lautsprachliche Bildung – mit dem Phonator und all diesen Hilfsmitteln. Die Kinder hatten Spiegel und übten Mundbild. Sie saßen auf Holzstühlen, damit die Vibrationen des Phonators besser auf den Körper übertragen wurden. Und es wurde Vokaltraining gemacht: A, O, U. Das Kind musste das dann am Mikrofon nachsprechen.
Eva Keil-Becker: Wir haben uns immer bemüht, aufzuklären und zu informieren – auch in Richtung Schule. Wir haben zum Beispiel den damaligen Leiter des Cochlear Implant Centrums in Friedberg, Professor Diller, eingeladen und in der Aula des Schulgebäudes einen spannenden Vortrag zur CI-Rehabilitation organisiert. Fachleute und Interessenten kamen, der Saal war brechend voll. Sogar Fernsehen und Rundfunk waren dabei.
Sie erwähnten, dass es Ihnen wichtig war, sich zu qualifizieren. Welche Angebote gab es dafür?
Stefan Saul: Wir fragten damals bei den Herstellern an, ob es nicht einen Kurs gibt, den wir belegen könnten. Wir gehörten dann zu den ersten, die von Cochlear eine Einladung erhielten. Den Ordner mit den Kursunterlagen habe ich noch. Es ging um den Spectra 22 Sprachprozessor, der 1994 auf den Markt kam. Im Kurs lernten wir, wie man den Prozessor, das Mikrofon und die Sendespule prüft, wie man die Telefonschleife einsetzt, wie wichtig externe Audioquellen sind und was man beim Umgang mit CI-Trägern beachten sollte. Und es wurde erwartet, dass man sich hinsetzt und lernt.
Es wurde geprüft, ob Sie gelernt haben?
Stefan Saul: Ja. Die CI-Hersteller waren sehr kritisch bei der Auswahl von Partnern – zurecht, wie ich finde. Bis wir so weit waren, dass wir die Implantate auch anpassen durften, vergingen etliche Jahre. Dann fuhren Frau Keil-Becker und ich gemeinsam mit Cochlear Mitarbeitern zur Uni-Klinik nach Mainz zu Professor Maurer und Professor Mann. Wir bekamen das Fitting gezeigt und hatten danach gleich die erste Patientin, die wir bereits gut kannten. Wir hatten sie schon viele Jahre betreut, ihr jedoch mit Hörgeräten nicht mehr helfen können. Nun betreuten wir sie in der CI-Nachsorge. Im Vergleich zur heutigen Software konnte die Software in den 90igern nur von Leuten bedient werden, die wirklich vorsichtig waren. Vorsichtigkeit zählt natürlich immer noch; der Hörnerv wird ja auch heute noch direkt mit Strom stimuliert. Aber damals gab es vieles noch nicht, was heute selbstverständlich ist, ID-Codes zum Beispiel. Wenn sich etwa an der Gehörlosen-Schule zwei Kinder, die beide mit Cochlear hörten, gesagt haben: „Komm, hör mal in mein CI! Und wie klingt denn deins?“, dann konnte so ein Prozessortausch bei einer sehr hohen Stimulationsrate auch mal schmerzhaft enden. Genauso musste man bei Reparaturen darauf achten, dass beide Seiten sauber voneinander getrennt werden, damit nichts passiert.

Mit welchen Kliniken haben Sie zusammengearbeitet?
Eva Keil-Becker: Anfangs mit Hannover, dann kam Mainz hinzu. Um die Jahrtausendwende begann Dr. Jacob am Bundeswehrzentralkrankenhaus (BwZrKhs) in Koblenz ebenfalls mit CI-Implantationen. Und dann ging es Schritt für Schritt weiter. 2003 gründeten wir zusammen mit dem BwZrKhs das CI-Centrum Rhein-Mosel-Lahn. Und heute haben wir sehr viele Kooperationen – Bonn, Frankfurt, Würzburg, Trier usw. Mitunter kommen Kliniken auch auf uns zu.
Wie muss man sich die Anfänge der Zusammenarbeit vorstellen? Gab es schriftliche Vereinbarungen, die Sie mit den Kliniken getroffen haben?
Stefan Saul: Es gab zunächst keine Verträge, aber saubere, klare Absprachen.
Eva Keil-Becker: Wir hatten Vereinbarungen mit den Herstellern. Und die Kliniken stellten schnell fest, dass unsere Einbindung Sinn macht, und dass wir ihnen nicht die Butter vom Brot nehmen, sondern mit unserem Fachwissen für Entlastung sorgen.
Dass es für die Kliniken praktisch war, kann ich mir vorstellen. Aber was sagten Ärzte und Ingenieure dazu, dass Sie als Gesundheitshandwerker auch mit im Spiel waren?
Eva Keil-Becker: Da gab es durchaus viel Gegenwind. Den gab es auch vor zehn Jahren noch. Wenn wir als Hörakustiker einluden, um Interessenten über das CI zu informieren, haben sich bei manchen Ärzten die Nackenhaare aufgestellt. Ich denke, dass die Vorbehalte auf Seiten der Ärzte und Ingenieure manche Hörakustiker davon abhielten, sich für das CI einzusetzen. Manch ein Kollege war vorsichtiger als wir. Aber wir wollten einfach nicht an den Punkt kommen, an dem wir unseren Kunden sagen: „Ab jetzt können wir nichts mehr für Sie tun.“ Und wir hatten schon immer den Grundsatz: Wenn etwas für unsere Kunden gut ist, dann machen wir es. Auch wenn andere meinen, so was dürfte es gar nicht geben.
Stefan Saul: Wobei wir nicht einfach gesagt haben: „Wir sind jetzt zuständig.“ Sondern es war uns immer wichtig, alles von der Pike auf zu lernen, Fortbildungen zu besuchen, Referenzen zu haben. Auch wenn man uns als Handwerkern das manchmal nicht zugetraut hat. Ich erinnere mich an Schulungen, in denen man von den anderen nett begrüßt und aufgenommen wurde. Dann gab es die Vorstellungsrunde. Wir waren die einzigen Akustiker im Raum, und die Ingenieure haben erstmal die Augen verdreht; nach dem Motto: „Ob die wohl klarkommen mit dem, was wir hier besprechen werden?“ Oder ich erinnere mich an ein freundliches Gespräch mit einer Dame aus einer Klinik. Hinterher sagte sie uns: „Mit euch wollen wir erstmal nichts mehr zu tun haben, denn ihr seid ja Akustiker, also Handwerker, und keine Ingenieure.“ Das Einzige, was gegen diese Vorurteile ankam, war gutes Wissen. Daran haben wir uns gehalten. Und in den Kliniken stellten sie fest, dass unser Interesse keinesfalls vor allem finanzieller Natur ist. Offen gesagt, haben wir damals auch eher draufgezahlt als verdient. Es war eine Investition in unser Know-how und unseren Service.
Also mehr eine Investition in die Zukunft?
Stefan Saul: Ja. Wir haben vieles getan, was sich anfangs überhaupt nicht auszahlte. Wenn die Kinder der LGS im Landschulheim waren, bin ich als technischer Support hinterhergefahren, falls es erforderlich war. Oder ich bin mit den Kindern und ihren Eltern nach Mainz gefahren, um mit Erlaubnis des Arztes beim Fitting zuzuschauen. Ich habe mich den Tag über hingesetzt und mir angeschaut, wie die Kinder eingestellt wurden. Das war hochinteressant. Weil es ganz anders ist als bei Erwachsenen, die sich äußern können. Abgesehen von den Skeptikern gab es in den Kliniken aber auch damals schon Ärzte, die uns offen und wohlwollend begegnet sind. Allen voran Professor Lehnhardt, der auch zu einer Veranstaltung 1993 zu uns kam. Ebenso wie Professor Laszig aus Freiburg und Professor Plath aus Bochum.
Was meinen Sie, wie Professor Lehnhardt Ihr Engagement erlebt hat?
Stefan Saul: Ich denke, er hat gespürt, dass wir mit Herzblut bei der Sache sind. Und ich glaube, wir konnten ihn begeistern. Wir waren damals über Cochlear an ihn herangetreten. Er war ein ganz ruhiger, aufgeweckter Mensch, hatte seinen Hund dabei; der musste immer mit. Und er konnte mit Menschen umgehen, sie sicherlich auch gut führen. Das musste er ja in der Klinik. Er war unheimlich herzlich. Ich erinnere mich, dass in der Veranstaltung damals eine 85-Jährige saß, die sehr schlecht hörte. Sie fragte ihn, ob sie in ihrem Alter auch noch ein CI bekommen dürfte. Und er entgegnete: „Wissen Sie, auch mit 90 würde ich sie noch implantieren, wenn wir die Zusagen hätten.“
In den ersten Jahren der CI-Therapie wurden CI und Hörgerät klar getrennt. Dass es Sinn machen kann, beides gleichzeitig zu nutzen, hat sich erst später durchgesetzt. Wie haben Sie diese Verschiebung der Indikationen miterlebt?
Eva Keil-Becker: Ich würde sagen, an diesem Prozess waren wir ganz unmittelbar beteiligt. Als damals erstmals ein einseitig Ertaubter erfolgreich mit einem CI versorgt wurde, haben wir seine Anpassung begleitet. Das hat für ziemlich viel Aufsehen gesorgt.
Stefan Saul: Da haben wir sicherlich ein bisschen Geschichte mitschreiben dürfen. Der entscheidende Punkt ist der, an dem man mit einem Kunden nicht mehr weiterkommt. An diesem Punkt sagt sich manch einer vielleicht: „Ach, nehmen wir trotzdem nochmal ein super starkes Hörgerät.“ Oder im Falle eines SSD-Patienten: „Da reicht doch in jedem Fall eine Cross-Versorgung.“ Wir haben zwar schon immer gesagt, dass vor jeder Implantation erst die bestmögliche Hörgeräteversorgung erreicht werden muss. Doch was, wenn das nicht ausreicht? Das war der Grund, warum wir im CI-Centrum Rhein-Mosel-Lahn damals gemeinsam mit diesem einseitig tauben Patienten über die Möglichkeit eines CIs bei einseitiger Taubheit beraten haben.
Und am Ende dieser Verständigung stand die Implantation?
Stefan Saul: Ja, in Koblenz und in Kooperation mit Würzburg. Als Dr. Jacob und Frau Dr. Stelzig im Bundeswehrzentralkrankenhaus anfingen, haben sie uns von Anfang an vertraut: „Ihr habt das nötige Know-how und den nötigen Drive.“ Für SSD-Patienten (Single-sided Deafness; dt. einseitige Taubheit – Anm. d. Red.) haben wir uns damals eine vollkommen neue Form der Audiotherapie überlegt. Im Rückblick war die Versorgung eine perfekte Symbiose aus Hörakustik und CI-Fitting. Wir kannten ja jeden Bereich, der relevant war. Wir wussten über drahtlose akustische Übertragungsanlagen Bescheid, konnten einen Gehörschutz fertigen, um das gute Ohr für das Training des CI-Ohres „abzustellen“ usw. Als wir ihn dann versorgt hatten, waren wir in zahlreichen Kliniken, die erfahren wollten, wie sie solche Patienten versorgen können. Teilweise kamen die Kliniken von sich aus auf uns zu. Ich erinnere mich aber auch noch, dass einige Ärzte meinten: „So eine Luxus-Medizin gibt es nur in Deutschland.“ Das fand ich schon etwas stark dosiert. Wenn sich Medizin weiterentwickelt, kann ich einem Patienten doch nicht versagen, was ihm guttut. Früher mussten die Patienten an Taubheit grenzend schwerhörig sein, um ein CI zu bekommen. Heute liegt die Indikation bei unter 65 Prozent Einsilber-Verstehen. Und dass mit der Aussicht, dass die Sprachverständlichkeit später besser ist.
Die mögliche Kombination von Hörgerät und CI hat also auch den möglichen Stellenwert spezialisierter Hörakustiker für die CI-Versorgung erhöht?
Eva Keil-Becker: Auf jeden Fall. In dem Zusammenhang muss ich an einen Ausspruch des früheren bayerischen Ministerpräsidenten Günther Beckstein denken, der ja auch CI und Hörgerät nutzt. Als Gastredner beim EUHA-Kongress meinte er, dass die Anpassung von Hörgerät und CI Dienstleistungen sind, die er gerne aus einer Hand hätte …
Stefan Saul: Wir hatten damals übrigens auch eine der ersten deutschen CI-Patientinnen mit Elektrisch-akustischer Stimulation (EAS). Sie war in Frankfurt operiert worden und wir betreuen sie heute noch. Und die damalige Forderung von Professor Ernst Lehnhardt ist heute noch goldrichtig: Vor jeder Implantation muss zwingend eine optimale Hörgeräte-Versorgung erfolgen. Wie gesagt, dieser Grundsatz galt für uns immer. Also nicht ein zehn Jahre altes Hörgerät und dann schickt man den Kunden gleich in die Klinik. Aber wenn die Grenzen der akustischen Verstärkung ausgeschöpft sind, dann sollte man ihn schicken.

Und wenn das der Fall ist? Haben Sie dann eine Art Routine?
Stefan Saul: Ja absolut. Wir haben entsprechende Unterlagen und begleiten den Kunden. Nach der Operation kommt er wieder zu uns zurück. Das ist ja auch so ein wichtiger Punkt: Wo bleibt derjenige? Sehe ich einen Kunden jemals wieder? Aber das funktioniert bei uns sehr gut.
Eva Keil-Becker: Natürlich ist es auch wichtig, rechtzeitig mit dem CI-Thema zu beginnen, damit der Kunde nicht unnötig Zeit verliert. Zudem punkten wir damit, ihm fundiertes Wissen zu bieten. Die Leute schreien nicht gleich Hurra, wenn wir ihnen das CI erstmals vorstellen. Und es ist ja auch kein Hören auf Knopfdruck. Bei Hörgeräten testet man ein, zwei Geräte, und dann gucken wir nochmal, wo es besser funktioniert. Bei einem CI kann man nicht probieren, und es ist aufwändig. Erst neulich meinte eine Kundin mit CI-Indikation zu mir: „Frau Keil-Becker, in diesem Jahr doch noch nicht. Wir schieben die Implantation besser auf das nächste Jahr.“
Stefan Saul: Sehr wichtig für die Vorabinformation ist außerdem die Selbsthilfe. Bei uns ist das der gemeinnützige Verein DSB-Treffpunkt Ohr e.V.
Was hat es damit auf sich?
Stefan Saul: Der Name „Treffpunkt Ohr“, das ist sozusagen Programm. Er soll Menschen zusammenführen und Hilfe zur Selbsthilfe bieten. Das betraf schon damals vor allem die hochgradig Schwerhörigen. Als ich 1982 in der Hörakustik begann, gab es in Folge der Weltkriege viele sehr hochgradig Schwerhörige, also wirklich Kandidaten für Super-Power-Geräte mit 80 bis 100 dB. Diese hochgradig Schwerhörigen kamen also zu „Treffpunkt Ohr“ und sie übten dort zum Beispiel gemeinsam das Absehen. Wir hatten einen Kunden, Willibald Wagenbach, der das vom Verein herausgegebene und bis heute einzigartige Mundablese-Buch in deutscher Sprache geschrieben hatte: „Wer nicht hören kann, muss (ab)sehen“. Er hat dann im Verein Gruppentrainings angeboten; wir Lehrlinge waren oft dabei.
Eva Keil-Becker: Ab den 90ern bot uns der Verein auch die Chance, das Thema CI an diejenigen heranzutragen, bei denen wir mit Hörgeräten nicht mehr weiterkamen. Damals kamen immer mehr erwachsene CI-Träger. Deshalb riefen wir 1997 unter Leitung von Stefan Saul im Verein „Treffpunkt Ohr“ eine CI-Gruppe ins Leben. Dazu angeregt hatte uns Professor Lehnhardt, als er zu Besuch war. Die CI-Kinder waren durch die Schule in Neuwied gut vernetzt, aber die Erwachsenen brauchten auch ihre extra Struktur. Andererseits brauchten wir die Unterstützung der CI-Träger, damit unser Netzwerk vital ist und wachsen kann. Tatsächlich begann auch die Gruppe zu leben. Bald darauf kam Monika Becker dazu, eine CI-Trägerin, die die Gruppe seitdem mit organisiert. So ging es immer weiter. Heute gibt es den CI-Stammtisch, die CI-Kids, Veranstaltungen zu technischen Neuerungen, interessante Referenten … Während der Corona-Zeit gab es solche Angebote via Zoom. Zugleich wollen wir gemeinsam mit der Gruppe aufklären und potenziellen CI-Kandidaten zeigen, was mit dem CI möglich ist. Wir laden sie in die CI-Gruppe ein, und dort können sie sich mit erfahrenen CI-Trägern austauschen. Sie werden ehrlich informiert, können sich ein eigenes Bild machen und Zweifel überdenken.
Geht die Gruppe auch in die Öffentlichkeit?
Eva Keil-Becker: Auf jeden Fall. Über den Verein laufen zahlreiche Aktivitäten, bei denen das CI oft Thema ist. Es gibt Veranstaltungen zum guten Hören. Und auch als BECKER Hörakustik gehen wir auf Messen und stellen dort natürlich auch das CI vor … Früher hatte Cochlear ein Innenohrmodell mit Elektroden, die aufleuchteten, wenn man in ein Mikrofon sprach. Soweit ich mich erinnern kann, hatte Cochlear zwei solcher Modellkoffer zum Ausleihen und wir haben versucht, immer einen davon bei uns zu haben. Wir haben ihn Anfang des Jahres gebucht und dann bei jeder Gelegenheit ausgestellt. Und wir hatten immer CI-Träger dabei. Wenn Besucher wissen wollten, wie das Hören mit einem Cochlea-Implantat ist, haben wir jedes Mal erklärt: „Hier ist jemand, der Ihnen sagen kann, wie er hört …“
Stefan Saul: Da fällt mir ein, dass der Verein sogar mal eine Veranstaltung hatte, die eine Protest-Demonstration auslöste.

Was für ein Protest war das?
Eva Keil-Becker: Da kamen Gehörlose; und ich glaube, es war bei einem Vortrag von Professor Laszig. Die Veranstaltung fand im „Haus der Begegnung“ in Koblenz statt. Wir hatten alles organisiert. Wer interessiert war, war eingeladen. Als der Saal schließlich gut gefüllt war, flog auf einmal die Tür auf und Trillerpfeifen ertönten. Es war richtig Radau.
Stefan Saul: Das war eine Gehörlosen-Gruppe aus der Nähe. Sie hatten die Ankündigung in der Presse gelesen. Und zu dieser Zeit ging es gerade darum, dass der Schulunterricht für Gehörlose in Gebärdensprache stattfinden soll. An sich ein richtiges Anliegen. Aber sie stellten einen Zusammenhang zwischen ihren Forderungen und unserer CI-Veranstaltung her. Das Cochlea-Implantat war für sie Teufelswerk, das die Kultur der Gehörlosen zerstört. Die Emotionen kochten hoch. Ein paar von ihnen waren ziemlich radikal. Aber es eskalierte nicht. Wir sind auf sie zugegangen und konnten uns zumindest so weit einigen, dass es unsere Veranstaltung ist. Sie sind dann friedlich abgezogen. Zu einigen hatten wir nach der Veranstaltung sogar noch Kontakt.
Ein anderes Thema: Inwieweit ist es wichtig, dass Ihre Empfehlung Richtung CI auch vom niedergelassenen HNO-Arzt mitgetragen wird?
Stefan Saul: Das ist sehr wichtig. Und auch hier haben wir viel Aufklarungsarbeit geleistet. Es gab niedergelassene Ärzte, die der Auffassung waren, dass Cochlea-Implantat sei immer noch experimentelle Medizin und keine ausgereifte Therapie. Solche Meinungen vertraten nicht nur die alten Ärzte. So etwas äußerten auch Jüngere, deren Studium nicht lange zurücklag. Doch wenn man bei diesen Ärzten als Hörakustiker dagegenhält, geht man auf ganz dünnem Eis. Einmal wollte mir ein Arzt verbieten, das Wort ‚Cochlea-Implantat‘ überhaupt in den Mund zu nehmen. Er wäre der Arzt und wir nur Hörakustiker, die keine Ahnung hätten. Also sollten wir ihm überlassen, was seine Patienten benötigen.
Eva Keil-Becker: Ich kann mich an ein ähnliches Erlebnis erinnern. Ein Arzt, mit dem ich wiederholt telefoniert hatte, weil bei einem Kunden eine klare CI-Indikation bestand. Aber er nahm das wohl nicht ernst. Ich fuhr schließlich zu ihm und nahm einige Dokumente mit den Anpass-Bereichen mit. Das habe ich ihm dann gezeigt: „Sehen Sie, wenn jemand so hört, dann kommen wir mit Hörgeräten einfach an unsere Grenze.“ Als er das schwarz auf weiß vor sich sah, hat er es sich endlich durch den Kopf gehen lassen. Letztlich war er dem CI gegenüber sehr aufgeschlossen.
Wieso wissen niedergelassene HNO-Ärzte oft wenig über das CI?
Eva Keil-Becker: Ein Problem ist, dass die Ärzte in ihrer Ausbildung früher nicht viel vom Cochlea-Implantat erfuhren. Da kann man den Ärzten gar keinen Vorwurf machen.
Stefan Saul: Unser Ansatz war in solchen Fällen immer, die niedergelassenen HNO-Ärzte einzubeziehen und zu überzeugen – Schritt für Schritt und vor allem gemeinsam mit den bereits versorgten CI-Patienten. Wir haben dargelegt: „Sehen Sie, so war die Hörkurve vor dem CI, und da kamen wir nicht weiter. Nach der Implantation ist die Kurve hier und der Patient ist glücklich.“ Andererseits haben auch die Patienten beim Arzt über uns gesprochen. Welche Expertise wir haben. Und dass wir weder aufdringlich noch überheblich sind, sondern begleiten wollen. Mit diesem behutsamen Vorgehen ist es uns schließlich gelungen, das Bewusstsein für die Standards der CI-Versorgung im Raum Koblenz und der Region deutlich zu schärfen.
Darüber hinaus sind Sie, Frau Keil-Becker, auch berufspolitisch sehr aktiv. Sie sind die Vizepräsidentin der Europäischen Union der Hörakustiker (EUHA). Und Sie haben das Thema Cochlea-Implantat zum festen Bestandteil im Programm der jährlichen EUHA-Kongresse gemacht …
Eva Keil-Becker: Das ist richtig. Das war auch ein Ergebnis guter Kontakte zu Professorin Lesinski-Schiedat von der Medizinischen Hochschule Hannover. Sie hat gleichfalls frühzeitig gesehen, dass die Einbindung der Hörakustiker in die CI-Versorgung Sinn macht. Und sie wirbt um Verständnis, dass diese Kooperation keine Einbahnstraße sein kann, bei der nur eine Seite profitiert. Seit Jahren bieten wir gemeinsam im Rahmen des EUHA-Kongresses CI-Workshops an. Als wir damit begannen, wurde das von verschiedenen Seiten argwöhnisch beobachtet. Dabei war das Interesse auf Seiten der Hörakustiker anfangs eher verhalten. Später gab es auch Veranstaltungen, bei denen die Leute auf den Tischen saßen und heiß diskutierten. Nicht jeder war dafür, dass solche Diskussionen ausgerechnet beim Kongress stattfinden. Ich denke jedoch, genau dafür ist so ein Kongress da. Wenn die Diskussionen nicht hier geführt werden, dann finden sie in Hinterzimmern statt. Unsere EUHA-Präsidentin Beate Gromke hat mir da immer den Rücken gestärkt.

Werden Hörakustiker in der zukünftigen CI-Versorgung eine größere Rolle spielen?
Stefan Saul: Angesichts des Patientenaufkommens können viele Kliniken die Nachsorge heute schon nicht abdecken. Und bei der CI-Versorgung kamen im Laufe der letzten 30 Jahre zahlreiche Anforderungen dazu, an die anfangs noch niemand gedacht hat. Allein das Thema Upgrade. Da wusste früher kein Mensch, wie man das umsetzen soll. Die Patienten wurden in der Klinik versorgt, irgendwann waren ihre Sprachprozessoren uralt und es hieß: „Wer kümmert sich um das Upgrade?“ Ich habe dann gesagt: „Wir beschäftigen uns damit.“ Dann haben wir uns Standards gesetzt – mit Vergleichsmessungen usw. Die wurden sogar von anderen übernommen …
Eva Keil-Becker: Schon heute sind deutlich mehr Hörakustiker in die CI-Versorgung eingebunden als damals. Auf der anderen Seite ist auch klar, dass nicht jeder Akustiker eingebunden werden kann. Man braucht viel Know-how, Beständigkeit und die Möglichkeit, ausreichend Erfahrungen zu sammeln. Auch in unserer Firma, in der es viel Herzblut für die CI-Nachsorge gibt, kann nicht jeder in gleicher Weise eingebunden werden. Einen Mitarbeiter für die CI-Nachsorge zu schulen, macht nur dann Sinn, wenn man ihm regelmäßig praktische Erfahrungen bieten kann. Er muss sein Wissen fortlaufend anwenden und festigen können; andernfalls leidet die Qualität. Unser großer Trumpf war, dass wir sehr früh fundiertes Wissen hatten. Wir waren nicht die einzigen Vorreiter in unserem Handwerk, aber es gab nur ganz wenige. Bagus, Enderle-Ammour und noch ein paar andere.
Eine letzte Frage: Wie unterscheiden sich die CI-Träger, die sie betreuen, von Ihren üblichen Hörgeräte-Kunden?
Eva Keil-Becker: Die CI-Patienten sind wahnsinnig dankbar. Hörgeräte-Träger sind natürlich auch dankbar. Aber man muss sich vergegenwärtigen, dass Menschen, die ein CI bekommen, ohne diese technische Hilfe taub sind. Wenn wir dann sagen, es gibt eine Lösung, und wenn wir sie später in der Anpassung weiter betreuen, dann erleben wir oft sehr, sehr berührende Momente. Einmal meinte ein CI-Patient zu mir: „Wissen Sie, wenn es um das Einstellen technischer Werte geht, dann sind Ingenieure richtig gut. Aber wenn es darum geht, den Menschen mit seinen Problemen zu verstehen, dann sind das die Hörakustiker.“ Sicherlich stimmt das nicht in jedem Fall. Und auch wir haben Ahnung von der Programmierung und der Technik. Dann bleibt aber immer noch die Frage, was die Hörtechnik mit dem Menschen macht, der sie trägt. Hier Verständnis und Fürsorge zu entwickeln, das lernt man in jedem Fall in der Ausbildung zum Hörakustiker.
Frau Keil-Becker, Herr Saul, haben Sie vielen Dank für das Gespräch.